Thomas Fink

Jahrgang 1954, Kapitalist.

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Gesellschaft: Der funktionelle Soziopath

von Thomas Fink

Von der Züchtung eines neuen Menschenschlages

Ein 18-jähriges Mädchen trifft in einer geselligen Runde eine Freundin, mit der sie viele Wochen nicht gesprochen hat. Während der Unterhaltung erinnert sie sich an eine „komische Sache“ bezüglich einer gemeinsamen Freundin. Diese Freundin hatte vor einiger Zeit gegenüber Bekannten angegeben, für das Wochenende weg zu sein, auf einen Ausflug irgendwohin. Anschließend hat man von der Freundin nichts mehr gehört und gesehen, obwohl diese bis dahin regelmäßig Kontakt per Telefon gehalten hatte. Deshalb neugierig geworden, wollte ein Trio von Vertrauten sie etwa zwei Wochen nach dem „Wochenend-Ausflug“ in ihrer Wohnung besuchen. Sie fanden die Tür angelehnt und betraten die Wohnung. Es gab keine Anzeichen dafür, dass jemand die Wohnung in den letzten zwei Wochen bewohnt hatte. Nichts fehlte, aber ein paar Dinge waren seltsam zerbrochen. Das Trio verließ die Wohnung dann wieder und ging getrennte Wege. Es wurden keine weiteren Untersuchungen angestellt. Es waren nun mehr als zwei Monate vergangen, die „komische Sache“ war zu einer Anekdote geworden und die gemeinsame Freundin blieb verschwunden.

Dies ist nur einer von Dutzenden von ähnlichen Fällen, die mir in den letzten Jahren bekannt geworden sind. Sie sind nicht so spektakulär wie Schulmassaker, haben mit diesen jedoch einen merkwürdigen emotionalen Missklang gemeinsam. Es erschreckt und gibt uns Rätsel auf, wenn ein Teenager wegen Hänselei oder Depressionen ein Dutzend seiner Mitschüler umbringt; aber ist es nicht genauso rätselhaft und frappierend, wenn „Freunde“ nicht in der Lage zu sein scheinen, genug Sorge zu empfinden um Alarm auszulösen, wenn eine Vertraute einfach verschwindet?

Ich glaube, dass diese Missklänge auffällig und weit verbreitet sind. Bis jetzt ist es immer noch relativ selten, dass sie in extreme Gewalt münden. Wenn meine Theorie über das, was hier passiert, sich jedoch als richtig erweist, werden wir in den kommenden Jahren noch viel mehr scheinbar unerklärliche Gewalt sehen.

Was ist meine Theorie? Ich bin davon überzeugt, dass wir zurzeit die ersten Ergebnisse der Folgen eines systemweiten Zusammenbruchs der Kindererziehung im familiären und institutionellen Bereich erleben.  Dieser Zusammenbruch bringt einen neuen virulenten Stamm von Persönlichkeitsgestörten hervor: die funktionellen Soziopathen.

Ein Soziopath ist ein Mensch ohne Gewissen und ohne tiefere emotionale Bindungen zu anderen Menschen, individuell und kollektiv. Die Wissenschaft sucht seit langem nach einer organischen Grundlage für diese Art von Krankheit. Es ist aber auch bekannt, dass frühe Umwelt-Einflüsse eine wichtige Rolle bei der Formung einer menschenverachtenden Persönlichkeit spielen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir, als Kultur, über eine zufällige Kombination von Bildungspädagogik und Kindererziehung Ansätze geschaffen haben, die praktisch ideal sind für die Erzeugung menschenverachtender Persönlichkeiten bei anderenfalls gesunden Kindern.

Dass die Stärkung des Selbstwertgefühls  heute das Haupt-, wenn nicht das Kardinalziel der elementaren Bildung ist, reduziert bei Kindern drastisch deren Möglichkeit, den notwendigen Schmerz darüber wahrzunehmen, dass die Welt, außerhalb von ihnen, Anforderungen an sie stellen kann und stellen wird. Dies ist ein Verlust, der jenen Mechanismus verkrüppelt, durch den Kinder aus infantiler Absorption zu in vollem Umfang individuierten, ethisch erwachsenen Persönlichkeiten reifen. Mit anderen Worten. Die Freizügigkeit, die mit der Emphase auf das Selbstwertgefühl einhergeht, sabotiert die Entwicklung eines echten Selbst jeder Art.

Was will der coole Junge von heute? Respekt!

Wofür? Dafür, das er ein cooler Junge ist.

Und das coole Mädchen und der coole Junge wissen dabei immer weniger, bekommen dafür aber bessere Noten. An den Schulen wird mehr und mehr „eine Leistungsbewertung propagiert, die Quoten für die Vergabe von guten Noten und Abschlüssen unabhängig von der tatsächlich erreichten Leistung“ festlegt, wie Jan Fleischhauer in seinem Buch „Unter Linken“ beschreibt. In der Germanys-next-Superstar-Kultur wird diese (wenn überhaupt) zu Mittelmäßigkeit dann zu Genialität aufgeblasen. In der Familie wird der Vater, wenn er noch da ist, zum Kumpel. Und wenn er nicht mehr da ist, geht die Mutti mit der Tochter einen aufreißen.

