01. Februar 2018

Risiken der Kernkraft Wie gefährlich ist Atommüll?

Normaler Giftmüll ist viel schädlicher

von Martin Motl

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Bildquelle: rabedirkwennigsen/Pixabay Atommüll: Der gefährlichste Abfall der Welt?

Deutsche Meinungsmacher tun gern so, als sei Atommüll mit Abstand die gefährlichste Art von Müll, die es überhaupt gibt. Das stimmt aber einfach nicht. Atommüll ist in Wahrheit überhaupt kein Problem. Durch Atommüll ist noch nie irgendein Mensch zu Schaden gekommen. Ganz normaler Giftmüll ist meist schon gefährlicher als Atommüll. Und von diesem Giftmüll produzieren wir auch noch 10.000 Mal größere Mengen. In der BRD gibt es 16 Endlager für chemischen Giftmüll. Im Rahmen der politischen Dialektik nennt man die aber natürlich nicht so, sondern bezeichnet sie als „Untertagedeponie“ oder „Versatzbergwerk“. Zum Beispiel werden allein bei der Untertagedeponie Herfa-Neurode in Hessen werden jedes Jahr etwa 200.000 Tonnen Giftmüll angeliefert. Die Abfälle enthalten unter anderem Quecksilber, Cyanide, polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane sowie Arsen. Allein die in Herfa-Neurode eingelagerte Menge von 83.000 Tonnen Arsen (Stand 2010) reicht schon locker aus, um die gesamte Menschheit zu vergiften.

Dieser Giftmüll bleibt auch nicht nur Millionen Jahre lang giftig, sondern für alle Ewigkeiten. Im Vergleich dazu ist es ein Vorteil, dass Atommüll strahlt und dadurch im Lauf der Zeit seine (Radio‑) Toxizität verliert.

Beim Ausbau erneuerbarer Energie fällt übrigens auch Giftmüll an, der unter Tage entsorgt werden muss. Dünnschicht-Solarmodule beispielsweise enthalten Cadmiumtellurid (CdTe), eine karzinogene Verbindung der giftigen Elemente Cadmium und Tellur, und kristalline Module enthalten giftiges Blei. Ferner gehört die Solarindustrie zu einem der größten Atmosphärenverschmutzer mit den Treibhausgasen Hexafluorethan (C2F6), Stickstofftrifluorid (NF3) und Schwefelhexafluorid (SF6), die gemäß IPCC bis zu 23.000 Mal potentere Treibhausgase als CO2 sind.

Das ist natürlich noch gar nichts im Vergleich zu fossilen Energieträgern und insbesondere Kohle. Bei Stein- und Braunkohlekraftwerken gelangen bei der Verbrennung unter anderem Schwermetalle, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Quecksilber in die Luft. Der BUND bezifferte zum Beispiel den Schadstoffausstoß des Steinkohlekraftwerkes Moorburg bei Vollast pro Jahr auf 7.850 Tonnen Schwefeldioxid und Stickoxide, 785 Tonnen Feinstaub, 3,2 Tonnen Blei, 1,2 Tonnen Quecksilber, 1,0 Tonnen Arsen, 0,6 Tonnen Cadmium und 0,6 Tonnen Nickel, die in die Atmosphäre abgegeben wurden. Ein 1.000-Megawatt-Kohlekraftwerk stößt im Jahr etwa 5,2 Tonnen Uran und 12,8 Tonnen Thorium aus. Damit gibt in Deutschland ein einziges Kohlekraftwerk schon viel mehr Radioaktivität ab als alle Kernkraftwerke zusammen. Es wird geschätzt, dass Kohlekraftwerke in den Vereinigten Staaten allein im Jahr 1982 etwa 155 Mal mehr Radioaktivität freisetzten als der Reaktorunfall von Three Mile Island. Im Vergleich zu unserem ganzen anderen Müll ist Atommüll ein totales Nicht-Problem.

Grob irreführend ist auch immer die Aussage, dass Atommüll Millionen von Jahren strahlt und daher eine ewige Hypothek darstellt. Atommüll strahlt dann am stärksten, wenn man ihn gerade aus dem Reaktorkern geholt hat. Daher muss er dann erst mal ins Abklingbecken. Die Strahlung sinkt dann aber rapide. Und zwar so: Nach einem Monat ist nur noch 25 Prozent der Radioaktivität vorhanden, nach sechs Monaten noch acht Prozent, nach einem Jahr noch fünf Prozent, nach zehn Jahren noch 0,8 Prozent, nach 20 Jahren noch 0,6 Prozent, nach 100 Jahren noch 0,08 Prozent, nach 500 Jahren noch 0,006 Prozent, nach 1.000 Jahren noch 0,003 Prozent und
nach 5.000 Jahren noch 0,001 Prozent.

