09. September 2020

Gedanken über die Freiheit Der schmale Grat

Frei von Natur aus, befreit durch Gnade – der Albtraum aller Macht

von Frank Jordan

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Bildquelle: everst / Shutterstock.com Schmaler Grat zwischen Sicherheit und Freiheit: Allzu schnell erfolgt der Absturz

Freiheit führt zu Wohlstand. Wohlstand wiederum führt zu Innovation in sämtlichen Lebensbereichen. Innovationen im Verbund mit Wohlstand führen zu größerer Wahl- und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Sein Leben wird in vielerlei Hinsicht einfacher, aber auch komplexer – er selbst auf der einen Seite bequemer und damit schwächer, auf der anderen überfordert. Am Ende ist er so bequem und überfordert, dass er bereit ist, zum Erhalt der Bequemlichkeit die Komplexität und damit seine Entscheidungs- und Handlungsfreiheit an jemanden abzugeben, der vorgibt, die Verantwortung in seinem Sinn für ihn zu übernehmen.

Von da an kann man die Sache dann rückwärts abhaken: Dem Verantwortungs- und Entscheidungsverlust folgt ein Stillstand in puncto echter, auf echte Bedürfnisse zugeschnittener Innovationen, der Verlust von Werten und Wohlstand und schließlich die totale Kontrolle des Individuums. Kurz: Armut und irgendeine Form der Sklaverei.

„Der Mensch“ scheint nicht geschaffen zu sein für schmale Grate. Weder für jenen zwischen Wohlstand und Dekadenz noch für andere Grate, die da sind „Demut“, „Kühnheit“, „Selbstverantwortung“, „Liebe“, „Familie“, „Disziplin“, „Freiheit“ und „Ehrlichkeit“. Sie zu erklimmen, schafft er noch. Angetrieben von der errungenen Freiheit und geistig für sie brennend. Oben zu bleiben zwischen Selbsterhöhung und Minderwertigkeitskomplexen, zwischen dem Wagnis zu Neuem und dem gelähmten Verharren im Bewährten, zwischen Husarentum und Feigheit, zwischen Kontrollwahn und Selbstauslieferung schafft er nicht. Kaum oben, fängt das Rutschen an und das Gleiten und mündet – die Geschichte ist Zeuge – im Hinunterstürzen an einen Ort, wo neuerliche Einfachheit und Freiheit nicht das Resultat einer Wahl, sondern ihrer Vernichtung und damit der Zerstörung alles Erreichten sind.

Und dann fängt alles wieder von vorne an – mit dem blutigen Kampf um die Freiheit, mit der Rückbesinnung auf echte materielle Werte und auf Gott als Verkörperung der Summe all jener schmalen Grate, auf deren scharfer Kante der Mensch das Beste ist und das Beste leistet, zu dem er fähig ist – über sich selbst hinaus.

Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Tatsache, dass alles darauf hindeutet, dass „wir“ vom Gleitmodus längst ins Stürzen übergegangen sind, all jene als Religioten, Schwachmaten und krückenbedürftige Spätzünder zu bezeichnen, die die Bibel und ihre Gebote hochhalten als Anleitung zum Erhalt echter Freiheit und die den Umstand beklagen, dass der Zeitgeist die buchstäbliche Verkehrung dieser Anleitung in ihr Gegenteil nicht nur fordert, sondern teilweise schon per Gesetz erzwingt, ist nicht nur Geschichtsignoranz und geistige Kurzatmigkeit – es hinterlässt einen auch stets wieder zutiefst ratlos gegenüber der Frage: Warum wird etwas derart bekämpft, denunziert, lächerlich gemacht und im Endeffekt behindert und verboten, was die meisten erstens nicht kennen und das zweitens – so der Konsens – doch nur für die geistig Minderbemittelten von Belang ist?

Ein Schelm, wer da denkt, dass Menschen keine Herrscher über sich brauchen, keine Politiker und keine Regierung, wenn sie der Hektik politischer Moden Ewiges gegenüberstellen, angstinduzierter Alternativlosigkeit eine immer gültige Alternative, zeitgeistigem Werteverfall in materieller und ideeller Hinsicht letztgültig Bleibendes, seichter Haltung einen Grund, der ungeachtet der Geschicke Halt bietet. Frei von Natur aus, befreit durch Gnade. Der Albtraum aller Macht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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