30. Juni 2014

Google Ein Gespenst geht um in Europa

Keine Angst vor Daniel Bahr und Erich von Däniken

von Sascha Tamm

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Datenkapitalismus. Seine gefährlichste Inkarnation ist derzeit Google. Doch Rettung naht – immer mehr unerschrockene Freiheitskämpfer erheben ihre Stimme, um uns Europäer vor diesem Gespenst zu schützen. Gerade hat sich Gabor Steingart mutig in der ersten Reihe der Widerstandskämpfer positioniert: In einer Zeitung, die sich mehr und mehr als Zentralorgan der Streiter für digitale Selbstverteidigung profiliert, ruft er uns zu den Waffen. Und er fügt sich nahtlos ein in die Phalanx großer Freiheitsdenker, die „uns“ aus der Google-Knechtschaft befreien wollen. Wie bei den anderen politischen Google-Kritikern sind seine Argumente jedoch logisch fragwürdig, zumeist demagogisch und kollektivistisch.

Ich beginne mit einem halbwegs nachvollziehbaren Argument, das Steingart, übrigens Mitglied der Geschäftsführung der Verlagsgruppe „Handelsblatt“, bringt. Zeitungs- und Buchverlage sollten für Inhalte Geld nehmen. Bitte, kein Problem. Das hat nur sehr wenig mit Google zu tun. Diese Möglichkeit besteht schon, und sie wird von einigen Anbietern mehr genutzt, von anderen weniger. Es wird von den potentiellen Käufern der Inhalte abhängen, wer damit wie viel Erfolg hat. So what? – könnte man an dieser Stelle fragen. Diese Waffe gegen Google ist legitim, und deshalb: Feuer frei. Die Folgen werden wir sehen – bei Misserfolg bitte nicht jammern.

Das einzige, was mir hier aufstößt, ist die dauernde Rede von „uns“ und „unseren“ Autoren. Also mir gehören sie jedenfalls nicht, und zu dem „Wir“, von dem mein Möchtegern-Befreier redet, gehöre ich nicht. Aber das kann ja noch kommen.

An dieser Stelle noch eine kleine Nebenbemerkung: Steingart behauptet, dass alle Inhalte, auf die Google verlinkt, von den Autoren von Verlagen, die übrigens große Angst vor Google haben, produziert wurden. Diese Aussage disqualifiziert sich von selbst. Mir sind durchaus einige Beiträge bekannt, die ich mit Gewinn gelesen habe, und die nicht von Autoren der von Steingart angeführten Verlage stammen.

Steingart und Co. wollen also mehr als ein besseres Geschäftsmodell für ihre Verlage: Sie wollen uns befreien. Weil wir geknechtet werden. Und hier wird es zugleich absurd und gefährlich. Zunächst beginnt Steingart mit einer unsäglichen Gleichsetzung: Er sieht Parallelen zwischen der Macht feudaler Herrscher und der Macht Googles. Zur Untermalung dieses Motivs zitiert er La Boétie, der schon vor einem halben Jahrtausend verdeutlichte, dass die Knechtschaft von Menschen immer zu einem großen Teil selbstverschuldet ist. Weil also viele Menschen Google oder anderen Unterdrückungsmaschinen Daten zur Verfügung stellen, haben sie sich selbst in die Knechtschaft gegeben. Auch die Presse- und Buchverlage haben ihren Beitrag geleistet, indem sie ihre Beiträge für Google optimieren.

Diese Gleichsetzung ist pervers. Man könnte sie im besten Fall als historische Verwirrung des Autors bewerten. Doch dazu ist er zu gebildet. Er versucht wirklich zu suggerieren, dass Google versuchen würde, alle Menschen zu Leibeigenen oder doch wenigstens Untertanen zu machen. Was er verkennt, ist zweierlei: Erstens: Bis heute ist niemand von Google gezwungen worden, seine Website zu nutzen. Es gibt Alternativen. Und zweitens: Selbst, wenn es die nicht gäbe, bestünde doch jederzeit die Möglichkeit, Konkurrenzprodukte zu etablieren. Daran wird niemand gehindert. Eine freie Wirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass niemand durch staatlichen Zwang vor Konkurrenz geschützt wird. Nicht dadurch, dass mit staatlichen Eingriffen Konkurrenten gepäppelt werden – mit welchen guten Vorsätzen auch immer.

