06. August 2018

Die „Tagesschau“ über Schlepper und Migranten in Agadez in Niger Flüchtlings-Inszenierung

Am deutschen Wesen muss wieder einmal die Welt genesen

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Drehkreuz für Migranten: Agadez in Niger

Wenn die Diskussion über Fake News einen Effekt hatte, dann den, dass Fehlschlüsse der Marke: Wenn das keine Fake News ist, dann muss es die Wahrheit sein, in voller Blüte stehen. Das arbeitet denjenigen zu, die in dem Bereich arbeiten, den Erving Goffman den Bereich der „Schattierungen zwischen Wahrheit und Lüge“ genannt hat, jenen Bereich, in dem nicht gelogen, aber ausgelassen wird, in dem bestimmte Aspekte einer Sache übertrieben, andere heruntergespielt werden. „Die Regel“, so schreibt Goffman, „ist hier einfach. Es darf nichts gesagt werden, was nicht wahr ist; aber es ist ebenso überflüssig, alles, was relevant und wahr ist, zu sagen; die Tatsachen dürfen in jeder geeigneten Reihenfolge genannt werden.“ Die Schattierungen zwischen Wahrheit und Lüge in deutschen Medien, sie werden vornehmlich durch Auslassungen, Verkürzungen, Übertreibungen und sonstige Varianten der einseitigen Berichterstattung hergestellt.

„Flucht nach Europa. Tot oder gestrandet in Niger“, so titelt die „Tagesschau“ und berichtet aus Agadez, dem „Drehkreuz für Migranten“. Von Agadez aus fährt unter anderem Ali, ein Schlepper, „Flüchtlinge durch die Wüste“. Eine weitere Schattierung zwischen Wahrheit und Lüge. Tatsächlich sind diejenigen, die über Agadez in Niger über Tamanrasset oder Dirkou nach Sabha in Libyen gelangen wollen, um von dort ihre Route in Richtung Mittelmeerküste zu nehmen, keine Flüchtlinge, die vor einem Krieg flüchten, sondern Arbeitsmigranten auf der Suche nach einem besseren Auskommen und Leben. Agadez ist ein Zentrum für Migranten aus fast allen Ländern Westafrikas. Sie kommen aus Lagos, Ouagadougou, Edo, Porto-Novo und über viele andere Routen nach Agadez, um von dort ihre Weiterreise anzutreten. Dabei ist Agadez mitnichten das einzige Zentrum für eine Migration nach Algerien oder Libyen oder Marokko oder Tunesien. Gao in Mali hat mindestens dieselbe Bedeutung, Bamako und Dakar sind zentral für Routen, die nach Marokko und in die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla führen. Warum also hat sich die „Tagesschau“ auf Agadez versteift, und warum findet man im Bericht keinerlei Hinweis darauf, dass die Route über Agadez nur eine Route durch die Wüste ist, eine von mehreren?

Vielleicht liegt es am Duktus des Textes, der die Neuauflage eines Beitrags ist, der im Februar 2017 vom Deutschlandfunk verbreitet wurde, dass die Welt der afrikanischen Migranten auf Agadez verengt wird, dass Gao, Zouar und Bamako nicht erwähnt werden. Der Duktus ist ein EU-kritischer. Die EU, so unsere Zusammenfassung, finanziert einen korrupten Machthaber in Niger dafür, dass er sein Militär in Oasen und Dörfern entlang der Schlepperrouten nach Dirkou oder Tamanrasset stationiert, um den Schleppern vor Ort das Handwerk zu legen und die Route für Migranten stillzulegen. Als Folge, das steht nicht im Bericht der „Tagesschau“, haben sich die Preise für eine Flucht von Agadez nach Sabha mehr als verdoppelt, 300 US-Dollar waren es früher, mehr als 800 US-Dollar sind es heute. 800 US-Dollar, die man erst einmal aufbringen muss, was abermals den Kriegsflüchtling, der in der Regel mittellos ist, ausschließt und auf Arbeitsmigranten, die von ihrer Familie nach Europa geschickt werden, um dort zu arbeiten und Geld zurückzuschicken, verweist.

