02. September 2015

„Der Begriff Entfremdung“ von Joachim Israel Totalitäres Denken im Namen der „Wissenschaft“

Wer sich nicht entfremdet fühlt, hat das „falsche Bewusstsein“

von Michael Blume

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Bildquelle: shutterstock Spüren ihre Entfremdung nicht: Arbeiter

Für mich gibt es zwei Varianten der wundervollen Bücher-Schatzsuche: Digital streife ich gerne durch die eBook-Sortimente auf der Suche nach unentdeckten Perlen gerne auch unbekannter Autorinnen und Autoren zu günstigen Preisen. Und real komme ich an keinem Bücher-Grabbeltisch vorbei, ohne nach Werken zu stöbern, die mich überraschen könnten. Und so sprang mir an einem Kiosk am Stuttgarter Schlossplatz ein Titel zu einem Thema ins Auge, das mich schon länger interessiert hatte: „Der Begriff Entfremdung“.

Der Autor, Prof. Joachim Israel (1920-2001), war nicht nur ein jüngerer Zeitgenosse von Prof. Friedrich August von Hayek (1899-1992), sondern hatte auch wie dieser (NS-) Deutschland verlassen. Doch während zweiterer in Großbritannien zu einem bedeutenden Vertreter des Liberalismus wurde, wandte sich ersterer in Schweden dem Sozialismus und Marxismus zu.

In seinem „Entfremdung“-Buch von 1972 entschlüsselt Israel den marxistischen Zentralbegriff nicht nur aus den Schriften von Karl Marx (1818-1883) selbst, sondern vergleicht ihn mit Ansätzen von Max Weber, Georg Simmel, Emile Durkheim, Erich Fromm und anderen. Das historische und philosophische Niveau ist dabei erstklassig – und ich konnte das Buch vor lauter neuen Einsichten und Aha-Erlebnissen kaum weglegen. Ich war allenfalls verwundert, dass Israel zwar aus Marxens „Zur Judenfrage“ zitierte, aber kein Wort zu den darin enthaltenen antijüdischen Aussagen verlor.

Knapp komprimiert kommt Israel zu dem Ergebnis, dass laut Marx eine Entfremdungserfahrung dann eintritt, wenn Menschen nicht mehr für sich selbst und den Tausch produzieren, sondern für den Geldmarkt. Nicht nur das Produkt werde unter den Bedingungen von Privateigentum und Kapitalismus also zur „ent-fremdeten“ Ware, sondern schließlich auch der Arbeiter als ersetzbare „Arbeitskraft“ selbst!

Hier liegt also im Kern eine soziologische These vor, deren psychologische Auswirkungen empirisch überprüft werden können! Durchaus spannend!

Doch umso weniger war ich auf die „kalte Dusche“ gefasst, die mich erwartete, als es schließlich um diese wissenschaftlich doch entscheidende Frage ging, ob und wie sich die marxistische Entfremdungstheorie denn empirisch (also an den beobachtbaren Befunden) überprüfen ließe. Denn hier schlägt die differenzierte Gelehrsamkeit Israels plötzlich in einen beinharten Dogmatismus um!

Die empirische Falsifikation des Marxismus als „falsches Bewusstsein“

So setzt sich der Professor mit dem empirischen Befund auseinander, der sich auch aus der Befragung von Arbeitern ergebe: „Einige Personen haben überhaupt keine Erfahrung der Entfremdung.“ (S. 107)

Man sollte jetzt doch erwarten, dass Israel hier, wenn schon nicht eine glatte Widerlegung, dann doch eine zu behebende Schwäche der marxistischen Theorie erkennen würde. Doch weit gefehlt – mit dem betont atheistischen Glauben an die „objektiven Entfremdungsprozesse“ verwirft er nicht etwa die Theorie, sondern die Fakten (beziehungsweise die Berichte der Menschen)! „Das Individuum ist so entfremdet, dass es die Erfahrung seiner eigenen Entfremdung nicht mehr machen kann. Diese Situation könnte mit der eines geistig Kranken verglichen werden, dem die Einsicht in die eigene Krankheit fehlt.“ (S. 107)

Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Mensch, der nicht die marxistisch vorgeschriebenen psychologischen Erfahrungen berichtet, wird hier umstandslos zum „geistig Kranken“ umgedeutet! „‚Unbewusste‘ psychische Entfremdung kann tiefgreifende Konsequenzen für das soziale Handeln des Individuums haben. Wenn es seinen Zustand als ‚normal‘ empfindet, wird es kaum die gesellschaftlichen Bedingungen reflektieren, die Entfremdung verursachen. In diesem Fall ist das Individuum in einem Zustand des fehlenden ‚Klassenbewusstseins‘ – um einen Begriff der Marxschen Theorie zu verwenden.“ (S. 108)

Und offensichtlich ungerührt von den längst bekannten Umerziehungs-, Straf- und Todeslagern des Stalinismus wie auch des gerade (1968) blutig niedergeschlagenen „Prager Frühlings“ formuliert Israel: „Mangelnde Einsicht in die eigene Krankheit bedeutet, dass das Subjekt die Symptome, die von einem Experten beobachtet werden, nicht selbst erfährt und/oder die Maßnahmen nicht versteht, die zur Veränderung der Situation getroffen werden müssen. Bei schweren Fällen mangelnder Einsicht in die eigene Krankheit kann das Individuum ohne eigene Einwilligung in eine Nervenklinik gebracht werden.“ (S. 108)

Und damit auch völlig klar ist, dass hier gerade auch Arbeiter gemeint sind, die es wagen, nicht-marxistische Erfahrungen und Gedanken zu haben, setzt er der unbotmäßigen „Person“ mit „falschem Bewusstsein“ nach: „Ihre soziale Position, zum Beispiel als schlecht bezahlter Arbeiter in einem kapitalistischen Unternehmen, sollte ihr Bewusstsein auf eine Weise bestimmen, dass sie sich ihrer Arbeit und den Bedingungen ihrer Arbeit widersetzt.

Wenn das Individuum dies unterlässt, da es seine Arbeit weder als unnatürlich empfindet, noch den Inhalt und die Bedeutung seines eigenen Verhaltens versteht, so hat es ein ‚falsches Bewusstsein‘. Das bedeutet, dass es entfremdet denkt. Es fehlt ihm an ‚Einsicht in seine Krankheit‘, da es seinen Zustand der Entfremdung nicht versteht.“ (S. 111)

Wenn es die Betreffenden selbst laut dieser Annahmen nicht zuverlässig können – wer könnte dann entscheiden, was ein „gesunder“ Arbeiter zu denken und zu fühlen hat? „Daher schließen sich die Intellektuellen, die sich von den Fesseln ihres eigenen sozialen Hintergrunds befreit haben, zu einer Elite zusammen. Die ‚fortgeschrittensten Mitglieder‘ dieser Elite formen die kollektive Führung der politischen Organisationen, die die ‚wahren‘ Interessen der Arbeiterklasse repräsentieren.“ (S. 118)

Diese über den Klassen stehende Einsicht in die „objektiven Entfremdungsprozesse“, die letztlich auch über das Schicksal aller anderen entscheidet, könnten laut Israel tatsächlich nur marxistische Intellektuelle haben – nicht zum Beispiel widerstrebende Arbeiter und auch nicht andere „Klassen“. „So neigen Kleinbürger als Klasse nach Marx dazu, sich einzubilden, sie seien über Klassenantagonismen im allgemeinen erhaben.“ (S. 124)

Hier wird also sehr deutlich, warum der dogmatische Marxismus die liberale Idee der Menschen- und Freiheitsrechte ebenso verwarf wie das Prinzip freier und demokratischer Wahlen. In der hier entworfenen „Diktatur des Proletariats“ haben tatsächlich nicht einmal die Arbeiter „eine Wahl“ darüber, was sie denken und fühlen dürfen – wenn sie nicht als „geistig krank“ ausgesondert und „behandelt“ werden wollen! Die vermeintlich „objektive Wahrheit“ ist von marxistischen Intellektuellen bereits „erkannt“ und kann empirisch nicht mehr falsifiziert werden!

