23. Oktober 2020

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ Durch CSU-Blume gesprochen: Hildmann und Wendler sind Magier des Unheils

Wider den Missbrauch von Sir Karl Raimund Popper

von Michael Klein

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Bildquelle: Flickr.com Karl Popper heute: Die offene Gesellschaft ist vielfach bedroht

Gastbeiträge von Politikern in Zeitungen sind so eine Sache. Man kann sich als Politiker damit empfehlen, man kann sich auch diskreditieren. Der Gastbeitrag von Markus Blume, dem CSU-Generalsekretär, in der „FAZ“, der den Titel trägt „Ein Charaktertest für den Westen“ ist einer der Beiträge, anhand derer man zeigen kann, was mit dieser politischen Klasse, selbst mit denen, die man vielleicht zu den intelligenteren zählen müsste, nicht stimmt.

In seinem Text argumentiert oder versucht Blume zu argumentieren, dass SARS-CoV-2 ein Charaktertest für den Westen sei, weil sich der Westen mit China in einem Wettbewerb der Systeme befinde. Schon die Idee, einen Fernwettbewerb mit China zu führen, ist etwas abwegig, zumal: Wie wird der Sieger bestimmt? Gewinnt der, dessen Wirtschaft überlebt? Hat der gewonnen, der die meisten Toten oder die wenigsten Toten zu vermelden hat? Wer bestimmt die Spielregeln? Aber: Wer sich in abstruse Ideen verrennt wie Blume, der endet zuweilen in einem intellektuellen „Race to the bottom“, der kommt von abstrus zu absurd und irre:

„Es steht alles auf dem Spiel: nicht nur unsere Freiheit, sondern die Werte des Westens als solche. Denn die Corona-Bekämpfung ist auch ein Wettstreit der Systeme. Tatsache ist, dass Europäer wie Amerikaner im Kampf gegen die Pandemie bisher nicht gut aussehen. Die Welt nach Corona: Sie wird neu verteilt. Nach Lage der Dinge könnte ausgerechnet das Land als Sieger hervorgehen, aus dem Corona seinen Weg um die Welt angetreten hat: China.“

Bindet man diese Aussagen nun zurück auf den Text von Blume, in dem er vor allem für das Maskentragen und gegen die Maskengegner argumentiert, dann ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Frage, welches System aus der Pandemie, offenkundig eine neue Form des olympischen Wettkampfes, erfolgreich hervorgeht, der freie Westen oder die Parteidiktatur Chinas, am Mund- und Nasenschutz hängt und – schlimmer noch – von den „Zauberern“ Attila Hildmann und Michael Wendler entschieden wird. Abgesehen davon, dass Blume mit Kanonen auf Spatzen schießt, scheint das eine an Absurdität kaum mehr zu steigernde Argumentation zu sein.

Was uns an Blumes Text aber am meisten stört, sind die vielen falschen Prämissen, auf denen er basiert. Das ist umso tragischer, als Blume mit Konzepten hantiert, die tatsächlich Konzepte des freien Westens sind, und mit einem Philosophen, der wie kein anderer mit dem demokratischen Westen, mit der offenen Gesellschaft verbunden ist: Sir Karl Raimund Popper. Und wenn jemand Popper instrumentalisiert und sinnentstellt, dann nehmen wir das übel.

Aber der Reihe nach. Blume schreibt: „In der liberalen Demokratie löst der Staat sein Schutzversprechen gegenüber der Bevölkerung ein, indem er Eingriffe auf das notwendige Maß beschränkt und dabei auf die Verantwortung des Einzelnen baut. Selbstkontrolle und Nachverfolgung sind das Gegenkonzept zu einem autoritären Überwachungsstaat. Dieser Weg geht aber nur so lange auf, wie der Staat die Kontrolle über das Infektionsgeschehen behalten kann. Kein noch so starker Staat ist jedoch für eine exponentielle Entwicklung gemacht. Die liberale Demokratie muss folglich handeln, bevor der Ernst der Lage in den Fallzahlen der Intensivmedizin oder an den Sterbetafeln abzulesen ist – denn dann wäre es zu spät.”

