19. Dezember 2020

Cancel Culture und die Friedrich-Naumann-Stiftung Liberale Stiftung dreht frei und diffamiert Gunnar Kaiser

Es ist ein altes Spiel in neuem Gewand, doch es geht immer noch etwas verrückter

von Milosz Matuschek

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Bildquelle: iQoncept / Shutterstock.com Gunnar Kaiser: Von der Friedrich-Naumann-Stiftung „abgecancelt“

Es gibt viele Varianten, sich selbst ins Knie zu schießen. Doch was die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung gerade betreibt, ist eine Mischung aus mutwilliger Imagebeschädigung und Selbstabschaffung. Und wirft uns zurück in die leidige Cancel-Culture-Diskussion der letzten Monate.

Kurz zum Hintergrund: Gunnar Kaiser und ich haben im September den Appell für freie Debattenräume und gegen Cancel Culture lanciert. Viele Medien und sonstige Akteure haben sich seitdem diesem Thema gewidmet. Die Friedrich-Naumann-Stiftung machte aus dem Thema Cancel Culture sogar einen Titel ihres Magazins „liberal“.

Vor einigen Wochen fragte die Stiftung bei mir an, ob ich ein Gespräch mit Svenja Flaßpöhler und Wolfgang Kubicki moderieren wolle. Ich musste aus verschiedenen Gründen absagen, empfahl aber naturgemäß Gunnar Kaiser, der nicht nur räumlich näher dran ist, sondern auch mehr Erfahrung mit Videoformaten hat. Ich erwähne das, weil die Stiftung auf die Empfehlung von mir verweist.

Es kam zu einem interessanten Gespräch, das inzwischen ein tragikomisches Fanal ist: Denn was seitdem passiert ist, folgt der Choreographie der Cancel Culture in Reinform. Ein anonymer Twitter-Troll behauptet, Gunnar Kaiser stehe weit rechts. Und was macht die Stiftung? Sie antwortet mit einer öffentlichen Hinrichtung.

Noch mal zur Zusammenfassung: Die Stiftung lädt Gunnar Kaiser als Moderator zu einem Gespräch über Cancel Culture ein und auf Hinweis eines anonymen Nutzers diffamiert sie ihn öffentlich und cancelt ihn wieder. Was genau in Bezug auf Cancel Culture hat die Friedrich-Naumann-Stiftung (die übrigens, wie hinreichend bekannt ist, nach einem Befürworter des Kolonialismus und geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus benannt ist) nicht verstanden?

Dass Gunnar Kaiser und ich uns als Grenzgänger verstehen, die das Gespräch mit allen suchen, war bekannt. Gunnar Kaiser hat zum Beispiel den Chef der Identitären Bewegung, Martin Sellner, zu einem Streitgespräch getroffen und der Bewegung ihren Kollektivismus vorgeworfen.

Das ist jedoch kaum der Grund für die jetzige Cancel-Aktion. Es ist vielmehr die kritische Haltung von Kaiser in der Corona-Krise. Gunnar Kaiser wie auch ich äußern Fundamentalkritik daran, wie die Corona-Krise durch die Politik und einen Großteil der Medien gehandhabt wird. Ja: Wir sehen ein freiheitseinschränkendes Pandemieregime, abgewürgte Diskussionen, zensierte Videos und Kanäle, ein Schaulaufen von Experten und Propagandisten auf regierungstreuer Linie, eine Heiligenverehrung bestimmter Experten, kurz: totalitäre Tendenzen, eine Missachtung moderner Errungenschaften und eine Machtkonzentration ungeahnten Ausmaßes. Für die Stiftung scheint das rechtspopulistisches und verschwörungstheoretisches Gedankengut zu sein.

Wo war die Naumann-Stiftung „für die Freiheit“, als zuletzt Videos von uns und anderen gelöscht wurden? Nirgends. Sie versteht sich offenbar als steuerfinanzierte Sonntagsreden-Schleuder für Leute mit Einstecktuch. Die Stiftung für die Feigheit, es braucht sie nicht. Der Vorstand schreibt salbungsvolle Worte in den Sand des World Wide Web, die bei der kleinsten Welle nicht dem Test der Realität standhalten. Wie man sich so ein Eigentor schießen kann, ist verwunderlich, es grenzt an Mutwilligkeit.

Mal im Vertrauen: Im Grunde ist uns ja egal, was eine politische Stiftung über irgendwen von uns sagt. Wir kennen Diffamierungen mit dem Label „rechts“ seit Beginn des Appells. Die Aktion der Friedrich-Naumann-Stiftung ist trotzdem überraschend: Es ist ein offener Rufmord. Der Stiftung muss bewusst sein, dass sie damit Gunnar Kaiser für manche Medien, Veranstalter oder allgemein für Akteure im Kulturbereich unmöglich machen könnte. Die öffentliche Distanzierung ist wie ein Boykottaufruf.

Der mediale Gegenwind für die Stiftung kam prompt und heftig, bisher von der „Jungen Freiheit“, „Tichys Einblick“, der „Achse des Guten“ und der „Welt“.

Es wird jetzt eng für die Friedrich-Naumann-Stiftung, die eine öffentliche Erklärung angekündigt hat. Schaut man sich mal an, wie frühere Cancel-Akteure sich bei der Rechtfertigung solcher Aktionen letztlich nur selbst blamiert und sich nur noch tiefer in den Treibsand gestrampelt haben, könnte das durchaus eine Veranstaltung von Unterhaltungswert werden.

Gunnar Kaiser und ich werden weiter kritisieren, was uns kritikwürdig erscheint. Und zwar unmissverständlich und, wenn nötig, scharf. So leicht bekommt man uns nicht gecancelt. Wenn Institutionen vor lauter medialer Panikmache das liberale Herz in die Hose rutscht, ist das nicht unser, sondern deren Problem. Wir stehen für eine Publizistik mit Punch. Auch und gerade in Krisenzeiten.

Freiheit und Angstfreiheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Echte unabhängige Publizistik ist nur möglich, wenn einem die öffentliche Meinung über einen selbst egal ist. Wir folgen dem Kompass des unbändigen Erkenntnisinteresses von uns und unserem Publikum und sind froh, auf Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen zu müssen.

Wir sind frei.

Mal ehrlich: Wie viele Journalisten können das gerade von sich behaupten?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog „Freischwebende Intelligenz“.


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Dossier: Liberalismus

Autor

Milosz Matuschek

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