Wenn „Wissenschaft“ missbraucht wird

Dieses totalitäre Denken im Namen von „Wissenschaft“, dem wir hier begegnen, ist natürlich nicht auf den Marxismus beschränkt. Auch zum Beispiel in der frühen freudianischen Psychoanalyse galt eine Leugnung von Verdrängung – als Beweis besonders starker Verdrängung! Eine empirische Widerlegung war damit faktisch unmöglich.

Ebenso bezeichnete Richard Dawkins im Namen der Evolutionsbiologie religiösen Glauben pauschal als „Gotteswahn (God Delusion)“ – völlig unabhängig davon, dass religiöse Menschen empirisch gesehen im Durchschnitt glücklicher und evolutionär erfolgreicher (kinderreicher) sind. Auch das Scheitern früherer, vergleichbarer Antitheismen vermag viele seiner Anhängerinnen und Anhänger nicht zum Nachdenken zu bringen.

Ebenso haben reduktionistische Zweige der Ökonomie beispielsweise mit Homo-oeconomicus-Modellen empirisch nicht überprüfbare Theorien errichtet, auf deren Basis falsche Ratschläge gelehrt und erteilt wurden (und zum Teil noch werden). Religiöse Fundamentalisten quer durch alle Weltreligionen lehnen unter den Bannern von anti-evolutionären Kreationismen und Intelligent Design ebenfalls jede ehrliche Auseinandersetzung mit empirischen Befunden ab.

Und begünstigt durch das Internet basteln sich heute auch zum Beispiel Impfgegner, UFO- und Chemtrail-Verschwörungsglaubende eigene Blasen zusammen, die nicht mehr überprüft und also auch nicht mehr sinnvoll diskutiert werden können. Nicht mehr große, kirchenähnlich organisierte Ideologien, sondern kleine Radikalisierungsblasen scheinen ein Ergebnis medialer „Retribalisierung“ (McLuhan) zu sein.

Weltanschauung und Wissenschaft

Empirisch beobachtbar ist, dass alle Menschen auch weltanschauliche Annahmen brauchen und haben, die selbst nicht wissenschaftlich entscheidbar sind: Ob es Gott gibt oder nicht, ob Menschenrechte universelle Geltung haben sollten, ob „das Leben einen Sinn hat“ oder nicht und vieles mehr gehört ebenso dazu wie zum Beispiel die Frage, wie genau Sie „Wahres, Gutes und Schönes“ definieren, ob und wen Sie wann heiraten und wie vielen Kindern Sie das Leben schenken sollten und vieles mehr. Wissenschaftlich-empirisch lässt sich die Entstehung („Genese“) dieser Ideen und Werte durchaus erforschen, nicht aber ihre subjektive Geltung für Sie.

Kein Mensch lebt „nur von und in den Aussagen, die sich beweisen lassen“.

Doch gefährlich wird es, wenn Menschen „im Namen der Wissenschaft“ ihre eigene Weltanschauung als letztgültige „objektive Wahrheit“ ausgeben – zu der Widerspruch also ein (bösartiger?) Irrtum oder gar eine „geistige Krankheit“ sein müsse. Dann wird es totalitär.

Joachim Israels „Entfremdungs“-Buch ist ein eindrucksvolles Dokument dafür, dass auch kluge, hoch gebildete und sicherlich wohlmeinende Menschen in diese Denkfallen tappen können, die sich noch „wissenschaftlich“ nennen, sich aber längst gegen jede empirische Überprüfung abgeschottet haben. Ob es ihm später wohl noch gelang, aus dem selbstgebauten, marxistisch-dogmatischen Denkgefängnis auszubrechen? Ich erwäge ernsthaft, mich auf die Suche nach einem seiner Spätwerke zu machen...

Mein Fazit aus dem „Begriff Entfremdung“: Gerade auch Intellektuelle sollten nicht nur „kritisch“ gegenüber „der Gesellschaft“ oder „dem System“ sein – sondern auch gegenüber den eigenen Gedanken und weltanschaulichen Annahmen. Die liberalen Menschen- und Freiheitsrechte sind eben kein überflüssiger Luxus, sondern ein Schutzwall gegen selbsternannte „Experten“ für „objektive Wahrheit“, die uns ihren Ideologien unterwerfen und fremdbestimmen wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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