29. August 2018

Propaganda und die Besetzung von Begriffen Lexikon der Verächtlichmachung

Es zeigt sich eine historische Kontinuität

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Nicht mehr das, was er einmal war: Hasser

Das Prinzip ist bekannt, die Methode erprobt, die Ablaufpläne sind bewährt, und das zu verwendende Vokabular gleicht sich über alle Zeiten und herrschenden Gesellschaftssysteme.

Ziel und Zweck ist stets die Delegitimierung des Widersprechenden, der als Gegner begriffen wird. Mit ihm muss nicht diskutiert, er muss – zumindest verbal – verächtlich gemacht, zum Unmenschen erklärt und als gesellschaftliches Wesen vernichtet werden, um nach Mao Tse-tungs Lehrsatz „Bestrafe einen, erziehe hundert“ für die Disziplinierung aller zu sorgen, die mit dem Gedanken spielen, alternativlosen Entscheidungen der Regierung ebenfalls zu widersprechen.

Die Begriffe, die in den hauptsächlich medial abgewickelten Schlachten um die Deutungshoheit über aktuelle Ereignisse verwendet werden, zeigen die historische Kontinuität, in der Populisten wie der Sozialdemokrat Ralf Stegner unverhohlen zum Kampf gegen Minderheiten aufrufen.

Es folgt in Zusammenarbeit mit Rainald Schawidow, dem Chef der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin, ein aktuelles Lexikon der Verächtlichmachung, das zeigt, wo „hemmungslose und zynische Propaganda“ („Der Spiegel“) bis heute Inspiration findet.

Pöbler: Substantivierung von „pöbeln“, das Beleidigen und Beschimpfen im Sinne von strafbarem Verhalten meint. Beides ist heute nicht mehr notwendig, um als „Pöbler“ durchgereicht zu werden. Es reicht vielmehr schon aus, sich etwa öffentlich vor einer Kamera dagegen zu verwahren, gefilmt zu werden.

Schreihälse: Ursprünglich von DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht zur Beschreibung parteiinterner Gegner genutzt, dient der Begriff inzwischen zur Beschreibung von Demonstrationsteilnehmern, sofern auf der betreffenden Demo nicht „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ geschrien wird.

Kritiker: Früher als „Kritikaster“ in der Miesmacher-Aktion von 1934 von der Reichspropagandaleitung der NSDAP bekämpft, um einer Stimmungsverschlechterung in der Bevölkerung entgegenzuwirken und spontane Unmutsäußerungen und laute Kritik von enttäuschten Volksgenossen und Parteiangehörigen einzudämmen. Kritik durch Kritiker wird inzwischen eher durch Schweigen bekämpft – so existiert in der deutschen Mediensprache zwar das Wort „Regierungskritiker“, Verwendung aber findet es ausschließlich für Regierungskritiker im Ausland.

Wahnsinniger: Eigentlich ein Wort aus der Sprache der primitiven Pöbler und intellektuell benachteiligten Wutbürger, aktuell aber angesagter Begriff zur begründungslosen Pathologisierung von Andersdenkenden und politischen Gegnern.

Idiot: Siehe „Wahnsinniger“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verwendete die Bezeichnung in der Ära des real existierenden Journalismus grundsätzlich nicht zur Beschreibung einzelner Persönlichkeiten, mittlerweile aber gehört der stark abwertende Begriff zum täglichen Handwerkszeug: In den 55 Jahren zwischen 1950 und 2005 verwendete das Magazin den Begriff „Idiot“ 1.390 Mal, seit 2005 bereits knapp 1.900 Mal.

Hetzer: Vom Wortsinn her eigentlich Verwender von abwertenden und diskriminierenden Verbalinjurien wie „Wahnsinniger“ oder „Idiot“, laut Festlegung der staatsnahen „Tagesschau“ heute jedoch jeder, der sich weigert, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der im DDR-Strafgesetzbuch erwähnten Hetze gegen „Repräsentanten oder andere Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“ und der von Heiko Maas als „Hate Speech“ bekämpften Diskriminierung der „Tätigkeit staatlicher oder gesellschaftlicher Organe und Einrichtungen“ machen will.

