18. August 2018

Grüne-Jugend-Sprecherin Ricarda Lang über das in den Fluten versinkende Tuvalu Ein Weltuntergangsklassiker taucht wieder auf

Wer die Welt retten will, darf sich von Tatsachen nicht beirren lassen

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Will einfach nicht untergehen: Tuvalu

Für die Grüne-Jugend-Sprecherin Ricarda Lang ist das alles schon Tatsache. Die EU müsse „Menschen von pazifischen Inselstaaten, die akut vom Verschwinden bedroht sind oder in absehbarer Zeit unbewohnbar werden, die Staatsbürgerschaft“ anbieten, meint die 24-Jährige, die fünf Jahre alt war, als die Legende von der untergehenden Insel Tuvalu in die Welt kam und von Medien aufgesaugt wurde wie Kokainbrösel auf einem Silbertablett.

Seitdem kommt sie alle Weile wieder hoch, die tragische Geschichte von der kleinen Insel im Süden, die die Rechnung für die großen Sünden der Menschen im Norden bezahlen müsse. Die Bewohner verlieren ihre Heimat. Die versinkt einfach in den steigenden Fluten, die ein zorniger Klimagott geschickt hat, die Industriestaaten zu strafen. Indem er, ein Gott mit Humor, nicht diese züchtigt. Sondern jene, die einfach leben, ohne Ansprüche, SUV, zwölf Flachbildschirme pro Kopf und zweimal Überseeurlaub im Jahr, wie es im Umweltbundesamt heißt, dessen Mitarbeiter zu einem guten Teil täglich klimapositiv aus Berlin ins dunkeldeutsche Dessau einpendeln.

Ein Untergangsklassiker

Tuvalu jedenfalls ist ein Weltuntergangsklassiker, über den sich Spezialisten wie Ricarda Lang mit gleichgesinnten Redakteuren vom „SZ“-Jugendmagazin „jetzt“ stundenlang austauschen können. Geht unter! Versinkt! Nicht zu retten! Opfer unserer Lebensart! Schlimmstens! Dass die arme Insel, die nach den ursprünglichen Berechnungen vom Oktober 2001 mittlerweile unbewohnbar sein müsste, immer noch zum unbeschwerten Badeurlaub mit Wassersport und Haialarm einlädt, mag weniger Überzeugte verstören. Wer aber wahrhaft glaubt, den irritiert keine Tatsache.

Denn wer die Welt wirklich retten will, darf sich von solchen irritierenden Einzelheiten aus der wirklichen Welt nicht beirren lassen. Und wer über „Fluchtursachen wie den Klimawandel“ (Lang) reden möchte, braucht dazu erst einmal handfeste Folgen, die „für viele Menschen heute schon knallharte Realität“ (Lang) sind, zumindest mal theoretisch gedacht. Fehlen die, ist das allerdings nicht weiter tragisch, weil man dann ersatzweise – Not kennt kein Gebot – seine Phantasie bemühen und einfach so tun kann, als gäbe es sie doch.

Neokolonialismus 2.0

Ricarda Lang schreckt davor nicht zurück. Was nicht untergeht, das könnte doch zumindest untergehen. Sie wolle ja auch, sagt sie, „kein vollkommen fertiges Konzept vorstellen, sondern vor allem eine Diskussion über den Zusammenhang von Klimawandel und Flucht und die Situation der Inselstaaten anstoßen und einen Vorschlag machen, wie wir die Menschen dort schützen können“. Wir. Schützen. Die Menschen. Dort. Das erfolgt ganz unabhängig davon, ob die Hilfe brauchen oder Hilfe wollen, denn „gerade die EU-Staaten als Mitverantwortliche für den Klimawandel müssen dauerhafte Perspektiven bieten“, sagt Lang, die den Neokolonialismus und das Gefühl abendländischer Überlegenheit tief in den Knochen stecken hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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