So viel zum Monopolproblem. Doch die Argumentation der Datenkapitalismuskritiker gehen weiter: Sie fürchten die totale Ausspähung der geheimsten Lebensprozesse, der Wünsche und Träume jedes Einzelnen durch Google, dessen Management dann folglich die Weltherrschaft übernehmen würde. OK, ganz so weit gehen sie nicht. Aber wahrscheinlich nur deshalb, weil sie selbst bereits manipuliert wurden, ohne es zu merken.

Dass Unternehmen versuchen, Informationen über Kunden und potentielle Kunden zu sammeln, ist ganz normal. Sie wollen etwas verkaufen. Sonst überleben sie nicht. Supermarktketten analysieren sehr genau, wie Menschen durch ihre Läden gehen, wo sie hinschauen, wo sie hingreifen und so weiter. Und sie richten Geschäftsentscheidungen danach aus. Wahrscheinlich denken sogar Verlage darüber nach, was ihre potentiellen Kunden lesen möchten.

Doch nehmen wir diese Bedenken einmal ernst: Menschen wollen nicht, dass andere zu viel über sie wissen. Mir fallen da zwar immer noch ganz andere Datenkraken ein, gegen die es zu kämpfen lohnt. Diese passen allerdings nicht in das Beuteschema der meisten Anti-Datenkapitalisten. Denn sie sind staatlich und wollen nur das Beste für „uns“. Lassen wir diesen Punkt an dieser Stelle beiseite: Diejenigen, die sich besser schützen wollen, haben dazu viele Möglichkeiten. Sie können ihre Daten einfach für sich behalten. Sie müssen nicht googeln oder bei Amazon einkaufen. Wenn der Bedarf da ist, werden sich Anbieter etablieren, die auf der Basis privater Verträge garantieren, dass die Daten nicht in einer bestimmten Art weiterverwendet werden. Könnte etwas teurer sein. Aber das sollte diejenigen nicht stören, die ihre Daten bei sich behalten wollen.

Übrigens: Viele relevante Daten werden nur übermittelt, weil es von staatlicher Seite viele Hindernisse für anonymisierte Zahlungssysteme gibt, wie übrigens auch für anonymisierte Kommunikationsangebote. All diese Gefahren können von Anbietern auf einem freien Markt bekämpft werden – wenn denn Nachfrage da ist und der Staat die Anbieter nicht behindert. Doch das will Steingart nicht, das wollen seine Mitkämpfer nicht. Sie wollen vor allem eines: staatliches Eingreifen. Dazu missbrauchen sie Begriffe, mit denen sie sich als Anhänger der Marktwirtschaft verkleiden – Eigentum, Freiheit und Marktwirtschaft.

Eigentum: Sie behaupten, dass meine Daten mein Eigentum seien und dass auch dann, wenn ich sie freiwillig weitergebe. Doch meine Daten gehören nicht mir. Daten haben gegenüber physischem Eigentum eine besondere Eigenschaft: Sie lassen sich beliebig reproduzieren, ohne jemals knapp zu werden. Wenn jemand meine Daten in irgendwelcher Weise speichert, sind sie auch immer noch bei mir. Deshalb ist der Verweis auf den Eigentumsschutz des Grundgesetzes, den Steingart bringt, grober Unfug. Er schützt das Eigentum an Dingen und damit die Grundlage für individuelle Verantwortung. Für meine Handlungen oder mein Verhalten, das sich in Daten manifestiert, trage ich ebenfalls Verantwortung. Nicht aber dafür, wie diese Daten weiter verwendet werden. Ganz im Gegenteil: Wenn ich ihre Verwendung an anderer Stelle beeinflussen wollte, müsste ich dazu in die physischen Eigentumsrechte anderer eingreifen. Das geht nur, wenn ich mit diesen vorher Verträge geschlossen habe. Dieses Argument schützt natürlich nicht die staatliche Datenspeicherung.

