24. Mai 2018

Medien und Wahrheit Die „Süddeutsche“ und der NDR hören Stimmen

Passt auf, was ihr schreibt!

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Hören manchmal Stimmen: Mainstreamjournalisten

Was hatte die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel in der Haushaltsdebatte des Bundestages gesagt? „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“ Den Satz kann man finden, wie man will. Nur mutwillig verändern sollte man ihn nicht.

Genau das tut die „Süddeutsche Zeitung“, nach eigener Wahrnehmung die „Qualitätszeitung Nummer eins“. Auf ihrer Kommentarseite schreibt eine Redakteurin namens Ferdos Forudastan: „Dass Alice Weidel unter anderem Kopftuchträgerinnen als ‚Taugenichtse‘ verunglimpft, wird ihr nicht nur den Beifall von Muslimhassern und Rassisten eintragen.“

Nun kann jeder die Konjunktion „und“ nach „Kopftuchmädchen“ in Weidels Satz lesen und auf Video hören. Die Formulierung „Taugenichtse“ bezieht sich eindeutig auf „alimentierte Messermänner und andere Taugenichtse“.

Der Fall gehört in die seit längerem geübte mediale Praxis des Stimmenhörens. Da forderte etwa die damalige AfD-Chefin Frauke Petry in einem Interview laut Qualitätsmedien einen Schießbefehl an der deutschen Grenze – tatsächlich kam der Begriff gar nicht vor, auch nicht im übertragenen Sinn.

Über ein Dutzend Medien behaupteten 2015, der Autor Akif Pirinçci habe in seiner Rede vor dem Dresdner Pegida-Publikum die Wiedereröffnung von Konzentrationslagern gefordert. In Wirklichkeit lautete der Satz anders. Und zwar deutlich anders. An Pirinçcis Rede gab es viel zu kritisieren, er wünschte sich später selbst, sie nie gehalten zu haben. Aber was er eigentlich gesagt hatte, konnte jeder im Netz nachlesen und nachhören. Sein Anwalt Joachim Steinhöfel setzte seinerzeit reihenweise Verfügungen und Widerrufe gegen die kontrafaktische Medienberichterstattung durch.

Imaginäre Stimmen hörte auch der Norddeutsche Rundfunk. Ein Redakteur des NDR interviewte in dieser Woche den „Welt“-Herausgeber Stefan Aust zur Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises an Henryk M. Broder. Bekanntlich setzte gegen die geplante Preisverleihung eine linke, von Grünen-Politikern angeschobene Kampagne ein, inzwischen verzichtete Broder, der keine Lust auf eine Schlammschlacht verspürte, auf die Ehrung. Der NDR-Redakteur Jürgen Deppe fragt den Jury-Vorsitzenden Aust – oder vielmehr, er behauptet: „Aber wenn Broder Flüchtlinge als zum Beispiel ‚parasitäres Pack‘ beschimpft und Andersdenkende als ‚Anal-Phabeten‘, als ‚Lumpen vom Dienst‘, ‚Jung-Stürmer‘ und ‚autistische Schmieranten‘, dann ist es doch schwierig, das mit den Werten von Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit und Freiheit zu vereinbaren, oder?“

Abgesehen davon, dass sich ein ganz ähnliches Vokabular en masse bei Polemikern wie Ludwig Börne, Karl Kraus und Alfred Kerr findet: „Flüchtlinge“ sind „parasitäres Pack“ – das findet sich so nicht in den Texten Henryk Broders. Richtig ist, dass er in einem Artikel auf der „Achse des Guten“ 2012 Mitglieder von linken NGOs „parasitäres Pack“ nannte.

Interessanterweise handelt es sich um den gleichen Broder-Artikel, der schon seit Jahren von Wohlmeinenden für Verdrehungen und Sammlungen zusammengeschnippelter Zitate ausgeschlachtet wird.

Später entfernte der NDR die Falschbehauptung und insinuierte nun, Broder habe „Andersdenkende“ als „Parasiten“ bezeichnet: „Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews wurde an einer Stelle der Eindruck erweckt, Henryk M. Broder habe die Bezeichnung ‚parasitäres Pack‘ in bezug auf Flüchtlinge verwendet. Dies trifft jedoch nicht zu. Herr Broder hat diese Bezeichnung in einem anderen Zusammenhang verwendet. Aus diesem Grund ist der entsprechende Hörfunk-Beitrag nicht mehr verfügbar. Im Text ist die Passage geändert worden.“ Aber auch diese neue Version stimmt – siehe oben – in dieser pauschalen Weise nicht.

Die qualitätsmediale Strategie lautet: Behaupten, verdrehen, wenn überhaupt, dann unter Druck richtigstellen, und das auch nur halb. Wie viele Leute lesen eigentlich nach einer Sendung noch den kleinen Disclaimer ganz am Ende des Sender-Internettextes, dem zu entnehmen ist, ein Zitat habe doch ein bisschen anders gelautet?

Ein mindestens ebenso häufiges, wie es heute heißt, Narrativ besteht in der Klage der gleichen Blätter und Anstalten, sie würden mit dem Begriff „Lügenpresse“ belegt. Das sei furchtbar.

Gegen den Lügenpressevorwurf hülfe allerdings ein geradezu irrwitzig simples Mittel: Passt einfach ein bisschen besser auf, was ihr schreibt oder sendet.

Oder beklagt euch nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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