24. August 2018

Andrea Dernbach im „Tagesspiegel“ über sexuelle Gewalt gegen Frauen Ranzige Fake News, frisch garniert

Die alte Oktoberfest-Lüge wird wieder aufgetischt

von Alexander Wendt

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Bildquelle: Takashi Images / Shutterstock.com Auch hier heißen die Täter meist nicht Heinz: Oktoberfest in München

In Düsseldorf wird Anna S., 36, am 20. August vor ihrer Haustür erstochen. Nach dem dringend tatverdächtigen iranischstämmigen Ali S., 44, fahndet die Polizei. In Kerpen schlägt ein Mann türkischer Herkunft mit einem Beil auf seine Exfreundin und deren neuen Freund ein, in Landau steht der aus Afghanistan stammende Asylbewerber Abdul D. gerade wegen Mordes seiner ehemaligen Freundin Mia in Kandel vor Gericht.

Je ein 16-jähriger und ein 19-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan hatten Anfang des Jahres offenbar den Fall von Kandel geradezu als Vorbild genommen, um ihre früheren Partnerinnen mit dem Messer zu bestrafen. Im April erstach ein abgelehnter Asylbewerber aus Nigeria auf dem Bahnhof Jungfernstieg in Hamburg seine frühere Lebensgefährtin und köpfte das gemeinsame zweijährige Kind. Der 17-jährige syrische Asylbewerber Abdullah, der in Burgwedel eine Frau auf offener Straße mit seinem Messer schwer verletzte und fast tötete, ließ gerade durch seinen Anwalt vor Gericht erklären: „Der Beschuldigte kennt es aus seiner Kultur so, dass Konflikte mit dem Messer ausgetragen werden. Er beschreibt die regionalen Bräuche wie folgt: Wird man beleidigt, darf man zustechen. In schweren Fällen darf man die Person töten.“ Und: „Er führt aus, dass sein Verhalten nach den religiösen Anforderungen nicht zu beanstanden war, und begreift nicht, weshalb er in Haft sitzen muss.“

Die Serie der Racheakte, mit denen muslimische Männer auf eine Trennung reagieren – die vollständige Liste der ersten Jahreshälfte 2018 würde mehrere Seiten in Anspruch nehmen –, führt notwendigerweise zu einer Debatte über das muslimische Frauenbild. Worauf einige Medien meinen, mit einer Gegendebatte reagieren zu müssen. Allen voran der „Tagesspiegel“.

Am 21. August veröffentlicht das Blatt einen Beitrag von Andrea Dernbach unter der Überschrift: „Wenn die Täter Gunnar und Heinz heißen“, der gleich aus mehreren Gründen beachtlich ist. Dernbach referiert die Banalität, dass die meisten Sexualstraftäter und auch Frauenmörder in Deutschland deutscher Herkunft sind – kein Wunder in einem Land, in dem die Bevölkerungsmehrheit deutsch ist. Sie erwähnt gar nicht erst, dass Asylbewerber bei Sexualstraftaten sieben- bis neunfach überrepräsentiert sind. Außerdem schreibt sie spöttelnd über die „angeblich typische Frauenverachtung“ der islamisch geprägten Kultur, „vor der Europa sich so gern gruselt“. Dann kommt Dernbach zum Kern ihrer Argumentation, nämlich zur Wiederaufbereitung einer längst widerlegten und besonders perfiden Fake News. „Die schrecklichen Tode von Susanna F. in Freiburg, Mia in Kandel, Maria L. in Freiburg sind Titelstorys. Warum sind sie es nicht, wenn die Täter Thomas, Gunnar, Heinz heißen? Warum ruft da niemand ‚Verharmlosung‘, wohl aber, wenn man nach den Silvester-Übergriffen von Köln an die alljährlichen Vergewaltigungsfälle rings ums Oktoberfest erinnert? Werden nicht eher die verharmlost?“

Die Lüge, auf dem Münchner Oktoberfest gehe es so schlimm oder wenigstens annähernd so schlimm zu wie zu Silvester 2015 auf der Kölner Domplatte, diese Abwehrparole setzten zwei Aktivistinnen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk 2016 kurz nach den Kölner Massenübergriffen in die Welt. Die ARD-Journalistin Anna-Mareike Krause twitterte damals: „Wenn sexuelle Gewalt etwas mit herkunftsbedingten Männlichkeitsnormen zu tun hat, dann hätte ich ein paar Fragen zum Oktoberfest.“

Und die sogenannte Netzfeministin Anne Wizorek durfte morgens im ZDF das vermeintlich harte Faktum dazu präsentieren, nämlich eine „offizielle Dunkelziffer“ von 200 Vergewaltigungen auf einem Oktoberfest. Eine Quelle für diese ungeheure Zahl nannte sie nicht. Es gab auch keine. Schon nach kurzem Gegencheck – allerdings nicht durch das ZDF – stellte sich die Zahl als frei erfunden heraus. Wizorek sprach im „heute-journal“ am gleichen Tag nach einer Anmoderation von Claus Kleber einen Kommentar, in dem sie behauptete, jede Verbindung von Herkunftskultur und sexuellen Übergriffen sei eine „rassistische Annahme“.