Das alles ist nur die Tünche einer erschreckenden Leere und Kälte. Auf der Ebene der Tünche, der Oberfläche, ist der funktionelle Soziopath völlig unauffällig.

Theodore Dalrymple beschreibt in seinem Essay „Vergiftet durch Berühmtheit“ einen giftmischenden Massenmörder, der seiner Schwester (die einen Vergiftungsversuch überlebte) von „der schrecklichen Kälte in mir“ erzählte. Seine einzige Motivation für die zahlreichen Morde war der Wunsch berühmt zu werden. Dalrymple schließt sein Essay mit den Worten: „Könnte eine Ausbreitung dieser Kälte unsere gegenwärtige Besessenheit mit Prominenten nicht zu erklären helfen?“ Ja, sie könnte. Aber diese Kälte brennt in jenen, oft angefeuert durch Drogen und Psychopharmaka, deren inferiores Selbstwertgefühl von der Realität zurechtgestutzt wurde. Und wenn diese nicht im Schützenverein sind, dann haben sie Autos. Oder Messer. Oder Gabeln.

26. Mai 2009

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Kommentare

dickbrettbohrer , am 26. Mai 2009 um 9:41 ( Link )

Emotionale Bindungen entstehen durch Bindung an Eigentum. Die Fähigkeit, sich ein Stück Welt anzueignen, wächst vom ersten Tag der Geburt an. Es wird gefördert, wenn das Kind sich respektiert fühlt, und ihm ein Rahmen zur Selbstentfaltung zugestanden wird, innerhalb dessen es sich ohne ständige Einmischung, Gängelung und penetrante Belehrung der Erwachsenen bewegen darf. Nun beginnt die Eroberung des Lebens, und diese Eroberung ist nicht nur mit Freude, sondern auch mit Mühsal und Rückschlägen verbunden. Doch genau letzteres wollen vorgeblich wohlmeinende Erwachsene verhindern. Die eventuellen negativen Folgen eigenen Handelns sind aber eine Seite der Medaille, ohne die auch die andere undenkbar ist: es gibt ohne die potentielle Möglichkeit des Versagens auch keine des Erfolges. Wir müssen erkennen, daß jedes Kind ein Recht darauf hat, seine eigene Suppe auszulöffeln. Mit den feinen und auch den eventuell ungenießbaren Brocken.

Vorgeblich zum Schutze der Kinder läßt man ihnen buchstäblich keinen Raum zur Selbstverwirklichung und damit zur „arbeitsintensiven“ Eroberung von Eigenem, von allseits respektiertem Besitz. Die Lust, etwas auszuprobieren und sich eifrig in gewissen Tätigkeiten zu üben, wird damit erstickt. Unsere Kinder „dürfen“ nichts mehr außer konsumieren. Schon früh konfrontieren wir sie mit einem abstrakten Geflecht von Regeln, die sie auswendig hersagen können, deren Sinn aber ihre Herzen nicht erreichen kann, weil entsprechende Handlungen und damit Zusammenhänge fehlen.

Kinder konsumieren mit Geld, das sie nicht verdient haben und von dem nicht wirklich wissen, wie es verdient wird und woher es überhaupt kommt. Der geschenkte Wohlstand macht den nutzbezogenen Kontakt zu und die Pflege von Beziehungen mit anderen Menschen überflüssig. Der Verkehr wird beliebig, Verträge muß man nicht einhalten, alles ist folgen- und daher sinnlos. Das Kind von heute benötigt für sein körperliches Wohlergehen und seine sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen seine Eltern nicht, so zumindest zeigt sich ihm die Realität. In früheren Generationen kannten die Kinder den eigenen Stellenwert und richteten sich danach. Sie wußten, daß die Eltern für sie sorgten. Sie wußten, daß sie auf der Rangleiter so lange tiefer standen, als bis sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten: kraft eigener Anstrengung und Arbeit. Daß heutige Kinder dieser demütigen (nicht demütigenden!) Haltung entwachsen sind und Anspruchsdenken Zunge und Handeln leitet, ist nicht ihre Schuld. Wird doch von allen Seiten gepredigt, welche Rechte Kindern zustünden. Werden doch im gleichen Atemzug auch die Feinde benannt, welche diese Rechte ständig verwehren wollen. Sie lauern überall, und die giftigsten Feinde sind die Eltern selbst.

