29. Dezember 2017

Was mir dieses Jahr zu Weihnachten geschenkt wurde Mit guten Absätzen ins neue Jahr

Ich bin nicht groß genug

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock Neue Absätze: Keine Angst vor den „Großen“!

Na, das ist aber profan. Kein sonderlich originelles Geschenk. Schuhe. Mit guten Absätzen. Hoffentlich läuft es sich gut in ihnen. Hm.

Dummerchen. Ich meinte natürlich nicht Absätze von Schuhen. Sondern sich abzusetzen. Sich zu ver-rücken. In den letzten Monaten des Jahres 2017 hatte ich schwer mit mir selber zu kämpfen. Unnötig, hier auf die Details einzugehen, die verarbeite ich gerade an anderer Stelle schriftlich; ich präpariere sie wie ein Entomologe, um sie besser studieren zu können. Es schien, als hätte ich einen Konvergenzpunkt erreicht, an dem sämtliche Erfahrungen der Vergangenheit sich zu einem Gesamtbild verdichten wie ein Zwischenstopp, an dem man Rast macht, um zu verschnaufen, zu sich zu kommen, die Kleidung zu wechseln und neue Kraft für die Weiterreise zu tanken. Es waren teilweise sehr persönliche Erfahrungen, die scheinbar nichts mit dem Wunsch nach Absatz zu tun hatten. Letztendlich aber ließ sich aus ihnen derselbe Schluss ziehen, sie hingen wie Waggons an derselben Lebenslok.

Vorsätze? Wollte ich ursprünglich schreiben. Ich mag dieses Wort nicht mehr. „Vorsatz“, „ich habe gute Vorsätze“, das klingt für mich fast wie Betrug, und oft ist es das auch, Selbstbetrug. Selbsttäuschung und -illusion. Ich setze – oder mache – mir etwas vor. Dies und jenes will ich noch bewältigen. Versprochen! Jaja. Lass gut sein.

Nein, das, worum es mir hier geht, liegt längst hinter mir. Deshalb fällt es mir auch so schwer, überhaupt noch Artikel und Kolumnenbeiträge zum aktuellen Weltgeschehen zu schreiben, oder zur Politik in Europa und Deutschland. Denn was ich dort sehe, erscheint mir, als ginge ich durch ein Museum, in dem Schlachtfelder der Vergangenheit kunstvoll hergerichtet in Vitrinen auf neugierige Besucher warten: Siehst du, so war das damals. Ich sehe nur noch untergegangene Reiche. Ich sehe Roms Ruinen. Und die Ägyptens. Und Griechenlands, oder Persiens. Alexander der Große, Karl der Große, ach hört doch auf. Die mussten sich genauso den Hintern abwischen wie alle anderen auch.

Davon habe ich mich mental längst abgesetzt. Und mit diesen guten Absätzen starte ich ins nächste Jahr: Axel, das hast du nicht mehr nötig. Hör doch auf, antiken Relikten hinterherzuschreiben.

Ich bin circa 1,89 Meter groß. Manche glauben, das sei stattlich. Lächerlich. Ich bin klein. Zu klein für diese Welt.

Sehen Sie, ich habe nie den Angriffsbefehl zu einem Krieg gegeben, nie meine präsidiale Unterschrift daruntergesetzt, ein Krieg, in dem Tausende, Hunderttausende oder gar Millionen unsinnigerweise gegeneinander kämpfen und sterben, weil sie mich für groß halten. So toll bin ich nicht. So groß bin ich nicht. Da kann ich nicht mithalten. Gegen so was komme ich nicht an, da muss ich passen.

Ich habe nie Millionen und Milliarden um den Globus bewegt und damit ganze Märkte oder den wirtschaftlichen Kurs eines ganzen Landes beeinflusst. Dafür bin ich zu klein.

Ich habe nie an der Spitze einer Regierung gesessen und politische Entscheidungen getroffen, die das Leben von Millionen Menschen tangieren. Dafür bin ich nicht groß genug. Noch problematischer aber ist, dass sehr viele meiner Mitmenschen sich so klein machen, dass aus ihrer Perspektive solche Entscheidungen groß und wichtig erscheinen, wie Monstranzen, vor denen man sich beugen und fürchten müsse, so wie ein Kind nachts mit gebanntem Blick auf den Kleiderschrank starrt, als könne jeden Augenblick ein Ungeheuer herausspringen. Diese Gutenachtgeschichte haben ihnen die Märchenmedien ja über Jahrzehnte vorgesungen: Soll der Staat das Licht für dich anlassen, mein Kind?