Wenn ich nicht will, dass sie von anderen genutzt werden, habe ich mehrere Möglichkeiten: Ich behalte sie bei mir, teile also möglichst wenige Informationen mit denjenigen, von denen ich befürchte, dass sie sie in einer Weise verwenden, die mir nicht gefällt. Oder ich schließe privatrechtliche Verträge mit denen, denen ich sie zur Verfügung stelle, über die möglichen und die verbotenen Verwendungen.

Freiheit: Diese beinhaltet für die spezielle Sorte von Freiheitskämpfern, mit der wir es hier zu tun haben, das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie mit mir umgehen können, also etwa, was sie mir anbieten können, wie sie sich über mich informieren können und so weiter. Das geht zu weit und greift in die Eigentums- und Freiheitsrechte der anderen ein. Was ich verlangen kann, ist der Schutz meines Lebens, meiner Unversehrtheit und meines Eigentums. Für alles andere muss ich selbst sorgen, indem ich Verträge schließe oder mich anderweitig schütze. Ansonsten unterstütze ich ein immer weiter gehendes Eingreifen in die Freiheit aller – verkauft unter Verweis auf die Freiheit. Immer mehr wohlklingende Gesetze und staatliche Behörden sind der Preis, die die Menschen zu etwas zwingen können – im Gegensatz zu Google, Amazon oder welchem privatem Unternehmen auch immer. Das ist der Supernanny-Staat, verkleidet als Verteidiger der Freiheit. Und hier können wir auf La Boétie zurückkommen und ihn erweitern: Heute legen viele Menschen sich selbst und anderen freiwillig Fesseln an, weil sie glauben, das für die Freiheit zu tun.

Ein Schritt in diese Richtung ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das es ermöglicht, bei Google die Löschung von Links zu erzwingen. Bejubelt von vielen gefährdet dieses Urteil jedoch die Freiheit und es schafft Privilegien. Denn zum Beispiel Herr Steingart wird immer die Mittel haben, auch an Informationen zu kommen, auf die Google nach Klagen nicht mehr verlinkt, wie etwa zurückliegende Insolvenzen, andere Menschen aber nicht.

Marktwirtschaft: Auch dieser erweisen die Kämpfer gegen den Datenkapitalismus einen Bärendienst, wenn sie wegen des hohen Marktanteils nach dem Kartellamt und anderen staatlichen Behörden, nach Regulierung und gar Zerschlagung von Unternehmen rufen. Google hat niemandem etwas gestohlen, sondern etwas aufgebaut, was viele Menschen nutzen. Dass sein Service für viele fast unverzichtbar geworden ist, spricht für das Unternehmen und nicht gegen es. Die Gewinne des Unternehmens sind Zeichen für den Erfolg. Andere können Google verzichtbar machen, und ich bin ziemlich sicher, dass das irgendwann geschieht. Vielleicht leisten dazu unsinnige Argumente einen Beitrag – auch das ist Marktwirtschaft. Doch die Vertreter dieser Argumente sollten nicht den Staat missbrauchen – ebenso wenig wie alle anderen Geisterjäger, die nur eine Waffe kennen: den Staat.

Diese politische Debatte ist nur ein Beispiel von vielen, wo zunächst ein Problem geschaffen und debattiert wird, um dann direkt zu Forderungen an den Staat überzugehen. Der Weg zu immer mehr Regulierung und Feintuning des menschlichen Handelns durch den Staat und seine problembewussten Anhänger ist heute gepflastert von vorgeblichen Bedrohungen der Freiheit und Unbequemlichkeiten für die Einzelnen, die sie gern auf die anderen abwälzen. Viele der realen Bedrohungen bleiben fast undiskutiert.

Vielleicht setzt sich ja eine Suchmaschine durch, wo die Nutzer vollkommen anonym surfen und die gerichtsfest garantiert, dass sie keine Daten erhebt und weitergibt. Auch Suchmaschinen vollkommen ohne Werbung finden sicher Kunden. Doch lasst bitte diejenigen nicht dafür zahlen, die keine Angst vor dem Datenkapitalismus haben und es nicht so schlimm finden, wenn eine Suchanfrage nach „Gabor Steingart“ ihnen Werbeanzeigen für Bücher von Erich von Däniken beschert, oder die es tolerieren können, wenn ein Like unter einen libertären Post bei Facebook die Information nach sich zieht, dass sie auch Daniel Bahr oder SLS interessieren könnten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.


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