10. Juni 2013

Roland Baader-Auszeichnung 2013 Dritter Teil der Rede des Preisträgers

Kritikansätze an Roland Baaders Werk

ef-Autor Peter Boehringer erhielt am 31. Mai 2013, dem ersten Abend der „Mark Banco-Anlegertagung“ in Hamburg die „Roland Baader-Auszeichnung 2013“. eigentümlich frei veröffentlicht an dieser Stelle seine Dankesrede exklusiv in vier Teilen. Peter Boehringer thematisierte ausführlich das Werk Roland Baaders und unterzog es mit viel Sachverstand einer kritischen Analyse. Hier nun der dritte Teil des überaus lesenswerten Vortrages:

Natürlich war Baader polarisierend. Nicht nur wegen der oft scharfen, provozierenden Sprache, sondern auch wegen einiger Inhalte des von ihm gezeichneten Weltbilds. Er war kein Gott, er darf kritisiert werden. Dies durchaus auch aus unseren eigenen freiheitlich-liberalen Reihen. Und er diskutierte ja auch leidenschaftlich gerne, solange es ihm eben möglich war. Mir selbst wird seit fast zehn Jahren ein zu unkritischer Umgang mit Baader vorgehalten. Das ist zwar nicht korrekt – wir waren einfach nur zu 90 Prozent Brüder im Geiste – und es gab daher wenig Ansätze zu Kritik. Aber es gibt sie durchaus an einigen Stellen. Mir fehlt heute die Zeit, diese z.T. subtilen Differenzen hier sauber auszubreiten. Darum nur einige Andeutungen – übrigens lassen sich fast alle Differenzen entweder per Synthese auflösen oder per Toleranz aushalten. Wozu sind wir Libertäre – also radikal tolerant im Voltaire´schen Sinne!

Stichworte für weiterführende Baader Debatten wären also:

1. Die Glaubensfrage: Wie religiös darf ein Liberaler sein? Muss er es gar sein?

Hayek war strikt agnostisch, Baader glaubte dagegen an den christlichen Gott und an die Bedeutung des Religiösen für eine gesunde Gesellschaft. Vielleicht hatte Baader bei der Masse der Menschen recht – sie braucht etwas Transzendentes, an das sie glauben kann. Aber Hayek war immerhin ein bedeutender Gegenbeleg. Vielleicht kann man als Synthese postulieren, dass zwar die Logik und der Verstand enorm wichtig sind; jedoch mit ihnen nicht die letzten, obersten Daseinszwecke erkannt werden können. Roland Baader glaubte an den christlichen Gott. Aber er war dabei tolerant. Wie ich im schon Nachruf schrieb: „Roland Baader hat unsere Beweisnot in Sinnfragen als ‚natürlich‘ akzeptiert.“

2.  Die Vernunftfrage: Wie rational muss ein Liberaler sein?

Darf er gar radikal rational sein – oder driftet er dann sofort in den von Baader zutiefst gehassten „Hyperrationalismus“ Rousseau´scher Prägung ab? Stichwort Vergottung der Ratio und des fiktiven Kollektivwillens. Stichwort Kant, Locke, Constant, Bastiat und Montesquieu versus Rousseau und Robespierre. Sogar zwischen Mises und Baader gab es hier Nuancenunterschiede (Mises 1927: „Alles, was der Mensch ist und was ihn über das Tier hinaushebt, dankt er der Vernunft.“).

Ich selbst bin seit Jahren auch nach Hunderten von Foren- und Blogkommentar-Debatten mit Esoterikern, Träumern und Glaubensextremisten jeder Couleur ein Extremist der Ratio und sehe mich dabei sowohl in abendländischer als auch in aufklärerischer Tradition. Als der europäische Mensch vor 2500 Jahren begann, nicht mehr hinter jedem Busch einen Gott zu vermuten, begann der Aufstieg des Abendlandes. Zuerst mit den griechischen rationalen Philosophen; nach dem Mittelalter dann mit den frühen Aufklärern in Deutschland, England und den USA. Sicherlich haben Baader und andere Beobachter (Kuehnelt-Leddihn ganz extrem) recht damit, wenn sie die Perversion des sogenannten „Hyperrationalismus“ in der franz Revolution und die damit einhergehenden Blutorgien natürlich ablehnen. Dennoch ist die Ratio enorm wichtig.

Natürlich gibt es auch hier Syntheseansätze: Baader hatte recht, wenn er vor der Illusion der  hyperrationalen Frühsozialisten warnte: „Die wenigsten sozialistischen Paradiesdenker haben die Hölle gewollt, die zu schaffen sie beigetragen haben“. Der englische Volksmund sagt zum gleichen Phänomen „The road to hell is paved with good intentions“. Und Hölderlin fasste das Phänomen schon vor 200 Jahren in die Worte: „Immer noch haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgaben, sie zum Paradies zu machen.“ Und Hölderlin musste es wissen – als junger Student war er einst sogar Bewunderer der französischen Revolution und der Aufklärung gewesen.

Auch Baader sieht die unverfälschte Aufklärung positiv: „Die Alternative zum Hyperrationalismus ist nicht Mystik oder New Age-Mumpitz, sondern kritischer Rationalismus.“ Und er weist zurecht drauf hin, dass die Aufklärung geistesgeschichtlich zur breiteren Strömung des Individualismus und Subjektivismus gehört (also ganz und gar nicht zum Rousseauschen volonté géneral / Kollektivwillen)! In aristotelischer und auch christlicher Tradition des Menschenbildes der Einzigartigkeit der Person waren die Aufklärungsbemühungen vor Rousseau eher auf die Befreiung des Individuums aus seinen Kollektivzwängen gerichtet (!), was sich dann ausgehend von Frankreich leider gründlich änderte. Zitat Rousseau: „Ich möchte, daß das Eigentum des Staates so groß und mächtig – und das das der Bürger so klein und schwach wie möglich ist… Wenn das Privateigentum so schwach und abhängig ist, braucht die Regierung nur sehr wenig Gewalt und kann die Leute sozusagen mit dem kleinen Finger lenken.“ [sic!] Diese sogenannte „Aufklärung“ Rousseaus gerierte sich radikal kollektivistisch – eine Pervertierung der ursprünglichen Aufklärungsidee. Daher kommen übrigens die vielen Missverständnisse zur Aufklärung bis in die Gegenwart: Selbst grüne Kollektivisten berufen sich heute gerne auf die Aufklärung – allerdings auf die im Rousseau´schen Sinne, die ab 1789 schnell in Robespierres Blutbad endete.

In Baaders Spätwerk findet man übrigens nur noch selten scharfe Schüsse gegen den Hyperrationalismus oder gegen Rousseau und Robespierre. Baader hat vermutlich selbst erkannt, dass nach 9/11/2001 zwar noch der Sozialismus der Hauptgegner ist – aber nicht mehr die Hyperratio. Der Sozialismus kommt m.E. heute nicht mehr vernunftverkleidet jakobinisch daher. Sondern seit etwa 10 Jahren selbst irrational!

Heute haben wir ein anderes Umfeld als in Baaders frühen Werken Anfang der 1990er: Heute sehen wir im Brüsseler Sozialismus eher die komplette Verdrängung von Logik und eine zunehmend irrationale Argumentation, die fast täglich unseren Verstand beleidigt. Man nehme nur die heute fast schizophrene Wirtschaftsberichterstattung… Heute müssen wir inmitten des medialen und kollektiv-politischen Wahnsinns m.E. wieder für mehr Rationalität kämpfen. In der erreichten Systemendphase des Aufschuldungszyklus voller logischer Widersprüche und Verwerfungen können die Mächtigen dem Volk nur noch durch Lügen, Täuschung, Propaganda eine heile Welt vorspielen.

3. Das Menschenbild: Wer ist schuld? Debatte Kollektive versus Selektive Korruption

Sowohl mein Laudator Professor Polleit als auch ich haben einiges hierzu geschrieben. Auch Baader hat dies getan; allerdings ohne diese Begriffe zu verwenden.

Ein Baader-Zitat aus FF zur Selektiven Korruption der Eliten:„Der Begriff Staat ist irreführend. Staat erweckt den Eindruck, es seine anonyme Institutionen am Werk. Regierung aber deutet darauf hin, dass es konkrete Personen sind, die anordnen, das wir befehligt, gegängelt, gezwungen, unterdrückt, behindert und ausgebeutet werden.“

Andererseits zitiert Baader auch Schiller, der durchaus Schuld bei den Menschen selbst sieht: „Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen“. Das ist höchst-idealistisch gedacht korrekt. Aber trotzdem liegt die moralisch-praktische Schuld an Fehlentwicklungen nicht alleine bei den Kleinen. Hinterleute treiben die Gesellschaften in die falsche Richtung.

