13. Dezember 2017

MeToo Nun kriecht auch Slavoj Žižek zu Kreuze

Anekdoten der Anmache

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Amrei-Marie (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons Erzählt gerne Anekdoten: Slavoj Žižek

Nun kriecht auch der gute Slavoj Žižek zu Kreuze: „Es gibt Hunderte Arten, Frauen sexuell auszunutzen. Frauen bringen jetzt die dunkle Kehrseite unserer öffentlichen Behauptungen von Gleichheit und gegenseitigem Respekt ans Tageslicht. Dadurch sehen wir uns plötzlich mit der Einsicht konfrontiert, wie heuchlerisch und einseitig unsere in Mode gekommene Kritik an der Unterdrückung der Frauen in muslimischen Ländern war und ist: Nun müssen wir uns der eigenen Realität von Unterdrückung und Ausbeutung stellen.“

Wir wollen uns hier gar nicht auf den Verhältnisschwachsinn einlassen, der die Unterdrückung der Frauen in Pakistan, Saudi-Arabien oder im Sudan mit der angeblichen im Westen vergleicht, die sich wesenhaft in Quoten, Gleichstellungsbeauftragten, Frauenförderung, Frauenparkplätzen, Frauengesundheitsprogrammen, Gender-Professorinnen, geschlechtergerechter Sprache, der Bevorzugung weiblicher Bewerber bei gleicher Qualifikation, der beruflichen Vernichtung von Männern durch Sexistenprozesse und Rufmord und so weiter und so weiter zeigt, sondern nur hinzufügen: Es gibt auch Hunderte Arten, Männer sexuell auszunutzen. So funktionieren strukturell binäre Gesellschaften eben. Die Mädels, die mit Harvey Weinstein in die Kiste gingen, kamen deutlich weiter voran als diejenigen, die es nicht taten. (Und seien wir mal ehrlich: Einige der besten Filme wurden doch von ihm produziert.) Sex ist ein Deal. Übrigens auch unter Lesben. Es gibt keine Gleichheit der Geschlechter, und sie ist auch nicht erstrebenswert, weder kulturell noch sittlich. Es gibt aber ein Strafrecht – nur dass die sogenannte Zivilgesellschaft gerade versucht, es mit der Revitalisierung der barbarischen Ineinssetzung von Anklage und Schuldspruch, mit der Etablierung moderner Hexerjagden auszuhebeln. Das ist der eigentliche Skandal. Fragen Sie Herrn Kachelmann. Und auch im Casus Weinstein sind wir über das Stadium der reinen Beschuldigung nicht hinaus. In Rede steht „einvernehmlicher Sex“ zum Zwecke beruflichen Fortkommens der einen sowie der Stillung sexuellen Verlangens der anderen Seite. Ein Deal. Bis zur Verurteilung gilt unter Zivilisierten die Unschuldsvermutung.

Interessanterweise hat zu Zeiten schlimmster patriarchalischer Herrschaft (im Westen, nur im Westen) die einfache Ohrfeige fast immer ausgereicht, um einen aufdringlichen Kerl zur Besinnung zu bringen, und dessen Furcht vor einem Skandal (und vor anderen Männern) genügte, um die Sache zu erledigen. Kriegen die Schwestern das heute nicht mehr hin? (Außer abends beim Joggen, wenn der Neumitbürger aus dem Gebüsch kommt, da lässt frau es besser, da schadet es eher.)

Wie immer erzählt Žižek aber auch eine reizende Anekdote: „Kürzlich übernachtete ich in einem Hotel in Skopje. Meine Begleitung (einvernehmlich? – M.K.) fragte, ob das Rauchen in unserem Zimmer gestattet sei. Die Antwort, die ihr vom Personal an der Rezeption gegeben wurde, war köstlich: ‚Selbstverständlich nicht, das ist von Gesetzes wegen verboten. Aber es gibt Aschenbecher auf Ihrem Zimmer, also sollte das kein Problem sein.‘ Als wir das Zimmer betraten, stand tatsächlich auf dem Tisch ein gläserner Aschenbecher. Auf seinen Boden war ein Zeichen mit einer durchgestrichenen Zigarette gepinselt.“

Im Grunde ist das auch eine schöne Illustration zum Problem der noch vor kurzem „Anmache“ genannten sexuellen Belästigung (die Tölpel hören jetzt mal weg): Sie ist inzwischen nahezu verboten – aber machen Sie ruhig, wenn Sie gewisse Signale spüren. Meistens klappt‘s.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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