10. April 2013

Aufregung um Akif Pirinçci Das Drama des deutschen Adlers

Knechtschaft führt zu Radikalisierung

Seit etwa zwei Wochen tobt im Internet eine Kommentarschlacht um einen Artikel des Schriftstellers Akif Pirinçci. Der Beitrag „Das Schlachten hat begonnen“ wurde zunächst auf dem liberalen Blog des Journalisten Henryk M. Broder „Achse des Guten“ publiziert – und wird erstmals gedruckt in der kommenden Ausgabe von eigentümlich frei (Mai-Ausgabe Nr. 132) nebst einleitenden Worten des Herausgebers André F. Lichtschlag erscheinen.

Pirinçci polemisiert in seinem Wutausbruch gegen gewalttätige Einwanderer und gegen den deutschen Umgang mit dem Problem. Keine Frage, Pirinçcis Beitrag ist bewusst in aggressivem und teils beleidigendem Tonfall geschrieben: Er sieht einen „schleichenden Genozids an einer bestimmten Gruppe von jungen Männern“, nicht weniger als einen „veritablen Bürgerkrieg“. Den Fall des von Türken zu Tode getretenen Daniel S.  wertet er im Kontext einer „Serie von immer mehr und in immer kürzeren Abständen erfolgenden Bestialitäten, die zumeist von jungen Männern moslemischen Glaubens an deutschen Männern begangen werden“. Die These, dass diese Jugendlichen „sich in Wahrheit als Versager und Opfer der Gesellschaft vorkämen“, sei nur „eine von der Migrantenindustrie, schwachsinnigen Politikern und geisteskranken linken Medienleuten bestellte Lüge“.

Nach dem erstmaligen Erscheinen von Pirinçcis Artikel wurde natürlich auch von der Gegenseite scharf geschossen, was nicht verwunderlich ist. Doch bevor wir diese Debatte und ihre Implikationen deuten, sei hier einmal der Versuch unternommen, den extrem heißblütigen Text von Pirinçci mit kühlem Kopf zu bewerten. Dann nämlich kann man zu dem Schluss kommen, dass man den Artikel weder vorbehaltlos verteidigen, noch einseitig dämonisieren sollte. Nicht nur Genie und Wahnsinn gehen häufig Hand in Hand, sondern auch rasende Bösartigkeit und Vernunft. Bei Pirinçci dürften sogar alle vier Eigenschaften vorliegen – besser als keine, finde ich!

Kommen wir zunächst zu den Punkten, in denen Pirinçci richtig liegt. Es ist im Kern zutreffend, wenn Pirinçci klagt: „Es geht einem deutschen Journalisten am Arsch vorbei, ob ein junger Landsmann von ihm auf offener Straße totgeprügelt wird, im Gegenteil, da ihm vom Kindergarten an der Hass auf die eigene Volkszugehörigkeit antrainiert wurde.“ In der Tat fällt ein gewisses Missverhältnis auf zwischen der Empörung, die einerseits das Tottreten eines Deutschen durch einen Ausländer auslöst, und andererseits der Empörung, die monatelang inszeniert wird, wenn es sich auch nur mutmaßlich umgekehrt verhält und auch gar keine vergleichbare Gewalt stattfindet (Mügeln und Ludwigshafen). Dass es unter deutschen Journalisten einen weit verbreiteten „Hass auf die eigene Volkszugehörigkeit“ gibt, kann man gleichfalls kaum bestreiten. Das Paradebeispiel bildet der Feuilleton-Chef der „Zeit“, Jens Jessen, der nach einem brutalen Überfall von Ausländern auf einen deutschen Rentner öffentlich darüber sinnierte, ob diese Tat als Reaktion auf das Verhalten des „deutschen Spießer“ und im Kontext einer Kette von „blöden Anquatschungen“ und „Gängelungen“ gegen Ausländer zu sehen sei. Ein Land, in dem das simple Bekenntnis zu Nationalstolz als „Mentalität eines Skinheads“ (Jürgen Trittin) denunziert wird, hat nun einmal zweifellos ein krankhaftes Verhältnis zu seiner Geschichte.

