01. Dezember 2011

Comic Genschman gegen den SCHÄFFLER

Gustloff revisited

von Gerhard Grasruck

Anfang der Neunziger Jahre veröffentlichte das links-„liberale“ Satiremagazin „Titanic“ eine Comic-Serie, die den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher als elefantenbeohrten „Genschman“ präsentierte, unermüdlich im heroischen Kampf gegen die schurkischen Feinde des Politisch Korrekten.

Jetzt sieht sich der in Ehren ergraute Superheld gezwungen, dem wohlverdienten Ruhestand den Rücken zuzukehren, sein Cape abzustauben und sich aufs Neue ins Schlachtengetümmel im Kampf gegen das Böse zu stürzen. Denn das Wahre, Gute und Schöne wird bedroht von der üblen Bande der „Eurorebellen“, allen voran der abgefeimteste Superbösewicht, mit dem er sich jemals messen musste: „DER SCHÄFFLER“.

Dabei setzt Genschman unter anderem eine bei seinen Genossen in der europäischen Liga für soziale Gerechtigkeit, Rettungsschirme und Bailouts sehr verbreitete Superkraft ein, nämlich den BTADHHHV (Bombastisch-Theatralischer, An Den Haaren Herbeigezogener Historischer Vergleich).

Immerhin beweist er etwas mehr Originalität als seine Mitstreiter. Während diese sich fast ausschließlich auf die Zeitperiode 1933-1945 beschränken, setzt er etwas später an, in der nicht mehr ganz so unmittelbaren Nachkriegszeit: „Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied unser Land mit seinem Bekenntnis zum Westen die Grundrichtung für Nachkriegseuropa. Heute ist es die Entscheidung für die europäische Fiskal- und Stabilitätsunion.“

Und, man glaubt es kaum, diese historische Analogie trifft doch ausnahmsweise einmal tatsächlich voll ins Schwarze. Die Entscheidung, auf die er anspielt, fiel 1952. Die Sowjetunion hatte ein Angebot gemacht: Eine Wiedervereinigung der östlichen und westlichen Besatzungszonen, Abhaltung freier gesamtdeutscher Wahlen und die Bildung eines unabhängigen deutschen Staates. Er sollte eigene Streitkräfte unterhalten dürfen, sich aber zu Neutralität und Block- und Bündnisfreiheit verpflichten.

Dass dieses Angebot ernst gemeint war, ist kaum anzuzweifeln (wie ja auch Genscher implizit zugibt). Allein schon deshalb, weil im Rahmen des Machtkalküls des sich entfaltenden Kalten Krieges die Aufgabe der Kontrolle über die kleinere östliche Besatzungszone für die Sowjetunion  einen geringeren Verlust bedeutet hätte als die der Westmächte über ihren Teil Deutschlands. Natürlich bedeutete dies im Gegenzug, dass der Plan eher nicht hoffen konnte, bei den Westmächten auf viel Enthusiasmus zu stoßen. Allerdings wäre es für diese kaum opportun gewesen, eine Entscheidung der westdeutschen Regierung für Verhandlungen offen zu verhindern, nicht nur weil es ein gewaltiger Propagandacoup für Moskau geworden wäre.

Zum Glück für die Westmächte konnten sie sich auf „ihre“ Politiker, allen voran Adenauer, verlassen. Das Angebot wurde ohne viel Federlesens abgelehnt. Die Gefahr für die „Westbindung“ der neuen Bundesrepublik war gebannt, ebenso natürlich die für die „Ostbindung“ der DDR. Ulbricht, Honecker und Co. konnten aufatmen, der Weg war frei für den Arbeiter-, Bauern- und Stasistaat.

Halten wir noch einmal fest: Genscher beschreibt eine Entscheidung, die in der Verfolgung des hehren Ziels der Verhinderung eines souveränen Deutschlands zu vier Jahrzehnten deutsche Teilung und SED-Herrschaft führte. Und er sieht diese Entscheidung positiv.

Die Parallelen zu der aktuellen Entscheidung über die Fortführung der Eurostützung sind in der Tat nicht zu übersehen. Auch hier geht es um die nunmehr totale Eliminierung deutscher Souveränität und noch mehr Sozialismus, jetzt diktiert von der EU statt der Sowjetunion. Und nicht mehr nur für den Osten, sondern auch für den Westen. Immerhin, geteiltes Leid ist halbes Leid. Oder so ähnlich. Und auch hier lässt Genscher keinen Zweifel daran, wie er dazu steht.

Angesichts solcher Aussichten im Lager der Guten und Gerechten wächst auch in vielen der  aufrechtesten Mitstreiter die Versuchung, auf die dunkle Seite der Macht zu wechseln. Wird es Genschman, Rösli-Boy und der Westerwelle gelingen, die finsteren Heerscharen des SCHÄFFLERS zurückzuschlagen? Demnächst mehr in diesem Comicstrip.


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