Diese Folgen davon, dass die EU Niger mit rund 750 Millionen Euro unterstützt, gibt es bei der ARD nicht zu lesen. Stattdessen wird erklärt, dass das „Abkommen zwischen der EU und einem Land wie Niger“ nichts an „den Ursachen, die Menschen dazu zwingen, zu fliehen“ verändert. Abermals tauchen wir in das Schattenreich zwischen Wahrheit und Lüge ein. Ein Migrant flieht in gewisser Weise vor nicht vorhandener Arbeit. Aber er ist kein Flüchtling im eigentlichen Sinne des Wortes. Das aber will die ARD und nicht nur die ARD, das wollen weitgehend alle deutschen Mainstreammedien nahelegen, dass diejenigen, die kommen, alle auf der Flucht sind. Sie sind es nicht, wie schon die Kosten der angeblichen „Flucht“, die 800 US-Dollar Bargeld, die man in Afrika nicht einfach vom Sparkonto abheben kann, zeigen. Die Reise nach Europa ist lange vorbereitet. Der Entschluss, sich auf den Weg nach Europa zu machen, wird durch Erzählungen von Rettern, die die Überfahrt nach Italien erleichtern, und von Ländern, in denen Hartz IV und Honig fließen, sicher nicht negativ beeinflusst, so dass man feststellen kann: Die vielen Migranten, denen sich Europa derzeit gegenübersieht, sind ein hausgemachtes Problem. Sie kommen, weil sie wissen, dass sie nicht abgewiesen werden.

Doch zurück zur ARD und ihrem Bemühen, die EU für einen riesigen Friedhof verantwortlich zu machen, der sich angeblich in der Ténéré-Wüste, die Agadez von Dirkou trennt, befindet. „Ali ist Schlepper, die offiziellen Zahlen stimmten nicht, sagt er. Er fährt nach wie vor Flüchtlinge durch die Wüste: ‚Es hat nicht aufgehört. Heimlich geht die Auswanderung weiter.‘ Nur sei es jetzt gefährlicher geworden. ‚Früher haben wir an Wasserstellen angehalten oder in einem Dorf. Heute ist dort überall das Militär. Also hält man 15 Kilometer vom Dorf entfernt, mitten in der Wüste, und versteckt da die Migranten. Ich fahre dann ins Dorf, um Essen und Trinken zu holen.‘ Aber wenn man einer Patrouille begegne oder das Militär Fragen stelle, dann bekomme man Angst und hole die Migranten nicht ab. ‚Und die Migranten haben in der Wüste keine Orientierung‘, fügt er hinzu. Keine Orientierung, keine Verpflegung, kein Wasser. Für die meisten bedeutet das den sicheren Tod, erzählt Baldé, ein Flüchtling aus Guinea, der selber die Flucht durch die Wüste nur knapp überlebt hat. ‚Drei Tage sind wir umhergeirrt ohne Essen und Trinken. Es war sehr schlimm. Ich habe Menschen sterben sehen. Andere sind krank geworden. Vor allem die Kinder.‘“

Das sind die Momente, in denen man den angeblichen Reporter schütteln und fragen will, ob er noch ganz bei Trost ist. So sehr damit bemüht, Schuld zuzuweisen und neue Tote, angebliche Flüchtlinge, vor den Türen derer abladen zu können, die Grenzen als das nutzen wollen, was sie sind, die Einreise beschränkende Orte, merken die von der eigenen Gutheit Berauschten nicht, was sie da schreiben und berichten. Sie interviewen einen Kriminellen, Schlepper Ali, so als wäre es das Normalste von der Welt, einen Kriminellen, einen Menschenschmuggler zu interviewen.

Der Menschenschmuggler erzählt, dass der Schmuggel, seit die EU Niger dafür finanziert, denselben durch die Wüste zu unterbinden, schwieriger geworden sei. Der Menschenschmuggler erzählt, dass er nicht mehr Dörfer und Wasserstellen anfahren kann, weil dort Militär sei. Also setze er sein Schmuggelgut „Mensch“ in der Wüste ab und mache sich auf den Weg, um Wasser zu holen. Treffe er dabei auf Militär, dann bekomme er Angst, und weil er Angst bekommt, überlässt er die Menschen, die er schmuggelt, für deren Schmuggel er 800 US-Dollar pro Person erhalten hat, ihrem Schicksal und macht sich mit dem Geld aus dem Staub. Und die Alleingelassenen irren durch die Wüste, ohne Orientierung und Wasser. Sie sterben. Sie werden krank. Es ist schlimm – vor allem für die Kinder. Und schuld ist natürlich die EU, die das bezahlt.

