14. Januar 2014

Antwort auf ihren offenen Brief Liebe ehemalige Nutte Tanja Rahm

Wobei: ehemalige, wirklich?

Liebe ehemalige Nutte Tanja Rahm,

in einem offenen Brief an die „Sex-Käufer“ äußerst du dich zu deiner einstigen Profession und klinkst dich unter Bekanntgabe sehr intimer, wohl auch erschütternd sein sollender Details in die aktuelle Prostitutionsdebatte ein. Ich nehme an, dass dieses vorwurfsvolle Bekenntnis in mehreren europäischen Zeitungen und Online-Portalen veröffentlicht worden ist, des Weiteren gehe ich davon aus, dass du nicht wirklich eine Antwort auf deinen Brief von einem Freier erwartest, weil die sich ja für ihre „Untaten“, an denen du übrigens kohlemäßig exzellent partizipiert hat, gefälligst schämen sollen und müssen. Du hast deiner Bekehrung lediglich eine dramatisch persönliche Note und Form verliehen.

Leider, liebe Tanja, hast du dich da aber bei mir geschnitten, denn ich antworte dir darauf direkt als ein ehemaliger Freier, der zu jenen Zeiten von der von dir und von Deinesgleichen angebotenen Dienstleistung reichlich Gebrauch gemacht hat. Aus deinem Brief geht eindeutig hervor, dass du zu dem Job nicht gezwungen worden bist, sondern diesen, wie du es selber zugibst, zum „Geldverdienen“ ausgeübt hast. Doch schon dieses eine Wort entlarvt die Rhetorik, mit der du den Kern der Sache auch im weiteren Text zu vernebeln versuchst. Geldverdienen klingt nämlich so ein bisschen nach „bei Aldi an der Kasse hocken“ oder „in einem Store Baseball-Kappen verkaufen“. Und du hast halt fremden Männern die Beine breit gemacht. Wo ist da der Unterschied, nicht wahr? Dass es da doch einen winzigen, aber sehr brisanten Unterschied gibt und dass nur eine bestimmte Sorte von Frauen solcherweise „Geld verdienen“ können, werde ich noch unten ausführen.

Du steigst in das Thema sogleich mit einer ziemlich abstrusen Behauptung ein. Die Freier hätten, so suggerierst du, allen Ernstes angenommen, du wärest bei deinem Tun mit Lust und Liebe dabei gewesen, und sie hätten es gar nicht gemerkt, dass es für dich nur etwas gewesen sei, was du schnell hinter dich bringen wolltest. Wie kommst du überhaupt zu dieser lächerlichen Annahme? Es gibt vielleicht tatsächlich sieben Männer auf der Welt, die glauben, eine Nutte sei eine Frau, die in der Beziehung unersättlich sei und bei jedem neuen Kunden vor Lust aufs Neue zu jauchzen beginnt. Aber die sind behindert. Und du willst doch nicht Behinderte diskriminieren, oder?

Nein, Tanja, den Männern ist es so ziemlich scheißegal, ob bei diesem „professionellen Akt“ das Objekt der Begierde Lust empfindet oder an die letzte Folge von seiner Lieblingsfernsehserie denkt. Sie wollen auf ihre Kosten kommen und sonst gar nichts. Das Ganze ist eine Inszenierung, in der jeder seine Rolle kennt und durchschaut, und die Rolle der Nutte dabei ist die einer „gerade geil gewordenen“ Frau. Offenkundig hast du diese Rolle in all den Jahren ganz manierlich gespielt.

„Wenn Du geglaubt hast, Du wärst ein Heiliger, weil du mich fragtest, was so ein niedliches Mädchen wie ich denn da mache, dann hast Du Deinen Heiligenschein verloren, als Du mich kurz darauf gebeten hast, mich auf den Rücken zu legen …“ Da interpretierst du zu viel hinein, Tanja. In der Tat habe ich mich damals auch bei einigen Mädchen gefragt, weshalb sie um alles in der Welt so etwas machen, wirkten sie doch mit ihrem Traumbodys und ihrem himmlischen Gesichtern so, als kämen sie gerade von einem Schönheitswettbewerb. Erst später gab ich mir selber die Antwort. Ansonsten legte ich sie danach auch sofort auf den Rücken. Ich war nicht so doll in philosophischer Stimmung, wenn ich in den Puff ging, weißt du.

