16. März 2018

Satire „Ich entschuldige mich für meine Tolpatschigkeit“

Offener Brief des russischen Präsidenten Putin an die Leserschaft der Zeitschrift eigentümlich frei

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock Hatte einen kleinen Aussetzer: Wladimir Putin

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Lesexe und Lesamine, Lesosome, Lesatiden, Lesasonten, Lesarome, Lesafanten und was es heuzutage noch so alles an possierlichen Geschlechtsderivaten gibt, wir freuen uns, Ihnen exklusiv einen offenen Brief des russischen Präsidenten präsentieren zu können, der uns über Quellen, die nicht näher genannt werden wollen (was heute ja nicht unüblich ist...), von einem Nordkoreaner mit iranischen Großeltern zugespielt wurde. Lesen Sie ohne weitere Umschweife nachfolgend die Erklärung Wladimir Putins zum Giftgasanschlag in England.

„Hi. Ich bin‘s, Vlad Putin, der Pfähler aus dem Osten, der Schrecken aus Moskau, der Alptraum aller Unschuldslämmer, Augenaufschlager und Keinwässerchentrüber des Westens. Leute, ich muss mich bei Euch entschuldigen. Für meine Trotteligkeit. Bitte verzeiht. Soll nicht wieder vorkommen.

Wisst Ihr, eigentlich bin ich ein total smarter Typ. Ja, ich weiß, man sollte sich nicht selbst beweihräuchern, macht keinen sonderlich symphatischen Eindruck, aber ich beziehe mich dabei gar nicht auf eine eigene Einschätzung, sondern auf die Eurer eigenen Presse. Gut, man kann sich streiten, inwieweit es sich tatsächlich um ‚Eure‘ handelt, dazu gibt es ja unterschiedliche Meinungen, aber das ist nicht Thema meines Briefes.

Also, in ‚Eurer‘ Presse steht, ich sei ein ziemlich gewitztes Kerlchen. Schon seit Jahren erklären euch ‚Eure‘ Meinungs-Führer (wohin auch immer sie Euch führen wollen, das lasse ich jetzt mal dahingestellt), mit welch überaus subtilen und hochintelligenten Methoden ich Eure Gefilde zu unterwandern und zersetzen versuche. So beschäftige ich beispielsweise eine Armee hochkompetenter Hacker, um Eure sozialen Netzwerke zu trollen und mit Propaganda und Fake News zu fluten, Eure Regierungen anzugreifen, zu destabilisieren und ihnen streng geheime Dokumente zu mopsen, hihi. Auch stelle ich Eurem ausschließlich der Verteidigung der freien Liebe dienenden Bumsbündnis, der NATO (das steht übrigens für ‚Naturgeil-atemloses Totvögeln für Oligarchen‘), ein Bein nach dem anderen und locke sie in strategische Fallen, diese armen Opfer, die überhaupt nicht wissen, wie ihnen geschieht. Auf meiner Lohnliste steht außerdem die gesamte Führungsriege der sogenannten ‚Alternative für Deutschland‘, abgekürzt ‚AfD‘. Alice Weidel zum Beispiel ist, ob Ihr das nun glaubt oder nicht, meine Tochter. Sie ist das Produkt eines wodkaschwangeren One-Night-Stands mit Dolly Buster. Kein Scheiß. Aber das nur am Rande. Auch bastele ich gerne an militärischen Erfindungen, von denen Ihr noch nie was gehört habt: Panzern. Echt jetzt. Ich hab‘ Panzer. Und Ihr nicht. Hehe. War‘n kleiner Insiderwitz. Wenn Ihr seinen Sinn verstehen wollt, fragt den Berthold von der „FAZ“.

Also, um das ganze abzukürzen: Ich bin einer der gescheitesten, subversivsten, heimtückischsten, intrigantesten, verschlagensten, brillantesten Strategen des Planeten, wenn es darum geht, anderen auf‘n Sack zu gehen. Neben mir wirkt ein Professor Moriarty wie ein Taschendieb mit amputierten Händen. So sieht das aus, Freunde.

Allerdings hatte ich neulich einen meiner schlechtesten Momente, was ich auch offen zugebe. Peinlich, so was. Ich schäme mich auch dafür, mich so trottelig, dusselig, ach, einfach komplett bescheuert angestellt zu haben. Sorry. Ich kann manchmal so ein verdammter Vollidiot sein. Warum, fragt Ihr?

Nun, weil mir Chefdeppen törichterweise nix Schlaueres einfiel, als in einer von ‚Eurer‘ Presse ohnehin schon seit Jahren mit antirussischer Hysterie bis zum Anschlag beziehungsweise zum Gewehr bei Fuß aufgebrezelten Atmosphäre einen Anschlag in einem Eurer Länder zu verüben, wobei ich einen chemischen Kampfstoff einsetzte, ein Nervengas, das in Russland entwickelt wurde. Nein, Ihr habt Euch nicht verlesen, war wirklich so. Ich habe dazu ein Nervengift verwendet, das in Russland entwickelt wurde.

Womit ich Schwachmat natürlich nix anderes gemacht habe, als, bildlich gesprochen, meine Fingerabdrücke gleich über den gesamten Tatort zu verteilen. Also, ich weiß wirklich nicht, was da in mich gefahren ist, ich kann es mir einfach nicht erklären, es ist mir ein völliges Rätsel, wie ich mich so ungeschickt anstellen konnte. Statt ein Toxin zu verwenden, das im Westen entwickelt wurde, um diese Untat diesem dann in die Schuhe zu schieben beziehungsweise auf Twitter und Facebook eine entsprechende Verschwörungstheorie verbreiten zu lassen. Ich blick‘ einfach nich‘, wie mir das entgehen konnte.

Aber das ist noch nicht mal das Schlimmste. Nee, dann mach‘ ich das auch noch kurz vor den russischen Präsidentschaftswahlen und außerdem vor dem Hintergrund eines Projekts namens ‚Nord Stream 2‘, bei dem es um russische Gaslieferungen nach Europa geht.

Ich weiß nicht, was ich Euch noch sagen soll. Es tut mir echt voll leid. Ich war so dumm. Bitte verzeiht mir diesen kleinen Ausrutscher, ja? Ich verspreche hiermit, in Zukunft wieder das Verbrechergenie zu sein, das Ihr kennen- und liebengelernt habt. Kuss und Gruß, Euer

Vlad Putin.“


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