27. Februar 2018

„Der Spiegel“ über die Vertrauenskrise der etablierten Medien Päpste ratlos: Warum ist Unfehlbarkeit so unbeliebt?

Wie russisch-syrisch-iranische Häretiker die Qualität des Westens untergraben – und der lässt es ihnen durchgehen!

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock Gebildete Menschen wütend auf die Medien: Warum nur?

„Der Zerrspiegel“, 25. Februar 2018. Ein denkwürdiger Tag. Das Zweite Qualitätsjournalistische Konzil ... nein, warten Sie ... das qualitätsjournalistische Konzil jedes Zweiten, so rum ... veröffentlicht nach einer von ganz ungewohnten Zweifeln geplagten Introspektion eine steilstmögliche Vorlage von Artikel, in dem die völlig unverständliche, absurde Frage aufgeworfen wird, warum gut informierte Menschen – also abgehängte, alte, weiße, rechtspopulistische, in Putins Trollfabriken gedrillte, Baschar al-Assad hündisch verehrende und mit seinen Devotionalien im Darknet handelnde, AfD wählende, Europa hassende, euroskeptische, die reine, göttliche Lehre vom menschengemachten Klimawandel bezweifelnde, Diesel fahrende, sexistische, rassistische, migrationskritische, wertlose, überflüssige, unwerte Scheißmänner aus Sachsen, also kurz: Nazimüll, der den Weg zur totalen Weltrevolution versperrt – neuerdings etwas unwirsch auf die etablierten Seifenblasenmedien reagieren. Das ist ja komisch. Wieso erregen Agitprop-Experten aus den Chefetagen der „freien Presse“, die in recht stattlicher Zahl in den freiesten Denkfabriken geschult und gebrieft wurden, die es je auf globalisiertem Boden gab und sich dort regelmäßig auf den geschicktestmöglichen Sprachgebrauch zur Konditionierung der lieben Kleinen einigen, bloß solchen Unmut? Doch zunächst die mit Abstand witzigste Frage des noch jungen Jahres: „Unter Gebildeten wächst die Wut auf die etablierten Medien – auch auf den ‚Spiegel‘. Zu Recht?“

Selten so gelacht. Was ist das bitte für eine unsinnige Frage? Nein, natürlich zu Unrecht. Warum sollten gebildete Menschen Wut empfinden, wenn man sie ständig behandelt wie Einzeller? Wenn man unentwegt, tagtäglich und über Jahre hinweg mit ihnen spricht, als hätte eine Sonderschule sie wegen ungenügender Leistungen vor die Tür gesetzt?

Wenn ich da mal ein paar Beispiele geben dürfte: Aus welchem Grund sollten sich gebildete (wichtiges Schlüsselwort: gebildet, also fähig, selbständig zu denken, sich weiterzubilden und zu recherchieren) Menschen echauffieren, wenn Lordsiegelbewahrer von Qualität selbst wunderhübsche 17 Jahre – 17 Jahre! – nach 9/11 und obwohl die offizielle Yps-Theorie sogar schon mit wissenschaftlichen Methoden (!) endgültig widerlegt wurde immer noch so tun, als sei mit der regierungsamtlichen Fabel alles in bester Ordnung und jeder, der was anderes behauptet, ein von antiamerikanistischen Ressentiments getriebener Physikfan, der, um das krude Maß vollzumachen, auch noch an Naturgesetze glaubt? Zudem solche, die man schon als Primaner lernt. Geht‘s eigentlich noch?

Warum sollten Leute, die über den deutschen Medientellerrand – und es ist ein verdammt kleiner Teller, einer, den man normalerweise als Spielzeuggeschirr in Puppenhäusern findet – hinauszuschauen und sich in ausländischen Pressepublikationen zu informieren fähig sind, denn bitte aufregen, wenn man ihren Horizont nach Jahrhunderten ehemals durchaus lebendiger und reichhaltiger deutscher Geistes- und Kulturgeschichte jeden Montag – um Gebildeten den Wochenstart zu versüßen, sozusagen – auf Plasberg, Will, Maischberger und den politisch komisskorrekten Umerziehungs-„Tatort“ einzudampfen versucht? Deshalb sollte man wütend werden? Ich kapier‘s einfach nicht. Die deutsche Medienlandschaft eilt momentan doch von einem ideengeschichtlichen Höhenflug zum anderen, das Hirnschmalz boomt, es geht dem dichterischen und denkerischen Substrat doch so gut wie noch nie.

