15. Mai 2018

Symposium der Ernst-und-Friedrich-Georg-Jünger-Gesellschaft im Kloster Heiligkreuztal „Der souveränste permanent scheiternde Autor des 20. Jahrhunderts“

Wird es ein Revival geben?

von Florian Müller

Artikelbild
Bildquelle: Black Wizard~dewiki (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons War von Technik erschreckt und fasziniert zugleich: Ernst Jünger (1895-1998)

Vom 23. bis zum 25. März 2018 versammelte sich die Ernst-und-Friedrich-Georg-Jünger-Gesellschaft im Kloster Heiligkreuztal ihrem 19. Symposium. Das diesjährige Treffen stand ganz unter dem Stern der Technik, ein Thema, das beide Jünger-Brüder ihr Leben lang begleitete und sich wie ein roter Faden durch Werk und Überlegungen zog. Egal ob zerstörerische Erfindungen im Ersten Weltkrieg oder stolpernde Fotographiefetischisten in Ernst Jüngers späten Tagebüchern – Technik erschreckt, fasziniert und begeistert.

Freitags begann die Veranstaltung mit den verschiedensten Teilnehmern, eine Handvoll junger Leute traf auf altgediegene Jünger-Jünger, die es seit vielen Jahren zu den Tagungen verschlägt. Zuerst referierte Alexander Michailowski über die Technikkritik Ernst Jüngers, die er in Konstellation zu Martin Heideggers und Friedrich Nietzsches Gedankenwelt setzte. Für Heidegger war Jünger der einzige echte Nachfolger Nietzsches, für Jünger sei der „Wille zur Macht“ keine bloße Theorie. Stattdessen „sehe er das Seiende“ und damit die Ausformungen dieses Willens.

Der Samstag bot eine bunte Mischung aus philosophischen Gedanken und visuellen Eindrücken der frühen Fotographie, die bereits in den 20er Jahren zu propagandistischen Zwecken gegen die verhasste Weimarer Republik eingesetzt wurde. Ob beispielsweise Ernst Jünger am, durchaus als manipulativ zu betrachtenden, Bildband „Der gefährliche Augenblick“ mitgewirkt hatte, war hoch umstritten.

Dem so oft zu kurz gekommenen (zu Recht oder zu Unrecht?) Friedrich Georg Jünger widmete sich Vorstandsmitglied Alexander Pschera, er verglich Friedrich Georgs Technikkritik mit der europäisch-amerikanischen Wahrnehmung der technisierten Moderne, unter anderem mit José Ortega y Gasset, und rückte Jüngers „Perfektion der Technik“ in einen zeitlichen Kontext verschiedener technikkritischer „Epochen“.

Nach einem deftigen Mittagessen in den Gemäuern des Klosters befassten sich die nächsten beiden Vorträge mit Ernst Jüngers Tagebüchern und erörterten die intrinsische und die spezifische Technikkritik seiner Aufzeichnungen. Besonders kontrovers wurde die Diskussion darüber geführt, inwiefern Jüngers Reisetagebücher authentisch seien. Während Jünger-Puristen sich an die wirklichkeitsgetreue Beschreibung der Urlaube klammerten, versuchten ihnen kritische Stimmen Jüngers romantische Berichte, zum Beispiel den „Sarazenenturm“, das Tagebuch über einen längeren Aufenthalt in Sardinien, zu entreißen. Erlebte Jünger die archaische Natur eines abgeschiedenen Eilands? Oder misslang ihm selbst der Rückzug aus der technischen Moderne im sardischen Hinterland, als Nato-Düsenjäger über Cagliari hinwegdonnerten? Bewegt sich Jünger sogar in seinen sonst so „chronistischen“ Aufzeichnungen in phantastischen Welten?

Niels Penke setzte sich aus germanistischer Sicht mit der Technikkritik Ernst Jüngers in seinen am meisten „entschleunigten“ Werken, dem berühmten „Waldgang“ und dem eher unbekannten Roman „Gläserne Bienen“, auseinander. In der Diskussionsrunde traf Penke den Nagel auf den Kopf und bezeichnete Ernst Jünger im Angesicht des Fortschritts und der Technik als den „souveränsten permanent scheiternden Autor des 20. Jahrhunderts“. Eine grandiose Lesung des Schauspielers Michael König vom Burgtheater Wien aus dem „Waldgang“ schloss das Programm ab. In den umliegenden Wirtshäusern der kleinen Ortschaft wurde aber noch lange diskutiert.