Wen wundert es da, wenn der Zusammenhang zwischen Geben und Nehmen, zwischen Leistung und Lohn, zwischen Anstrengung und Erfolg (nicht nur wirtschaftlich, auch geistig) gesprengt ist? Verantwortung ist untrennbar an Eigentum gekoppelt, Hingabe an eine Sache oder Rücksicht auf andere Menschen nimmt nur der, welcher sein Eigenes gefährdet sieht, sobald er die Rechte anderer Menschen verletzt.
Unsere Kinder werden von der Gesellschaft nicht gebraucht. Vor lauter Schutz sind sie in Reservate abgedrängt worden, in denen sie passiv als wirtschaftliche Objekte einer Bildungs- und Erziehungsindustrie dienen. Sie sollen konsumieren (auch Wissen, fälschlich als Bildung bezeichnet) und sich ansonsten „gesellschaftskonform“ verhalten. Eine Herde von Schafen in einer Koppel, erstklassig ausgestattet mit Klamotten und was dazugehört.

Unsere Kinder lernen immer früher, demnächst in der Krippe, daß niemand sie braucht, daß sie im besten Falle nur Aushängeschilder sind. Sie nehmen, was ihnen geboten wird, was bleibt ihnen schon anderes übrig? Sie werden nicht selbstbewußt dabei, sondern seelisch krank. Und das Schlimme daran ist, die Verkrüppelung des Gefühls wächst sich im Erwachsenenalter nicht aus. Die autistische Wohlstandsgesellschaft begeht an ihren eigenen Kindern eine Art Verbrechen, das mit der Decke des Wohlwollens verhüllt ist. Darunter schreit die nach einem Lebenssinn suchende nackte Seele.

Den Schlußfolgerungen des Autors ist zuzustimmen Wir werden noch einiges erleben.

Goldelse , am 26. Mai 2009 um 10:24 ( Link )

Hier hat einer schön zusammengefasst, was früher richtig lief und was heute Mist geworden ist:
Wenn du aber als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren gelebt hast, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen.

Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht mal ein Handy dabei! Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“ . Kannst du dich noch an „Unfälle“ erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht.

Wir aßen Kekse, Brot mit dick Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms.
Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns ... Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter und mit den Stöcken stachen wir nicht besonders viele Augen aus. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas!

Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen, wir, die wir Kinder waren in den 50ern, 60ern und 70ern.

Ernst-Gottlieb von Emhofen , am 26. Mai 2009 um 14:17 ( Link )

Sehr geehrter Herr Fink,

als sogenanntes "älteres Semester", Vater dreier wunderbarer Söhne, sowie Freund, Bekannter und Weggefährte vieler Angehöriger jüngerer Generationen kann ich Ihnen versichern, daß Mitleidlosigkeit, Kälte und asoziales Verhalten keineswegs ein Generationenproblem sind, sondern in jeder Generation gleich verteilt sind. Die von Ihnen zitierte Geschichte ist ein klassischer Einzelfall, von dem aus nicht auf die gesamte Jugend geschlossen werden kann.

Vor einiger Zeit las ich von einem Dorf in Österreich, in dessen direkter Nähe eine Nervenheilanstalt steht. Zur Zeit des Dritten Reiches war es ebenso ein Vernichtungslager für sogenanntes "unwertes Leben".
Jedes Mal wenn die Schlote wieder besonders qualmten sagten die Dorfbewohner, wissend, was in der Anstalt vor sich ging, amüsiert: "Ah, ham's wieder mal Depperlverbrennung!"
Ich denke nicht, dass man von weiten Teilen der heutigen jungen Generation ein ähnlich schäbiges Verhalten erwarten kann.

Sphairon , am 26. Mai 2009 um 15:24 ( Link )

Wer einen Einblick in die fast schon pathologische Alltagsmentalität einige Generationen vor uns erhalten möchte, muss im Übrigen nur ein bisschen Georg Büchner lesen.

"Woyzeck" wäre hier besonders empfehlenswert.

Thomas Wolfgang Fink , am 26. Mai 2009 um 17:03 ( Link )

@Herrn von Emhofen und Sphairon

Gab es in der "guten alten Zeit" auch Subkulturen von Kindern und Jugendlichen, die sich gewohnheitsmäßig Pornos und/oder extrem gehirnschädigende Drogen reingezogen haben? Ist die über Jahre (nicht Generationen) meßbare "Verjüngung" der ersten sexuellen Erfahrungen unerheblich? Wußten sie, das es in den USA einen perversen Wettbewerb zwischen den Sprößlingen bester Familien, Schulen und Universitäten gibt, in dem es darum geht, wer die höchstbezahlten und prestigeträchtigsten Jobs halten und gleichzeitig sein Gehirn und seinen Körper auf die effektivste Art und Weise zerstören kann? etc. etc. Ich weiß, das es gute Kinder gibt. Ich habe auch solche in meinem Umfeld. Sie mißverstehen mich, wenn sie meinen, dass ich meine, das früher alles besser war. Darum geht es mir gar nicht. Es geht hier um etwas Neues, etwas schwer einzuschätzendes, etwas, das man sich nicht schön reden sollte. Wenn ich sage, es geht um die "neuen Barbaren" oder die "neue Barbarei", ist das auch nur ein Aspekt. Ich werde zu diesem Thema noch mehr schreiben.

