18. Mai 2018

Stromausfall in Schleswig-Holstein Der große Blackout in Lübeck

Ein Vorgeschmack auf die Zukunft

von Klaus Peter Krause

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Bildquelle: shutterstock Da sieht man, wie abhängig man ist: Stromausfall

Was so alles nicht mehr funktioniert, wenn plötzlich der Strom ausfällt, hat am 16. Mai ganz Lübeck erlebt. Fast vier Stunden lang waren die rund 194.000 Privathaushalte, 390 Großkunden, alle Geschäfte und Ämter im gesamten Stadtgebiet ohne Strom. Der genannte Grund: Im Umspannwerk Stockelsdorf sei ein Leistungsschalter geborsten, die Ursache aber unklar. Kundige fragten sich sofort: Hängt die Ursache vielleicht mit dem Strom aus Wind und Sonnenschein zusammen? Also mit den Folgen der Energiewende, genauer: mit der Stromerzeugungswende? Falls ja, wird das mit einiger Sicherheit verschleiert werden, denn es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Das bedeutet über die Stromwende „Nil nisi bene“: Berichtet werden darf über sie politisch korrekt nur Gutes.

Die Gefahr von wetterwendischem Strom aus Wind und Sonne

Stromfachleute haben vor einer solchen Situation schon immer gewarnt. Je mehr unser Strom mittels Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen erzeugt wird, der Strom also immer wetterabhängiger wird, desto mehr steigt die Gefahr, dass dieser wetterwendische Strom (Flatterstrom) plötzlich zum Rinnsal wird oder auch ganz einbricht oder plötzlich im Übermaß fließt. Dann müssen, um Stromausfälle zu verhindern, herkömmliche Kraftwerke ganz schnell zugeschaltet oder ganz schnell abgeschaltet werden. Das hat die Regelungstechnik komplizierter und aufwendiger gemacht sowie jährlich zu vielen Tausend Regelungseingriffen geführt, von denen vor der Stromerzeugungswende nur wenige benötigt wurden. Auch Überlastungen sind möglich, falls die Regelungstechnik nicht schnell genug reagiert.

Wenn die Sonne vom Himmel knallt und zugleich ein frischer Wind weht

Der Stromausfall in Lübeck begann mittags um 12:12 Uhr. Die Sonne knallte vom Himmel (wie schon am Stück seit gut zwei Wochen), die Photovoltaik-Anlagen lieferten Strom über Strom. Gleichzeitig brachte ein frischer Wind aus Ostnordost auch die Windstromanlagen auf Touren. Das mag zu einer nicht schnell genug verhinderten Überlastung geführt haben, die jenen Leistungsschalter bersten ließ. Er ist, wie die „Lübecker Nachrichten“ berichten, „der zentrale Baustein für die Strom-Versorgung der Stadt“ (Ausgabe vom 17. Mai, Seite 1). Strom hatte das ganze Stadtgebiet erst wieder um 16 Uhr herum.

Was ist der wirkliche Grund?

An anderer Stelle im Blatt (Seite 5) wurde der Schalter als defekt dargestellt, der daher einen Kurzschluss verursacht habe. Das Blatt zitierte einen Sprecher der Schleswig-Holstein Netz AG: „Ein geborstener Leistungsschalter, der den regulären Betriebsstrom und geringe Überlastungsströme schaltet, führte zu einem Kurzschluss und somit zum Stromausfall.“ Eine politisch korrekte Ursachendarstellung als Ablenkung von der vermuteten Energiewende-Folge? Jedoch: „Warum der Leistungsschalter geborsten ist, steht am Abend noch nicht fest“, entnimmt die Zeitung einem Gespräch mit dem Sprecher der Lübecker Stadtwerke. Die Schleswig-Holstein Netz AG sieht die Ursache des Schadens in „Spannungsschwankungen im 110.000-Volt-Netz“. Aber was ist oder war der Grund für diese Schwankungen?

Ein Vorgeschmack von dem, was alles ohne Strom nicht geht

Wie auch immer: Die Menschen in Lübeck haben einen Vorgeschmack davon bekommen, was es für sie persönlich bedeutet, wenn plötzlich alles ohne Strom ist, was Strom braucht. Alles dies ist tot. Supermärkte müssen schließen, alle Telefone gehen nicht mehr, Benzintanken fällt aus, Verkehrsampeln zeigen nichts mehr an, der Verkehr stockt, Menschen müssen aus steckengebliebenen Aufzügen befreit werden, die Autowerkstatt bleibt dunkel, und ihre Hebebühne rührt sich nicht, Polizei auf der Straße versucht, die Bürger zu beruhigen, ein Apotheker sorgt sich um Medikamente im Kühlschrank, ein berühmtes Restaurant um seine Nahrungsmittel in den Kühlräumen, das Karstadt-Haus wird geräumt, Läden schließen, in Restaurants fällt das Kochen aus, Mobiltelefone versagen ihren Dienst, alle Computer ebenfalls, die Autowaschanlagen stehen still, am Bahnhof lassen sich die Gepäckschließfächer nicht mehr öffnen, in Betrieben ruht die Produktion, in Banken der Zahlungsverkehr, automatische Türen gehen nicht auf oder bleiben offen, die warme Mittagsmahlzeit zu Hause und anderswo fällt aus… „Da sieht man mal, wie abhängig man ist“, sagt ein Automechaniker.

Auswirkungen auch im Umland

Betroffen vom Lübecker Stromausfall ist mit starken Stromschwankungen auch das Umland. Die „Lübecker Nachrichten“ melden: „In Eutin und Ahrensburg flackert das Licht, in Bad Oldesloe fallen die Ampeln kurzfristig aus. Betroffen sind die Kreise Ostholstein, Herzogtum Lauenburg und Stormarn. Auch in den Jahren zuvor hat es in Lübeck gelegentlich Stromausfälle gegeben, aber sie waren kürzer. Der Ausfall jetzt ist der bisher längste.“

Was für eine Blamage

Wer wollte, konnte sich auch kaputtlachen. Ausgerechnet an diesem Stromausfalltag erschien das neue Magazin der Lübecker Stadtwerke mit einem ganzseitigen Eigeninserat. Dessen Text passte auf das Ereignis wie die Faust aufs Auge: „Blackout? Nicht mit uns! Dafür arbeiten die Mitarbeiter der Netzleitstelle 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Für eine sichere Versorgung mit Strom, Gas, Wärme und Wasser.“ Wirklich dumm gelaufen. Was für eine Blamage. Fast kommt Mitleid auf.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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