Hier geht es schon los mit den Missverständnissen. In einer liberalen Demokratie hat ein Staat gar nichts an Eingriffen von sich aus zu tun. „Der Staat“ hängt selbst im Gesellschaftsvertrag von Thomas Hobbes explizit vom guten Willen der Bürger ab. Dem liberalen Staat fällt die Aufgabe zu, Sicherheit, Leben und Eigentum der Bürger zu gewährleisten. Mehr nicht. Alles, was darüber hinausgeht, ist kein liberaler, sondern ein sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat auf dem Weg in den Totalitarismus, denn – wie schon von Mises festgestellt hat – ist der logische Endpunkt jedes interventionistischen Staates der Totalitarismus. Wir sehen das gerade. Insofern ist die frömmelnde Aussage, ein Staat beschränke Eingriffe auf das notwendige Maß, Blödsinn. Ein liberaler Staat hat sich nicht in das private Leben seiner Bürger einzumischen. Staaten, die es dennoch tun, sind keine liberalen Staaten. Es ist auch nicht die Aufgabe eines liberalen Staates „Kontrolle über das Infektionsgeschehen” zu behalten. Ein sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat, der Legionen von Bürgern dafür bezahlt, dass sie andere Bürger zu ihrem Erwerbsgegenstand machen und über deren Gesundheitsverhalten wachen, muss vorgaukeln, dass er die Kontrolle über das Infektionsgeschehen habe, denn seine Legitimation basiert auf dem Versprechen, das Jerome K. Jerome mit Blick auf Deutschland schon vor mehr als 100 Jahren in den Satz gepackt hat: „Get yourself born, we do the rest.“ Blume schreibt also über einen sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, der zwischenzeitlich in vielen Bereichen zum sozialistischen Planstaat degeneriert ist und deshalb die Kontrolle über das Verhalten der Bevölkerung ausübt. Und er tut dies auf einer vollkommen falschen wissenschaftlichen Basis.

Es ist mittlerweile Allgemeingut unter Wissenschaftlern, dass sich SARS-CoV-2 nicht exponentiell verbreitet. Es gibt offenkundig eine T-Zell-Immunität, die ein exponentielles Wachstum verhindert. Mindestens sechs Studien zeigen das. (Links zu diesen Studien finden sich im Originalartikel.)

Die exponentielle Entwicklung von SARS-CoV-2, die Blume als Chimäre aufbaut, deren Bekämpfung Eingriffe des Staates, den er fälschlicherweise für einen liberalen Staat hält, rechtfertigen soll, gibt es nicht.

Blume schreibt weiter: „Deshalb ist es zwingend, dass wir regelbasiert durch diese Pandemie steuern. Wenn wir schon wissen, dass oberhalb eines Inzidenzwerts von 50 eine Nachverfolgung vor Ort fast unmöglich wird, dann ist es jedenfalls keine Option, einfach den Grenzwert nach oben zu setzen. Stattdessen muss der Marsch in die exponentielle Welt (mit einer Verdopplung der Infektionszahlen alle paar Wochen oder gar Tage) unter allen Umständen verhindert werden. Andernfalls wäre ein weitgehender Lockdown unvermeidlich, um einen Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems abzuwenden. Spätestens jetzt müsste jedem klar sein: Wer Maske trägt, schützt auch unsere Freiheit.

Wer Maske trägt, schützt im besten Fall sich und andere, er würde nur dann die Freiheit schützen, wenn man, so wie Blume, der irren Idee anhängt, dass das Tragen von Masken in einen Wettbewerb der Systeme (eine Pandemie) integriert sei, der darüber entscheidet, wer die Herrschaft über die Nach-Corona-Welt – die es übrigens nicht geben wird, da ein Coronavirus nicht einfach verschwindet – übernimmt. Diese Art „Machtphantasie“ ist mindestens verstörend … Eine exponentielle Entwicklung ist übrigens keine Welt „mit einer Verdopplung der Infektionszahlen alle paar Wochen oder Tage“. Eine exponentielle Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass die Zeitspanne zwischen einer Fallverdopplung immer kürzer wird.

