23. August 2006

Schwarz-Rot-Galle Nationales Balla Balla

Eine Nation auf dem Weg zum Volksgenossen

von Torben Niehr

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland hat uns viel gelehrt. Nicht unbedingt größere taktische Neuerungen, was das Spiel betrifft, sondern Anschauungsunterricht in jenem Kräftemessen, auf das es seit Menschengedenken wirklich ankommt, im ewigen Kampf des aufrechten Einzelnen gegen die Herde Mensch.

Schon in einer Gruppe von nur drei oder vier Leuten ist es schwer, sich einer Massendynamik als Individuum zu entziehen. Fast unerträglich wird der Druck in einer Hundertschaft oder noch größeren Horden. Die Mainstream-Medien und die Politik bastelten sich nun im Sommer eine gesamtdeutsch uniforme „neue Nation“ in „schwarz-rot-stolz“ („Bild“-Schlagzeile alpha), oder besser noch in „schwarz-rot-geil“ („Bild“-Schlagzeile beta) zusammen. Eigentlich, was die Version beta betrifft, etwas vulgär in Anbetracht der Tatsache, dass uns „Bild“ gerade erst alle zum Papst gemacht hatte.

Nun waren also einen Sommer lang 80 Millionen deutsche Päpste stolz und geil, zumindest aber bunt beflaggt. Und auch sonst meist mit Fahne. Keiner konnte sich dem entziehen. Sogar Claudia Roth hatte ihre Regenbogenflagge schwül-rot-gülden in den Wind gehangen.

Ganz Deutschland freuden- und trunken. Und irgendwie „patriotisch“. Weshalb auch die Feuilletons aller Art viel zu tun hatten, dieses unter Teutschen lange nicht mehr bekannte Massenphänomen zu erklären.

Ganz Deutschland? Nein, ein einziger zumindest hat widerstanden. Ausgerechnet der Vater des Erfolgs. Jürgen Klinsmann zeigte uns, dass man im großen Rausch der Masse als Einzelner dagegenhalten kann. Schon vor der WM blieb er einer eher unbedeutenden Einführungsveranstaltung einfach fern und musste sich dafür vom Kaiser Beckenbauer, vom virtuellen Stürmer „Bild“ und von einigen Ersatzbank-Politikern heftig schelten lassen. Dann schmiss er König Kahn hinaus – dasselbe Spiel. Er holte überraschend einen völlig unbekannten David Odonkor ins Team – und wieder schrie die Masse: Nein! Denn Papst sind wir erst seit kurzem, Bundestrainer sind wir alle schon immer gewesen.

Klinsmann ließ sich durch nichts beirren und hatte gerade deshalb Erfolg. Anschließend schrien der ewige Kaiser, der Ex-König, die „Bild“, die Frau Bundeskanzlerin persönlich und alle anderen sowieso: „Klinsi, Du musst bleiben“. Dafür sollte er sogar das Bundesverdienstkreuz am deutschen Bande in Empfang nehmen. Klinsmann aber muss gar nichts. Er lehnte dankend ab, den Job. Und den eigenhändigen Empfang des Ordens.

Womit wir beim Staat und bei der Politik sind. So ein Verdienstkreuz wurde schon immer aus höchst zweifelhaften Gründen vergeben, meistens von einem Abzocker-Politiker an einen anderen für dessen vermeintlichen „Dienst am Vaterland“. Oder etwa dafür, dass sich ein todesmutiger Jüngling beim staatlichen Großeinsatz in den Disziplinen Mord und Totschlag besonders gut bewährte. Oder für weibliche Gebärmaschinen fürs Vaterland. Warum also nicht auch dafür, eine Fußballmannschaft gut betreut zu haben? In Zeiten wie solchen sollte uns dieser politkulturelle Fortschritt freuen.

Nach der WM ist ja ohnehin alles anders. Waren vorher ein paar Neonazis und Rechtskonservative die einzigen, die sich schwarz-rot-gold bemäntelten und bezeichneten, so stehen ausgerechnet diese beiden Politaußenseitergruppen nun etwas ratlos beiseite, während Ballack uns allen mit einigem Recht zuruft: „Ihr seid die Geilsten!“ Geil – „Bild“. Geiler – Ballack. Am geilsten – wir alle!