All das liegt hinter mir, und ich habe ganz einfach akzeptiert, dass ich nur ein kleiner, bescheidener Scheißer von Mensch bin. Ein kleiner Menschenkacker, sozusagen. Der keine Macht hat – und sie auch gar nicht wollte, selbst wenn sie ihm angeboten würde. Denn davon habe ich mich abgesetzt, vom Nero in mir, der durch die Jahrhunderte die Welt immer wieder in größenwahnsinnigen Paradigmenbrand steckte und dies heute, zu dieser Stunde, erfolgreich zu wiederholen droht: Wir wollen die Welt einheitlicher machen. Wir wollen die Welt friedlicher und sicherer machen. Wir wollen das Klima retten. Wir brauchen noch mehr Europa. Wir brauchen eine Bürgerversicherung, weil wir zu feige sind, offen zuzugeben, dass nur deshalb noch mehr Menschen in einem einzigen Topf verrührt werden sollen, damit man mehr Macht über sie hat. Sie besser verherden kann. Das war‘s nämlich auch schon, das ist der wahre Grund: Sie sollen Borgdrohnen werden. Soll niemand dem Imperium entkommen. Verbote, Verbote, Verbote. Was wir dürfen, was wir nicht dürfen. Oder nicht wissen sollen. Wir müssen uns gegen Russland verteidigen. Und Nordkorea. China auf dem Vormarsch. Und erst der globale Terror. Hast du Angst? Kein Problem: Wir lassen das Licht für dich an und stellen eine Kamera auf. Die erfasst potentielle Gefährder automatisch, damit du besser schlafen kannst. Dank einer neuen, fälschungssicheren, nicht zu manipulierenden Software – noch sicherer als bisher für dich gedacht. Wie ich diese doofen Gutenachtgeschichten satt habe. Welch ein Kindergarten.

Wissen Sie, ich habe schon mehr als genug damit zu tun, mein Ich mit anderen Egos halbwegs friedlich und kooperativ klarkommen zu lassen. Damit sind meine Kapazitäten schon ausgelastet genug, ja fast erschöpft: Lerne doch bitte erst mal dich selbst kennen und mit dir selber friedlich zu existieren, bevor du glaubst, genau zu wissen, was gut oder besser für andere sei. Obendrein Millionen. Das ist ja grotesk, wie du dich aufblähst.

Ich habe dieses Jahr einen Menschen, an dem mir sehr viel lag, sehr verletzt und verschreckt. Es war keine Boshaftigkeit, es steckte keine böse Absicht dahinter. Ich habe diesen Menschen aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, schwer enttäuscht. Wie bitte sollte ich da als Kanzler, Ministerpräsident oder Chef der Euro-Gruppe Abermillionen „glücklich“ machen? Wenn meine Fehler und Schwächen schon einem einzigen genug zugesetzt haben?

Auf diesem Absatz drehe ich mich um und werde im neuen Jahr, so gut es mir irgend möglich ist, nur in meinem kleinen, privaten, moderaten Umfeld versuchen, so gut zu sein, wie ich kann. Beziehungsweise nach meiner Definition davon zu leben. Genügt mir völlig.

„Die Welt zittert vor Kim Jong-un.“ Ich lache Tränen. Die Welt soll also zittern vor einem kleinen Menschen, der aus irgendeinem Grund, den ich einfach nicht mehr verstehen, nicht mehr erfassen kann, Millionen und Abermillionen in Furcht und Schrecken versetzen soll. Man sollte es mit der Bescheidenheit nun auch nicht übertreiben. Denn so klein sind diese Abermillionen auch wieder nicht, wie sie durch Angstpropaganda in Dosen für Kaffeesahne auf den Konferenztischen „großer“ Entscheider über den Weltfrieden gepresst werden. So klein sind sie nicht, dass man sie als politisches Karrierekoks durch die Nase ziehen könnte.

Und tschüss, alte Welt. Du hast dich zu sehr ausgedehnt, bis zum technokratischen, omnipotenzphantastischen Kältetod. Ich betrete jetzt eine neue, sehr viel überschaubarere, kleinere, bescheidenere, menschlichere, liebevollere, wärmere. Schon klar, deine Ruinen werden geraume Zeit zur Verwitterung brauchen. Ich werde mich noch ein Weilchen durchs Forum Romanum bewegen müssen.

Aber Steine schleppen für dich werde ich nicht mehr.


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