Die falsche Vorstellung eines exponentiellen Wachstums bildet bei Blume die Grundlage, auf der er „regelbasiertes“ Handeln, also Eingriffe des Staates in bürgerliche Freiheiten fordert, um dadurch das Virus zu kontrollieren. Seit Beginn der Pandemie hält sich diese Idee, man könne das Virus kontrollieren. Man kann vielleicht seine Verbreitung einschränken, jedenfalls dann, wenn man schnell und effizient und totalitär genug zugreift, so wie das vielleicht China und dies ohne Rücksicht auf die eigenen Bürger tut, aber man kann das Virus nicht kontrollieren. Wäre das möglich, dann wäre SARS-CoV-2 längst Schnee von gestern. Es ist aber das Kokain von heute, an dem sich die politische Klasse berauscht, das sie zum Anlass nimmt, um bürgerliche Freiheiten zu zerstören. Denn nicht das Tragen oder Nichttragen einer Maske zerstört bürgerliche Freiheit – welch groteske Idee. Die Freiheit von Individuen einschränken, das können nur andere Individuen, und in der Regel braucht es mehrere davon, um die Einschränkung der Freiheit nicht nur durchzusetzen, sondern deren Einhaltung auch zu kontrollieren. Nicht Attila H., der keine Maske trägt, schränkt Freiheit ein, sondern Markus B., der dafür stimmt, bürgerliche Freiheiten zu beseitigen. Dass Markus B. behauptet, die temporäre Beseitigung bürgerlicher Freiheiten sei kurzfristig notwendig, um langfristig auf sie verzichten zu können, ist derzeit nur eine Aussage ohne Wert, der die Erfahrung gegenübersteht, dass Politiker Kontrolle, die sie einmal über Bürger gewonnen haben, nicht wieder hergeben. Von Mises hat das in seinem famosen Aufsatz „middle of the road …“ als unweigerlichen Weg in den Totalitarismus beschrieben.

Kommen wir nun zum Feindbild von Blume, zu den beiden Inkarnationen des Bösen, jenen Magiern des Unheils, Attila Hildmann und Michael Wendler, denen Blume ausgerechnet mit Sir Karl Raimund Popper begegnen will, von dem er offenkundig auch nur weiß, dass er irgendwie mit der offenen Gesellschaft zu tun hat.

„Unsere Freiheit hängt offenkundig am seidenen Faden und das in jeder Hinsicht. Die offene Gesellschaft selbst ist herausgefordert, von innen wie von außen. Ihre Freiheitlichkeit im Sinne Karl Poppers gründet sich auf kritische Rationalität. Zweifel und Widerspruch sind also jederzeit erlaubt und notwendig. Aber Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker wie Attila Hildmann, Michael Wendler und ähnliche beteiligen sich nicht am kritischen Diskurs, sondern wollen in eine Welt von Mythen und Stammesdenken. Wer einen solchen ‚Zauber‘ verbreitet, der gehört zu den Feinden der offenen Gesellschaft und nicht zu ihren Freiheitskämpfern.“

Offenkundig hat Blume beschlossen, dass ein kritischer Diskurs genau das beinhaltet, was er, Blume, beschlossen hat, dass er beinhalten solle.

Was uns auf die Palme bringt, ist die herablassende Art, mit der einer, der sich für konservativ hält, freien Bürgern zugesteht, dass sie an Maßnahmen und Eingriffen in ihr Leben zweifeln, ihnen widersprechen dürfen. Unglaublich. Und natürlich ist „kritischer Rationalismus“ der Name der erkenntnistheoretischen Schule, die Sir Karl begründet hat. „ScienceFiles“ steht in seiner Tradition. Nur hat die Epistemologie von Popper nichts mit seiner offenen Gesellschaft zu tun. Die Logik der Forschung, die Popper vor der offenen Gesellschaft und ihren Feinden verfasst hat, und sein erst nachträglich veröffentlichtes Buch „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“ sind die Orte, an denen Popper seinen kritischen Rationalismus entwickelt, an denen er den Falsifikationismus einführt und die Kriterien, die eine Theorie erfüllen muss, um wissenschaftlich zu sein: Falsifizierbarkeit, Nachvollziehbarkeit, Einfachheit, intersubjektive Prüfbarkeit.

Die „Offene Gesellschaft und ihre Feinde“, ein Werk in zwei Bänden, hat damit nichts zu tun. Worum es in der offenen Gesellschaft geht, das hat Popper in seinem Vorwort zur siebten Auflage selbst am besten beschrieben:

„Ich beschloss am 13. März 1938, dieses Buch zu schreiben – am Tag, als ich von Hitlers Einmarsch in Österreich hörte, meinem Heimatland; es erschien 1945, als der Krieg in Europa zu Ende ging, aber ich hatte es geschrieben als meinen Beitrag zu den Kriegsanstrengungen. Seine Tendenz war: gegen Nazismus und Kommunismus; gegen Hitler und Stalin, die einstigen Verbündeten des Hitler-Stalin-Pakts von 1939.