Nachdem man ein solches journalistisches Machwerk gelesen hat, will man die Verantwortlichen eigentlich nicht mehr schütteln. Man will sie ohrfeigen, sie in den Hintern treten, sie aus den Redaktionsräumen jagen, sie zum Psychiater treiben und erst wieder in die Normalität zurücklassen, wenn sie wieder in der Lage sind, jenseits ideologischer Wahnvorstellungen zu funktionieren.

Nicht die EU sorgt dafür, dass Menschen in der Wüste sterben, sondern die Schmuggler, die sie in der Wüste zurücklassen, die Schmuggler, mit denen die ARD-Reporter Interviews führen. Nicht die EU ist schuld daran, dass sich Menschen aus Lagos oder Edo, aus Niamey und Kano nach Agadez auf den Weg machen, dort 800 US-Dollar an einen Menschenschmuggler in Cash bezahlen und sich in einen Pick-up-Truck setzen, um durch die Wüste nach Libyen zu gelangen. Die Migranten, die die 800 US-Dollar aufbringen können und nach Europa wollen, weil sie gehört haben, dass man dort gut verdienen und gut leben kann, treffen diese Entscheidung und sind für ihre Entscheidung verantwortlich. Die Migranten, die nach Agadez kommen, sind in der Regel auch nicht vor Kriegen auf der Flucht. Wenn sie vor etwas auf der Flucht sind, dann vor Arbeitslosigkeit und Armut.

Wenn man Schuld dafür zuweisen will, dass sich Migranten auf die beschwerliche Reise nach Europa machen, dann muss man diese Schuld bei denen abladen, die dafür sorgen, dass sich in Afrika die phantastischen Bilder von den Ländern Europas halten, in denen Geld und Honig fließt, in denen jeder einen Platz und ein Dach über dem Kopf finden kann, der es nur erreicht.

Flüchtlings-Inszenierungen wie der neuerliche Beitrag bei der „Tagesschau“, dessen Ziel darin zu bestehen scheint, die deutschen Tränendrüsen nicht zur Ruhe kommen zu lassen, sind ein Teil des Problems, das mit Hoffnung irgendwo in Afrika beginnt und mit dem Tod in der Wüste oder im Mittelmeer oder dem Dahinvegetieren in Hartz IV in einer Gesellschaft, die für niedrig Qualifizierte keine Verwendung hat, endet. Solche Flüchtlings-Inszenierungen sind zudem der Ausdruck eines neuen deutschen Sendungsbewusstseins, das Gutmenschen sieht, die alle diejenigen, die sie für Flüchtlinge halten, in aller Welt retten wollen. Am deutschen Wesen soll abermals die Welt genesen. Das neue Sendungsbewusstsein zielt nicht mehr darauf, die Welt zu Deutschland zu machen, sondern aller Welt Deutschland als Heimat anzubieten. Die Differenz zwischen dem Heil deutscher Expansion und dem Heil deutscher Integration ist nur marginal.

Flüchtlings-Inszenierungen, wie die derzeit in der „Tagesschau“ zelebrierten, finden als Schattierungen zwischen Wahrheit und Lüge statt. Sie gaukeln den Lesern vor, Menschen, die nach Europa wollten und dabei oberhalb von Agadez in der Wüste sterben würden (wobei niemand weiß, ob und wenn ja wie viele in der Wüste sterben, weil sie nach Libyen wollen), seien das Hauptproblem in Afrika. Wie so oft, liegt die Manipulation in der Auslassung.

Eine kleine Auswahl der von Gutmenschen übersehenen Katastrophen: Mai 2017: Diphtherie-Epidemie im Jemen; September 2017: Epidemie von Gelbfieber in Nigeria; Februar 2018: Polio-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo; Februar 2018: Cholera-Epidemie in Uganda; April 2018: Flut und Erdrutsche in Äthiopien (nach Masern-Epidemie im Vorjahr); Mai 2018: Masern-Epidemie im Tschad; Mai 2018: Cholera-Epidemie in Tansania; Mai 2018: Anhaltende Dürre in Mauretanien (wo sowieso kaum etwas wächst). Keine dieser Katastrophen war der „Tagesschau“ berichtenswert. Berichtenswert sind menschliche Tragödien nur dann, wenn sie sich ideologisch einpassen und verwerten lassen. Es geht dabei nicht um „die Menschen“, sondern darum, „die Menschen“ für die eigenen ideologischen Zwecke zu missbrauchen. Diese Bigotterie macht die Flüchtlings-Inszenierungen so abstoßend.

„Tagesschau“: „Tot oder gestrandet in Niger“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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