Goldelse , am 26. Mai 2009 um 17:44 ( Link )

@ Thomas Wolfgang Fink

Und was ist die Ursache für diese gesellschaftliche Deformation?

Thomas Wolfgang Fink , am 26. Mai 2009 um 18:19 ( Link )

@ Goldelse
Darauf habe ich keine eindeutige und keine einfache Antwort. Die Zunahme gesellschaftlicher Komplexität scheint eine Abnahme individueller Komplexität zu bedingen oder sie wenigstens zu fördern. Wie gesagt, demnächst mehr.

SHSH , am 26. Mai 2009 um 18:45 ( Link )

"Wußten sie, das es in den USA einen perversen Wettbewerb zwischen den Sprößlingen bester Familien, Schulen und Universitäten gibt, in dem es darum geht, wer die höchstbezahlten und prestigeträchtigsten Jobs halten und gleichzeitig sein Gehirn und seinen Körper auf die effektivste Art und Weise zerstören kann?"

Nein, wusste ich nicht. Erzählen Sie mir mehr.

Thomas Wolfgang Fink , am 26. Mai 2009 um 18:59 ( Link )

@SHSH
Gehen Sie auf Asia Times Online zu The Complete Spengler. Sein vorletzter Artikel: "Why the West is Boyle'd" ist im weiteren Sinne interessant. In bezug auf das, was sie interessiert ist der Kommentarbereich zu diesem Artikel zu empfehlen. Leider doktern die auf dem Server rum und der Kommentarbereich ist seit mehreren Tagen nicht mehr richtig erreichbar.
Wie gesagt, demnächst mehr.

Kreuzweis , am 26. Mai 2009 um 19:56 ( Link )

Ein von Emhofen schrieb:

> Vor einiger Zeit las ich von einem Dorf in Österreich, in
> dessen direkter Nähe eine Nervenheilanstalt steht. Zur Zeit
> des Dritten Reiches war es ebenso ein Vernichtungslager für
> sogenanntes "unwertes Leben". Jedes Mal wenn die Schlote
> wieder besonders qualmten sagten die Dorfbewohner, wissend,
> was in der Anstalt vor sich ging, amüsiert: "Ah, ham's
> wieder mal Depperlverbrennung!"
> Ich denke nicht, dass man von weiten Teilen der heutigen
> jungen Generation ein ähnlich schäbiges Verhalten erwarten

Schön, daß man alles glaubt, was man liest!
Insbesondere, was Dorfdeppen damals oder hinterher gewußt oder gesagt haben wollen, ist äußerst beweiskräftig! Immerhin, Hexenzeichen waren's diesmal nicht.
Ich mit meinem bescheidenen bürgerlichen Verstand jedoch frage mich: Unterhielten damals Nervenheilanstalten eigene Krematorien? Schließlich sind die Kosten für Errichtung und Betrieb eines Krematoriums nicht unerheblich. Oder glaubt der Bildungsbürger, daß man in einem Heizkessel Leichen entsorgen könnte? Frage er mal einen Ofenbauer!

Ich hatte mal die Ehre Gast einer Veranstaltung der B'nai B'rith im Festsaal der Uni Heidelberg sein zu dürfen. Ein Forscher referierte über die Motive der Nazis zur Tötung 'lebensunwerten Lebens'. Das erklärte Motiv war eben nicht die Ausradierung aller Behinderter, sondern die Konzentration der knappen Resourcen auf jene Hälfte von Behinderten, bei denen therapeutische Maßnahmen Verbesserungen erwarten ließen. Das hört sich doch schon ganz anders an?
Es war zudem niemandem verboten, (s)ein behindertes Kind selbst zu unterhalten oder durch Adoption zu 'retten' (Wieviele solche Kinder haben die Altvorderen von Emhofens adoptiert? Wievielen 'alternativ Begabten' hat unser von Emhofen ein heimeliges Zuhause gegeben?). Aber schon damals war es beliebt, die heißgeliebten 'Depperl' der "Allgemeinheit" aufzuhalsen. (Bei der anschließenden Diskussion sagten einige Experten ziemlich unverblümt, daß dies nicht an die große Glocke gehängt werden dürfe; keiner jedoch widersprach dem Referenten inhaltlich!)

Man ist es gewohnt, aus der Feder von Bewältigungsexperten jeden noch so großen Blödsinn zu glauben - und sei es das Aushebeln der Naturgesetze durch die Nazis.
UND - DAS WIEGT SCHLIMMER - DAS BRD-BÜRGERTUM WILL ES GLAUBEN!
Die Besessenheit, der Nachkriegsdeutschen, sich im Schuldkult zu suhlen, ist derart widerwärtig, daß ich der heutigen Jugend nicht verübeln kann, nicht so werden zu wollen, wie die heutigen 'Deutschen'. Wie kann ein (deutscher) Jugendlicher überhaupt noch geistig gesund aufwachsen, wenn er im eigenen Land, von den 'eigenen' Leuten gegenüber Fremden diskriminiert wird? ("Heimattreue Jugend" wird verboten - "Deutschland verrecke!" wird gefördert.)

