30. Januar 2014

Kollektivismus Der Mensch im Mittelpunkt?

Ich kenne keine Partikularinteressen mehr, ich kenne nur noch Deutsche!

von Sascha Tamm

Zugegeben, ganz so hat sich die deutsche Bundeskanzlerin nicht ausgedrückt. Aber die Stoßrichtung ihre Rhetorik erinnert stark an die von Wilhelm II. Sie hat in ihrer Regierungserklärung gefordert, dass beim „Nationalen Kraftakt“ Energiewende nicht Partikularinteressen, sondern „der Mensch“ im Mittelpunkt stehen solle. Dann würde die Energiewende zum Exportschlager werden. Dann würde, so darf man das verstehen, nicht nur das deutsche Wesen daran genesen, sondern die ganze Welt würde von Deutschland lernen können. Wenn das einem Land gelingen könne, so die Kanzlerin, dann Deutschland. Es ist zu befürchten, dass die Kanzlerin recht hat.

Wenn sich ein Volk an einem nationalen Kraftakt, der auch noch Vorbild für die ganze Welt sein soll, berauschen kann, dann das deutsche. Wenn in einem Land die Bürger bereit sind, sich für ein in jeder nicht polit-ökonomischen Hinsicht sinnloses Projekt schröpfen zu lassen und sich in ihrer Mehrheit dabei auch noch gut zu fühlen, dann Deutschland. Und es ist auch kaum ein Land denkbar, in dem es keine irgedwie relevante politische Kraft gibt, die gegen einen solchen „Nationalen Kraftakt” ist. Politiker in anderen Ländern wäre begeistert, wenn sie ihrem Staatsvolk so etwas so einfach verkaufen könnten.

Ich weiß gar nicht, bei welchem Teil dieser Äußerung mir stärker übel wird. Nationale Kraftakte nützen immer einer bestimmten Menschengruppe, und eine andere, gewöhnlich viel größere Gruppe muss bezahlen. Darin unterscheidet sich die Energiewende nicht von Kriegen oder anderen staatlichen Großprojekten. Und wenn es Politikern um „den Menschen“ geht, dann wird es ganz gefährlich. Dann ist ganz klar, dass Menschen davon überzeugt werden sollen, im Interesse anderer Menschen zu handeln und möglichst ihre eigenen Interessen zu vergessen, im Sinne des großen Ganzen.

Übrigens fällt mir gerade ein alter sowjetischer Witz ein: Ein Tschuktsche (grob gesprochen die Ostfriesen des sowjetischen Witzes) wird zum Parteitag der KPdSU nach Moskau delegiert. Er kehrt zurück und erzählt den Tschuktschen irgendwo am Polarkreis von seinen Erlebnissen: Er erzählt von der großen Stadt und vom Parteitag und schließt: „Also, vor allem kenne ich jetzt die neue Losung unserer Partei: ‚Alles für den Menschen, alles im Namen des Menschen‘.“ Die anderen Tschuktschen sind nicht besonders interessiert. Dann legt der Tschuktsche nach: „Aber das Beste ist: Ich habe diesen Menschen sogar gesehen.“ Heute ist es nicht mehr ein Mensch, für den alles geschieht (so war es ja genau genommen auch in der Sowjetunion nicht), sondern es sind Interessengruppen, deren Interessen der Nationale Kraftakt bedient: von denen, in deren Taschen die gewaltigen Subventionen fließen bis zu denen, die sich daran aufgeilen, andere Menschen zu belehren und dazu zu zwingen, beim Kraftakt mitzumachen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.


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