10. Juni 2018

Empörung über eine Äußerung Alexander Gaulands Der Vogelschiss-Satz

Ein gefundenes Fressen für alle AfD-Gegner

von Klaus Peter Krause

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Bildquelle: shutterstock Deutscher Schuldkult: Nur wegen eines Vogelschisses?

Und wieder geht eine Erregungswoge gegen die AfD durchs Land. Ausgelöst hat sie eine Äußerung Alexander Gaulands, der zusammen mit Jörg Meuthen Bundesvorsitzender der AfD ist: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Verdreht wird dabei der Sinn dieses Satzes. Die Erregten unterstellen der Äußerung, für Gauland seien Massenmord an den Juden und sonstige Nazi-Verbrechen nur ein Vogelschiss, er tue sie also als eine Petitesse, als eine Bagatelle ab.

Das ist absurd. Mit dem „Vogelschiss“ gemeint ist, bezogen auf die ganze deutsche Historie, allein die Zeitspanne, nicht das Geschehen. Die ist – widerspruchsfrei – mit zwölf Jahren verhältnismäßig kurz, aber was in ihr geschehen ist, schrecklich und grauenhaft. Nur dies ist der Sinn des Satzes. Die Zeitspanne als „Vogelschiss“ zu bezeichnen, ist zwar drastisch, aber prägnant. Ohnehin hatte sich Gauland zuvor zur Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 bekannt und diese Zeit als „zwölf verdammte Jahre“ verurteilt. Ebendies wird von den Erregten unterschlagen, sonst nämlich könnten sie den Sinn des Satzes nicht verdrehen.

Unklug und unnötig zwar, aber für Nicht-Böswillige unmissverständlich

Gleichwohl, das Wort vom Vogelschiss war – zumal wegen der Steilvorlage für die vielen politischen Gegner der AfD – unklug und unnötig. Es war auch keine unbedachte Eingebung des Augenblicks, sondern stand so in seinem Redemanuskript. Aber für Nicht-Böswillige ist unmissverständlich, wie Gaulands Satz gemeint und zu verstehen ist: Die Geschichte Deutschlands und der Deutschen ist länger und eine andere als die zwölf Schreckensjahre der Hitler-Diktatur 1933 bis 1945. Dergleichen wie unter den Nazis ist in den Hunderten von Jahren davor von deutscher Hand nicht geschehen, da haben Deutschland und die Deutschen in Politik und Kultur, in Wissenschaft und Forschung, in Wirtschaft und Technik eine rühmlichere Rolle gespielt. Es ging und geht allein darum, die deutsche Geschichte nicht, wie es so oft geschieht, nur auf diese eine Zeitspanne zu reduzieren und zu konzentrieren. Doch darf darüber die Zeitspanne der Nazi-Greueltaten, wie relativ kurz auch immer, ebenso wenig vergessen und muss ebenso warnend wachgehalten werden wie die von Stalin, Mao Tse-tung, Pol Pot und die anderer politischer Verbrecher.

Ein gefundenes Fressen, an dem sich alle AfD-Gegner weidlich laben

Der Vogelschiss-Satz ist zum Verdrehen und Missverstehen bestens verwendbar, jedenfalls mit bösem Willen. Böswillige in der Politik gibt es bekanntermaßen zuhauf, besonders gegen die AfD. Also wird er missverstanden, ist sozusagen ein gefundenes Fressen, und alle, alle Gegner der jungen Partei laben sich weidlich daran, fallen wie ausgehungert darüber her. Selbst AfD-Mitglieder verschmähen die wohlfeile Speise nicht, hoffend, beim großen Mitfressen als politisch korrekt wahrgenommen zu werden, weil sie mediale Aufmerksamkeit sonst, nämlich mit ihrer Politik, so gut wie nicht finden. So muss man zum Beispiel lesen, dass der AfD-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Schleswig-Holstein, Jörg Nobis, Gaulands Äußerung „verheerend“ findet und mit den Worten zitiert wird: „Das geht gar nicht“ und „hilft uns nicht, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen“. Oder Uwe Witt, Abgeordneter der AfD im Deutschen Bundestag: Er hat sich für seine Partei „bei allen jüdischen Mitbürgern und den Opfern des Nazi-Regimes sowie deren Familien für diese unglaubliche Bagatellisierung durch unseren Parteivorsitzenden“ entschuldigt.