Was ist verächtlicher: die richtigerweise erkannte 'funktionelle Soziopathie' der Jugend oder die 'funktionelle Autoaggression' ihrer Eltern?

Ernst-Gottlieb von Emhofen , am 26. Mai 2009 um 20:28 ( Link )

Sehr geehrter Herr Fink,

vielen Dank für die prompte Antwort.
Ich bin mir selbstverständlich der Tatsache bewußt, daß bedingt durch neue Medien und einem libertineren Lebensstil sowohl das Eltern- als auch das Kinderdasein heutzutage um einiges schwieriger und gefährlicher ist, als das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Gott sei Dank lernten zumindest zwei meiner drei Kinder die Weiten des Internets im frühen Erwachsenenalter kennen!

Aber auch meine Kindheit war nicht ganz sorgenlos: Nicht weit weg von unserer Stadtwohnung, wo ich den Großteil meiner Kindheit verbrachte, war das so genannte Bahnhofsviertel, in dem vornehmlich Leute zu Hause waren, die man heutzutage als "sozial benachteiligt" bezeichnen würde. Die "Kinder" dieser Leute - sofern man sie so nennen will - rotteten sich zu Banden zusammen, die, mit Messern und Stöcken bewaffnet - kriminelle Jugendbanden bildeten und die Gegend terrorisierten oder zugedröhnt mit Alkohol oder irgendwelchen Schnüffelstoffen an den Hausmauern lehnten.

Der Unterschied zu heute besteht im wesentlichen darin, dass damals "U-Bahn-Schläger" (auch wenn es damals noch keine U-Bahn bei uns gab) und "Komasaufen" nicht wochenlang die Schlagzeilen einschägiger Schmierblätter gefüllt hätten, sondern als soziale Randerscheinung höchstens einen unauffälligen Zweizeiler in der lokalen Zeitung nach sich gezogen hätten.

Lieber Kreuzweis,

ihr Auftreten und Verhalten ist symptomatisch für eine Brut von Millionen von Anonymi, die das Internet bevölkern, um im Schutz irgendeines aus den Fingern gesogenen Pseudonyms die Allgemeinheit mit ihren Ergüssen zu belästigen.
Dass Sie lieber anonym bleiben wollen, ist Ihr gutes Recht, ich habe Verständnis für jeden, der nicht möchte, dass sich seine Spur durch das Netz zieht, vor allem, wenn er so einen Schund zum besten gibt.
Aber andere Diskussionsteilnehmer, die namentlich zu ihrer Meinung stehen, ihres Namens wegen zu verspotten ist mithin das dummdreisteste Verhalten, das ich je erlebt habe.

Einen geruhsamen Abend,

Ernst-Gottlieb von Emhofen

Juergen , am 26. Mai 2009 um 21:44 ( Link )

Sehr geehrter Herr Fink,

mich würde interessieren, wie Sie Ihren Artikel im Kontrast zu Herrn Lichtschlags Artikel "Auch in Deutschland verändert sich die Jugend" (ef Nr. 86 S.32 ff.) sehen.

Darin schreibt er ja genau das Gegenteil von dem, was Sie hier veröffentlicht haben. Deutsche Ehen halten wieder länger und auch unter den Jugendlichen wird der Wunsch nach Ehe und Familie wieder stärker ist dort unter anderem zu lesen.

Ich schließe mich Sphairon und von Emhofen an. Dass die derzeit heranwachsende Generation zu sozialen Krüppeln heranwächst kann ich nicht beobachten und ich denke dass wird sich auch empirisch nur schwer belegen lassen (wenn Sie Daten haben, dann her damit).

Drogen hat meine Generation auch konsumiert und wir sind zu Nirvana abgegangen damals Anfang der Neunziger, I hate myself and I want to die, so sprach unser Idol. Ist auch schon 15 Jahre her und ich lebe immer noch.

Constanze , am 26. Mai 2009 um 21:54 ( Link )

Schade, dass die Beiträge am Ende in ein persönliches Scharmützel ausarteten.
Mein Dank an Dickbrettbohrer und Goldelse für die ersten Kommentare in dieser Reihe. Ihren außerordentlichen Beiträgen ist nichts hinzuzufügen.

Minarchist , am 27. Mai 2009 um 13:23 ( Link )

Lieber "Kreuzweis" - vielen Dank für Ihre hervorragende Antwort an Ernst-Gottlieb von Emhofen. Sie haben es auf den Punkt gebracht. Ich wollte ihm schon ähnliches antworten, aber Sie sind mir zuvorgekommen. Ein herzliches Dankeschön dafür, daß Sie Herrn von Emhofen in seine Schranken verweisen. Es ist unsäglich, zu welcher Verwirrung jahrzehntelange verfälschende/übertreibende Hirnwäsche geführt hat.