Dann kommst du auf die Beschwernisse der intimen Art zu sprechen, die du während deiner „Arbeit“ gehabt hättest, und sagst „Ich hatte nur Verachtung für Dich übrig“. Wieso sagst du so etwas Böses, Tanja? All die Schmerzen und Unpässlichkeiten haben dich doch offenkundig nicht davon abgehalten, für 20 Minuten Gegurke so viel Kohle einzustreichen wie andere Leute in zwei Tagen harter Arbeit nicht. In den Etablissements, in denen ich verkehrte, verlangte frau sogar so viel wie einen normalen Monatslohn dafür. Weißt du, wenn man mir viel Geld für ein Buch bezahlt, kann ich auch nicht sagen, mir fällt gerade nix ein, aber das Geld behalte ich trotzdem. Deine Wehwehchen sind wirklich das Allerletzte, was einen Puffgänger interessiert, denn er geht ja in einen Puff und nicht ins Krankenhaus, um kranken Frauen gute Besserung zu wünschen.

„Du hast nicht den Menschen dahinter gesehen. Du hast nur das gesehen, was Deiner Illusion der geilen Frau mit der nicht zu stoppenden Sex-Lust entspricht.“ Exakt, Tanja. Das ist aber gar nicht böse gemeint. Anscheinend kapierst du die Grundregeln deines ehemaligen Gewerbes heute noch nicht. Ich erkläre es dir: Wenn du ein Schuhgeschäft betrittst, um Schuhe zu kaufen, möchtest du von dem Schuhverkäufer auch nicht seine Lebensgeschichte zu hören bekommen. Sicherlich sollte man sowohl mit einem Schuhverkäufer als auch mit einer Nutte respektvoll umgehen, wie es sich gehört. Allerdings unterscheidet sich die Nutterei erheblich von anderen Tätigkeiten. Da bewegen sich die Teilnehmer in den Basics des menschlichen Seins, quasi in einem animalischen Bereich, der derart mit unausgesprochen Leidenschaften, Phantasien und Fetischen aufgeladen ist, dass es schnell mal zu Grobheiten, Unflätigkeiten, ja im extremen Fall gewaltsamen Missverständnissen kommen kann. Das ist ein Berufsrisiko, meine Liebe. Etwa so wie Stuntmen immer damit rechnen müssen, sich die Knochen zu brechen.

„Wenn Du Sex kaufst, sagt es sehr viel über Dich aus, Deine Ansichten über Menschen und über Deine Sexualität. In meinen Augen ist es ein ziemlich großes Zeichen von Schwäche, selbst wenn Du es mit einer kranken Form von Macht und Status verwechselst.“ Nee, Tanja, das sagt es eben nicht aus, sondern dass dem Mann gerade keine Frau zur Verfügung steht. Das mit Status und Macht hast du dir bestimmt von irgendwelchen Schwachsinnstheorien der Feministinnen abgeguckt. Siehst du ja daran, dass selbst arme Männer gern mal den Puff aufsuchen. Wo haben die denn Macht und Status? Erkläre mir das mal bitte.