Roland Baader legte speziell in seinen frühen Büchern den Fokus ausschließlich auf systemische Fehlentwicklungen – und weniger auf die Bedeutung korrumpierbarer Eliten – obwohl er dann später z.B. in „Totgedacht“ ganz klar formulierte: „Alle gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren Kopfgeburten von Intellektuellen“ – was ich eben als Selektive Korruption der Eliten und ihrer intellektuellen, medialen und administrativen Handlanger bezeichne. Eliten also, die zugleich Treiber und Profiteure der monetären und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sind. Allmählich (!) kann dabei Selektive Korruption auch zu Kollektiver Korruption werden – aber erst gegen Ende eines Systems. Spätestens wenn schließlich alle kollektiv korrumpiert wären, wäre ohnehin Schluss, weil dann niemand mehr die Bestechungsgelder real erarbeitet.

Wen aber soll man nun ur-kausal zum Schuldigen erklären? Ich meine, die Haupt-Profiteure und Weltenplaner hinter den Kulissen und ihre eingesetzten selektiv-korrupten Eliten und erst in zweiter Linie dann die Menschen selbst! Immer haben Intellektuelle den Wahnsinn vorausgedacht – und nicht-basisdemokratisch verantwortliche Politiker oder eben gleich Diktatoren haben den Wahnsinn umgesetzt. Ein Grund mehr, schlechte Ideen frühzeitig durch bessere zu ersetzen!

4. Fehlende Erklärungen jenseits des Wirtschafts-und Geldsystems

Roland Baader erklärte den uns umgebenden zerstörerischen Finanz-Wahnsinn weitgehend systemisch. Diese Zerstörung hat aber m.E. Methode! Eine Methode, die nicht nur abstrakt-unpersönlich-und system-immanent Ergebnis des Falschgeldsystems ist, sondern Teil eines Plans von bewusst handelnden Personen. Diesen Aspekt hat Roland Baader kaum einmal klar ausgeführt. Dies ist Anlass für eine Baader-Kritik – denn Hunderte von Lesern stellen auch mir immer und immer wieder die berechtigte Frage: „Dieser Wahnsinn kann nicht nur systemisch sein – hier wird doch ein Plan zur Weltunterwerfung durchgezogen?!“.

Ja: Ein sehr langfristiger Plan zwar – aber trotz Keynes´ Diktum „In the long run we´re all dead“ doch ein extrem folgenreicher: Die absurden Schuldengebirge werden kommenden Generationen ihr Menschenrecht auf Selbstbestimmung nehmen! Unseren Kindern, Enkeln und Enkelsenkeln – denn auch auf lange Sicht sind die nicht alle tot!

Und auch Wirtschaftserfolge –exemplarisch das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg– sind nicht nur rein systemisch etwa auf das Ehrhard´sche Laissezfaire in der Marktwirtschaft zurückzuführen: Das Wirtschaftswunder war multikausal: Deutschland hatte nach dem Krieg auch Schuldenfreiheit im Kondratieff-Frühling; zudem eine gut ausgebildete, homogene, leidens-und leistungsfähige, disziplinierte, hungrige Bevölkerung.

Und auch die Verbesserung der Lebensverhältnisse ab etwa 1850 war nicht nur „systemisch“ dem aufkommenden Kapitalismus und der industriellen Arbeitsteilung geschuldet, sondern u.a. auch der Motorisierung per Dampfmaschine und später per Benzinmotor und v.a. den weltgeschichtlich supergünstig verfügbaren Energieträgern Öl und Kohle! Die für die Neuzeitentwicklung sehr wichtige Energieverfügbarkeit kommt in Baaders Werken nicht vor – sie war nicht sein Thema.

5. Timingfragen

Baader war wie gezeigt enorm weitsichtig. Schon 1991 sprach er etwa von „Konkursverschleppung“ der Staaten. Und schon 1990 zitierte er Verschuldungsstatistiken von Deutschland („1989: 50 Prozent BIP-Verschuldung“) und Belgien („125 Prozent!!! Mit anderen Worten – der Staat Belgien ist bankrott!“). Doch „Bankrott“ ist eben relativ, wenn er von Staaten einfach nicht erklärt wird und der Finanzmarkt Refinanzierungen mittels betrügerischem aber gültigem Falschgeld noch immer möglich macht: Japan etwa steht 2013 bei 250 Prozent BIP-Verschuldung – und hat noch immer keinen Bankrott erklärt!

Nicht einmal Baader konnte sich vorstellen, wie lange und mit welchen Mitteln diese Konkursverschleppung durchhaltbar sein würde. Immerhin hat er das Durchhaltevermögen der Finanzjongleure qualitativ vorhergesehen: Er kaschiert aber seine Hilflosigkeit bzgl. Timing des System-Zusammenbruchs mit einem Zitat des unvermeidlichen Eugen Roth: „Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar: Die Lage ist ganz unhaltbar. Allein – am längsten leider hält – das Unhaltbare auf der Welt.“


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