08. August 2018

Sahra Wagenknechts Bürgerbewegung „Aufstehen“ Soziologie eines Aufstands von oben

Es lockt das Kollektiv

von Holger Finn

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Bildquelle: Foto-berlin.net / Shutterstock.com Schart eine neue Bewegung um sich: Sahra Wagenknecht

Ein Landschaftsbauer ist da, ein Mann aus London, zwei Journalistinnen, eine Gewerkschafterin und eine Rentnerin, ein Unternehmer, eine Lehrerin und ein Kameramann, ein Discjockey, ein Privatier und eine Lehrerin, eine Schülerin, ein Bürgermeister, ein engagierter Vater, ein Pastor und zwei Studenten.

Sahra Wagenknechts Startaufgebot für die neue Bürgerbewegung „Aufstehen“ zeigt schon beim kursiven Überflug ein Kernproblem dessen, was die Initiatoren für „links“ halten: Es ist ein Links der Lattetrinker, Großstädter, Fremdversorgten und Funktionäre, ein Links der Erwartung an andere, ein Links ohne Arbeiter, Angestellte, Handwerker.

Bemerkenswert: Nur sieben von 18 Kronzeugen für die Notwendigkeit einer „Sammlungsbewegung“ (Wagenknecht) der Linken sind weiblich. Doch alte weiße Männer kommen unter den Zeugen Sahras trotzdem nur als Funktionsträger vor: Pfarrer und Bürgermeister halten schüchtern die Fahne derer hoch, die den Politikbetrieb jenseits des Palastes der sozialen Gerechtigkeit dominieren.

Es ist ein Aufstand von oben, den Wagenknecht mit ihrem Mann Oskar Lafontaine ausgerufen hat. Alles, worin die früheren Arbeiterparteien SPD und PDS einst ihre Wurzeln hatten, fehlt hier. Wagenknecht scheint entschlossen, das Milieu um sich zu sammeln, dem die Grünen ihren derzeitigen Umfrageaufschwung zu verdanken haben.

Das Publikum, das einst die Stammwählerschaft der SPD bildete und heute noch den Kern der PDS stellt, ist außen vor. Der VW-Arbeiter, der Fliesenleger, der Zahntechniker, die Ärztin, die Nagelstudiobetreiberin oder die Ladeninhaberin, sie haben keinen Platz in Wagenknechts schöner neuer Sammlungswelt, in der der Klassenkampf als Kampf gegen die Klassen fortgeführt wird, die die Gesellschaft am Laufen halten.

Wagenknecht, in ihrem Leben ganze drei Monate regulär in einem Erwerbsarbeitsverhältnis gefangen, sucht die neuen Mehrheiten für eine linke Wende zurück zur vermeintlich so sozialen Gesellschaft der DDR abseits der Menschen, die früher einmal links gewählt haben. Nicht der gewöhnliche Steuerzahler soll hier offenbar mitmachen, sondern der Leistungsempfänger, der vom Vollversorgungssystem staatssozialistischer Prägung träumt.

Von Eigenverantwortung ist bei „Aufstehen“ nicht die Rede, dafür hagelt es Forderungen nach billigen Mieten, beitragsfreien Kindergartenplätzen und höheren Renten. Geld spielt keine Rolle, Geld ist, so glaubt man bei Wagenknechts, irgendwie immer da, war doch so in der Finanzkrise und bei Flüchtlingen auch. Warum nun nicht mal denen geben, die kleine Renten und große Wohnungen haben, die sie fast nicht mehr bezahlen können? Die im Auslandsjahr gesehen haben, dass Schulen in Kanada viel schicker sind als hierzulande? Oder das rumänische Internet loben, weil das besser ist als das deutsche?

„Werde Teil der Bewegung“, lockt Wagenknecht mit einer Wortwahl, die bestimmt kein Zufall ist. Es lockt wieder mal die Vermassung, das Gesinnungskollektiv. Jeder darf hier mitmachen, es kostet nur die Preisgabe einer Emailadresse. Die niederen Instinkte, hier erhalten sie endlich die höheren Weihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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