„Die Prostituierten sind nur da, weil Männer wie Du einem gesunden und respektvollen Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Weg stehen. Die Prostituierten existieren nur, weil Männer wie Du sich berechtigt fühlen, ihre sexuellen Bedürfnisse in den Körperöffnungen anderer Menschen zu befriedigen.“ So, jetzt schweben wir langsam in das Auge des Orkans. Im Folgenden redest du noch im Ton eines öden Sexratgebers viel über „den Kern seiner Sexualität“, den der Freier nicht gefunden hätte, „tiefer und naher Beziehungen“, also echter und guter zwischen den Geschlechtern und darüber, dass „Sex keine Ware ist“. Schön und gut, Tanja, aber die Sache hat leider nur einen Haken, wenn nicht sogar zwei. Zum einen wird keine Macht der Welt etwas daran ändern können, dass im Blut des Mannes das Zehnfache an Testosteron zirkuliert als in dem einer Frau. Das Blöde ist: Das Zeug ist nicht für Moral zuständig! Selbstverständlich macht es einem Mann nicht gleich zu einem willenlosen Tier, er kann seine Begierde durchaus in einem Regelsystem gemeinsam mit der Frau und zur Zufriedenheit beider einsetzen. Doch zu glauben, mit solchen moralischen Traktätchen wie von dir „nach getaner Arbeit“ die spontanen Eruptionen des T-Dingens stoppen zu können, ist eine lachhafte Illusion.

Aber es kommt noch schlimmer, lieber Tanja. Genau das Gegenteil des von dir Behaupteten ist nämlich wahr. Prostitution gibt es nämlich nicht, weil Männer dafür Geld zu zahlen bereit sind, sondern weil es Prostituierte gibt. Diesen Job kann nämlich die überwältigende Mehrheit der Frauen nicht verrichten, man muss dafür mehr oder weniger geboren sein. Die Frau besitzt evolutionär eine natürliche Hemmschwelle gegen Promiskuität, auch wenn sie heutzutage im Laufe ihres Lebens mehr Geschlechtspartner hat als zu früheren Zeiten. Aber eine Frau, die sich täglich von zehn verschiedenen fremden Männern besteigen lässt, nennt man zu Recht eine Hure. Denn dieses „Talent“ ist nicht jeder Frau gegeben, bei weitem nicht. Also, umgekehrt wird ein Schuh daraus: Erst kommt die Nutte, dann der Freier. Solange es Frauen gibt, die mit einem Blinzeln dem Mann zu verstehen geben, dass er ran darf, wenn er etwas zu spendieren bereit ist, solange wird es auch das älteste Gewerbe der Welt geben. Und glaub mir, Tanja, diese Art Frauen wird es immer geben.

Was du in deinem Brief noch unterschlägst, ist die Tatsache, dass es sich bei der Prostitution um sehr schnell verdientes Geld handelt, noch schneller als, sagen wir mal, bei Börsenspekulation. Denn selbst der abgebrühteste Spekulant erleidet bei einer gewagten Entscheidung Phasen der schmerzenden Angst. Die Nutte weiß dagegen sehr genau, was auf sie zukommt – und dass es schnell wieder vorüberziehen wird, nicht ohne ihr ein Haufen Geld hinterlassen zu haben. Allerdings leiden die meisten von ihnen auch in dieser Beziehung unter einer charakterlichen Deformation und hauen die ganze Kohle sofort wieder auf den Kopf.

Ach übrigens, Tanja, der Nutterei bist du trotz deines Ausstiegs treu geblieben. Bloß, dass du dich nun nicht mehr mit deinem Körper prostituierst, sondern mit deiner Meinung. Ich kaufe es dir nicht ab, dass du solcherlei Pamphlete von dir gibst, weil du plötzlich einen „Moralischen“ bekommen hast und die Menschheit zum Besseren bekehren möchtest. Hinter dir nämlich stehen mächtige feministische Organisationen, vielleicht sogar die hohe Politik mit einer Gender-Ideologie, die dich finanziell unterstützen, und als Zugabe vermutlich auch noch ein Buchverlag, der mit deiner Leidensgeschichte bald große Kasse zu machen gedenkt. Ich persönlich habe nix dagegen. Lass mich nur mit deinem verlogenen Geschwätz zufrieden. Die Klasse-Nutten auch.

Ebenfalls herzliche Grüße!

Akif

Offener Brief von Tanja Rahm

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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