Zweifler: Vom Alpha-Journalisten Claus Kleber voluntaristisch erlassene höchste Stufe bei der Steigerung von Hetze über Hass bis zum Zweifel. Kleber hat sich später entschuldigt, richtig hätte es „Zweifler, Hetzer, Hasser“ heißen müssen. Zweifler gelten traditionell als kipplige Kandidaten, oft aber sind sie durch bessere Erklärung der Richtigkeit der aktuellen Politik noch zu retten.

Hasser: Hasser dagegen sind verloren. Im „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von 1808 noch verwendet für jemanden, „der zu Hassausbrüchen neigt“, entwickelte sich die bis dahin kaum verwendete Substantivierung des Verbs „hassen“ in der Neuzeit zum zweiten Mal seit den Tagen des Dritten Reiches zur zentralen Kampfvokabel auf dem Schlachtfeld des Meinungsfreiheitsschutzes durch Einschränkung der Meinungsfreiheit. „Hasser“ meint jetzt einen Menschen, der immer und durchweg hasst. Bemerkenswert: Der „Spiegel“ verwendete den Begriff „Hasser“ zwischen 1950 und 2005 nur 7.500 Mal, seit 2005 allerdings schon knapp 10.000 Mal.

Krakeeler: Eine Bezeichnung aus dem Wörterbuch der DDR-Propagandapresse. Nach dem Arbeiteraufstand von 1953 wurden die streikenden Arbeiter als „Krakeeler“ abgewertet, der Begriff selbst kommt vom niederländischen „krakeel“, die genaue Etymologie ist allerdings nicht gesichert. Das Wort könnte auf eine Streckform des westflämischen „kreel“ (Lärm) zurückgehen, das auf dem französischen „querelle“ (Streit) beruht. Krakeeler müssen heute nicht mehr unbedingt sehr laut sein – so waren unter den Angreifern auf den G20-Gipfel in Hamburg überhaupt keine Krakeeler. Anderenorts dagegen treten sie zuverlässig auf, sogar ganz leise.

Pegidiot: Ein vermutlich vom Arbeiterdichter Ralf Stegner erfundener unbeholfener Hybrid aus „Pegida“ und „Idiot“ (siehe oben). Bemüht ironisch, konnte sich der Ausdruck selbst in der SPD nicht durchsetzen.

Manager: Hat den zu DDR-Zeiten bekämpften „Kapitalisten“ ersetzt, gegen den im Westen damals Altlinke wie Rio Reiser („Aus dem Weg, Kapitalisten, die letzte Schlacht gewinnen wir!“) ansangen. Der Manager, gegen den es heute geht, ist reich und gesellschaftlich in der Minderheit, gegen ihn darf – ebenso wie gegen den „Spekulanten“ – ohne Rücksicht gewettert und gehetzt werden, ohne dass der Hetzende als „Hetzer“ oder „Hasser“ bezeichnet werden kann.

Rassist: Ganz anderer Fall. Seit mit der Gründung der Bundesrepublik ein entschiedener Kampf gegen Rassisten und Rassismus begann, hat sich das deutsche Rassismus-Problem verdreihundertfacht. Der Krieg ist noch lange nicht gewonnen.

Mafia: Synonym für bestechliche und bestechende Strukturen, ursprünglich italienischen Ursprungs, inzwischen aber als europäische Sprachlösung akzeptiert.

Gefährder: Seinerzeit vom DDR-Chefpropagandisten Karl-Eduard von Schnitzler erfunden, dient der Begriff heute dazu, Nicht-Straftäter als eine Art Pre-Crime-Objekte einzuordnen. Derselben Logik entspricht die neue Einordnung von Meinungsäußerungen als nicht strafbar, aber nicht rechtmäßig, wie sie das Meinungsfreiheitsschutzgesetz „NetzDG“ trifft.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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