Meuthen distanziert sich, verteidigt Gauland aber

Anders Gaulands Mitvorsitzender Jörg Meuthen. Zwar ist auch er (wie „Zeit Online“ berichtet) zur Äußerung Gaulands auf Distanz gegangen („Der Herrn Gauland angelastete Satz – insbesondere die Bezeichnung ‚Vogelschiss‘ – ist in der Tat ausgesprochen unglücklich und die Wortwahl unangemessen“), verteidigte aber Gauland gegen die Kritik, die NS-Zeit verharmlost zu haben: Im Kontext seiner Rede werde vollkommen deutlich, „dass er dort in gar keiner Weise die entsetzlichen Greueltaten der Nazizeit verharmlost oder relativiert hat, wie ihm nun reflexartig unterstellt wird“. Ebenfalls maßvolle Kritik äußerte Andreas Kalbitz, Mitglied im AfD-Bundesvorstand: „Diskutabel ob der kontextualen Angemessenheit mag die Wortwahl sein, die ich persönlich so nicht getroffen hätte.“ Doch Gaulands Äußerung sei faktisch „nicht missverständlich, sondern deutlich“ gewesen.

„Das vertraute Prinzip rechter Geschichtsumdeutung“

Abschließend noch ein paar Takte aus der Medienszene der Erregten, hier am Beispiel der Regionalzeitung „Lübecker Nachrichten“ („LN“), die ihre Leser auf zwei ganzen Seiten darüber unterrichtet, wie sie den Fall einzuordnen haben. Überschrieben ist das mit „Gegen das Gift. Alexander Gaulands ‚Vogelschiss‘-Bemerkung ist ein Wendepunkt. Die Strategie der Nachsicht im Umgang mit der AfD ist gescheitert. Es ist Zeit für einen Aufstand der Anständigen.“ „LN“-Autor Imre Grimm schreibt unter anderem: „Soll man? Soll man sich wirklich empören? Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland hat die zwölf schwärzesten und folgenreichsten Jahre der deutschen Geschichte als ‚Vogelschiss‘ verharmlost. Es ist das vertraute Prinzip rechter Geschichtsumdeutung: der Versuch, das Dritte

Reich mit den Mitteln der Mathematik mal eben zum historischen Betriebsunfall herabzustufen. 1,2 Prozent der letzten ‚1.000 Jahre‘ könnten doch bitteschön nicht bestimmend sein für das Selbstverständnis dieser großen Kulturnation, die sich seit 73 Jahren in einem endlosen Schuldkult suhle, der sie blind mache für die Realitäten der Gegenwart.“ Wenn ein AfD-Mann wie Gauland den millionenfachen Massenmord als Petitesse abtue, sei das nicht nur eine Geschmacklosigkeit, es sei eine Zäsur. Gauland wird also unterstellt, was er weder gesagt noch gemeint hat.

Frank Plasberg will Gauland bei „Hart, aber fair“ nicht mehr sehen

Weiter schreibt Imre Grimm: „Soll man den Köpfen der Partei in Talkshows und Foren weiter eine Bühne geben?“ Anschließend zitiert er die Moderatoren der vier großen politischen Talkshows (Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne-Will-Redaktion, Maybrit Illner). Plasberg wird zitiert: „Wer die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert, kann kein Gast bei ‚hart aber fair‘ sein.“ Die Anne-Will-Redaktion hält sich bedeckt, Sandra Maischberger lässt es offen, ob Gauland noch mal eingeladen wird, und Illner wird so zitiert: „Wir sind in den letzten zwei Jahren bei keiner skandalösen Äußerung von Herrn Gauland auf die Idee gekommen, ihn einzuladen. Wir werden es auch kommenden Donnerstag nicht tun.“

Noch immer keine rettende Idee für den Umgang mit der AfD gefunden

Imre Grimm stellt fest: „Tatsächlich wächst die Überzeugung auch in der Politik, dass es nicht mehr genügt, der sich radikalisierenden AfD in einer Mischung aus spöttischer Gelassenheit und Faktentreue zu begegnen.“ – „Nach der ‚Vogelschiss‘-Bemerkung des Vorsitzenden Gauland kann kaum mehr Zweifel am Parteikurs herrschen. Ignorieren? Anbiedern? Belächeln? Die bisherigen publizistischen, politischen und gesellschaftlichen Strategien im Umgang mit der neuen Rechten sind gescheitert.“ („LN“ vom 5. Juni 2018, Seite 2 und 3.) Ebenfalls am 5. Juni veröffentlichte die „FAZ“ auf Seite 3 einen langen Beitrag mit der Überschrift: „Auf der Suche nach dem Zaubertrank. Acht Monate nach der Bundestagswahl haben CDU und CSU immer noch keine rettende Idee für den Umgang mit der AfD gefunden“. Man muss ergänzen: die (politisch korrekten) „Lücken-Medien“ erst recht nicht. Sie schaffen sich – wie Deutschland insgesamt – weiter ab, die sinkenden Auflagen zeigen es.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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