Warum sollten die wenigen verbliebenen sogenannten Hochleistungsträger, also Leute, deren Bewusstsein nach komplexeren Antworten auf die dräuenden Fragen des Lebens dürstet als der, umgefallene Weingläser, geplatzte Kondome, Auffahrunfälle im Nebel auf westlichen Autobahnen, abgebrochene Fingernägel, Wahlerfolge noch nicht vollständig assimilierter Parteien und andere Misslichkeiten des täglichen Lebens seien allein Putins Hexenwerk, ob solcher primitiven Erklärungen in einer stets dümmer werdenden Medienwelt einen gewissen Zorn empfinden?

Und glauben Sie bloß nicht, es gäbe hier eine Untergrenze, einen unüberschreitbaren Zenit der Beklopptheit. Das vergessen Sie mal ganz schnell. Hier ein weiterer schlagender Beweis. Beziehungsweise ein Hirnschlag von Beweis: „Je wütender die Debatte im Netz, desto unregierbarer die USA: Die Reaktionen auf den Amoklauf in Florida zeigen, wie leicht es Putin fällt, soziale Medien zu kapern.“ („Die Zeit“, 21. Februar.)

Ah, jetzt, ja. Putin kapert soziale Medien. Und nutzt Amokläufe politisch aus. In den USA würde man an so was noch nicht mal denken, beispielsweise zum Zweck, die Bürger zu entwaffnen, um sich im Fall der Fälle – also einer kruden Krise größeren Ausmaßes – nicht mehr gegen die bewaffneten Horden der Staatsgewalt wehren zu können. Welcher Gebildete, in diesem Fall vor allem historisch Gebildete, würfe mit solchen grotesken Vermutungen um sich? Denn die Weltgeschichte zeigt doch eindeutig: Überall dort, wo die Leutchens entwaffnet wurden, hatte die Liebe der Herrscher zu ihren Knechten Hochkonjunktur.

Okay, Sarkasmus beiseite: Welcher intelligente Mensch soll so was eigentlich noch aushalten? Welcher Gebildete erträgt solchen dümmlichen Dreck? Welcher Mensch mit mehr als einem feuernden Neuron glaubt so was? Welcher halbwegs brauchbare Kopf nimmt solche Fake News in Endlosschleife dauerhaft kampflos hin, ohne auch mal auf den Tisch zu kotzen?

Warum sollten gut informierte, gebildete Köpfe auch nur eine Augenbraue hochziehen, geschweige denn sich intellektuell regelrecht misshandelt, ja vergewaltigt fühlen, wenn, wie derzeit mal wieder lügenpropagandistisch mit schlicht krimineller Energie – mit krimineller Energie – aufgekocht, der ohnehin schon seit langer Zeit avisierte Krieg in Syrien („Sieben-Länder-Liste“) dermaßen einseitig dargestellt wird, dass ich mich schon ganz ernsthaft frage, ob man in manchen Redaktionsbüros das Wort „Entnazifizierung“ überhaupt buchstabieren kann? Woher dieser Furor, diese glühende Liebe deutscher Schriftführer zum Krieg, mithin Angriffskrieg? Denn um einen solchen handelt es sich ja, wenn auch „über Bande“, sozusagen (hier also über den NATO-Partner Türkei), und damit wäre ich bei der nächsten Frage: Warum sollten sich Gebildete ärgern, wenn die deutsche Presse sich einfach beharrlich weigert, ihre Leser und Zuschauer darüber aufzuklären, dass gewisse Terrorgruppen in Syrien wohlwollende Unterstützung in finanzieller und waffenlogistischer Form von unleugbar Guten erhalten? Wieso wird in deutschen Zeitungen nur sehr spärlich darüber berichtet, dass diese Frage sogar schon im US-Kongress (!) offen diskutiert wurde: Warum finanzieren wir mit amerikanischen Steuergeldern solchen Irrsinn? Nunja, solche Fragen stellen höchstens noch Verschwörungstheoretiker wie Ron Paul oder Lew Rockwell, diese Spinner.

