13. September 2012

Kirche und Staat Der Mut der Zeitgeistritter

EKD gestern und heute

von Frank W. Haubold

Im Jahr 1917 war der Erste Weltkrieg längst zu einem mörderischen und sinnlosen Gemetzel geworden. Die USA hatten im April Deutschland den Krieg erklärt, und in den Materialschlachten ohne Raumgewinn verblutete die Jugend Deutschlands und Europas. Die desolate Lage an allen Fronten stand jedoch in krassem Gegensatz zur Durchhaltepropaganda in der Heimat, an der sich auch die Kirchen weiterhin intensiv beteiligten. So jubelte unter anderem ein gewisser Pfarrer Otto Dibelius noch 1917 in  Wittenberg bei seiner Festansprache zum Reformationstag: „Mehr als 80.000 Gefangene sind eingebracht ... Ja, das ist eine herrliche Kunde für jedes deutsche Herz.“

Auch nach der Machtergreifung Hitlers blieb Herr Dibelius, nunmehr bereits Generalsuperintendent, dem Grundsatz treu, sich stets und unter allen Umständen bei den Herrschenden anzubiedern und begrüßte unter anderem sogar den Boykott jüdischer Geschäfte durch die SA: „Schließlich hat sich die Regierung genötigt gesehen, den Boykott jüdischer Geschäfte zu organisieren – in der richtigen Erkenntnis, dass durch die internationalen Verbindungen des Judentums die Auslandshetze dann am ehesten aufhören wird, wenn sie dem deutschen Judentum wirtschaftlich gefährlich wird. Das Ergebnis dieser ganzen Vorgänge wird ohne Zweifel eine Zurückdämmung des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben Deutschlands sein. Dagegen wird niemand im Ernst etwas einwenden können.“ Zum Gegner des NS-Regimes wurde er erst, als er selbst amtsenthoben wurde.

Nach dem Krieg erlangte Otto Dibelius sofort eine führende Position in der Kirchenhierarchie und avancierte zu einem der Mitbegründer der EKD, der 1953 mit dem Großkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt wurde, nicht nur wegen seiner Mitwirkung am „Stuttgarter Schuldbekenntnis“, sondern auch wegen seines Geschicks, während des Kalten Krieges wieder einmal engagiert die gewünschten politischen Positionen einzunehmen, was sich unter anderem in so humanistischen Äußerungen wie dieser manifestierte: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe sei vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“ Wenn eine solche Bombe eine Million Menschen töte, so erreichten die Betroffenen „umso schneller das ewige Leben“(zitiert nach Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Beck-Verlag, München 1999, S. 259).

Zwar eine Nummer kleiner, aber von der gleichen flexiblen Grundhaltung getrieben hat auch sein heutiger Amtsnachfolger Herr Präses Nikolaus Schneider durchaus Verständnis für gewaltsames staatliches Handeln. So rechtfertigt er unter anderem die Ermordung realer und vermeintlicher Terroristen ohne Anklage und Gerichtsurteil, indem er in Zusammenhang mit der Liquidierung bin Ladens in einem „Welt“-Interview äußert: „Staatsmänner müssen militärische Gewalt einsetzen, wenn sie mit dem Bösen in der Welt konfrontiert sind und auf andere Weise nicht weiterkommen.“ Eine äußerst bequeme Haltung, mit der sich jede Gewalttat rechtfertigen lässt, solange das potentielle Opfer nur ausreichend „böse“ ist. Diese Einschätzung übernehmen heutzutage willfährige Medien, indem sie den jeweils zu eliminierenden Feind zu einem neuen Hitler oder zum Teil einer „Achse des Bösen“ hochstilisieren (Saddam Hussein, Gaddafi, Assad, den Iran), und so können sich die Regierenden der Zustimmung der EKD zu aktuellen und geplanten Waffengängen ebenso sicher sein, wie sich auch alle deutschen Herrscher und Despoten des 20. Jahrhunderts der Unterstützung der protestantischen Kirchenobrigkeit sicher sein konnten. Der ehrenwerte Herr Schneider schreckt in diesem Zusammenhang noch nicht einmal davor zurück, sich bei seinen staatstragenden Einlassungen ausgerechnet auf Jesus Christus zu berufen: „Ein Schwert reicht“ (Lukasevangelium, Kapitel 22, Vers 38), wobei er das Zitat nicht nur aus dem Zusammenhang reißt, sondern auch die weitaus deutlichere Stellungnahme Jesu zur Gewalt ignoriert: „Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ (Matthäus 26, 52-53). Aber diese flexible Haltung evangelischer Würdenträger zu staatlicher Gewalt und Repression hat ja, wie oben gezeigt, Tradition…

