21. Januar 2018

Unwort des Jahres Alternative Fakten zu alternativen Fakten

Eine Wahl, die von mangelndem Verständnis für Fakten zeugt

von Felix Honekamp

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Bildquelle: Gage Skidmore / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0) Kellyanne Conway: Trump-Beraterin und Wortschöpferin

Nun also „alternative Fakten“. Nachdem es im vergangenen Jahr der Begriff des „Volksverräters“ war und im Jahr zuvor der „Gutmensch“, davor 2014 „Lügenpresse“ und 2013 „Sozialtourismus“, hat sich eine – laut „FAZ“ – „unabhängige Jury aus Sprachwissenschaftlern und einem Publizisten“ wieder für ein Wort als „Unwort des Jahres“ entschieden, das nicht nur aus der politischen Diskussion stammt, sondern dort insbesondere aus der Auseinandersetzung der politisch rechten und linken Lager. Zum „Gutmenschen“ hatte ich vor zwei Jahren bereits einen Beitrag geschrieben und meinen Unmut über die Absicht dieses „Preises“ kundgetan. Unwörter – also Nicht-Wörter – gibt es ohnehin nicht (wenn man mal von der Diskussion über den „Schwanzhund“ im Film „Ödipussi“ absieht), aber auch die Diffamierung eines Begriffs, den man nach Ansicht der Jury nicht nutzen sollte, ist eine Vorstufe autoritärer Akte der Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Alternative Fakten

Neutral formuliert es der Initiator des „Unwortes“ so, dass damit der Blick auf Wörter und Formulierungen gelenkt werden solle, „die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“, um dadurch die Sprachsensibilität in der Bevölkerung zu fördern.

Vor diesem Hintergrund ist die Begründung der Jury lesenswert: „Die Bezeichnung ‚alternative Fakten‘ ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen. Zwar ist der Ausdruck nur aus dem US-amerikanischen Kontext und dort nur aus einem einzelnen Redebeitrag belegt: Die Trump-Beraterin Kellyanne Conway bezeichnete die falsche Tatsachenbehauptung, zur Amtseinführung des Präsidenten seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit, als ‚alternative Fakten‘. Der Ausdruck ist seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch in den sozialen Medien, geworden: ‚Alternative Fakten‘ steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen, die dann mit einer Bezeichnung wie ‚alternative Fakten‘ als legitim gekennzeichnet werden. Mit der Wahl dieser Wortverbindung zum Unwort des Jahres 2017 schließen wir uns daher den kritischen Stimmen in Deutschland an, die durch den im Deutschen fast ausschließlich distanzierenden Gebrauch des Ausdrucks warnend auf diese Tendenzen in der öffentlichen Kommunikation hinweisen. Der Ausdruck wurde 65 Mal eingeschickt.“

Die Absicht eines Begriffs

Wie schon beim „Gutmenschen“ argumentiert die Jury in einer ganz anderen Richtung, als der Begriff an sich verstanden werden müsste. Wie die Beraterin Präsident Trumps den Begriff gesehen haben mag, entzieht sich meiner Kenntnis, allerdings wird er seither entweder in abwertender Absicht verwendet („Jaja, alternative Fakten, was?!“) oder ernsthaft dann bemüht, wenn ein Faktum durchaus in unterschiedlicher Weise zu werten sein kann.

„Flüchtlinge entlasten gesetzliche Krankenversicherung“

Zum Glück eilt da ein sehr aktuelles Beispiel herbei. Man kann nämlich – so wird berichtet – faktisch richtig sagen, dass in Deutschland lebende Flüchtlinge (dabei wird vermutlich nicht zwischen Asylanten, Migranten, subsidiär Geschützten und so weiter unterschieden, sei‘s drum) die Krankenkassen entlasten! „Hurra“, ruft da der Gutmensch, „es lohnt sich also doch, sie alle reinzulassen!“ Begründet wird die Schlagzeile durch die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer, wie folgt: „Da die zugewanderten Neumitglieder jünger sind als der Durchschnitt aller gesetzlich Versicherten und darüber hinaus auch noch weniger Leistungen in Anspruch nehmen als die gleichaltrigen bisherigen Versicherten, führen sie zu einem doppelten Entlastungseffekt.“ Sie stabilisierten die Finanzen und stoppten – zumindest vorübergehend – die Alterung der Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherungen insgesamt. „Das ist ein erstaunliches Phänomen, mit dem noch vor einigen Jahren wohl niemand gerechnet hätte“, so Pfeiffer.

Mit einem solchen positiven Effekt hatte wohl in der Tat niemand gerechnet, wobei die Argumentation durchaus einsichtig ist: Wer jünger ist, wird im Schnitt weniger krank und entlastet damit ein System, das für Junge wie Alte die gleichen Leistungen bereitstellt.

„Flüchtlinge belasten das Gesundheitssystem!“

Gleichzeitig kann man aber ebenfalls behaupten: „Flüchtlinge belasten das Gesundheitssystem!“ Nanu, wie das? Ein kleiner, aber immerhin zum Beispiel bei NTV nicht verschwiegener Aspekt kommt hier zum Tragen: „Das Geld kommt vom Bund.“ Die weitaus überwiegende Zahl der Betroffenen verfügt nämlich über kein eigenes Einkommen; ihre Beiträge werden dann „von den Behörden“ übernommen. Das Geld, das die Krankenkassen da entlastet, kommt also vom Staat oder – Sie ahnen es – von den Steuerzahlern als erweiterter Solidargemeinschaft des Gesundheitswesens. Interessant übrigens, dass dieser Zusammenhang in manchen Medien (wie zum Beispiel im Branchenmagazin „Ärzteblatt“) zu erwähnen „vergessen“ wurde.

Beide Schlagzeilen – „Flüchtlinge entlasten gesetzliche Krankenversicherung“ und „Flüchtlinge belasten Gesundheitssystem“ – sind also durchaus richtig, wobei die erstere einen nicht ganz unwichtigen Aspekt unberücksichtigt lässt, gelogen ist sie deshalb noch nicht. Alternative Fakten!

Absicht und Wirklichkeit

Interessant ist das Beispiel auch deshalb, weil das „Unwort“ auch in diesem Jahr wieder mit einer eindeutigen Stoßrichtung gegen angeblich „rechte“ Fake News prämiert wurde, während hier ein alternatives Faktum gerade nicht aus der rechten Ecke lanciert wurde. Alternative Fakten – auch wenn man sie dort ungern so nennen würde – sind also recht unabhängig von der politischen Herkunft und, positiv beschrieben, eher eine Frage der Perspektive denn der Objektivität. Mit einem Begriff wie „alternative Fakten“ kann man also mithin deutlich machen, dass es tatsächlich zu den meisten Ereignissen eine „Wahrheit“ gibt, die auch erkennbar und jede Theorie dazu also falsifizierbar ist. Die ganze Wahrheit und insbesondere die Bewertung dieser Wahrheit ist aber dennoch oft eine Frage des Kontextes. Wenn man also mal davon absieht, dass es ganz objektiv kein Unwort gibt, die Prämierung eines Unwortes auch grundsätzlich dem „Handbuch des kleinen Diktators“ entspringt und hier konkret von einer völlig falschen Definition dieses Unwortes ausgegangen wird, so stellt sich zusätzlich heraus, dass man auch noch ein Wort in den Senkel stellt, das eigentlich eine hohe Nützlichkeit aufweisen könnte.

„Babycaust“

Die Initiative „Unwort“, für die das Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt verantwortlich zeichnet, weist übrigens als Kriterien für „Unwörter“ aus, dass diese „gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen“, „gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen“, „einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren“ oder „euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind“. Fälschlicherweise bezieht man sich bei den „alternativen Fakten“ wohl auf den letzten Aspekt. Da der aber schon nicht stimmig gewählt ist, fragt man sich, warum eigentlich der mit einem deutlichen Abstand von 122 zu 65 Nennungen weit öfter eingebrachte Begriff des „Babycaust“ nicht zum Unwort des Jahres gekürt wurde, mit dem der Skandal der stabil bei einer Zahl von rund 100.000 pro Jahr vorgenommenen Abtreibungen gebrandmarkt wird. Der passt in der Tat auch nicht in das Bewertungsraster, hätte mit einer Wahl aber ein Thema in die Schlagzeilen gebracht, das dort wirklich hingehört.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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