25. Juni 2018

Strafe für den dänischen Fußballverband wegen „sexistischen“ Transparents Die politisch korrekte Entmündigungs-WM und ihre Sprach-Chimären

Eine Urteilsbildung ist nicht notwendig und nicht erwünscht

von Michael Klein

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Bildquelle: Tramp57 / Shutterstock.com Dänische Fans bei der Fußball-WM: Was stand Schlimmes auf dem Transparent?

Die Kontrolle über Individuen ist umso einfacher, je eher man es schafft, ihnen ihre Urteilsfähigkeit zu nehmen beziehungsweise das Urteil, das sie treffen sollen, vorzugeben. Die moderne Form der Entmündigung findet dabei über Sprach-Chimären (Chimäre als Trugbild verstanden) statt, über Begriffshülsen, die affektiv gefüllt werden.

Um auf diese Weise eine Kontrolle und Steuerung der Bevölkerung zu erreichen, ist es zunächst notwendig, einen Kanon der affektiv geladenen Begriffe zu schaffen. Die moderne Intoleranz hat unter anderem die folgenden Begriffe als Sprach-Chimären geschaffen: „Sexismus“, „Rassismus“, „Rechtsextremismus“, „Antisemitismus“, „Homophobie“, „Hate Speech“.

Wer sich der Mühe unterzieht, die Begriffe zu googeln, der landet entweder auf Seiten, die mit abstraktem Geschwätz darüber gefüllt sind, wie schlimm Rassismus, Sexismus, Hate Speech und so weiter seien, wie weit verbreitet sie doch seien und wie wichtig es sei, Rassismus, Sexismus und so weiter zu bekämpfen, warum auch immer. Ein Bezug zur Empirie findet nicht statt. Oder er landet auf Seiten, deren Betreiber bestimmte Verhaltensweisen als furchtbaren Sexismus oder Rassismus oder was auch immer verurteilen, ohne dass sie eine Begründung dafür angeben würden, warum ein bestimmtes Verhalten Ausdruck von oder konkretes Beispiel für Sexismus, Rassismus und so weiter sein soll.

Auf diese Weise ist es möglich, die unterschiedlichsten Verhaltensweisen über einen Kamm zu scheren und unter die Herrschaft einer affektiven Begriffs-Chimäre zu stellen, und zwar mit dem Ziel, die entsprechenden Verhaltensweisen, die oft genug keinerlei Gemeinsamkeit aufweisen, zu unterbinden, als illegitim, als unrechtmäßig darzustellen.

Das Ziel der Schaffung von affektiven Begriffs-Chimären besteht also darin, ein Instrument zur Hand zu haben, das begründungslos eingesetzt werden kann, um bestimmte Meinungen, Äußerungen oder Handlungsweisen zu unterbinden, und das genutzt werden kann, um Individuen ihre Urteilsfähigkeit zu nehmen.

Wer sich derzeit mit den Randbedingungen der Fußballweltmeisterschaft beschäftigt, der findet bereits eine stattliche Anzahl von Beispielen dafür, wie Individuen ihr Urteilsvermögen abtrainiert beziehungsweise bestritten werden soll.

Der dänische Fußballverband muss 20.040 US-Dollar Strafe bezahlen, unter anderem deshalb, weil dänische Fans angeblich ein Transparent mit ins Stadion gebracht und dort gezeigt hätten, das sexistisch sei. Was auf dem Transparent zu lesen war, warum das, was zu lesen war, sexistisch sein soll, diese Informationen werden vorenthalten. Die lesende Bevölkerung wird informiert, dass eine Organisation zu einem Urteil gekommen ist, über das es keine Diskussion gibt. Dem Urteil ist sich anzuschließen. Eigene Urteilsbildung ist nicht notwendig und schon gar nicht erwünscht.

Prinzipiell ist es somit möglich, alle Inhalte, die der Fifa oder wem auch immer nicht passen, als Sexismus oder Rassismus zu bezeichnen und aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, ohne dass eine Form der öffentlichen Kontrolle der Entscheidung, auf die Demokratien einmal so stolz waren, erfolgen könnte. Der öffentliche Raum, das sei hier kurz angemerkt, gehört nicht der Fifa und auch nicht den Gutmenschen, die über die legitimen Inhalte bestimmen wollen. Was Gegenstand des öffentlichen Raumes ist, ist eine Verhandlungssache, und gerade Demokratien haben sich in der Prä-Gutmenschen-Ära dafür gerühmt, dass sie jede Meinung und jede Ansicht als Beitrag im öffentlichen Raum zulassen. Aber das war gestern. Heute loben sich ehemalige Demokratien dafür, dass sie den öffentlichen Raum von allem säubern, was „dem Bürger“ nicht zumutbar ist. Mit anderen Worten: Sie loben sich für die Entmündigung ihrer Bürger, dafür, dass sie ihren Bürgern die Urteilsfähigkeit absprechen und nehmen wollen.

Der Totalitarismus kommt nicht auf leisen Füßen, er ist bereits da, und wie so oft macht die Presse auch dieses Mal gemeinsame Sache mit denen, die ausschließen wollen, dass Bürger sich ein eigenes Urteil bilden. Die Meldung, die international und unter Bezug auf Reuters von Medien aller Art verbreitet wird, lautet ohne Abweichung: „The Danish Football Association has been fined $20,040 and given a warning for crowd disturbance and the display of a sexist banner by Denmark fans at the World Cup, global soccer governing body FIFA said on Sunday.“ („Der Danish Football Association ist eine Strafe von 20.040 Dollar auferlegt und eine Verwarnung erteilt worden wegen Zuschauer-Ausschreitungen und dem Zeigen eines sexistischen Transparents durch dänische Fans bei der Weltmeisterschaft, teilte der Welt-Fußballdachverband Fifa am Sonntag mit.“)

Außerdem haben sich die dänischen Fans im Spiel gegen Australien nicht an das „pre-match-protocol“ gehalten, was unverzeihlich ist und ebenfalls mit einem Strafgeld geahndet werden muss. Sie wissen nicht, was das „pre-match-protocol“ ist? Macht nichts. Es reicht, wenn Sie wissen, dass es furchtbar und böse und ganz schlimm ist, sich nicht daran zu halten.

Die Fußballsaubermänner, die sich hier als Helfershelfer derer gerieren, die Menschen ihr eigenes Urteilsvermögen verunmöglichen und am besten entziehen wollen, sind ausgerechnet die Funktionäre der Fifa, die über Jahre den Nachweis geführt haben, dass sie weder Transparenz mögen noch von Korruption lassen können. Aber über Korruption wird heutzutage hinweggesehen. Es gibt Wichtigeres zu tun: Wir müssen Sexismus aus Fußballstadien fernhalten und Rassismus bekämpfen (oder uns dafür schmieren lassen, dass wir das tun?), es gilt, Sprach-Chimären zu schaffen und Individuen ihr Urteilsvermögen zu bestreiten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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