01. Juli 2016

RezensionRalf Georg Reuth / Günther Lachmann: Das erste Leben der Angela M.

Eine Enttäuschung

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Vorneweg: Das Buch ist eine Enttäuschung. Die dank medialer Rundumpräsenz angeheizte Vorfreude, nun endlich das wahre Gesicht, womöglich das Stasi-Gesicht, der Kanzlerin zu erblicken, verpufft schon nach einem guten Drittel der Lektüre. Reuth und Lachmann formulieren vorsichtig und zurückhaltend, dass Angela Merkel von Jugend an durch ihren sozialistischen Vater, den roten Pfarrer Kasner, politisch geprägt und von Schulzeiten an in die politischen Organisationen des SED-Staates eingebunden gewesen sei. „Und dies nicht als Mitläuferin, sondern als Funktionärin, ob in der Freien Deutschen Jugend oder in der Betriebsgewerkschaft.“ Merkel sei, unter dem Eindruck der sowjetischen Reformpolitik, für den demokratischen Sozialismus in einer eigenständigen DDR eingetreten. Nach dem Mauerfall und als der Kreml die Reformparteien im Dezember 1989 einschwenken ließ, sei auch Merkel zu einer Befürworterin von Einheit und Marktwirtschaft geworden, stellen die Autoren fest. Erklärungsversuche, warum die heutige Kanzlerin sich schon damals allzu wankelmütig zeigte, bleiben der Phantasie des Lesers überlassen. „Macht als Selbstzweck“ und „dem Zeitgeist Rechnung tragen“ beschreiben die beiden Deutungen der Autoren. Ihr Fazit, Merkel sei eine Macht- und Karrierepolitikerin, ist weder neu noch originell. Und dabei lassen Reuth und Lachmann einige investigative Steilpässe ins Leere laufen: Warum geht eine junge Teenagerin mehrfach in den Wald, um dort mit russischen Soldaten zu sprechen? Was hat ihr Vater damals dazu gesagt? Wie konnte es ihr später gelingen, dank einer gefälschten Einladung nach Polen zu reisen und im Anschluss ohne juristische Konsequenzen aus der Befragung mit den Grenzposten zu gehen, nachdem die Fälschung aufgeflogen war? Entweder gibt es kein geheimnisvolles zweites Gesicht der Angela M. oder die Rechercheergebnisse wurden halbherzig, aber pünktlich zum heißen Wahlkampf, zusammengetragen. In beiden Fällen muss vom Kauf des Buches abgeraten werden.


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