Hierzu passend auch eine herrliche Anekdote, die Karlheinz Weißmann (IfS) mal erzählte. Danach habe eine betagte alte Frau, die allgemein zu ihrer Jugendzeit im NS-System befragt wurde, zum Besten gegeben, es sei ja wirklich unglaublich, wie sie damals verführt worden sei, sie habe unlängst einen alten Tagebucheintrag von sich selbst aus dem September 1939 gefunden, wo Sie geschrieben habe, Frankreich habe Deutschland den Krieg erklärt - dabei sei das doch genau umgekehrt, wie sie heute natürlich wisse. Es sei unglaublich, wie sie damals der Goebbels-Propaganda auf den Leim gegangen sei, daher habe sie einen solchen Unsinn, wie sie heute weiß, geglaubt damals.

(Für Ernst-Gottlieb von Emhofen und andere, die ihr Geschichts"kenntnisse" aus der Bewältigungsindustrie beziehen: tatsächlich hat Frankreich Deutschland am 03.09.1939 den Krieg erklärt, und damit den polnisch-deutschen Lokal- und Grenzkonflikt zum europäischen Großkrieg eskalieren lassen. Die Tagebuchschreiberin hatte also DAMALS Recht und war nicht etwa "verführt" worden, sondern wurde im Gegensatz hierzu NACH 1945 verführt und hirngewaschen).

Veritas , am 27. Mai 2009 um 17:29 ( Link )

Hallo Minarchist,

dass erst Frankreich Deutschland den Krieg
erklärt hat ist doch unerheblich, da England
Polen eine Statusgarantie gegeben hatte. Der europäische Großkrieg war klar kalkuliert.

Der These der sich vermehrenden Psychopathen muss ich als Beteiliger (19 Jahre, gerade Abi hinter mir) übrigens klar widersprechen.
Auf die Frage, wer denn später Heiraten und
Kinder bekommen möchte, meldeten sich im
Religionsunterricht 28 von 29.

Aber vielleicht liegt das am betulichen Bayern ;-) ?

Sphairon , am 27. Mai 2009 um 21:40 ( Link )

Kann mich Veritas (ebenfalls als frischgebackener Abiturient aus Bayern) nur anschließen. "Generation Me"-Verhalten bricht zwar vereinzelt durch, aber von einer Psychopathisierung kann nicht gesprochen werden.

Dass die Jugendlichen sich von irgendwelchen Schuldkulten deprimieren lassen, wäre mir jetzt auch neu. Bei der EM/WM waren es ja gerade die Jungen, die mit schwarz-rot-goldener Bemalung und Flaggen bei den Spielen mitgefiebert haben.

Herr Fink, dass es in gewissen Elitezirkeln merkwürdige Genitallängenvergleiche gibt, glaube ich ihnen gern, aber auch das scheint mir nur unbedingt mit unserer Zeit zusammenzuhängen. Und selbst wenn, ist es sicherlich nicht repräsentativ.

Vielleicht liegt es aber auch wirklich an der rural-bayrischen Atmosphäre, dass mir all das so erscheint.

Sphairon , am 27. Mai 2009 um 21:40 ( Link )

Das oben sollte natürlich "bedingt" und nicht "unbedingt" heißen, my apologies.

Minarchist , am 27. Mai 2009 um 23:18 ( Link )

Lieber Veritas,

Sie schreiben:

"dass erst Frankreich Deutschland den Krieg
erklärt hat ist doch unerheblich, da England
Polen eine Statusgarantie gegeben hatte."

Und diese "Statusgarantie" erachten Sie also als legitim? Sehen Sie denn nicht, worum es dabei ging? Einkreisung von bzw. Kriegsvorwand gegen Deutschland. Stellen Sie sich vor, Deutschland hätte sagen wir Irland eine Status- bzw. Beistandsgarantie gegeben für den Fall einer Konfrontation mit England ... Oder Spanien für den Fall einer Konfronation mit Frankreich ...

Weiter schreiben Sie:

"Der europäische Großkrieg war klar kalkuliert."

Ja, aber nicht von Deutschland bzw. Hitler. Das belegen auch sämtliche Archive der entscheidenen Wochen und Tage. Diese Kalkulation wurde insbesondere von England bzw. Churchill betrieben. Der britische Nationalismus und das Großmachtstreben Englands waren einfach zu dominant.

Bitte glauben Sie nicht alle Märchen, die man Ihnen in der Schule erzählt. Wenn Sie sich diesbezüglich weiterbilden möchten, empfehle ich Ihnen die Werke von Stefan Scheil, der zu den wahren Gründen für den Ausbruch und die Entwicklung des 2. WK publiziert hat.