Das bedeutet: Schon nach zehn Jahren ist man beim Atommüll aus dem Gröbsten raus. Nach 100 Jahren sind keine ernsten Verseuchungen mehr möglich, und nach 1.000 Jahren ist die Radioaktivität so schwach, dass keine echte Gefahr mehr droht. Es gibt haufenweise Orte auf der Welt, an denen die ganz natürliche Radioaktivität viel stärker ist als direkt neben einem geborstenen Fass 1.000 Jahre alten Atommülls. Von einer möglicherweise Millionen Jahre dauernden radioaktiven Verseuchung durch Atommüll kann überhaupt nicht die Rede sein. In Finnland wird gerade ein Endlager für Atommüll gebaut. Bei der Evaluierung spielte die Strahlenschutzbehörde verschiedene Worst-Case-Szenarien durch. Im schlimmsten Fall lösen sich die Fässer sofort auf und das radioaktive Material tritt aus, nachdem man das Lager versiegelt hat. Die dadurch drohende Gefahr liegt bei null, denn der Atommüll würde sich direkt chemisch mit dem umliegenden Gestein verbinden und wäre genauso sicher gelagert wie in Fässern. Das weiß man zum Beispiel vom Naturreaktor in Oklo in Gabun, bei dem Spaltprodukte von natürlich abgelaufenen Kernreaktionen schon seit Millionen von Jahren an Ort und Stelle liegen, ohne sich zu bewegen (oder irgendjemandem zu schaden). Aber selbst wenn es zu irgendwelchen geologischen Bewegungen käme, die den Atommüll irgendwie Richtung Erdoberfläche befördern (im Grunde ein unmögliches Szenario), droht keine Gefahr. Die finnischen Behörden gingen wieder vom Worst Case aus, nach dem es ungefähr 10.000 Jahre dauern würde, bis Müllfässer irgendwie zur Oberfläche wandern könnten. Sagen wir, es gibt in der Zukunft eine Stadt direkt über dem Endlager. Wie hoch wäre die maximale Dosis, die ein Bewohner dieser Stadt abkriegen könnte, der sich das ganze Jahr dort aufhält und sich nur von Trinkwasser und Nahrungsmitteln aus der Region ernährt? Antwort: dieselbe Dosis, die man abkriegt, wenn man zwei Bananen pro Jahr isst.

Dazu kommt, dass es beim Umgang mit Atommüll in den vergangenen Jahrzehnten mehrere technische Durchbrüche gab. Dazu gehören erstens Kernkraftwerke der vierten Generation, wie der schnelle Brüter BN-800 in Russland, die aktuellen Atommüll als Brennstoff weiterverwenden können, zweitens Fortschritte bei der Wiederaufbereitungstechnik, die einen geschlossenen Recycling-Zyklus ermöglichen, drittens Vitrifikation und viertens die „Zerstörung“ von Transuranen durch Transmutation, also der Beschuss mit schnellen Neutronen oder anderen Partikeln.

Insbesondere die Brütertechnologie und die Wiederaufarbeitungstechnik werden dafür sorgen, dass es Atommüll in Zukunft überhaupt nicht mehr gibt. 96 Prozent des derzeitigen „Atommülls“ bestehen ja aus Uran, und ein Prozent aus Plutonium. Das ist eigentlich sowieso kein Müll, sondern Rohstoffe, aus denen noch viel Energie gewonnen werden kann. 0,1 Prozent sind die minoren Actinoide Neptunium, Americium und Curium. Das sind stark radiotoxische Stoffe, aber sie können durch Transmutation zerstört oder ebenfalls in Brütern gespalten und zur weiteren Energieproduktion verwendet werden. Die restlichen 2,9 Prozent sind eine ganze Reihe von Spalt-Endprodukten. Wirklich gefährlich sind davon aber nur die kurzlebigen Isotope Strontium-90 mit einer Halbwertszeit von 28,8 Jahren, Iod-131 mit einer Halbwertszeit von acht Tagen und Caesium-137 mit einer Halbwertszeit von 30,2 Jahren. Die muss man halt ungefähr 200 Jahre lang lagern, bis sie zum überwiegenden Teil zerfallen sind. Damit wäre das Thema Atommüll abgehakt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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Dossier: Sicherheit

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Martin Motl

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