Ich verabscheute die Namen beider so sehr, dass ich sie in meinem Buch nicht erwähnen wollte. So ging ich auf Spurensuche in der Geschichte; von Hitler zurück zu Platon: dem ersten großen politischen Ideologen, der in Klassen und Rassen dachte und Konzentrationslager vorschlug. Und ich ging von Stalin zurück zu Karl Marx.“

In der Einleitung zur „Offenen Gesellschaft“ wird Popper konkreter:

„Dieses Werk wirft Probleme auf, die vielleicht nicht aus dem Inhaltsverzeichnis deutlich werden. Es beschreibt einige der Schwierigkeiten, denen unsere Zivilisation ins Auge zu sehen hat – eine Zivilisation, von der man vielleicht sagen kann, dass sie Menschlichkeit, Vernünftigkeit, Gleichheit und Freiheit zum Ziel hat; eine Zivilisation, die noch immer in ihren Kinderschuhen steckt und die sich allem zum Trotz weiterentwickelt, obwohl sie so oft und von so vielen der geistigen Führer der Menschheit verraten worden ist. Es versucht zu zeigen, dass sich diese Zivilisation noch immer nicht von ihrem Geburtstrauma erholt hat – vom Trauma des Übergangs aus der Stammes- oder ‚geschlossenen‘ Gesellschaft, die magischen Kräften unterworfen ist, zur ‚offenen‘ Gesellschaftsordnung, die die kritischen Fähigkeiten des Menschen in Freiheit setzt. Es versucht zu zeigen, dass der Schock dieses Übergangs einer der Faktoren ist, die den Aufstieg jener reaktionären Bewegungen ermöglichten, die auf den Sturz der Zivilisation und auf die Rückkehr zur Stammengebundenheit hingearbeitet haben und noch hinarbeiten. Und es deutet an, dass die Ideen, die wir heute totalitär nennen, einer Tradition angehören, die ebenso alt oder ebenso jung ist wie unsere Zivilisation selbst.

Es versucht weiterhin die Anwendung der kritischen und rationalen Methoden der Wissenschaft auf die Probleme der offenen Gesellschaft zu analysieren. Es analysiert die Prinzipien des demokratischen sozialen Wiederaufbaus, die Prinzipien dessen, was ich als Sozialtechnik der kleinen Schritte bezeichne, im Gegensatz zur ‚utopischen Sozialtechnik‘.

Warum unterstützen alle diese sozialphilosophischen Richtungen [Platon, Hegel, Marx] den Aufstand gegen die Zivilisation? Und worin liegt das Geheimnis ihrer Popularität? Warum ziehen sie so viele Intellektuelle an und verführen sie? Ich neige zur Annahme, dass sie eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit einer Welt ausdrücken, die unseren moralischen Idealen und unseren Vollkommenheitsträumen nicht entspricht und nicht entsprechen kann.“

Obwohl in den Stellen, die wir aus Poppers „Offener Gesellschaft“ zitiert haben, ähnliche Begriffe – Stammesgesellschaft oder offene Gesellschaftsordnung – vorkommen, wie sie Blume benutzt, hat man dennoch den heftigen Eindruck, dass Blume nicht von Popper spricht, schon deshalb nicht, weil es Popper nie in den Sinn gekommen wäre, über Normalbürger und ihre Verführbarkeit durch Zauberer zu sinnieren. Poppers Ansinnen richtet sich an die Ideengeschichte, die diejenigen, die er „Intellektuelle“ nennt, in ihren Bann geschlagen hat, so wie dies heute mit den kommunistischen Ideen, die die Basis von Feminismus, Black Lives Matter oder Antirassismus bilden, der Fall ist. Popper interessiert sich gerade nicht dafür, wie man Kritik diskreditieren, sie zu Zauber, mythischem Denken machen und die Träger zu Feinden der offenen Gesellschaft erklären kann. Sein Gegenstand ist der Verrat der Intellektuellen, also derjenigen, die von sich denken, sie könnten anderen Zusammenhänge erläutern und daraus Verhaltensvorschriften für diese anderen ableiten, ähnlich wie Blume das wohl vom „Staat“ denkt, der sich netterweise mit seinen Eingriffen zurückhält.

In der offenen Gesellschaft geht es um all die totalitären Ideologien – den Marxismus, den Platonismus, den Hegelianismus –, die politische Ideologien wie Kommunismus und sein Pendant den Nationalsozialismus ermöglich haben, die Intellektuellen oder denen, die sich dafür gehalten haben, etwas an die Hand gegeben haben, das ihnen „Überlegenheit“ signalisiert – ob moralische oder intellektuelle Überlegenheit, das ist egal. Popper beschreibt explizit Formen der Schließung, die eine „offene“ Gesellschaftsordnung zu einer „geschlossenen“, einer totalitären Gesellschaftsform machen und dabei spielt die Überzeugung der Auguren geschlossener Gesellschaften, man sei im Besitz der Wahrheit, der unumstößlichen Wahrheit und nichts als der Wahrheit die herausragende Rolle. Diese Art des Sendungsbewusstseins durchzieht die Philosophien von Platon, Hegel und Marx und sie mündet direkt in den Totalitarismus, als Stalinismus oder Nationalsozialismus.

