06. Juli 2018

Bedeutende Geister des Jahrhunderts, Teil 1: Nina Scheer Vom AfD-Antrag zum Klimawandel überfordert

„Absurdes Wissenschaftsverständnis“

von Michael Limburg

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Bildquelle: shutterstock Nicht immer einfach: Lesen und verstehen

Am 28. Juni 2018 wurde im Bundestag der Antrag der AfD vorgestellt und debattiert, der die Regierung auffordert, alle „Klimaschutzbemühungen“ wegen erwiesener Nutz- und Wirkungslosigkeit einzustellen. Aus der anschließenden Debatte ragten drei Beiträge hervor, deren ersten ich hier vorstelle und analysiere: den von Dr. Nina Scheer.

Anlass der Rede von Scheer war die Rede des umweltpolitischen Sprechers der AfD-Fraktion, Karsten Hilse, der den Antrag damit ins Plenum einbrachte.

Wer ist Dr. Nina Scheer?

Wer ist Dr. Nina Scheer? Bei Wikipedia finden wir – und wollen es mal glauben, weil es sich um rein biographische Angaben handelt: „Leben und Beruf: Nina Scheer wurde in Berlin-Schmargendorf geboren, studierte in Essen Musik, Hauptfach Violine, und schloss das Studium 1996 mit der Künstlerischen Abschlussprüfung ab; ihr Erstes Staatsexamen in Rechtswissenschaften legte sie 2001 ab. In ihrer politikwissenschaftlichen Dissertation befasste sie sich mit dem Spannungsfeld ‚Welthandelsfreiheit vor Umweltschutz?‘ (Promotion 2008). Nina Scheer ist ehrenamtlicher Vorstand der Hermann-Scheer-Stiftung, Jurymitglied zur Vergabe des Deutschen Solarpreises (Eurosolar), Mitglied des Studienbeirats im Master-Studiengang Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Sie gehört dem Committee of Chairpersons des Weltrats für Erneuerbare Energien, WCRE, an.“

Die Rede

Und dann schauen wir uns ihre Rede am 28. Juni 2018 im Deutschen Bundestag an, in der sie als Expertin der SPD und Mitglied ihrer Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Energie ihren Debattenbeitrag lieferte. O-Ton aus ihrer Rede: „Es führt zu nichts anderem als zu irgendwelchen Tabellen, die ihrerseits überhaupt keine Herkunftsangaben haben. Ich selbst könnte so eine Tabelle bei Ihnen reinstellen – Sie würden das wahrscheinlich gar nicht bemerken –, und auch Sie, Herr Hilse, könnten irgendeine Tabelle schreiben und bei dieser AG Energiebilanzen einstellen, und das wären dann die ‚Fakten‘. Ist das das, von dem Sie meinen, dass sich Millionen und Milliarden von Menschen weltweit darauf verlassen sollten, um eine nüchterne Einschätzung der tatsächlichen Gegebenheiten beim Klimawandel vorzunehmen? Es ist absurd, was Sie für ein Wissenschaftsverständnis haben.“

Mein Kommentar

Interessant, was Scheer selber gelesen haben mag. Der Antrag, auf den sie ihre Rede bezieht, ist es gewiss nicht. Vielleicht nur ein Referent? Aber was ist, wenn doch? Dann reicht meine Phantasie nicht aus, mir vorzustellen, was sie dazu bewegte, öffentlich, im deutschen Bundestag, dermaßen leicht überprüfbare Falschaussagen zu verbreiten. Ist es Zorn? Sich ertappt fühlen? Überforderung? Arroganz? Verwirrtheit? Dummheit? Ich überlasse es den Lesern, sich eine Meinung zu bilden.

Die Fakten

Zunächst einmal dürfte es ein Novum sein, zumindest ein selten geübtes Verfahren, dass in einem Antrag einer Fraktion des Deutschen Bundestages überhaupt Quellen angegeben werden. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist das zwar die Regel, aber offenkundig in Anträgen der Fraktionen zu irgendwelchen Aktionen der Regierung recht selten. Das mag der Grund sein, warum Nina Scheer, Tochter des berühmten Solarpapstes und promovierte Politikwissenschaftlerin, sich damit nicht recht auskennt und in Verwirrung gerät, wenn sie mal solche vorfindet.

