31. August 2018

Nach dem Chemnitz-Mob Lexikon der Verächtlichmachung II

Aus dem Archiv geborgen und für eine Wiederverwendung aufpoliert

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Gefährlich für die staatliche Sicherheit: Der Mob rottet sich zusammen

Das Prinzip ist bekannt, die Methode erprobt, die Ablaufpläne sind bewährt, und das zu verwendende Vokabular gleicht sich über alle Zeiten und herrschenden Gesellschaftssysteme.

Ziel und Zweck ist stets die Delegitimierung des Widersprechenden, der als Gegner begriffen wird. Mit ihm muss nicht diskutiert, er muss – zumindest verbal – verächtlich gemacht, zum Unmenschen erklärt und als gesellschaftliches Wesen vernichtet werden, um nach Mao Tse-tungs Lehrsatz „Bestrafe einen, erziehe hundert“ für die Disziplinierung aller zu sorgen, die mit dem Gedanken spielen, alternativlosen Entscheidungen der Regierung ebenfalls zu widersprechen.

Die Begriffe, die in den hauptsächlich medial abgewickelten Schlachten um die Deutungshoheit über aktuelle Ereignisse verwendet werden, zeigen die historische Kontinuität, in der Populisten wie der Sozialdemokrat Ralf Stegner unverhohlen zum Kampf gegen Minderheiten aufrufen.

Es folgt in Zusammenarbeit mit Rainald Schawidow, dem Chef der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin, ein aktuelles Lexikon der Verächtlichmachung, das zeigt, wo „hemmungslose und zynische Propaganda“ („Der Spiegel“) bis heute Inspiration findet.

Nach Teil eins, der wiederentdeckte Kampfbegriffe wie „Pöbler“ und „Krakeeler“ und Neuschöpfungen wie „Pegidiot“ und „Hetzer“ vorstellte, beschäftigt sich Rainald Schawidow heute mit Begriffen wie „Mob“ und „Randalierer“, die erst in der vergangenen Woche aus dem Archiv der Bundesworthülsenfabrik geborgen und für eine Wiederverwendung aufpoliert werden konnten.

Krawalltourist: Menschen, die in Chemnitz aus dem Spaß an der Gewalt gegen Gewalt protestieren und später zum Bahnhof begleitet werden müssen. Durch Krawalltouristen zeigt sich, dass die jeweilige Stadt selbst kein braunes Nest ist, sondern für den Kampf gegen Polizei und Staatsgewalt nur von Kriminellen missbraucht wird, die von weither anreisen, um für Ärger zu sorgen.

Mob: Mit dem aus dem Englischen für „aufgewiegelte Volksmenge“ (von lateinisch „mobile vulgus“, „reizbare Volksmenge“) entlehnten Begriff bezeichnen hochgebildete Medienarbeiter abwertend Massen aus Personen des einfachen Volkes beziehungsweise eine sich zusammenrottende Menschenmenge mit überwiegend niedrigem Bildungs- und Sozialniveau, Sachsen oder junge Männer ohne Migrationshintergrund. „Mob“ darf man nicht verwechseln mit Mopp. Mit einem Mopp wischt man den Boden, mit der Bezeichnung „Mob“ dagegen wird die Meinungsfreiheit gereinigt.

Randalierer: Von populistischen Politikern radikalisierte „Feinde unserer Ordnung“ („Der Spiegel“), die es darauf anlegen, Staat und Gesellschaft zu provozieren.

Rowdy: Ehemals eine der Lieblingsbezeichnungen ostdeutscher Regierungsjournalisten im Kampf gegen Niethosen und westliche Freiheitseinflüsterungen, steht der Rowdy (englisch „rowdy“, „Rabauke, Schläger“) unmittelbar vor einer Wiederentdeckung. Rowdy eigne sich ausgezeichnet zur Bezeichnung von Menschen, die sich in der Öffentlichkeit staatsfeindlich, regierungskritisch und gewalttätig aufführen, heißt es bei der BWHF in Berlin. In einer Liste der dringend aufzuwertenden Ernstfalleinsatzvokabeln gelte es, so Rainer Schawidow in einem internen Memo, das an alle deutschen Großredaktionen ging, den ehemals auch von der DDR-Staatssicherheit geschätzten Begriff „unbedingt wieder häufiger ins Spiel zu bringen“.