 Aber auch in anderen gesellschaftlichen Fragen ist auf die EKD aus Sicht des Zeitgeistes immer Verlass. So kritisierte der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, die Haltung der russisch-orthodoxen Kirche bezüglich des Prozesses gegen die „Damen“ der „Künstlergruppe“ „Pussy Riot“ als „völlig unverständlich“, weil ein Vertreter derselben anlässlich der Anklage gegen die drei Frauen unverfrorenerweise geäußert hatte: „Ein christliches Land sollte entschieden reagieren, wenn einer seiner heiligen Orte attackiert wird.“ Was wie eine Selbstverständlichkeit anmutet, ist aus Sicht der EKD offenbar keine, sondern gefährdet die „Freiheit der Kunst“, worunter aus Sicht der Kirchenoberen offenbar neben Kirchenschändung und Blasphemie auch der öffentlich zelebrierte Geschlechtsverkehr und das ebenfalls öffentliche Verstauen gefrorener Hühnchen im Intimbereich gehört. Aber die EKD ist ja in vielerlei Hinsicht tolerant, auch was das eigene Führungspersonal angeht, wie der Fall Käßmann beweist…

Wenn es allerdings um die politische Hygiene im eigenen Land geht, verstehen die sonst so allseitig toleranten Kirchenfunktionäre und auch der bereits erwähnte Präses Nikolaus Schneider keinerlei Spaß. Da wird das sonst so schmerzlich vermisste Rückgrat gezeigt, dass es nur so eine Freude ist, wie bei dem „Olympia-Skandal“ um die Rostocker Ruderin Nadja Drygalla, deren verabscheuungswürdiges Verbrechen darin besteht, mit einem Mann  zusammenzuleben, dessen Gesinnung in diesem Lande politisch unerwünscht ist. Aufgrund dieses unerhörten Tatbestandes wurde die sympathische junge Frau durch alle Medien gezerrt, in Kommentarspalten von den „Anständigen“ dieser Gesellschaft wüst beschimpft und musste auf Druck der Delegationsleitung sogar aus London abreisen, obwohl sie sich selbst nicht das Geringste hatte zuschulden kommen lassen. Da konnte natürlich auch der tapfere Gegen-rechts-Kämpfer Nikolaus Schneider nicht zurückstehen, denn was wäre eine politische Kampagne ohne den Segen der EKD? Also empfahl Herr Schneider der völlig unbescholtenen Frau öffentlich, „Reue“ zu zeigen, was von den Medien dankbar aufgenommen und in millionenfacher Auflage weiterverbreitet wurde. Wofür das Kampagnenopfer nun allerdings konkret Reue zeigen sollte, ließ der brave Gottesmann offen, verlangte aber dennoch einen „echten Sinneswandel“. Dass er die Lebensumstände und die innere Haltung der jungen Frau gar nicht kannte, spielte bei dieser Fernverurteilung offenbar keine Rolle. Der Kirchenfunktionär hatte seine gesellschaftliche Pflicht getan und klare Position bezogen gegen das vermeintlich Böse.

Dieses Engagement, den jeweils politisch Herrschenden in vorauseilendem Gehorsam zu dienen, zeichnet die evangelische Kirchenobrigkeit in diesem unglücklichen Lande ja nicht erst seit heute aus. Es führt eine gerade Linie von den kriegsbegeisterten Bischöfen und Pfarrern der Kaiserzeit über die Hitler-treuen „Deutschen Christen“ und die SED-nahen Funktionäre der „Kirche im Sozialismus“ bis zu den zeitgeistseligen EKD-Oberen der Gegenwart. Man kann es Opportunismus nennen, Konformismus oder politische Anpassungsfähigkeit und Prinzipienlosigkeit. Ich jedenfalls bin froh, mit dieser „Kirche“ nichts mehr zu schaffen zu haben, deren Führung ihr Fähnlein nach jedem noch so übelriechenden Wind hängt.

Links:

Interview mit Nikolaus Schneider in der „Welt“

„Die Welt“: „Präses Schneider fordert Reue von Nadja Drygalla“


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Frank W. Haubold

Über Frank W. Haubold

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige