23. November 2020

Unabhängige Expertise in der Krise Covid-19: Politisierung, „Korruption“ und Unterdrückung der Wissenschaft

Wie Regierungen unbequeme Erkenntnisse vertuschen

von Kamran Abbasi

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Bildquelle: Algonga / Shutterstock.com „Corona-Pandemie“: Kritischen Wissenschaftlern werden Fesseln auferlegt

Politiker und Regierungen unterdrücken die Wissenschaft. Sie täten dies im öffentlichen Interesse, sagen sie, um die Verfügbarkeit von Diagnosen und Behandlungen zu beschleunigen. Sie täten es, um Innovationen zu unterstützen und Produkte mit beispielloser Geschwindigkeit auf den Markt zu bringen. Beide Gründe sind teilweise plausibel; die größten Täuschungen beruhen manchmal auf einem Körnchen Wahrheit. Aber das zugrunde liegende Verhalten ist beunruhigend.

Die Wissenschaft wird aus politischen und finanziellen Erwägungen unterdrückt. Covid-19 hat staatliche Korruption im großen Stil entfesselt, die der öffentlichen Gesundheit schadet. Politiker und Industrie sind für diese opportunistische Veruntreuung verantwortlich. Wissenschaftler und Gesundheitsexperten ebenso. Die Pandemie hat gezeigt, wie der medizinisch-politische Komplex im Notfall manipuliert werden kann – in einer Zeit, in der es noch wichtiger ist, die Wissenschaft zu schützen.

Die Reaktion Großbritanniens auf die Pandemie liefert mindestens vier Beispiele für die Unterdrückung von Wissenschaft oder Wissenschaftlern. Erstens waren Mitgliedschaft, Forschung und die Beratungen der Wissenschaftlichen Beratergruppe für Notfälle (SAGE) zunächst geheim, bis ein Presseleck Transparenz erzwang. Das Leck enthüllte eine unangemessene Beteiligung von Regierungsberatern an der SAGE, während gleichzeitig eine Unterrepräsentierung des öffentlichen Gesundheitswesens, der klinischen Versorgung, von Frauen und ethnischen Minderheiten aufgedeckt wurde. Tatsächlich wurde die Regierung vor Kurzem auch angewiesen, nach einem Urteil des Büros des Informationskommissars im Jahr 2016, einen Bericht über Mängel in der Pandemievorsorge („Operation Cygnus“) zu veröffentlichen.

Dann ging es um einen Bericht von „Public Health England“ über Covid-19 und Ungleichheiten. Die Veröffentlichung des Berichts wurde durch das englische Gesundheitsministerium verzögert; ein Abschnitt über ethnische Minderheiten wurde zunächst zurückgehalten und schließlich, nach einem öffentlichen Aufschrei, als Teil eines Folgeberichts veröffentlicht. Die Autoren von „Public Health England“ wurden angewiesen, nicht mit den Medien zu sprechen. Drittens beklagte sich der Herausgeber des „Lancet“ am 15. Oktober darüber, dass ein Autor einer Forschungsarbeit, ein Wissenschaftler der britischen Regierung, von dieser aufgrund einer „schwierigen politischen Landschaft“ daran gehindert wurde, mit den Medien zu sprechen.

Nun gibt es ein neues Beispiel, das die Kontroverse um den Point-of-Care-Antikörpertest für Covid-19 betrifft. Die „Operation Moonshot“ des Premierministers hängt von der sofortigen und breiten Verfügbarkeit präziser Schnelldiagnosetests ab. Sie ist auch auf die fragwürdige Logik des Massen-Screenings, das derzeit in Liverpool mit einem suboptimalen PCR-Test erprobt wird, angewiesen.

Der Vorfall steht im Zusammenhang mit Forschungsergebnissen, die diese Woche vom „British Medical Journal“ („BMJ“) veröffentlicht wurden und in denen festgestellt wird, dass die Regierung einen Antikörpertest beschafft hat, der in realen Tests weit hinter den Leistungsangaben seiner Hersteller zurückbleibt. Forscher von „Public Health England“ und kooperierenden Institutionen drängten vernünftigerweise darauf, ihre Studienergebnisse zu veröffentlichen, bevor sich die Regierung zum Kauf einer Million dieser Tests verpflichtete, was aber vom Gesundheitsministerium und dem Büro des Premierministers blockiert wurde. Warum war es wichtig, dieses Produkt ohne angemessene Prüfung zu beschaffen? Die vorherige Veröffentlichung von Forschungsergebnissen auf einem Preprint-Server oder einer Website der Regierung ist mit der Veröffentlichungspolitik des „BMJ“ vereinbar. Wie, um ein Argument zu beweisen, versuchte „Public Health England“ daraufhin erfolglos, die Pressemitteilung des „BMJ“ über das Forschungspapier zu blockieren.

Politiker behaupten oft, der Wissenschaft zu folgen, aber das ist eine irreführende und zu starke Vereinfachung. Wissenschaft ist selten absolut. Sie gilt selten für jedes Umfeld oder jede Bevölkerung. Es macht keinen Sinn, der Wissenschaft oder den Beweisen sklavisch zu folgen. Ein besserer Ansatz besteht darin, dass Politiker – die öffentlich ernannten Entscheidungsträger – von der Wissenschaft informiert und geleitet werden, wenn sie politische Entscheidungen für die Öffentlichkeit fällen. Aber selbst mit diesem Ansatz kann das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Fachleute nur dann bewahrt werden, wenn die Wissenschaft für eine Überprüfung auch zur Verfügung steht und frei von politischer Einflussnahme ist und wenn das System transparent ist und nicht durch Interessenkonflikte beeinträchtigt wird.

Die Unterdrückung von Wissenschaft und Wissenschaftlern ist weder neu noch ein eigentümliches britisches Phänomen. In den USA manipulierte die Regierung von Präsident Trump die „Food and Drug Administration“ [US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel], um voreilig nicht zugelassene Medikamente wie Hydroxychloroquin und Remdesivir zu genehmigen. Weltweit werden Menschen, Politik und Materialbeschaffung durch politische und kommerzielle Agenden korrumpiert.

Die Reaktion Großbritanniens auf die Pandemie stützt sich zu sehr auf Wissenschaftler und andere von der Regierung ernannte Personen mit beunruhigenden Interessenskonflikten, einschließlich Beteiligungen an Unternehmen, die diagnostische Tests, Behandlungen und Impfstoffe für Covid-19 herstellen. Von der Regierung ernannte Personen können die Wissenschaft – eine andere Form des Missbrauchs – ignorieren oder sie sich selektiv herauspicken und sich wettbewerbswidrigen Praktiken hingeben, die ihre eigenen Produkte und die von Freunden und Kollegen begünstigen.

Wie könnte die Wissenschaft in diesen außergewöhnlichen Zeiten geschützt werden? Der erste Schritt ist die vollständige Offenlegung der konkurrierenden Interessen von Regierung, Politikern, wissenschaftlichen Beratern und Beauftragten, wie zum Beispiel den Leitern der Bereiche Test und Rückverfolgung, Beschaffung von Diagnosetests und Impfstofflieferung. Der nächste Schritt ist die vollständige Transparenz der Entscheidungsfindungssysteme und -prozesse sowie das Wissen, wer für was verantwortlich ist.

Sobald Transparenz und Rechenschaftspflicht als Normen festgelegt sind, sollten die von der Regierung beschäftigten Personen idealerweise nur noch in Bereichen arbeiten, die nichts mit ihren konkurrierenden Interessen zu tun haben. Expertise ist ohne Interessenskonflikte möglich. Sollte eine so strenge Regel unpraktisch sein, besteht ein Minimum an guter Praxis darin, dass Personen mit Interessenskonflikten nicht an Entscheidungen über Produkte und Politiken beteiligt werden dürfen, an denen sie ein finanzielles Interesse haben.

Regierungen und Industrie müssen auch damit aufhören, kritische Wissenschaftspolitik per Pressemitteilung zu verkünden. Solche schlecht durchdachten Maßnahmen machen die Wissenschaft, die Medien und die Aktienmärkte anfällig für Manipulationen. Eine klare, offene und vorzeitige Veröffentlichung der wissenschaftlichen Grundlage für Politik, Materialbeschaffungen und „Wundermittel“ ist eine grundlegende Voraussetzung.

Für Politiker, wissenschaftliche Berater und Regierungsbeamte steht viel auf dem Spiel. Ihre Karrieren und Bankguthaben können von den Entscheidungen abhängen, die sie treffen. Aber sie haben eine höhere Verantwortung und Pflicht gegenüber der Öffentlichkeit. Wissenschaft ist ein öffentliches Gut. Man muss ihr nicht blind folgen, aber man muss sie fair berücksichtigen. Wichtig ist, dass die Unterdrückung der Wissenschaft, sei es durch die Verzögerung von Veröffentlichungen, durch das Herauspicken günstiger Forschungsergebnisse oder durch das Knebeln von Wissenschaftlern, eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt, die zu Todesfällen führt, indem sie Menschen unsicheren oder unwirksamen Interventionen aussetzt und sie daran hindert, von besseren zu profitieren. Wenn sie in kommerzielle Entscheidungen verstrickt sind, handelt es sich auch um eine schlechte Verwaltung von Steuergeldern.

Die Politisierung der Wissenschaft wurde von einigen der schlimmsten Autokraten und Diktatoren der Geschichte enthusiastisch betrieben und ist heute in Demokratien bedauerlicherweise alltäglich. Der medizinisch-politische Komplex tendiert zur Unterdrückung der Wissenschaft, um den Machthabern zu mehr Ansehen zu verhelfen und sich zu bereichern. Und während die Mächtigen immer erfolgreicher und reicher werden und sich weiter an der Macht berauschen, werden die unbequemen Wahrheiten der Wissenschaft unterdrückt. Wenn gute Wissenschaft unterdrückt wird, sterben Menschen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Website des „British Medical Journal“ und wurde von Axel B.C. Krauss exklusiv für eigentümlich frei ins Deutsche übersetzt.


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Dossier: Coronavirus

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Kamran Abbasi

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