04. Juni 2018

„25 Prozent der Flüchtlinge haben einen Job“ Seltsamkeiten und Wunder der Integration

Ideologisches Kuscheln oder Wissenschaft?

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Flüchtlinge: Hat wirklich jeder vierte einen Job?

Die Meldung findet sich fast gleichlautend bei „Rheinischer Post“, „Welt“, „Stuttgarter Zeitung“, Tagesschau.de: Jeder vierte Flüchtling hat einen Job. „Seit 2015 kamen Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland. Viele sind geblieben und arbeiten mittlerweile: Laut einem Bericht der ‚Rheinischen Post‘ hat jeder Vierte von ihnen eine Beschäftigung gefunden. Etwa jeder Fünfte sei sozialversicherungspflichtig beschäftigt.“

Grundlage der Aussage ist „eine Erhebung des IAB in Nürnberg“ (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung). Die Ergebnisse der Erhebung wurden offensichtlich nur an die „Rheinische Post“ weitergegeben, so dass man nicht prüfen kann, was die versammelte Journaille in Deutschland wieder schreibt.

Naja, man kann es schon prüfen, denn Institutionen wie das IAB sind träge und beharren auf ihren Routinen. Eine dieser Routinen trägt den Namen „Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland“. Zu finden ist diese Routine auf den Seiten des IAB für den „Stand zum Jahresbeginn 2017“. Damals kamen die Autoren Herbert Brücker, Andreas Hauptmann und Steffen Sirries auf Grundlage einer Befragung von 4.800 Flüchtlingen aus dem Sommer 2016 zu dem Ergebnis, dass von den Anfang 2016 zugezogenen Flüchtlingen sechs Prozent, von den 2015 zugezogenen Flüchtlingen zehn Prozent, von den 2014 zugezogenen Flüchtlingen 22 Prozent und von den 2013 zugezogenen Flüchtlingen 31 Prozent erwerbstätig waren. Ein knappes Drittel Erwerbstätige hat nach drei Jahren Aufenthalt einen Arbeitsplatz. Das sind nicht unbedingt berauschende Zahlen.

Man kann davon ausgehen, dass die Zahlen, von denen die „Rheinische Post“ berichtet, einer entsprechenden Befragung, die im Sommer oder im Winter 2017 durchgeführt wurde, entstammen. Es sind demnach keine Daten für alle Flüchtlinge, sondern nur Daten für die kleine Gruppe der befragten Flüchtlinge, von der man zudem nicht weiß, nach welchen Kriterien sie für die Befragung ausgewählt wurden. Man kann also folgern, dass es sich bei den 25 Prozent derer, die 2018 oder 2017 (je nach Befragungszeitpunkt) einen Job haben oder gehabt haben sollen, nicht um alle Flüchtlinge, die seit 2015 zugezogen sind, handelt, sondern nur um die Flüchtlinge, die im Jahre 2015 zugezogen sind und die an einer Befragung des IAB teilgenommen haben. Die Erwerbstätigenquote bezieht sich demnach nicht auf alle, die 2015 zugezogen sind, sondern nur auf die im Jahr 2015 Zugezogenen, die im Rahmen einer, wie könnte es anders sein: „repräsentativen Befragung“ von Geflüchteten befragt wurden. 4.800 waren das 2016.

Nochmals: Die Ergebnisse, die von „Welt“, „Tagesschau“ und „Rheinischer Post“ unter anderem gefeiert werden, basieren mit Sicherheit auf einer angeblich „repräsentativen Stichprobe“ und nicht auf einer Auszählung für alle Flüchtlinge. Richtigstellung der Pressemeldung: Nicht jeder vierte der seit 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge, sondern 25 Prozent der im Jahr 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge, die in einer Stichprobe des IAB befragt wurden, haben einen Job.

Nun muss man sich natürlich fragen, was für eine Art von Job das ist. Die Antwort lautet: jede Form von Tätigkeit inklusive geringfügiger Beschäftigung und vergütetem Praktikum. Nimmt man die beiden Letztgenannten aus der Rechnung, weil ein Praktikum und eine geringfügige Beschäftigung nicht wirklich das sind, was man unter einem „Job“ oder einem „Arbeitsplatz“ versteht, dann reduziert sich die Zahl derer, die einen Job haben, zum Teil erheblich. Im zitierten Bericht, „Stand 2017“, reduziert sich die Anzahl derer, die einen Job haben, wie folgt: Aus sechs Prozent im Frühjahr 2016 Zugewanderten, die im Sommer desselben Jahres einen Job hatten, werden nur noch zwei Prozent; aus zehn Prozent der 2015 Zugewanderten, die 2016 einen Job hatten, werden nun fünf Prozent, von 22 Prozent der 2014 Zugewanderten, die 2016 einen Job hatten, bleiben 13 Prozent, und von den 31 Prozent der im Jahr 2013 Zugewanderten, die 2016 einen Job hatten, bleiben 21 Prozent übrig.

Überträgt man dieses Ergebnis auf die Ergebnisse, die die „Rheinische Post“ veröffentlicht, obwohl sie vom IAB noch nicht veröffentlicht wurden, dann kann man davon ausgehen, dass von den 25 Prozent, die 2015 zugewandert sind und zum Befragungszeitpunkt 2017 einen Job hatten, dann, wenn diejenigen unberücksichtigt bleiben, die ein Praktikum absolvieren oder geringfügig beschäftigt sind, noch rund 13 Prozent verbleiben.

Dieses Ergebnis, das man leider auf Grundlage älterer Publikationen erschließen muss, weil man beim IAB zwischenzeitlich auch lieber die normative Kraft vorab veröffentlichter selektiver Daten bemüht, um sich politisch anzudienen, als dass man seine Ergebnisse offenlegt, entspricht eher dem, was man ansonsten in den Veröffentlichungen des IAB über die Arbeitsmarktchancen von Flüchtlingen liest, so zum Beispiel im aktuellen Zuwanderungsmonitor aus dem Mai 2018, in dem es heißt: „Flüchtlinge werden sich nur langsam in den Arbeitsmarkt integrieren. Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und geringer Anteile von Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung sowie rechtlicher und institutioneller Hürden werden sich die Flüchtlinge nur schrittweise in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren. Wie schnell das geschieht, wird wesentlich durch die Sprachförderung, Investitionen in Bildung und Ausbildung, die Arbeitsvermittlung und die Aufnahmebereitschaft der Wirtschaft bestimmt werden.“

Wie diese Aussage, die Herbert Brücker, Andreas Hauptmann, Steffen Sirries und Ehsan Vallizadeh zu verantworten haben, mit der Aussage in der „Rheinischen Post“ zusammenpasst, nach der die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge so gut voranschreitet, eine Einschätzung, mit der Herbert Brücker zitiert wird, das ist eine Frage, die wohl nur Herbert Brücker beantworten kann. Bis zur Antwort bleibt es ein Widerspruch, denn die Chancen können nicht gut und schlecht, die Integration von Flüchtlingen nicht schnell und langsam gleichzeitig sein.

Vielleicht entscheiden sich die Herrschaften beim IAB einfach zwischen ideologischem Kuscheln beim politisch korrekten Zeitgeist und wissenschaftlicher Lauterkeit.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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