Thomas Wolfgang Fink , am 28. Mai 2009 um 8:09 ( Link )

Hallo Sphairon, Hallo Veritas,

wie gesagt, demnächst mehr. Eins würde mich in diesem Zusammenhang mal interessieren: Wie schätzt ihr das Leseverhalten eurer Generation ein? Wenn ein Abiturient heute z. B. sagen wir mal über Die Buddenbrooks schreibt, ist es dann wahrscheinlicher, das er Die Buddenbrooks in der Originalfassung gelesen hat, oder einen Buddenbrook Reader, eine für solche Zwecke zusammengedampfte Zusammenfassung und nicht diese langweilige Schwarte? Hier in Hessen gab es ja auch gerade Abi. Ich kenne ziemlich viele angehende und fertige Abiturienten. Und mir ist tatsächlich niemand bekannt, der oder die noch mit der Begeisterung liest, wie ich es von mir in diesem Alter erinnere. Ist das auch ein Vorurteil? Oder ticken die Uhren in Bayern wirklich anders?

Sphairon , am 28. Mai 2009 um 12:31 ( Link )

Wenn ein Abiturient heute z. B. sagen wir mal über Die Buddenbrooks schreibt, ist es dann wahrscheinlicher, das er Die Buddenbrooks in der Originalfassung gelesen hat, oder einen Buddenbrook Reader

Ziemlich sicher den Reader. Allgemeiner würde ich sagen, das Lesepensum ist recht stark zurückgegangen, besonders was Lektüre außerhalb der Schule angeht.

Aber: Das heißt nicht unbedingt, dass die Schüler schlechter informiert sind. Die Formate haben sich bloß geändert, und wenn wir ehrlich sind, musste das mit der zunehmenden Informationsüberflutung durch die neuen Medien auch irgendwann kommen. Wer heute etwas ausdrücken will, muss sich kurz fassen können und am besten audiovisuell mithelfen, um die beanspruchte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu wecken.

Auf der anderen Seite fand ich persönlich zwar viele Schullektüren eher unattraktiv, lese dafür aber mit Begeisterung Autoren wie Rand oder Garrett. Dass die Schüler sich nicht mehr in die Zeit der Buddenbrooks hineinversetzen können und lieber mit einer Fachinterpretation arbeiten, kann ich durchaus nachvollziehen.

Thomas Wolfgang Fink , am 28. Mai 2009 um 13:26 ( Link )

@Sphairon
Die Buddenbrooks sind mir nur eingefallen, weil die hier auf den Gymnasien noch ein Thema sind. Aber eigentlich geht es um Homer, Plato, Shakespeare, Goethe, Hobbes, Tocqueville, etc. Es geht nicht um mehr oder weniger Information, es geht um Informationsverarbeitung. Es gab über Jahrhunderte einen klassischen Kanon und der hatte Auswirkungen auf den Reichtum, die Komplexität von Sprache und ein damit einhergehendes Verständnis von Sachverhalten und hat in dieser Weise auch von den gebildeten auf die ungebildeten Schichten abgefärbt. Dieser Faden ist gerissen. Meine Generation, die der Baby-Boomer (Spät 68er), war die letzte, die noch eine Ahnung davon bekommen hat, was klassische Bildung war. Wir haben darauf geschissen. Maschke bemerkte mal in einem Aufsatz, das selbst bei Konservativen heute nicht mehr die Literatur von XYZ im Bücherschrank steht, sondern die Bücher über XYZ, also Sekundärliteratur. Das macht etwas aus! Die Verarmung der Sprache ist ein Resultat. Das alles macht etwas mit dem Geist, auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Etwas, das mir nicht gefällt. Deshalb lese ich nun, als älterer Herr, Homer, Plato, Shakespeare, Goethe, Hobbes, Tocqueville, etc. Nichts gegen Ayn Rand. Aber ich lese sie wie einen Krimi. Ich hab auch Krimis gern.

dickbrettbohrer , am 28. Mai 2009 um 13:58 ( Link )

"Aber: Das heißt nicht unbedingt, dass die Schüler schlechter informiert sind. Die Formate haben sich bloß geändert, und wenn wir ehrlich sind, musste das mit der zunehmenden Informationsüberflutung durch die neuen Medien auch irgendwann kommen. Wer heute etwas ausdrücken will, muss sich kurz fassen können und am besten audiovisuell mithelfen, um die beanspruchte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu wecken."

Genau das ist der Punkt. Junge Menschen haben noch nicht die Erfahrung gemacht, daß Flüchtigkeit und Überreizung zu Oberflächlichkeit führen - nicht nur im Sprechen, sondern auch im Denken, ergo Handeln. Um etwas zu verstehen, benötigen wir Zeit und Muße. Man mag an sich selbst beobachten, wie lange es dauert, ehe man sich gewisse Begriffe und das tiefere Verständnis für Zusammenhänge aneignet. Das dauert Jahre mit unzähligen Wiederholungen! Wer nur die Inhaltsangabe eines Werkes liest oder eine Interpretation, möge nicht glauben, daß er damit dasselbe in sich aufgenommen habe, wie einer, der sich durch das Ganze hindurchmüht! Wer nur die Oberfläche anschaut, bekommt bloß einen feuerwerkähnlichen Eindruck. So weit ist es also gekommen, daß dies bereits als Tugend gilt: wenn einer mittels optischer und akustischer Gewitter es schafft, die Aufmerksamkeit des Publikums für einen Moment zu bekommen. Das ist leider - auch wenn jetzt Protest von den Jungen kommt, was ihnen nicht zu verübeln ist - entwicklungsgeschichtlich gesehen - ein Rückschritt in eine Art Reiz-Reaktions-Schema. Kulturelle Dekadenz.