Die „Offene Gesellschaft“ ist ein Buch über die Gefahr, die von bestimmten politischen Ideologien ausgeht, die Menschen aktuell Freiheit stehlen und sie auf eine bessere Zukunft vertrösten oder ihnen die Freiheit rauben, weil sie Menschen für unfähig im Umgang mit Freiheit halten und sie stattdessen dem Urteil von Philosophen oder anderen Experten unterstellen wollen, Experten, die zum Beispiel proklamieren, dass 50 Infizierte auf 100.000 Einwohner die magische Zahl darstellen, Experten, die bestimmte Verhaltensweisen, von denen niemand weiß, ob sie am Ende einen größeren Nutzen oder einen größeren Schaden erbracht haben werden, als unumstößliche Verhaltensnorm etablieren wollen. Kurz: Popper schreibt über politische Philosophien, die staatlichen Akteuren die Legitimation liefern, um ihre Aussagen zur Wahrheit zu verklären und jede Kritik daran entweder als Mystik oder als Äußerung eines Klassenfeindes, eines Corona-Leugners oder eines verderbten Elements, das aus der Gesellschaft entfernt werden muss, zu diskreditieren.

Erst zum Ende der Erörterung (und nach dem famosen Kapitel 10 von Band 1 „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) geht es zur Erkenntnistheorie, einer liberalen Erkenntnistheorie, die den freien Wettbewerb von Ideen, absurden, abweichenden Ideen propagiert, so lange diese Ideen „prüfbar, nachvollziehbar und falsifizierbar“ sind. Das genau ist der Unterschied zwischen Wissenschaft und Ideologie; Letztere propagiert Wahrheit, Erstere Theorien, die sich an der Realität bewähren müssen. Und deshalb geht alles, was Blume schreibt, nicht nur an der Sache vorbei, es ist darüber hinaus eine Verkehrung dessen, was kritischer Rationalismus ist.

Wenn Hildmann und Wegner mythische Ansichten verbreiten, dann ist das für eine offene Gesellschaft kein Problem, denn in einer offenen Gesellschaft kann Mythologie mit den Mitteln der Vernunft und anhand der genannten drei Kriterien leicht offengelegt werden. Wenn eine solche Offenlegung bestätigt, dass Mythologie verbreitet wird, dann ist das abermals kein Problem, denn die Freiheit, sich für oder gegen Mythologie zu entscheiden, ist Bestandteil des Fundaments, auf dem die offene Gesellschaft beruht. Es gibt nur eine Art von Akteuren und Aussagen, die in der offenen Gesellschaft nicht zugelassen sind: Akteure, die ihre Aussagen zur Wahrheit erklären und zur Grundlage nehmen, um anderen das Recht zu bestreiten, ihrerseits mit Aussagen zum Wettstreit der Ideen beizutragen. Nur diejenigen sind Feinde der offenen Gesellschaft, die mit dem Anspruch der Wahrheit auftreten und all jene, die sich der verkündeten Wahrheit widersetzen, zu Feinden erklären, zum Beispiel diejenigen, die Gesichtsmasken zum Fetisch aufblasen, der in einem Wettbewerb der System den Ausschlag gibt.

Wir tragen übrigens Masken, haben schon Masken getragen, als es noch nicht zur Pflicht erklärt worden war. Wir haben das Für und das Wider abgewogen und sind zum Schluss gekommen, dass es nichts schaden könne, Masken zu tragen, und möglicherweise nutzt es sogar, Masken zu tragen – so wie viele andere. Eine offene Gesellschaft wird von Bürgern konstituiert, die ihr Recht auf freie Entscheidung auf vernünftige Abwägung aller Für und Wider basieren. Popper hat die erste deutsche Auflage der „Offenen Gesellschaft“, die 1957 erschienen ist, Immanuel Kant gewidmet. Das ist kein Zufall, denn der kategorische Imperativ (Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde) rundet die Liste der notwendigen Zutaten zur offenen Gesellschaft ab. Jede Verhaltensvorschrift, die darauf beruht, eine Verhaltensweise zur allein seligmachenden Handlung zu erklären, während jede abweichende Handlung verteufelt wird, ist mit den Grundsätzen einer offenen Gesellschaft nicht vereinbar.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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