Außer eben die Neonazis. Was wurden wir vor der WM nicht alles vor dieser Gefahr gewarnt? Alarmstufe braun war mal wieder angesagt: „Die Nazis wollen uns die WM kaputtmachen!“ Uns! Den Geilsten!

Nichts dergleichen taten sie. Ausgerechnet sie machten nicht einmal mit bei schwarz-rot-stolz. Vielmehr wollten sie die WM nutzen, um ihrem Idol Ahmadinedschad zu huldigen und – nicht etwa die deutsche, sondern – die iranische Mannschaft anzufeuern. Das war dann wenig werbewirksam für ihre ohnehin vorgestrige Sache. Weshalb sie alle Aktionen kurz vor Beginn still und leise absagten.

Die Rechtskonservativen, die in Deutschland nur noch als publizistisches Phänomen zu beobachten sind, befinden sich seit langem in einem Dilemma, stehen doch gerade sie in einer Art Fundamentalopposition zum deutschen Zeitgeist. Eigentlich ein Widerspruch, gleichzeitig die bewahrenden Verteidiger der Nation sein zu wollen, die man andererseits in der heutigen Form ablehnt. Es soll deshalb sogar schon rechtskonservative Kriegsdienstverweigerer gegeben haben. Bei den Linksalternativen verlief der Marsch durch die Institutionen im Übrigen andersherum, hin zum linksalternativen Soldaten mit patriotischem Bekenntnis zu Auschwitz und Vaterland. Aber das ist eine andere, eben linksalternative Geschichte.

Ihr eigenartiges Dilemma flog den Rechtskonservativen jedenfalls um die Ohren. Alte Freunde verstanden plötzlich sich und die Welt nicht mehr. Die einen, etwa Dieter Stein und seine „Junge Freiheit“, tauchten in die geil-stolze Farbenpracht der Masse ein und besiegelten damit ihre Rückkehr in den Mutterschoß des Mainstreams. Jetzt sind auch und gerade sie wieder stolz auf dieses geile Land. Die anderen, etwa Götz Kubitschek und seine „Sezession“, bekräftigten ihre Opposition, indem sie sich angewidert vom alkoholschwangeren Fußballpatriotismus distanzierten. Kubitschek weiß „nämlich nicht, wie man ein Land retten will, das keine Kinder, aber fünf Millionen Beamte hat, das trotzdem jährlich 50.000 Leistungsträger ins Ausland abwandern und 150.000 Sozialhilfempfänger einwandern lässt.“

Nun, die 150.000 Neustolzdeutschen sind auch geil. Und vielleicht lesen sie ja auch bald die „Junge Freiheit“. Oder zumindest die „Bild“.

Die 50.000 anderen Erwähnten ziehen es wie Klinsmann dann doch lieber vor, in Anbetracht dieser Meute einfach „nein, danke und tschüss“ zu sagen. In Kalifornien ist es schöner. Und der Druck der Masse fast verflogen. Auch für eigentümlich freie Menschen, die trotz allem im neosozialistischen und nun konsequenterweise auch noch neonationalistischen Deutschland bleiben, gilt: Schon aus stilistischen Gründen verbietet sich die kollektivistische Fußball-Farbenpracht auf Backe oder Socke.

Während also folgerichtig die „Bild“ am Ende dieses geil-stolzen Sommers dazu aufruft, dass wir uns in alter sozialdemokratischer Manier alle duzen sollen, zeigen wir Eigentümlichen und Freien in Effenbergscher Tradition mit Klinsmann den Stinkefinger.

Es sei denn, liebe Leser, Sie widerstehen auch diesem eigentümlich freien Kollektivismus und feiern das, was sie wollen, mit wem Sie wollen, wie und wann Sie wollen. Und sei es auch mal das Ende einer deutschen nationalneurotischen Sonderrolle oder schlicht eine WM im eigenen Land.


Internet:
www.klinsmann.us


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