05. Februar 2018

Winfried Kretschmann über Freund und Feind Für eine Osterweiterung der Vernunft

Andere Erfahrungen als schwäbische Luxus-Linke

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Will sich vom Westen nichts befehlen lassen: Osteuropa

Stehempfang der baden-württembergischen Landesvertretung in Brüssel. Ministerpräsident Kretschmann eröffnet seine Rede mit einem Zitat des Diogenes von Sinope: „Um uns zu vervollkommnen, brauchen wir entweder gute Freunde oder hartnäckige Feinde.“ Mit „uns“ meint er die EU beziehungsweise ihren wahren, guten und edlen Kern. Wen er in die andere Kategorie sortiert, ist klar: Putin, Erdoğan und, rhetorisch etwas abgefedert, Trump als die äußeren, die Regierungen Polens, Ungarns und der anderen osteuropäischen Querulanten als innere Feinde (wenn ich mich recht entsinne, gebrauchte er das Wort „Feinde“ nicht noch einmal explizit, es stand ja mit dem Diogenes-Zitat bereits im Raum).

Kretschmann und den Seinen käme nicht im Traum der Gedanke, dass irgendein Argument aus den Ostländern begründet sein könnte, dass man die Welt aus einer anderen als der deutschen EUlaliker-Perspektive sehen könnte, dass weniger die NATO und die EU als vielmehr die politische Vernunft einer Osterweiterung bedürftig sein könnte. Die Osteuropäer haben andere historische Erfahrungen gemacht als der Westteil des Kontinents. Sie haben keine Eroberer- und Kolonialgeschichte und deswegen auch kein jederzeit aktivierbares schlechtes Gewissen der Dritten Welt gegenüber. Stattdessen wurden sie mehrfach selber kolonisiert. Viele dieser Länder litten – zum Teil jahrhundertelang – unter dem osmanischen Joch, was ihre Empfänglichkeit für eine muslimische Masseneinwanderung bis heute sehr reduziert. Diese Länder waren wechselweise von den Nazis und von den Bolschewisten besetzt, die ihre Bevölkerungen dezimierten und ihnen ihre Traditionen nehmen wollten. Nun, nachdem sie Hakenkreuz und Roten Stern abgeschüttelt und wieder durch das christliche Kreuz ersetzt haben, erklärt ihnen die EU – die verheuchelt-reumütigen Nachfahren der Nazis sowie die reuefernen der deutschen Kommunisten vorneweg –, der Halbmond sei eine notwendige Komplettierung der Diversity-Palette. Doch was heißt, es wird ihnen erklärt – es wird ihnen befohlen bei Strafe des Geldhahnzudrehens. Im Westen, diesem Weltteil der Käuflichen, glaubt man nämlich bolzenfest daran, dass jedes Problem überall auf der Welt mit Geld zu lösen sei.

Als in Prag die Sowjet-Tanks einrollten, war Kretschmann AStA-Vorsitzender, später trat er in den Kommunistischen Bund Westdeutschlands ein. Ich werfe Kretschmann keineswegs seine politischen Tics der Vergangenheit vor, ich würde ihm auch nichts vorwerfen, wenn er heute noch Kommunist wäre, aber er soll sich nicht anmaßen, Länder zu schulmeistern, die andere Lektionen zu lernen hatten als ein mit der Gnade der späten Geburt gesegneter bräsiger schwäbischer Luxus-Linker. Immer wieder gern zitiere ich die Aufschrift eines Plakats, das nach der Kölner Silvesterkirmes bei einer deutsch-polnischen Sportveranstaltung im polnischen Fanblock entrollt wurde: „Beschützt lieber eure Frauen statt unsere Demokratie!“ Sela, Psalmenende.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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