26. Januar 2018

Migration aus Afrika Der Traum vom guten Leben in Europa

Ein sehenswerter Film zeigt drastisch die Probleme

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Für viele Afrikaner das Tor zum Himmel: Ankunft in Europa

Immer noch machen sich Tausende von Afrikanern auf den Weg nach Europa. Die spanische Küstenwache hat nach eigenen Angaben am 13. Januar 2018 etwa 150 afrikanische Migranten im Mittelmeer gerettet. Das Rote Kreuz kümmerte sich um sie und stattete sie mit Decken aus, wie die Nachrichtenagentur AFP meldete. Diese Meldungen sind schon Alltag geworden. Da Italien und Libyen verstärkt gegen Schlepper auf der zentralen Mittelmeerroute vorgehen, weichen immer mehr Migranten wieder auf die Route nach Spanien aus.

Der senegalesische Schriftsteller Abasse Ndione befasst sich in seinen Romanen mit den Gründen und Folgen der afrikanischen Migration. Er sagte bei den Nibelungen-Festspielen in Worms 2015 in einer Rede: „Die führenden Politiker in Afrika haben die Rückschrittlichkeit des afrikanischen Kontinents durch fehlende Visionen, ihre Unfähigkeit, die Probleme der jeweiligen Bevölkerung, von der sie ja gewählt worden sind, in Angriff zu nehmen und zu lösen, und durch die Misswirtschaft ihrer Regime, die auf Veruntreuung öffentlicher Gelder, Korruption, Vetternwirtschaft und Verschwendung aufgebaut sind, zu verantworten. Alle afrikanischen Staatschefs, die nicht bei einem Putsch getötet werden, sterben in europäischen oder amerikanischen Krankenhäusern. Kein einziger hat in seinem Land eine Universität gebaut, in die er seine eigenen Kinder zum Studium schicken würde. Sie haben die Möglichkeiten, nach Europa zu gehen, und nutzen diese auch ausgiebig.“

2012 ist der Spielfilm „Die Piroge“ von Moussa Touré erschienen. Im selben Jahr wurde er beim Filmfestival in Cannes und beim Filmfest München ausgezeichnet. Der Regisseur Moussa Touré ist in Dakar aufgewachsen und wurde einem größeren an Afrika interessierten Publikum durch seinen Film „TGV Express – Der schnellste Bus nach Conakry“ bekannt.

Der eindrucksvolle Film „Die Piroge“, der auf dem gleichnamigen Roman von Abasse Ndione fußt, beschreibt die Bootsflucht von 30 Afrikanern und basiert auf den Erfahrungen von drei jungen Männern. Von einem kleinen senegalesischen Fischerdorf machen sich 40 Bauern aus dem Landesinneren auf, um ihr Glück in Europa zu suchen. Sie haben alle teuer bezahlt für die Überfahrt und träumen von Karrieren als Musiker, Fußballer oder einer Arbeit auf einer spanischen Gemüseplantage. Europa ist die Hoffnung. Viele kennen jemanden, der es geschafft hat, und der Traum vom angeblich unbesorgten, wohlhabenden Leben treibt die Menschen weiter an.

Abasse Ndione schreibt in seinem Buch „Die Piroge“ über die Träume der Migranten: „Sie sahen sich schon in Europa: Bei ihrer Ankunft hatten sie neue Kleider bekommen, waren auf den Kanarischen Inseln in ein Rot-Kreuz-Lager in Quarantäne gesteckt und dort geimpft worden, und man hat sie mit gutem Essen im Überfluss versorgt. Dann, am neununddreißigsten Tag, hatte jeder von ihnen ein Mobiltelefon und 50 Euro erhalten. Am nächsten Tag hatte man sie mit anderen Emigranten aus demselben Lager in ein Flugzeug in Richtung Kontinent gesetzt und sie dann auf die großen Städte des spanischen Königreichs aufgeteilt. Dabei wurde ihnen erklärt, dass sie den Status von Einwanderern ohne Papiere hatten. (Baye Laye und Kaaba empfahlen den Dorfbewohnern, ihre Ausweispapiere zu verbrennen, damit sie von den spanischen Behörden nicht in ihr Land zurückgeschickt werden konnten, S. 23) Sehr bald hatten sie dann in den riesigen landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten begonnen, halfen bei der Weinlese, fuhren auf den Mais- und Weizenfeldern mit dem Traktor, ernteten Zitrusfrüchte, Tomaten und Oliven. Eine tolle Arbeit, viel weniger anstrengend als die harte Feldarbeit, die sie gewohnt waren, sehr gut bezahlt, 1.200 Euro, 800.000 CFA-Francs pro Monat. Ein wahres Vermögen! Die Hauptsache war jetzt, den im Dorf in der ärgsten Armut zurückgelassenen Verwandten Geld zu schicken, eine große Villa zu bauen, Vater, Onkel oder Mutter auf die Pilgerreise nach Mekka zu schicken und eine Toubab, also eine weiße Frau zu heiraten, um zu zeigen, dass man es geschafft hatte, endlich wünschte sich das lang begehrte junge Mädchen, das mit dem armen Verehrer früher nicht einmal sprechen wollte, jetzt nichts sehnlicher, als die Ehefrau des reichen Emigranten zuwerden, der regelmäßig Euros schickte, für schöne Kleider, einen Mercedes, einen Obstgarten, Rinder, eine Zahnprothese, um das Fleisch, das man jetzt kaufen konnte, zu kauen.“ (S. 60/61.)

Eindringlich gezeigt werden, besonders in dem Film, Furcht, Hunger und Krankheit der Emigranten – und ihre nur geringen Überlebenschancen. Angesichts des dramatischen Ausmaßes der Migration könnten Filme wie dieser manchem Afrikaner das hohe Risiko einer Flucht nach Europa vor Augen führen. Allerdings ist es inzwischen ein Statussymbol, die Kinder nach Europa geschickt zu haben. Die Migration nach Europa wurde zum Inbegriff des Erfolgs. Familienangehörige und das Dorf legen zusammen, um die Überfahrt zu finanzieren. Auslandsüberweisungen sind die erhoffte Dividende.

Zahlreiche Popsongs in Westafrika verklären Migranten als Helden. So rechtfertigt der ivorische Reggae-Musiker Tiken Jah Fakoly in „Ouvrez les frontières“ („Öffnet die Grenzen“) die gegenwärtige Auswanderung mit dem Traum vieler junger Afrikaner nach einem besseren Leben. Wer Europa erreiche, habe das große Los gezogen. Jeder Migrant, der es geschafft hat, zieht mit einem Eintrag in den sozialen Medien Freunde und Verwandte nach. Besonders Menschen ohne ausreichende Schulbildung träumen immer noch von einem unermesslich reichen europäischen Paradies, in dem selbst Menschen, die keine Arbeit haben, vom Staat Geld bekommen.

Als ein Beitrag zur immer noch aktuellen Migranten-Problematik ist der Film auch für Europäer unbedingt sehenswert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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