Wieso sollten Gebildete sich langsam an den Kopf fassen, weil sie sich aufgrund ihrer geistigen Kapazitäten selbstverständlich denken können, dass Syrien hier nur als eine Art „Stepping Stone“, als „Türschwelle“ zum ebenfalls seit langer Zeit angedachten Irankrieg dient, der ja nun auch schon seit Wochen in zahlreichen Artikeln hiesiger Kampfblätter rein zufällig kräftig angefixt wird, und warum sollten sie Unwohlsein verspüren, wenn „ihre“ Qualitätspresse entweder nicht willens oder schlicht unfähig ist, sich die erwartbaren Folgen eines größeren militärischen Fratzengeballers in der Region des Nahen Ostens an zwei Fingern auszurechnen, nämlich – neben der obligatorischen Zerstörungsorgie – ein dadurch selbstverständlich noch mal stark ansteigender Migrationsdruck? Und weshalb sollten Gebildete deshalb rassistische Nazifragen stellen wie zum Beispiel die nach der Verkraftbarkeit solcher Menschenströme für Europa und auch Deutschland? Ich meine, die sind doch gebildet!? Warum gibt man sich ausgerechnet in diesen Schichten solchen kruden theoretischen Überlegungen hin, von denen eine Qualitätsgarantin einer Hamburger Wochenzeitung unlängst ganz ernsthaft forderte, man müsse endlich mal was gegen eigenständiges, kritisches Denken („Verschwörungstheorien“) unternehmen und Internet-Dienstleister vielleicht mal dazu verpflichten, solche mit dem Teufel im Bunde Stehenden konsequent von der öffentlichen Diskussion auszuschließen? Ich frage Sie, lieber Leser: Warum sollten denkende Menschen deshalb diesen merkwürdigen, unangenehmen Geruch wahrnehmen, als würden ganz in der Nähe Bücher verbrannt? Wer könnte denn etwas gegen Bücherverbrennungen haben? Doch höchstens jemand, der aus der Geschichte tatsächlich gelernt hat, also alte, weiße Scheißmänner. Irgendwie muss man die ja loswerden.

Tut mir leid, ich verstehe es einfach nicht: Wieso sollten geistbegabte Kreaturen irgendwann einfach mal Schreikrämpfe bekommen, wenn eine der „renommiertesten“ deutschen Zeitungen die – ja hergott noch mal, kein Wunder, dass Wut aufkommt – verlogene Frage stellt, und zwar mit einer an Körper‑, nämlich Hirnverletzung grenzenden Heuchelei, wie es in Libyen eigentlich soweit kommen konnte. Mensch. Woher bloß dieses Chaos. Seltsam. Welch ein Elend dort heute herrscht! Ja, wie kam‘s denn? War da was? Ach so, das meinen Sie! Ja, Moment. Die Werte-Allianz hat über dem nordafrikanischen Land doch nur ein bisschen Frieden abgeworfen. Da muss man doch nicht gleich weinen. Sondern am besten, so der Vorschlag des Artikels, noch ein paar Milliarden hart erarbeiteter Steuergelder mehr reinpumpen für die Folgen eines Krieges, zu dem hier niemand „demokratisch“ befragt wurde und den niemand wollte – außer den federführenden Journalunken vielleicht, die ihn begeistert herbeikrakeelt haben.

For fuck‘s sake: Weshalb sollte vernunftbegabten Wesen angesichts einer leitjournalistischen Attitüde, die alles, aber auch wirklich alles, was nicht passen will, mit heckenscherensprachlicher Gewalt passend zu schnippeln versucht, irgendwann der Bock umfallen? Willst du nicht meiner Meinung sein, bist du ein olles Nazischwein? Hast du zu Fakten auch noch Mut, bist du ein güld‘ner Aluhut? Ja, hallo?

Ja, selbstverständlich haben gebildete Menschen, die besser informiert sind als der massenlobotomedial hirnverkrüppelte Medienkonsument, eine verdammte Scheißwut.

Na, endlich.

„Der Spiegel“: „...dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe“


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