Die AfD-Fraktion hat die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) samt Link, der direkt auf die Seite der AGEB führt, als Quelle für einige im Antrag genannte Zahlen (insgesamt fünfmal) genannt. Sie hat nicht irgendwelche Tabellen dort eingestellt. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Vergleichbar dem Unterschied zwischen den Verben „speisen“ und „essen“: Jesus speiste zwar die Fünftausend, aber er aß sie nicht. Außerdem findet sich im gesamten Antrag keine einzige Tabelle.

Gleichzeitig wird klar, dass Scheer – glücklich die Partei, die solche Kapazitäten in ihren Reihen weiß –, die im Auftrag der SPD-Fraktion im Ausschuss Wirtschaft und Energie sitzt, die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) nicht bekannt ist. Und deren wertvolle Zahlen auch nicht. Dabei ist die AGEB nach eigenen Angaben offizielles Mitglied der Expertenkommission, die das Monitoring der Energiewende betreibt, und sie „arbeitet eng zusammen mit dem Länderarbeitskreis Energiebilanzen, der Energiebilanzdaten für die Bundesländer veröffentlicht“. Deren Zahlen sind sozusagen der Goldstandard für Energiezahlen dieses Landes.

Scheer zweifelt zudem – begründungslos – nicht nur die genannten Zahlen an, die sich eindeutig auf Deutschland beziehen und das absolute Scheitern (die Hauptbegründung im Antrag) der hiesigen „Klimaschutzbemühungen“ für jeden, der lesen kann, zweifelsfrei belegen, aber keinerlei Aussagen über weltweite Energiebemühungen – mit oder ohne Klimaschutzabsichten – zulassen, sondern sorgt sich sogleich – beziehungsweise tut so, als ob – dass sich „Millionen und Milliarden von Menschen weltweit darauf verlassen sollten“.

Man kann nur tief durchatmen, wenn man solche Worte hört, besonders dann, wenn man das ebenfalls im Antrag genannte – und von keinem der Redner bestrittene – Endergebnis des gegebenenfalls erfolgreichen Bemühen Deutschlands kennt, die CO2-Emissionen bis 2050 auf nahe Null zu senken. Nämlich 0,000653 Kelvin weniger Erwärmung, irgendwann in unbekannter Zukunft.

In diesem Teil der Rede schleudert Scheer ihre Verachtung heraus: „Es ist absurd, was Sie für ein Wissenschaftsverständnis haben.“ Dem kann man sich nur anschließen, allerdings allein auf Scheer gemünzt. Und noch erschreckender ist, welche geistigen Riesen im höchsten deutschen Parlament Lohn und Brot finden. Wer glaubt denen noch?

Doch hören wir Scheer noch ein wenig mehr zu: „Sie haben durch Ihre Zwischenrufe während der Rede von Herrn Jung glauben machen wollen, dass Sie schon meinen, dass es einen Klimawandel gibt, nur eben nicht den menschengemachten. Aber Ihr Antrag sagt etwas anderes. Darin findet man solche Formulierungen wie – ich zitiere kurz –: ‚Beim Treibhauseffekt wird unterstellt, bewiesen wurde er bisher nirgends.‘ Oder: ‚die vermutete Temperaturerhöhung‘. Das sind Formulierungen aus Ihrem Antrag.“ (Karsten Hilse (AfD): „Ja, richtig!“) „‚Ein nur imaginäres Weltklima‘ – eine Formulierung aus Ihrem Antrag.“ (Karsten Hilse (AfD): „Richtig!“) „Dann: die ‚hypothetische Temperatur-Erhöhung‘ – auch eine Formulierung aus Ihrem Antrag.“ (Karsten Hilse (AfD): „Auch richtig!“) „Man hat wirklich den Eindruck, Sie kennen Ihren eigenen Antrag nicht.“ (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP, der Linken und des Bündnisses 90/Die Grünen – Karsten Hilse (AfD): „Keine Sorge, ich kenne den Antrag schon!“ – Gegenruf von der CDU/CSU: „Umso schlimmer!“) „Den Weltklimarat, eine internationale Organisation, schreiben Sie in Anführungszeichen.“ (Dr. Alexander Gauland (AfD): „Das ist auch richtig so! Da sind noch zu wenige Anführungszeichen drin!“)