Pirinçci hat auch damit Recht, dass der politische Umgang mit dem Mord von Kirchweyhe widerlich war. Da wurde bereits das Thematisieren der Herkunft der Täter als „Rassismus“ denunziert – von der Presse wurde diese Herkunft überwiegend zensiert. Da erklärt ein SPD-Bürgermeister, dass der Totgetretene „kein Nazi“ gewesen sei, so als ob das Verbrechen andernfalls irgendwie entschuldbar wäre. Da stellt ein Radiosender den Kommentator auf einer um das Opfer trauernden Facebook-Seite unter Rechtsradikalismus-Verdacht, weil dieser die Partei „Alternative für Deutschland“ unterstütze, die schließlich eine „Euro-Hasserpartei“ sei. Wie kann man ernsthaft bestreiten, dass sich hier eine völlig irrsinnige und makabre Denkweise präsentiert? Und ist es angesichts solcher Zustände so verwunderlich, dass Pirinçci publizistisch ausrastet? Sollte nicht vielmehr die Frage zu Denken geben, warum mit Pirinçci ein Mann zu solchen krassen Ansichten kommt, der selbst einst aus der Türkei einwanderte?

Und auch mit folgender Polemik trifft der Schriftsteller im Grundsatz ins Schwarze: „Man braucht keine Glaskugel, um zu prophezeien, wie die deutsche Justiz mit diesen monströsen Totschlägern verfahren wird. Nach ermüdendem Sie-wurden-als-Kind-zu-wenig-gestreichelt-Blabla wird man einen ,Haupttäter’ auswählen, um die Empörung der Öffentlichkeit auf einen einzigen zu fokussieren, und scheißegal, wie viel Jahre dieser auch aufgebrummt bekommt, spätestens nach zwei Jahren wird er aus dem Knast mit Internetanschluss und Flachbildschirm rausspazieren“. So ungefähr schaut es tatsächlich aus. In Hamburg forderte bereits vor Jahren eine Politikerin der CDU,  dass Schwerverbrecher in einem Luxus-Knast mit Computer, Garten und eigener Küche unterkommen sollen. Diese politische und mediale Hofierung der asozialsten Elemente der Gesellschaft ist einfach nur grenzenlos dekadent.

Nun zu meinen Kritikpunkten an dem Beitrag von Pirinçci, bei denen wir zunächst auf die Form kommen müssen. Keine Frage: Formulierungen wie „beschissene Religion“ oder Pirinçcis Rede von CDU-Politikern, die „die Ärsche von irgendwelchen dahergelaufenen Imamen lecken und sie flehentlich darum bitten, mitten im Ort eine Moschee zu errichten“, sind grobe Foulspiele und gehören in Mittelengland wohl eher nicht zu den landesüblichen Umgangsformen.

Aber auch inhaltlich kann manches nicht kritiklos stehen gelassen werden, weil Pirinçci häufig einfach übertreibt. Wenn er etwa von einem „schleichenden Genozid“ spricht, dann übertreibt er genauso wie Günter Grass, der Ähnliches Israel vorwarf. Die von Ausländern ermordeten Deutschen sind schreckliche Tragödien und zeigen eine völlig gescheiterte Einwanderungs- und Integrationspolitik – aber ein „veritabler Bürgerkrieg“ sind sie eben nicht. Im Hinterkopf behalten sollte man auch, dass die Jugendgewalt insgesamt seit Jahren aufgrund der gesellschaftlichen Überalterung abnimmt. Dies ändert aber nichts daran, dass sich dennoch der Eindruck erhärtet, dass die besonders brutalen Taten zunehmen. Und dass ferner eine gefährliche Minderheit der Zugewanderten sich permanent als deutschenfeindliche Fußtruppe Erdogans geriert. Auf der anderen Seite nimmt auch die Geburtenrate dieser Zuwanderergruppe bereits wieder ab, sodass die Furcht vor einer radikal-islamistischen oder türkischen „Übernahme“ Deutschlands mir eher allzu dramatisch erscheint. Kurzum: Es ist eine höchst komplexe Problematik, die es verbietet, in typisch deutsches Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. In seiner nachgereichten Stellungnahme hat Pirinçci dies auch noch einmal klarer gestellt.

