27. Januar 2010

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald Sebastian Jabbusch als aufklärerischer Dichter und BRD-Patriot

Die posthume Denunziation als neuer Zweig der Volkspädagogik (2)

von Frank W. Haubold

Inzwischen haben die Hüter der öffentlichen Moral und ihre nimmermüden Zuträger ein weiteres Betätigungsfeld für sich entdeckt, das ihnen beinahe unerschöpfliche Möglichkeiten bietet: die Bereinigung der Geschichte. Verdächtig ist nunmehr jede historische Person signifikanten Bekanntheitsgrades, insbesondere dann, wenn sie Schriftliches hinterlassen hat, das im Zweifel gegen sie verwendet werden kann. Dabei gibt es allerdings feine Abstufungen hinsichtlich Nationalität und politischer Wirkung der potentiellen Delinquenten. Denn nicht jeder Prominente ist auch tatsächlich „denunziationswürdig“. Entscheidend ist der volkspädagogische Effekt.

So musste es einem gewissen Sebastian Jabbusch, seines Zeichens Geschichtsstudent und (nach eigenem Bekunden) „freiberuflicher Gesellschaftskritiker“ wie ein Hauptgewinn im Lotto erschienen sein, als er in den Schriften des Namenspatrons seiner Greifswalder Universität Ernst Moritz Arndt auf eine Handvoll fragwürdiger Äußerungen stieß. Der Mann war ihm ohnehin suspekt gewesen („Patriot und Dichter“), aber jetzt hielt er endlich etwas Konkretes in den Händen. Nun musste er den verhassten Namenspatron nur noch vom Sockel stürzen, dann würde ihn selbst niemand mehr als Schwätzer oder Wichtigtuer bezeichnen (was ihm aus unerfindlichen Gründen schon häufiger widerfahren war).

Und so zögerte der wackere Aufklärer auch keinen Augenblick und gründete mit Gleichgesinnten (die in derartigen Fällen stets rasch zur Hand sind) die Initiative „Uni ohne Arndt“. Um die Unterstützung der Berufs-Anständigen dieses Landes vom Leiter des Wahrheitsministeriums (Wolfgang Benz) bis hin zu den einschlägigen Qualitätsmedien („Spiegel“ und „Zeit“ Schulter an Schulter mit dem Ex-SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“) mussten sich die Organisatoren ohnehin keine Sorgen machen, die reagierten wie erwünscht.

Die Arndt-Verteidiger schienen dagegen schwach und desorientiert, und so lief die generalstabsmäßig organisierte Diffamierungskampagne gegen den angeblichen „Rassisten und Antisemiten“ zunächst wie geplant. Eine studentische „Vollversammlung“ (die sich überwiegend aus Herrn Jabbuschs Parteigängern rekrutierte) sprach sich im Juni 2009 mit 95 Prozent gegen Arndt aus, weshalb flugs eine studentische Urabstimmung anberaumt wurde, um Druck auf den zögerlichen Senat auszuüben.

Die Artikel in den Zeitgeistmedien waren bereits geschrieben, die Arsenale öffentlichen Drucks auf die Universitätsoberen bis zum Bersten gefüllt, als bei der Urabstimmung im Januar 2010 unerwartet etwas schief ging: Von 12.000 Studenten sprachen sich gerade einmal 1.200 für eine Umbenennung aus, eine Mehrheit der Abstimmenden (49 Prozent) votierte sogar dagegen, und dem Rest ging die Kampagne einfach nur auf die Nerven. Ein herber Rückschlag, wo man doch so nah vorm Ziel war! Die „Zeit“ schäumte: „Die studentische Initiative gegen den Nazi-Namen der Uni Greifswald konnte sich in der Urabstimmung nicht durchsetzen.“ (was selbst  Zeit-Konsumenten in die Nase stieg). Der „Spiegel“ trauerte, und sogar Herrn Benz verschlug es vorübergehend die Sprache. Aber eine ganze Region atmete auf ...

Wer sich nun allerdings der trügerischen Hoffnung hingibt, damit sei die Angelegenheit vom Tisch, der sei gewarnt: So schnell geben die „Anständigen“ dieses Gemeinwesens nicht auf, wenn sie einmal Blut geleckt haben. Es geht ihnen dabei nicht um den Schriftsteller Arndt, nicht um Greifswald, schon gar nicht um das gern zitierte „internationale Ansehen“ der dortigen Universität. Es geht darum, Geschichte umzudeuten, sie um historische Persönlichkeiten und deren Werke zu „bereinigen“, die ihnen ideologisch suspekt sind. Probates Mittel hierzu ist eine unterstellte Nähe zum Nationalsozialismus, was den Protagonisten zudem erlaubt, eventuelle Kritiker als reaktionär oder gar rechtsextrem zu verunglimpfen. Dabei ist ihre (öffentliche) Empörung über rassistische oder antisemitische Äußerungen historischer Personen durchaus selektiv. Verglichen mit dem, was zum Beispiel der kommunistische Vordenker Karl Marx über die Slawen oder seinen Konkurrenten Ferdinand Lassalle niederschrieb, erscheinen selbst Ernst Moritz Arndts radikalste Polemiken noch moderat. Von einer öffentlichen Kampagne zur Umbenennung Hunderter nach Marx benannter Schulen, Straßen und Plätze ist dennoch nichts bekannt. Der volkspädagogische Effekt wäre auch nicht der erwünschte ...

Wer sich seriös und nicht nur an Hand von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten über Leben und Werk von Ernst Moritz Arndt informieren möchte, dem sei die Webpräsenz der Arndt-Gesellschaft empfohlen.

Ich weiß, woran ich glaube,

Ich weiß, was fest besteht,

Wenn alles hier im Staube

Wie Sand und Staub verweht;

Ich weiß, was ewig bleibet,

Wo alles wankt und fällt,

Wo Wahn die Weisen treibet

Und Trug die Klugen prellt.

Ernst Moritz Arndt aus „Fels des Heils“

Frank W. Haubold

Der Autor, Jg. 1955, ist promovierter Informatiker und Schriftsteller

Internet

Uni ohne Arndt

„Spiegel“ auf Linie

„Neues Deutschland“ auf Linie

„Zeit“ auf Linie

„Zeit“-Leserkommentar

Karl Marx in der Kritik

Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft


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