16. August 2018

„Sommerinterview“ des ZDF mit Alexander Gauland und andere Politikergespräche Mit journalistischer Präzision

Werden auch Vertreter anderer Parteien „hart befragt“?

von Alexander Wendt

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Bildquelle: Olaf Kosinsky / kosinsky.eu (CC BY-SA 3.0 DE)/Wikimedia Commons Wird von öffentlich-rechtlichen Medien gerne „hart befragt“: Alexander Gauland

An dem sogenannten Sommerinterview des ZDF mit AfD-Chef Alexander Gauland sind gleich mehrere Dinge interessant. Zum einen das perfekt getimte Auftauchen einer schreienden Drei-Personen-Protestgruppe von der Landseite wie auch einer Störergruppe zu Wasser, die es schafften, Gauland und den ZDF-Redakteur Thomas Walde zeitweise zu übertönen. Dank perfekter Mikrophontechnik des Senders waren die Rufe bemerkenswert gut zu hören. Aber würde denn ein öffentlich-rechtlicher Sender zu dem Mittel greifen, den Ton von Störern noch zu verstärken?

Genau das hatten jedenfalls schon ARD-Mitarbeiter getan, als sie für die „Tagesschau“ im Januar 2018 von einer Pressekonferenz Donald Trumps berichtet hatten. Ganz hinten im Saal gab es ein paar Protestrufer, die normalerweise nicht zu hören gewesen wären. Die ARD drehte allerdings ihre Mikros gezielt auf und verstärkte den Ton, so dass der Eindruck entstand, es stünde eine ganze Demonstrantenformation gegen den US-Präsidenten im Raum. Kai Gniffke nannte diese akustische Nachhilfe „journalistische Präzision“.

Als die Störer auftauchten, fragte Walde auch noch: „Haben Sie die bestellt?“ Jedenfalls kannten die Anti-AfD-Rufer mit ihren handgemalten Schildern Zeit und Ort des ZDF-Sommerinterviews sehr gut. Um eine spontane Unmutsbekundung gegen den Parteichef handelte es sich nicht. Und einer der Störer sah jedenfalls einem Zuschauer sehr, sehr ähnlich, der schon einmal applaudierend in einem ZDF-Studio saß, als Maybrit Illner 2017 den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz interviewte.

Im Interview selbst befragte Walde den AfD-Chef zu den Themen Rente, Pflegenotstand und Digitalisierung. Das sind erkennbar nicht die Themen des Politikers. Der ZDF-Mann erklärte später, er habe Gauland „hart“ befragt. Gegen journalistisch hartes Nachfragen ist nichts einzuwenden, auch und gerade auf Gebieten, die nicht zum bevorzugten Terrain des Interviewten zählen. Da ZDF und ARD aber nicht nur mit Gauland reden, ist die Frage interessant: Wie gehen sie mit Politikern anderer Parteien um? Eine bohrende Nachfrage etwa, warum die Internetqualität nach mehr als zwölf Jahren ihrer Kanzlerschaft und trotz ihres ständigen Digitalisierungsgeredes zu den schlechten in Europa gehört, musste sich Angela Merkel weder bei Anne Will noch irgendwo anders im öffentlich-rechtlichen Funk gefallen lassen. Sommerinterview-Fragen an grüne Spitzenpolitiker nach der massiven Landschaftszerstörung durch ineffiziente Windräder? Oder sogar Mitglieder von Antiwindkraftinitiativen, die ein Interview mit Rufen stören? Kommen nicht vor.

Vor kurzem lud der ARD-Sender MDR den thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zum „Sommerinterview“. Die Journalistin fragte als Erstes nach dem oft etwas bizarren Twitter-Verhalten des Regierungschefs, zumal es einen konkreten Anlass gab: Ramelow hatte seinem grünen Justizminister Dieter Lauinger zum bestandenen Abitur seines Sohnes gratuliert, allerdings wohl mit stichelnden Hintergedanken. Denn um Lauinger und dessen Sohn gab es eine politische Affäre; der Minister erreichte durch einen Anruf bei dem von der Linkspartei geführten Kultusministerium, dass sein Spross die in Thüringen ansonsten verpflichtende Prüfung am Ende der Realschule nicht mitschreiben musste. Seinen Tweet hatte Ramelow mit einem Foto des Ministersohnes garniert – rechtlich heikel, da nicht klar war, ob er Lauingers Zustimmung dafür hatte. Der MDR fragte jedenfalls nach dem Tweet – und Ramelow erklärte, wenn der Sender mit dieser Frage einsteigen wolle, könne die Redakteurin das Interview vergessen, er werde aufstehen und gehen. Worauf die MDR-Frau ihm nicht einen guten Heimweg wünschte, sondern das Sommerinterview noch einmal begann – ohne die lästige Frage. Gesendet wurde die bereinigte Fassung. Bekannt wurde dieser Fall von Erfüllungsjournalismus nur, weil ein Whistleblower im Sender die Information über den Interviewverlauf (und auch das Schnittmaterial, das nicht ausgestrahlt wurde) heimlich nach draußen gab.

In dem gesendeten Interview wurde Ramelow, um mit Walde zu sprechen, „hart befragt“, unter anderem zu den Erfolgen seiner Landesregierung und seinen Urlaubsplänen. Der Sender hätte auch die Ermittlungen des Landeskriminalamts gegen einen Mitarbeiter der Linkspartei-Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss zum großen Thema machen können: Der mit der linksradikalen Szene des Landes bestens vernetzte Mann steht unter dem dringenden Verdacht, sich gut 100 Kilo Chemikalien zum Bau von Sprengkörpern im Internet bestellt zu haben. Merkwürdigerweise übernahm das LKA trotz der Brisanz lange nicht die Ermittlung. Obendrein legte Thüringens Innenminister Georg Maier im März 2018 auch noch ungefragt bei einer Anhörung im Landtag die Identität der Frau offen, die den chemikalienhortenden Linksaktivisten angezeigt hatte. 100 Kilo Bombenbaumaterial im Umfeld einer Politikerin der Regierungspartei, ein Innenminister, der die Zeugin gefährdet, ein Ministerpräsident, der das alles offenbar normal findet – das wäre für den ARD-Sender ein schöner Anlass für journalistische Präzision gewesen. Aber so hatte Gniffke den Begriff ja nicht gemeint.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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