Warum aber sind nur so wenige Kritiker von Pirinçci in der Lage, sich in einer differenzierten Weise mit seinem Artikel auseinander zu setzen? Warum muss selbst ein Berufsjournalist von Radio Bremen, der doch über eine gewisse Professionalität verfügen sollte, sofort mit einem Goebbels-Vergleich kommen? Was bitte hat ein verwirrter und übrigens seit über 60 Jahren verstorbener NSDAP-Bonze mit Akif Pirinçci zu tun? Warum müssen sofort Forderungen nach der Zensur eines solchen Artikels laut werden – indem beklagt wird, dass die Achse des Guten ihn veröffentlicht hat? Warum finden sich bei Facebook sofort Hysteriker, die dem Schriftsteller eine juristische Verurteilung wegen Volksverhetzung an den Hals wünschen? Wenn man bei falscher Meinungsäußerung – und sei diese noch so sehr daneben – den Staatsanwalt fürchten muss, dann haben wir es mit einem juristisch abgesicherten Klima der Einschüchterung zu tun, das eine hervorragende erste Grundlage für den Weg in eine Diktatur bildet.

Völlig daneben auch der Vorwurf, Pirinçci argumentiere „wie die Nazis“ oder wie die NPD. Was soll dieses Nonsens- und Null-Argument aussagen? Nach gleicher Logik müsste man jeden Kapitalismuskritiker mit dem Vorwurf an den Pranger stellen, er argumentiere ,,wie die Stalinisten“. Es gibt politische Überschneidungen zwischen allen möglichen politischen Lagern, auch zwischen radikalen Lagern. Selbst Extremisten haben manchmal berechtigte Kritikpunkte und behandeln Probleme, die von der „Mitte“ übersehen werden – auch  wenn diese Probleme von den Extremisten häufig in unappetitlicher Weise aufgegriffen werden.

Auch das Verhalten der „taz“ war nicht gerade ein Ruhmesblatt. Dass Pirinçci einem Journalisten, der ihn mit Goebbels verglichen hatte, als einen „aus dem Trog des linksgrün versifften Staatsfunks Radio Bremen saufenden Journalistendarsteller“ bezeichnete, kommentiert Deniz Yücel in der „taz“ mit der Bemerkung, dass Pirinçci „mit der sprachlichen Eleganz eines NPD-Kreisvorsitzenden“ agitiere. Das muss Yücel nun gerade in der „taz“ sagen. Als ob sich die dortige Betitelung von Thilo Sarrazin als „zuckende Menschenkarikatur“ so maßgeblich von der sprachlichen Eleganz eines SED-Bezirkssekretärs – oder eines NPD-Kreisvorsitzenden – unterscheiden würde.

Man kann diese Denunziationen, Zensur-Forderungen und juristischen Verfolgungsgelüste nicht einfach damit abtun, dass nur aus dem Wald zurückschalle, was Pirinçci hineingerufen habe. Denn wie unter anderem die Fälle Hohmann und Herman zeigen, schützt ein gepflegterer Tonfall mitnichten vor dem rotgrünen Terror. Notfalls wird der Andersdenkende mit Zitatfälschungen den medialen Scharfrichtern vorgeführt. Außerdem nimmt sich Pirinçci nur das Recht heraus, das die andere Seite sich täglich herausnimmt. Und im Vergleich zu Begriffen wie „zuckende Menschenkarikatur“ „Pest“, „Dreck“, „Hexe“, „Ratten“ oder „Giftmischer“, mit denen linke Journalisten und Politiker regelmäßig Andersdenkende zu betiteln pflegen – ohne dass es darüber auch nur die geringste Empörung gibt –, ist Pirinçci nun doch wieder fast mittelenglisch.