Zusammenrottung: Etymologisch abgeleitet aus der Jägersprache, die den Zusammenschluss von mehreren Schweinen als „Rotte“ bezeichnet, ist die „Zusammenrottung“ jetzt durch Regierungssprecher Steffen Seibert in die Arena des Meinungskampfes zurückgeholt worden. Im Unterschied zur DDR, die die Teilnahme an einer Zusammenrottung gemäß Paragraph 217 Strafgesetzbuch unter Strafe stellte, sieht heute der Paragraph 125 eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren für Teilnehmer an Zusammenrottungen vor, aus denen sich durch „feindlich motivierte Personen“ (MfS-Handbuch) „gefährliche Angriffe gegen die staatliche Sicherheit entwickeln“.

Volk: Ursprünglich aus dem nationalsozialistischen Vokabular, sickerte es aus dem mittelhochdeutschen Wort „volc“ für „Leute, Kriegsschar“ über die Verwendung in radikalen Demonstrantenzirkeln zurück in die Alltagssprache, wo es zur vermeintlich harmlosen Bezeichnung etwa von „Volksmusik“ oder „Volkstanz“ dient. Auch diese Verwendung führt jedoch dazu, dass die Idee eines ethnisch definierten Volkes im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleibt.

Anstand: Von Walter Ulbricht als Kategorie des Wohlverhaltens des Menschen gegenüber seinem Staat erfunden, später von Gerhard Schröder als Fahne für einen Aufstand genutzt, ist das Singularetantum, das auf das mittelhochdeutsche „anestant“ für das Anstehen der Jäger vor dem Abschuss von Wild zurückgeht, ausreichend unkonkret, um abweichende Verhaltensweisen als „unanständig“ brandmarken zu können.

Abweichler: Ursprünglich ein Begriff aus der internen Konfliktsprache der kommunistischen Parteien, konnte das Wort durch intensive Bemühungen der Mitarbeiter der BWHF vor dem Vergessen gerettet werden. Als „Abweichler“ bezeichnet die Partei-Bolschewiki (auch „Bolschewisten“; wörtlich übersetzt „Mehrheitler“) heute die jeweilige Menschewiki (wörtlich „Minderheitler“) in Streitfragen.

Rechte: Ehemals wurden gewaltbereite und gewalttätige Rechtsaußen als „Rechtsradikale“ bezeichnet, später als „Rechtsextreme“, zuletzt setzte sich dann der noch entschiedenere Begriff „Rechtsextremisten“ durch. Einstige Unterschiede, nach denen Radikale im Sinne von Sawsan Chebli entschieden, aber auf dem Boden des Grundgesetzes handeln, während Extremisten kriminelle Methoden benutzen, konnten so nivelliert werden. Inzwischen ist „Rechte“ gleichbedeutend mit Rechtsextremisten generell, das heißt Rechtssein ist gleichbedeutend mit Extremismus. Ein großer Sieg der Demokratie.

Unangekündigte Demonstration: Offiziell erlaubt, in dieser Formulierung aber nahe an der „ungenehmigten Demonstration“, wie sie die DDR als Methode des Klassenfeindes kannte, „Zusammenrottungen zu organisieren beziehungsweise zu inspirieren, um die Art und Weise des staatlichen Einschreitens zu testen, die Sicherheitsorgane zu provozieren und deren Eingreifen als Anlass für feindliche Angriffe im Rahmen der politisch-ideologischen Diversion zu nutzen“ (MfS-Lexikon). Anstelle des Gegners von damals agiert heute in der Regel eine demokratiefeindliche Partei, die versucht, von den tragischen Ereignissen zu profitieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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