16. Juni 2014

Frank Schirrmacher Ein sehr großer Geist

Kein Nachruf

von Sascha Tamm

Frank Schirrmacher ist gestorben. Oder, in den Worten der „FAZ“, „Ein sehr großer Geist“ ist gestorben. Zunächst einmal: R.I.P. Frank Schirrmacher.

Über die Qualifikationskriterien dafür, in Deutschland als großer, provokanter Geist, als Zeitdiagnostiker, der über den Tag hinaus denkt et cetera zu gelten, mag man streiten. An diesem Streit will ich mich nicht beteiligen. Fest steht jedoch, dass in seinem Geist, mag er auch groß oder gar sehr groß gewesen sein, zwei kleine, vielleicht unwichtige Phänomene kaum Platz hatten: Freie, selbstbestimmte Individuen und die vielfältigen Beziehungen, die sie freiwillig miteinander eingehen – also das, was wir gemeinhin menschliches Leben nennen.

Es wäre unsinnig zu bezweifeln, dass Schirrmacher eine bedeutende Gestalt war. Über seine Werke wurde von anderen Zeitdiagnostikern und großen Geistern breit und viele Zeitungs- und Buchseiten füllend diskutiert. Das ist das relevante Kriterium für Bedeutung. Viele Menschen haben seine Bücher gekauft. Ich unterstelle mal zu seinem Gunsten. dass sie das freiwillig taten und dabei nicht von geheimen Algorithmen der Marketingmaschine aus Feuilleton und populärwissenschaftlichen Verlagen gesteuert wurden, obwohl Schirrmacher das konsequenterweise bezweifelt haben müsste.

Und jetzt wird es wirklich traurig – es sagt viel über eine Zeit aus, wer als bedeutender Zeitdiagnostiker gilt. Es wird noch trauriger, wenn man bedenkt, dass Schirrmacher als bürgerlicher Denker, als Konservativer, sogar als Verteidiger der Freiheit galt – und sich selbst dafür hielt. Schirrmacher war tatsächlich exemplarisch für viele der Missverständnisse, die die öffentliche Debatte beherrschen. Er war exemplarisch für die Verachtung einfachster Regeln von Logik und Rationalität, für die Verdrehung von Begriffen – und er verkleidete diese Verachtung als Verteidigung des freien Denkens. Er war schließlich durchdrungen von einem tiefen Misstrauen in individuelle Freiheit, in individuelle Handlungen und jede spontane Entwicklung, die nicht von vornherein staatlich kontrolliert, eingehegt und gesteuert wird. Er fürchtete alles, was in seiner wohlgeordneten Welt Unordnung schaffen könnte. Das alles verbindet ihn mit großen Teilen des real existierenden Bürgertums in Deutschland. Das macht ihn bedeutend. Etwas ausführlicher zu drei Punkten:

Schirrmacher und die Ökonomie

Schirrmacher, auch hier ganz auf den Wellen des Zeitgeistes reitend, beklagte die Dominanz des ökonomischen Denkens. Er tat das zunächst im Genre der allgemeinkonkreten Gesellschaftskritik, wenn er die Dominanz ökonomischen Denkens über das Moralische im modernen Kapitalismus beklagte. Das ist ganz im Interesse derjenigen für die er schreibt, und die sich auf der Seite der Moral wähnen. Doch umgekehrt wird ein Schuh draus, wie hier schon vor einiger Zeit argumentiert wurde: Die Gesellschaften der modernen Wohlfahrtsstaaten leiden unter einer fast totalen Entökonomisierung dessen, was sie für Moral halten. Sie lösen Handlungen von den Ressourcen, die für sie verwendet werden. Sie diskutieren das Gute und Schöne von Mindestlohn bis Ökostrom ohne die Kosten in den Blick zu nehmen. Die Ressourcen für allerlei Wahnsinn werden schon irgendwo herkommen, Hauptsache es ist für eine gute Sache. Doch moralische Argumentationen ohne ökonomische Analyse der Kosten, Nebenbedingungen und Auswirkungen sind amoralisch – sie zerstören Verantwortung. Doch Schirrmachers Tanz mit der Ökonomie ging noch weiter:

Schirrmacher und die Algorithmen

Spätestens in seinem Buch „Ego – Das Spiel des Lebens“ entschwebte Schirrmacher in das Reich von Verschwörungstheorie und Internetstürmerei. Die Menschen, so behauptet er, seien heute geheimen Algorithmen ausgeliefert, mit den die einschlägigen, natürlich amerikanischen Großkonzerne versuchen, die Handlungen ihrer Kunden oder potentiellen Kunden vorauszusagen. Das gefährdet, so Schirrmacher, „unsere Freiheit“ und degradiert uns zu Rädchen ohne Moral, ohne eigenen Verstand et cetera.

Das ist in doppelter Hinsicht absurd: Erstens ist es nichts Neues, das Unternehmen Informationen über die Präferenzen von Kunden oder auch potentiellen Kunden sammeln. Selbst das Marketing der „FAZ“ dürfte sich über Zielgruppen und deren Präferenzen Gedanken machen. Unbestritten ist, dass heute die Kosten der Informationsbeschaffung stark gesunken sind. Doch genauso unbestritten ist auch, dass die Zahl der Optionen für potentielle Kunden dramatisch gewachsen ist. Zweitens belegt der Glaube, dass der Versuch anderer, mein individuelles Handeln vorauszusagen und zu beeinflussen, eine fundamentale Freiheitseinschränkung sei, die mit noch mehr Staat bekämpft werden müsse, nur das tiefverankerte Misstrauen in das freie, nicht vom Staat gesteuerte Individuum, in den Menschen, der nach eigenen Werten und Interessen handelt. Übrigens versucht natürlich Schirrmacher mit seiner Argumentation auch, die Menschen zu einem bestimmten Handeln zu drängen.

Schirrmacher und die Freiheit

Schirrmacher misstraute frei entscheidenden Individuen, vor allem dann, wenn sie nicht so entscheiden, wie er es für richtig hielt und wenn sie sich nicht an dem orientierten, was er als Gemeinwohl postuliert. Er fürchtete vielleicht nichts mehr, als dass Amazon ihm die Buchempfehlungen schickt, an die er selbst vielleicht auch schon gedacht hatte – und somit klar macht, dass er nicht ganz so besonders ist.

Er misstraute der Kraft der Einzelnen, immer wieder auszubrechen und Neues zu schaffen, auch wenn es nicht von sehr großen Geistern ausführlich geprüft wurde. Diese Angst teilte er mit sehr vielen, die ihn überleben.

Er vertraute nur dem großen Ganzen, der Gesellschaft, der Wertegemeinschaft oder ganz allgemein uns in Europa, und was es da noch alles gibt, mit dem sich staatlicher Dirigismus rechtfertigen lässt. Auch diesen Glauben ans Kollektive, an die Kraft der pseudomoralischen Selbsthypnose, für die immer andere die Rechnung zahlen, teilt er mit vielen, die ihn überleben.

Das ist bürgerliches Denken heute. Daraus könnte man tatsächlich eine ziemlich traurige und realistische Zeitdiagnose ableiten – wenn man nicht so ein rationaler Ignorant und irrationaler Optimist wäre wie zum Beispiel ich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.


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