Ich bitte jetzt die jüngeren Semester, nicht sogleich empört aufzuschreien! Es fehlt Ihnen nämlich etwas, was Sie später ganz sicher bekommen, und was heute andere voraus haben, die wesentlich älter sind: der weitere Zeithorizont. Die Alten haben einen größeren Blickradius, weil sie im Gebäude des Lebens höher hinaufgestiegen sind. Sie können das, was den Jungen unmöglich ist: vergleichen! Nur im Vergleich ist das Leben überhaupt erkennbar. Nur der Vergleich ermöglicht es uns, Urteile zu fällen. Diese Tatsache wird wohl niemand leugnen können. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß es natürlich auch unter älteren Zeitgenossen ausgesprochene Dummköpfe gibt, so wie auch manch ein Junger klüger sein kann als zehn Alte zusammen. Es geht mir um die Tendenz, daß heute allgemein das Ei klüger sein will als die Henne.

Lesen ist eine stille, zeitraubende und einsame Beschäftigung, man entsagt damit dem Trubel der Welt. Dieser Bereitschaft zu entsagen ermangelt es heute den jungen Leuten, so wird das ja auch schon in der Schule gefördert. Dafür verantwortlich ist nicht ein böser Wille oder Faulheit, sondern der Zeitgeist: das Hamsterrad dreht sich so rasch wie nie, angefeuert wird diese "Schnellfeuerkultur" (wer sagte das?) durch die Medien.Alle machen mit, und weil alle mitmachen, meint jeder, er versäume etwas, wenn er nicht dabei ist. Für das Verhalten der jungen Leute hab eich volles Verständnis! Es muß nur darüber nachgedacht werden dürfen, ohne daß man sich dabei in die Haare kriegt.
Unsere Kultur ist eine Buchkultur, eine Kultur des Lesens und des Schreibens. Wir sind dabei, die Fundamente zu zerstören, weil wir wie selbstverständlich davon ausgehen, daß sie von Gott gefügt und ohne unser Zutun ewig halten würden. Ein tragischer Irrtum! Das ist wie mit der Freiheit, die man für selbstverständlich hält - auch sie will von jeder Generation neu erkämpft sein.
Wir betreiben die Fertigkeiten des Schreibens und der Kommunikation heute schon mehr und mehr mit maschinengestützter Hilfe. Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Ich bin nicht der einzige, der sich gedanklich mit den Folgen befaßt.
Damit höre ich auf, es wäre ein allzu ergiebiges Thema.

Veritas , am 28. Mai 2009 um 16:48 ( Link )

"Bitte glauben Sie nicht alle Märchen, die man Ihnen in der Schule erzählt."

Keine Angst, das tue ich nicht- würde ich sonst
EF lesen? An die Alleinschuld habe ich nie
geglaubt, dafür ist die Welt zu komplex, das
erwähnte Buch scheint auf jeden Fall einen Blick
wert zu sein.

@Thomas Fink

Im Bezug auf die noch jüngere Generation
haben Sie vielleicht doch Recht. Etliche
Lehrer meinen eine Zunahme verhaltensgestörter
Merkmale bei jüngeren Jahrgängen bemerkt zu haben, letztes hat ein Fünftklässler einem andern die Nase zertrümert-
mit gutem Grund, dieser hatte seine Mutter beleidigt.
Klar ist das nur ein Einzelbeispiel, aber Lehrer
haben da denke ich doch einen recht guten Überblick.

Stefan Gruber , am 28. Mai 2009 um 20:00 ( Link )

@dickbrettbohrer

Danke für den genialen Text. Vollste Zustimmung.

ISBN3451322005 , am 29. Mai 2009 um 8:39 ( Link )

@dickbrettbohrer


Junge Menschen haben noch nicht die Erfahrung gemacht, daß Flüchtigkeit und Überreizung zu Oberflächlichkeit führen - nicht nur im Sprechen, sondern auch im Denken, ergo Handeln.

Mit Joseph Weizenbaum, Computerpionier und selbsternannter Ketzer der Moderne, möchte ich sogar noch einen Schritt weiter gehen und Oberflächlichkeit durch Bedeutungslosigkeit ersetzen.

"Jeder ist immer erreichbar. Die ganze Welt beschleunigt sich, alles ist dringend, und wo alles dringend ist, ist nichts mehr dringend, und damit schlittern wir in eine Bedeutungslosigkeit hinein.“

Aus dieser Bedeutungslosigkeit (Oberflächlichkeit) heraus geht man dann seiner Identität verlustig, die Reihenfolgen des Seins und Tuns kehrt sich um und am Ende herrscht allgemeine Unklarheit darüber, was unser Tun überhaupt soll und dann ist das Endziel des fortschrittlich modernen Mensch zum greifen nahe.


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