Den Wutausbruch des Schriftstellers muss man daher in einem vielfältigen Kontext sehen und entsprechend milder bewerten: Im Kontext von zusammengeschlagenen und zu Tode getretenen Deutschen, die von Medien und Politik als Opfer zweiter Klasse verhöhnt werden, weil sie nur „Scheißdeutsche“ sind. Der Wutausbruch steht ferner im Kontext von Politikern und Juristen, die sich permanent um die „Menschenwürde“ von Mördern und Asozialen sorgen. Im Kontext von übelstem Gesinnungsterror gegen jene Personen, denen all das übel aufstößt – Pirinçci spricht in seinem Text unter anderem von „Antifa-Banden in Manier von SS-Horden“. All dies hat Pirinçci wie viele andere wohl lange herunterschlucken müssen, und nun hat es sich dieser Gefühlsstau in dafür umso radikalerer Weise entladen. Die Kombination aus geistiger Stickigkeit, nationalem Selbsthass, sowie dem Verschleiern und Verniedlichen von Mordtaten führen also unweigerlich zu einer psychischen Radikalisierung.

Somit errichten die Linken mit ihrem Jakobinismus und Moralismus in Deutschland ein psychisches Wahnsystem, das inzwischen in der Tat sehr vielen einen mal größeren, mal kleineren Sonnenstich zugefügt hat – teilweise auch einen fremdenfeindlichen oder zumindest integrations-alarmistischen Sonnenstich. Woraufhin sich die Linke über jenen Sonnenstich echauffiert, den sie selbst geschaffen hat. Ihr entgeht die Implikation dessen, was Arnold Gehlen einmal wie folgt formulierte: ,,Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Das geht über die Demütigung der geistigen Abtrennung noch hinaus. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung: die Erkenntnis. Er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.“

Auf die Kontroverse um Pirinçci passt daher eine Karikatur in den „Fliegenden Blättern“ aus dem Jahr 1848 – Überschrift: „Wie sie zu Frankfurt am Main den deutschen Adler nach langer Gefangenschaft freigeben“. Die Zeichnung zeigt einen Adler, der von einer Horde Clowns aus seinem Käfig gelassen wird und offenbar aggressiv gelaunt ist. Unter dem Bild ist zu lesen: „Meine Herren! – Aufgepasst! – Ich glaube, er beißt!“ Es liegt auf der Hand, was damit ausgedrückt werden soll: Die Unterdrückung von deutscher Einheit und Freiheit führte neben gesundem Patriotismus auch zu einem guten Schuss nationalistischer und wohl auch antisemitischer Besoffenheit – nur ist die Empörung darüber eben wohlfeil, weil der „deutsche Adler“ schließlich allzu lange gereizt wurde. Im Grunde hat sich dieses Drama später mehrmals wiederholt: zunächst wurde er mit dem Versailler Vertrag gefangen genommen. Die darauf folgende fatale Entwicklung ist bekannt. Heute wird er wieder gefangen gehalten. Pirinçci beschreibt das gut. Und ebenso, wie die Barrikadenkämpfe von 1848 zu einer überschießenden Entladung von zuvor domestizierten Trieben führte, so schießt auch Pirinçcis Befreiungsschlag an vielen Stellen über das Ziel hinaus. Der deutsche Adler namens Akif Pirinçci, dem man jahrelang heißen Kerzenwachs auf das Adler-Fell tropfen ließ, hat jetzt die Gitterstäbe durchgebissen und in blinder Raserei den Knastwärtern mit seinem Schnabel die Augen ausgehackt.

Man sollte daraus lernen, dass Adler nun einmal nicht in Käfighaltung gehören, und schon gar keine deutschen Adler. Mehr dazu in eigentümlich frei Nr. 132.


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