Die Zahl der Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest – einem Ereignis mit fünf bis sechs Millionen Besuchern über den Zeitraum von 16 bis 17 Tagen – liegt im einstelligen Bereich. Dabei lohnt sich der Blick in die genauere Statistik. Im Jahr 2016, dem Jahr, in das der Kölner Massenübergriff hineinreichte, ereigneten sich auf dem Oktoberfest laut Polizei München 31 Sexualstraftaten, davon 22 sexuelle Beleidigungen (sogenanntes Grapschen), vier Nötigungen, zwei exhibitionistische Taten, zweimal sexueller Missbrauch von Widerstandsunfähigen und eine Vergewaltigung. Festgenommen wurden 18 Täter. Zwei waren deutscher Herkunft, 16 nichtdeutscher. Bei sechs der 16 handelte es sich um Asylbewerber. Nicht nur sind die Größenordnungen zwischen Oktoberfest und Silvesterübergriff in Köln – dort etwa 1.000 Straftaten in einer Nacht, davon zwei Drittel sexueller Natur – völlig unterschiedlich. Die meisten Täter heißen und hießen auch auf dem Oktoberfest nicht Gunnar und Heinz. All das ließe sich ohne große Mühe recherchieren. Für ihre Unterstellung, Sexualstraftaten auf dem Oktoberfest würden von irgendwem verharmlost, liefert Dernbach nicht den kleinsten Beleg.

Aber es geht noch weiter. Die „Tagesspiegel“-Frau schreibt: „Es ist etwas arg schief in der Debatte um sexuelle und Partnerschaftsgewalt. Und was die Debatten nach Rainer Brüderle und Harvey Weinstein an Erkenntnisgewinn gebracht haben, scheint schlagartig verdünnt, ja vergessen, sobald es wieder Verbrechen ‚fremder‘ Täter gibt, über die sich debattieren lässt.“

Auch diese Passage Dernbachs ist von meisterlicher Perfidie. Zur Erinnerung: Im Jahr 2013 berichtete die damalige „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich kurz vor der Bundestagswahl, wie der FDP-Politiker Rainer Brüderle ihr nachts an der Hotelbar etwa ein Jahr, bevor sie den Artikel schrieb, ein verrutschtes Kompliment über ihre Oberweite machte. Es schloss sich, damals schon unter Mithilfe von Wizorek, die aufgeregte Aktion „Aufschrei“ an. Aber zu keinem Zeitpunkt hatte Himmelreich erklärt, sie habe sich sexuell belästigt gefühlt. Der Brüderle-Satz fiel ohnehin nicht in irgendeine juristische Kategorie. Schon gar nicht hat er etwas mit „sexueller und Partnerschaftsgewalt“ zu tun. Dernbach rührt bewusst alles zusammen: den tölpeligen, aber harmlosen Satz eines FDP-Politikers mit den Nötigungen Harvey Weinsteins und den Klingelworten „sexuelle Gewalt“ und „Verbrechen“.

Mangelnde mediale Berichterstattung über Brüderles Satz und Harvey Weinsteins Umgang mit Schauspielerinnen lässt sich auch mit dem bösesten Willen nicht feststellen. Das Perfide an Andrea Dernbachs Elaborat liegt darin, dass sie suggeriert, die Berichterstattung darüber und über „Metoo“ hänge irgendwie in einem Nullsummenspiel mit der Berichterstattung über die Morde von Kandel, Freiburg und Hamburg zusammen, und wer über muslimische Männergewalt und Rachemorde schreibe, nehme anderen Übergriffen auf Frauen die Aufmerksamkeit weg.

Niemand leugnet oder verharmlost Übergriffe und Gewalt gegen Frauen, die von Gunnars und Heinzens ausgehen. In den Fällen von Mia aus Kandel, Maria L. aus Freiburg, Susanna F. in Wiesbaden und vielen anderen wären die Mörder ohne die Politik der offenen Grenzen allerdings nicht ins Land gekommen. Im Fall des Jungfernstieg-Doppelmordes und ebenfalls vielen anderen hätte der Täter längst abgeschoben werden müssen. Mit diesen Mordfällen wird also jedes Mal auch eine politische Dimension öffentlich diskutiert, die es in einem Heinz-Fall nicht gibt. Journalistische Aktivisten wie Dernbach tun so, als verstünden sie das nicht.

Die alte ranzige Oktoberfest-Lüge wieder servieren, Brüderle sprachlich in die Nähe von Gewalt und Verbrechen rücken und gleichzeitig über die „angebliche“ Frauenverachtung der islamischen Kultur schreiben, die kein manifestes Problem darstellt, sondern vor der sich Europa, hihi, „gruselt“ – mit Dernbachs Artikel erreicht der „Tagesspiegel“ eine weitere Talsohle seines Journalismus.

Es gab 2016 übrigens auch einen „Tagesspiegel“-Artikel, in dem zwei Autorinnen ohne jeden Beleg die schmierige Behauptung aufstellten, viele Frauen seien in Köln wohl gar nicht belästigt worden, sondern hätten die Übergriffe aus purer Ausländerfeindlichkeit erfunden: „Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu beschleunigen.“ Eine der beiden Autorinnen damals hieß Andrea Dernbach.

Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt: Der „Tagesspiegel“ ist ein frauenfeindliches Blatt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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