Auch hier redet diese promovierte Politikwissenschaftlerin Scheer wieder wie ein Blinder von der Farbe, dafür aber im vollen Brustton der Überzeugung. Sie verwechselt den Treibhauseffekt unverdrossen mit dem „Klimawandel“. Sie glaubt, dass die Bezeichnung „Weltklimarat“ die offizielle Bezeichnung des IPCC ist, und sieht jeden Zweifel daran als Sakrileg an. Sie glaubt, dass es in der Realität eine mittlere Welttemperatur gibt.

Sie glaubt und schreit dieses Glaubensbekenntnis in die Welt hinaus, dass die von den Klima-Modellen prognostizierte Erhöhung einer „Welttemperatur“ irgendwann in ferner Zukunft heute schon real ist. Und glaubt last but not least, dass es bei dem Antrag um eine „Leugnung“ des Klimawandels insgesamt geht. Geht‘s eigentlich unwissender?

Ja, es geht! Jedenfalls bei Scheer. Sie sagt nämlich: „Ich möchte auch auf etwas anderes kurz eingehen. Sie haben sich in epischer Breite auch über die vielen Nullen ausgelassen, die Sie immer nennen. X-mal wurden diese Nullen genannt.“ (Karsten Hilse (AfD): „Die Zahl stimmt ja auch, und die Formel steht da!“) „Dann schreiben Sie, mit dem Wert, den Sie da errechnet haben wollen, reduziere sich die weltweite Klimaproblematik zum ‚Null-Problem‘. Ich höre jetzt mit diesen ganzen Zitaten auf; denn sie gehen von meiner Redezeit ab. Das, was da steht, ist ein einziger Schwachsinn.“

Scheer verwechselt mal eben den im Antrag – nach überhöhten IPCC-Zahlen – berechneten Einfluss Deutschlands auf das statistische Konstrukt „globale Mitteltemperatur“ mit dem von der aktuellen Forschung stark reduzierten Wertes der Klimasensitivität (ECS-Wert) auf aktuell ein Grad oder kleiner. Das bedeutet und wird im Antrag in leichter Sprache umfassend erläutert, dass die globale Mitteltemperatur sich bei Verdopplung der CO2-Konzentration um ein Kelvin erhöht. Das ist nach jedem Maßstab alles andere als gefährlich. Und in diesem Fall – so steht es im Antrag ausdrücklich – reduziert sich das gesamte Klimaproblem auf ein Nicht-Problem.

Wer, wenn er/sie nicht unaufrichtig, uninformiert, böswillig oder von zu geringer Begabung ist, wollte das leugnen? Dr. Nina Scheer. Wohl der Partei, bei der sie mitwirkt.

Dann folgt noch das übliche Lamento von den „95 Prozent der Wissenschaftler“, das schon immer auf schlichte Gemüter gewirkt hat und wie man sieht immer noch wirkt, und die Verwechslung von Primär- und Endenergie beziehungsweise des jeweiligen Anteils der „Erneuerbaren“ daran.

Nun, lesen ist nicht jedermanns Sache und verstehen erst recht nicht. So gesehen hat der Antrag der AfD wohl die meisten der Altparteien, die sich dazu äußerten oder denjenigen, die das taten, Beifall zollen, kräftig überfordert. Was eigentlich zu erwarten war.

Wer wählt die denn noch?

Rede von Karsten Hilse

Rede von Nina Scheer

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE).


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