16. August 2018

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bürgerdialog in Jena Begeisterung bricht sich Bahn

Gesunder Schulterschluss von Macht und Ohnmacht

von Holger Finn

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Bildquelle: NordStock / Shutterstock.com Begeistert die Jugend: Angela Merkel

Sie kennt alle Instrumente der Politik, alle Kniffe, alle Zahlen, alle Geheimnisse, von denen in den Medien kaum jemals die Rede ist. Aber kann sie Menschen trotzdem immer noch mitreißen? Wie früher? Beobachtungen bei einem Treffen der Kanzlerin mit Bürgern.

Es war eine Premiere. Erstmals seit dem großen Bürgerdialog „Gut leben in Deutschland“ mischte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt wieder unter Menschen, um herauszubekommen, „was Ihnen persönlich wichtig im Leben ist“ und was „Ihrer Meinung nach Lebensqualität in Deutschland ausmacht“. Seinerzeit hatte Angela Merkel mit rund 8.600 Menschen gesprochen und herausbekommen, dass das Thema „Migration“ in deren Wahrnehmung überhaupt nicht existiert. Jetzt bat die Kanzlerin eine Stunde lang zum Gespräch nach Jena, um sich diesen Eindruck bestätigen zu lassen.

Bürgernah in Dunkeldeutschland

Ein Unterfangen, das auch dank sorgfältiger Vorauswahl der Gesprächsteilnehmer gelang, wie die „Welt“ notiert. Erst nach einer Stunde, kurz vor Schluss also, sei „eine Frage nach der AfD“ gekommen, hat der aus der Hauptstadt herbeigeeilte Reporter per Hand gestoppt. „Mir ist aufgefallen, dass in Deutschland eine große Unzufriedenheit herrscht“, sagt eine Medizinstudentin, deshalb hätten bei der Bundestagswahl viele AfD gewählt: „Was machen Sie, um die Menschen wieder von sich zu überzeugen und zufriedener zu machen?“

Angela Merkel hat die Rezepte dabei. Auf die Menschen will sie hören, die Probleme wird sie lösen, „nicht den ganzen Tag darüber zu reden, was nicht getan wird“, sagt sie, sondern zuhören, zupacken, besser werden. Die 70 Wählerinnen und Wähler im Saal, sorgfältig ausgewählt und in einem frühmorgendlichen Workshop auf die in ihrem Leben wahrscheinlich einzige Begegnung mit der letzten Bewahrerin von Demokratie und Freiheit vorbereitet, nehmen die Nachricht beglückt auf, dass Deutschland „schon große Fortschritte gemacht“ habe, wie ihnen die immer noch mächtigste Frau der Welt mitteilt.

Aufräumen mit Unkenrufen

Angela Merkel will in dieser Beziehung überhaupt mit den vielen Unkenrufen aufräumen und nicht mehr so viel über das sprechen, was nicht gut sei: „Die vielen Sachen, die klappen, müssen wir gleichberechtigt in den Vordergrund stellen“, sagt sie. Die Verhältnisse seien geordnet, es gehe uns gut, nun brauche es nur noch europäische Lösungen, die Bekämpfung der Fluchtursachen und eine Reform Europas.

Das gibt Applaus von den Bürgern, von denen keiner aggressiv auftritt, die Kanzlerin lächelt froh, es ist ein Heimspiel, sie kann noch mitreißen. Langsam erheben sich die Menschen, sie klatschen jetzt im Takt, und leise Rufe heben an: „Eu-Ro-Pa, Eu-Ro-Pa!“ Viele filmen und fotographieren, Sicherheitskräfte greifen höflich ein. Doch den Begeisterungssturm hält das nicht mehr zurück. Ein lebensfrohes Lied erschallt, Aufbruchstimmung, ein paar junge Menschen im Saal, offenbar Angehörige der rechtskritischen Graswurzelbewegung Pulse of Europe, schwenken Europafahnen.

Es ist ein buntes, bewegendes Bild, das auch die abgebrühtesten und kritischsten Berichterstatter nicht kalt lässt. Vor allem die aus Anlass des Ereignisses besonders schmuck gekleideten jungen Menschen, darunter Sportler, Geisteswissenschaftler und Arbeiter, zeigen, dass sie nicht zerrissene Jeans und Piercings tragen und im Drogenrausch zu entmenschter Hiphop-Hassmusik abhotten können. Nein, hier, in Jena, einer Stadt, die seit jeher aus Dunkeldeutschland ragt wie ein Leuchtturm der Mitmenschlichkeit, legen sie ein glühendes Bekenntnis zum gemeinsamen Europa und den gemeinsamen Werten der Europäer ab.

Sie zeigt die Raute

Angela Merkel lächelt fein. Sie zeigt auch die Raute, bei ihr das Zeichen für höchste Zufriedenheit. Von den Traversen kommen nun Ovationen, mit denen die europabegeisterten Pulse-Mädchen und ‑Jungen aus allen Teilen unserer Republik ihr großes Vorbild ehren: Emmanuel Macron, den eleganten und eloquenten Franzosen, der in Begleitung seiner Gattin eine Vision verkörpert, wie Europa sein könnte, wären endlich alle Menschen vom spanischen Afrika-Vorposten Melilla bis ins nordnorwegische Mo i Rana derselben Ansicht.

Unter Begeisterungsstürmen der immer noch rhythmisch klatschenden Menge überreicht eine Abordnung der Jugend unserer Republik der Kanzlerin dann ein Dankschreiben in symbolischer Form. Einen riesigen „Scheck auf die Zukunft“ soll Angela Merkel einlösen können, sobald sie die letzten noch ausstehenden großen Aufgaben ihrer inzwischen auf 16 Jahre konzipierten Amtszeit erledigt hat: Fluchtursachen beseitigen, Grenzen sichern, aber Europa offenhalten, Trump bändigen, Putin in die Schranken weisen, Erdoğan redemokratisieren, die EU sanieren und reformieren, den Sozialstaat weiter ausbauen, die Digitalisierung vorantreiben, die globalen US-Konzerne an die Leine legen, die Bundeswehr wieder zu einer Armee machen, die weltweit gefürchtet wird, die AfD dorthin jagen, woher sie gekommen ist, die Rente sichern, die Staatsfinanzen weiter ausbauen und unsere Umwelt schützen, indem Deutschland das Weltklima durch Energieausstieg und ein Ende der Kohlezeit vorantreibt.

Gerührt im brausenden Beifall

Merkel scheint gerührt in diesem Moment. Immer wieder von brausendem Beifall begleitet, dankt sie den Gratulanten: „Mit Taten habt ihr euren Willen bekundet, unseren Traum von Europa im Leben zu verwirklichen.“ Mit einem fast scheuen Winken verabschiedet sich die Kanzlerin, aber nur, um draußen vor der Tür von einem feierlichen Festzug von tausend Spielleuten aus der ganzen Bundesrepublik erwartet zu werden, der schmissige Versionen ihrer Lieblingslieder („Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen“) spielt. Die begeisternde Veranstaltung schließt dann mit einem Tagesfeuerwerk, rundum gelungen, ein schöner Beweis für den gesunden Schulterschluss von Macht und Ohnmacht, Regierung, Opposition und Wahlvolk.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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