Am Sonntag referierte Helmuth Kiesel über „Eumeswil“, das anarchische Spätwerk Jüngers, und das sogenannte Posthistoire, eine philosophische Strömung, die die Geschichte als beendet sieht. In den 80ern und 90ern tauchten mehr und mehr Einschätzungen auf, „nach der Geschichte“ zu leben. Die großen Ideologien seien verbraucht, die Schlachtfelder blieben leer, alles sei bereits gedacht worden. Die Menschheit trete auf der Stelle. Kiesel erörterte, dass man Ernst Jünger als einen, wohl unbewussten, Vordenker des „Posthistoire“ betrachten könne. Er habe Jahre vor der öffentlichen Debatte bereits posthistorische Elemente, wie das der „großen Deponie“, in seinen Tagebüchern und dem Roman „Eumeswil“ zu Papier gebracht.

Insgesamt trafen sich rund 120 Teilnehmer im idyllischen und abgelegenen Kloster, das nur wenige Kilometer vom Schloss Wilflingen entfernt liegt. Dort lebte Ernst Jünger in der Abgeschiedenheit der Stauffenbergschen Försterei, die mittlerweile zum Museum umfunktioniert wurde, um des Jahrhundertschriftstellers zu gedenken. Letzte Programmpunkte am Sonntag: der Besuch des Jünger-Hauses und das Essen im Wilflinger „Löwen“, dem Stammgasthof Jüngers.

Ein wenig skurril mutet es an, wenn an die hundert Teilnehmer am Sonntagmittag mit einem Autokorso durchs verschlafene Schwabenländle düsen, um sich die Heimstätte Jüngers anzuschauen, in der er fast 50 Jahre lebte. Fast so skurril, wie über Technikkritik zu philosophieren, wenn fast jeder ein Smartphone besitzt und der Sprecher über ein Mikrophon die Zuhörer beschallt. Aber vielleicht trifft genau das die Janusköpfigkeit dieses Segenfluchs: Ein perfektionistisches Wunder, zugleich kulturelle Abtötung des Geistes. Moderne Erleichterung und Fortschritt, zugleich Partikularisierung und Entfremdung. Was genau die Technik ist und wie sie auf uns Menschen wirkt, wird schwerlich jemals beantwortet werden. Das wussten auch die Jünger-Brüder. Das bedeutet aber nicht, aufgrund der eigenen Befangenheit den Kopf in den Sand zu stecken. Man muss sich dem Kern der Sache annähern, wie Ernst Jünger es ausdrücken würde: die Technik ins rechte System rücken. Die Brisanz und unvorstellbare Aktualität der Jüngerschen Technikphilosophie, beispielsweise bei den „Gläsernen Bienen“, können, wie einer der jüngeren Teilnehmer in einem Interview betonte, gerade für die neuen Generationen von herausragender Wichtigkeit sein.

Friedrich Georg und Ernst Jünger haben ein gigantisches Werk hinterlassen, das weder in einer breiten Öffentlichkeit noch im Wissenschaftsbetrieb wirklich angekommen ist, aber genügend Potential birgt, es im 21. Jahrhundert an die Spitze der deutschen Philosophie und Literatur zu schaffen. Man muss dem Ganzen nur Zeit lassen, wie einer der Teilnehmer bemerkte. Ob es aber wirklich ein „Jünger-Revival“ geben wird, steht in den Sternen und wird in hohem Maße von der Politik und dem Zeitgeist in Deutschland bestimmt werden, all jenen gesellschaftlichen Faktoren, denen Ernst und Friedrich Georg schon immer skeptisch gegenüberstanden. Denn eines hat die Jünger-Gesellschaft geschafft: unvoreingenommen und unpolitisch sich zwei umstrittenen, aber genialen Autoren zu widmen, die alle Seiten ihr Leben lang für sich einnehmen wollten.

Ernst-und-Friedrich-Georg-Jünger-Gesellschaft

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Blaue Narzisse“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Intellektuelle

Mehr von Florian Müller

Über Florian Müller

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige