21. Juli 2020

Sohn einer US-Bundesrichterin wurde erschossen Das Geschnatter der Gänse

Über den „Zufall“, dass Esther Salas erst kurz vor dem Mord den Epstein-Fall übernommen hatte

von Dushan Wegner

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Bildquelle: Andrzej Kubik / Shutterstock.com Unlösbares Koan: Wohin fliegen die Vögel?

Der Sohn der Richterin, die mit Epsteins Deutsche-Bank-Transaktionen befasst sein sollte, wurde bei ihr daheim erschossen. Jetzt wurde ein Verdächtiger gefunden – eine leider tot. Verstehen Sie, was da abgeht?

Meister und Schüler saßen auf der Terrasse, tranken Tee. Die Blüten der Bäume hatten den Frühjahrstag lang ihren Nektar den Bienen angeboten, um etwas Pollen an den pelzigen Bauch der Honigsammler zu heften, und nun, gegen Abend, verschlossen sie sich wieder, legten ihre Blütenblätter aneinander, wenn auch ihr Duft noch über dem Garten schwebte, eine Zeit lang, als Erinnerung.

Von den Zedern her flog ein Schwarm weißbäuchiger Gänse am Himmel. Der Flug der Gänse ist so viel würdevoller als ihr Gang, und ihr Geschnatter, wenn es im Flug und hoch aus der Luft geschnattert wird, klingt gar nicht mehr dumm und aufgeregt wie am Boden. Aus der Luft klingt das Geschnatter der Gänse friedlich und fröhlich, beinahe majestätisch.

Der Meister fragte den Schüler: „Wohin ziehen die Gänse?“

Es war Frühjahr, doch selbst wenn es nicht Frühjahr gewesen wäre, hätte man daran, dass sie aus dem Süden kamen, leicht ablesen können, wohin sie zogen.

Der Schüler antwortet: „Die Gänse ziehen in den Norden!“

„Lass uns für einen Augenblick das Wahrscheinliche verlassen und des Lernens halber das Unmögliche erlauben“, sagte der Meister, nippte an seinem Tee, und dann fragte er den Schüler: „Einverstanden?“

Der Schüler war nicht vollständig sicher, was der Meister mit dem Unmöglichen meinte, doch er hatte zu vertrauen gelernt, also hob er seine Tasse und erklärte gern: „Einverstanden!“

Kaum hatte der Schüler sein Einverständnis erklärt, lösten sich aus dem Gänseschwarm drei Gänseriche, flogen in gerader Linie herunter zu ihnen und landeten im Garten, gleich vor der Terrasse!

„Willkommen, ihr drei Gänseriche“, sagte der Meister, und der Schüler lachte ob dieser Szene, und die drei Gänseriche schnatterten: „Was gibt’s, Meister?“

Der Meister fragte: „Wohin fliegt ihr?“

Der erste Gänserich schnatterte: „Wir fliegen in den Westen!“

Der zweite Gänserich schnatterte: „Wir fliegen in den Süden!“

Der dritte Gänserich dachte eigentlich heimlich, dass sie in den Osten flogen, doch nachdem er die ersten beiden Gänseriche gehört hatte, war er sich nicht mehr sicher, also schnatterte er: „Wir fliegen in den Südwesten!“

Nun lachte der Meister. Er klatschte in die Hände und rief: „Zurück zum Möglichen!“

Die drei Gänseriche blickten sich verwundert um, dann sahen sie ihren Schwarm oben am Himmel, schnatterten einander etwas in Gänsesprache zu und flogen schnell ihren Kollegen hinterher.

Es war der Schüler gewesen, der den Tee aufgebrüht hatte, und nun fragte er sich, was für Teeblätter das gewesen waren.

Der Meister nahm einen weiteren Schluck Tee, wischte sich über Mund und Bart, und dann fragte er: „Wir hier meinen, dass die Gänse nach Norden fliegen. Die Gänse nannten durchaus andere Himmelsrichtungen. Was nun ist richtig?“

Der Schüler blickte von seinem Tee auf, und er sagte: „Norden, es ist weiterhin der Norden.“

Der Meister nickte. Er fragte: „Wo werden die Vögel ankommen, wenn sie nach Norden fliegen?“

„Im Norden“, sagte der Schüler, wissend, dass der Meister das präzise Denken in kleinen Schritten schätzte, „wer in den Norden fliegt, der wird im Norden ankommen, wer in den Osten fliegt, der wird im Osten ankommen. Der Vogel wird dort ankommen, wohin er fliegt.“

„Klug gesagt“, bestätigte der Meister und wiegte seinen Kopf dazu.

„Eins noch“, sagt er zum Schüler.

„Was denn?“, fragte dieser nach.

Der Meister trank seinen Becher leer, er lächelte, und dann sagte er: „Nächstes Mal koche ich den Tee wieder!“

Mal realistisch

Am 19.7.2020, um fünf Uhr lokaler Zeit, klingelte es an Esther Salas’ Haus. Ihr 20-jähriger Sohn öffnete die Tür und wurde, so berichtet etwa „abcnews.com“, auf der Stelle mit einem Schuss ins Herz erschossen. Ihr Mann wurde schwer verletzt, aber überlebte. Der Täter war als Mitarbeiter eines bekannten Lieferdienstes verkleidet.

Esther Salas überlebte.

Esther Salas ist Richterin, und sie war, unter anderem, einem „spannenden“ Fall zugeteilt: Investoren hatten die Deutsche Bank verklagt, weil sie nach deren Meinung riskante Transaktionen wie die des Herrn Epstein angeblich nicht genau genug geprüft hatte.

Selbstredend wird es wohl Zufall sein – ein Unsinnreder könnte aber auch einwerfen: Wie oft kann ein Würfel auf dieselbe Zahl fallen, bevor wir fragen, ob er gezinkt ist? Wer sich an Gotham oder die Methoden der Mafia erinnert fühlt, der liegt wahrscheinlich komplett falsch. Vielleicht hatte sich der gut vorbereitete Killer nur in der Tür geirrt, kann ja sein! Vielleicht hatte es tatsächlich mit einem Gerichtsfall zu tun, aber mit einem anderen – „cnn.com“ etwa lenkt die Aufmerksamkeit auf andere gewichtige Fälle der Richterin.

Am 20. Juli 2020 dann wurde der Verdächtige gefunden. „Bestimmt können wir den befragen, was er sich dabei dachte!“, werden Sie denken. Nun, genauso gut können Sie Herrn Epstein befragen. Der Verdächtige hat sich leider selbst das Leben genommen, so berichtet etwa „abcnews.com“. Es soll sich wohl um einen Anwalt handeln, der 2015 einen Fall vor der Richterin verhandelt haben soll. „Alles klar“, werden jene sagen, die den Leuten um Epstein niemals nichts Böses zutrauen, „war wohl nur ein missmutiger Anwalt!“ – „Hahaha, erzählt das doch dem Weihnachtsmann“, werden potenzielle Zyniker ausrufen, „nur weil jemand auch eine Lieferdienst-Uniform hatte, heißt das doch nicht, dass es derselbe ist.“ – Laut „tmz.com“ könnte es der Täter in Wahrheit auf ihren Mann abgesehen gehabt haben.

Der tote Verdächtige saß in seinem Auto, so erste Berichte, in dem er sich via Schuss das Leben genommen haben soll. In seinem Auto soll ein an Salas adressiertes Paket gefunden worden sein, passend zum Lieferdienst, mit dessen Uniform er sich verkleidet hatte. Laut „zerohedge.com“ wollten Ermittler durchaus zumindest zu Beginn der Untersuchung etwaige Verbindungen zum Deutsche-Bank-/Epstein-Fall prüfen. Laut „dailymail.co.uk“ schienen sie diese Möglichkeit sehr bald nicht mehr zu verfolgen. – Ich sage: Ich verstehe es nicht. Ich wünschte, es wäre mehr Ordnung in der Welt. Ich versuche, den Flug der Vögel zu verstehen, doch manchmal ziehen sie so vertrackt verknotete Kreise!

Welcher Richter, so könnten zumindest Filmfans fragen, wird sich noch trauen, einen Fall im Epstein-Kontext anzunehmen? Es bräuchte, so könnte ein Zyniker sagen, einen erfahrenen Richter ohne Familie, ohne Freunde und mit Krebs im Endstadium, der sowieso nicht davon ausgeht, noch länger als ein Jahr zu leben – aber noch mit voller geistiger Kapazität arbeitet. Es wird berichtet, die inzwischen verhaftete Epstein-Kollegin Ghislaine Maxwell glaube, dass Epstein keineswegs Suizid beging, sondern dass er ermordet wurde – und sie fürchtet ein ähnliches Schicksal für sich selbst.

Ich sehe Vogelschwärme am Himmel, und gelegentlich fällt einer der Vögel einfach tot vom Himmel, manchmal fallen ganz andere Vögel vom Himmel, und wir können nur raten, was es ist, das sie aus dem Himmel fallen ließ.

Es wird berichtet

Ich halte hier und heute keine Erklärungen parat. Ich bin kein Journalist, und also sage ich nur, was ich weiß, was mir einigermaßen überprüfbar scheint. Im einem Essay (Link findet sich am Ende des Artikels) erzählte ich die Geschichte vom Meister, der den Schüler lehrt, „Aha!“ zu sagen. Was die Epstein-Angelegenheit angeht, empfiehlt es sich definitiv, öfter mal wenig mehr als „Aha!“ zu sagen – und die Angelegenheit im Blick zu behalten.

Wo die Vögel landen werden

Die Auguren der römischen Antike studierten den Flug der Vögel. Man nennt diese Technik die Auspizien – man definierte einen Ausschnitt am Himmel, und dann beobachtete man, wie die Vögel darin fliegen. Der Zweck der Auspizien war nicht so sehr die Vorhersage zukünftiger Ereignisse als vielmehr die Erkundungen göttlicher Zustimmung oder Ablehnung zu dieser oder jener großen Entscheidung.

Nebenbei: Der Besitzer eines Restaurants, wo sich Epstein und Weinstein gelegentlich trafen, hat nun deren Lieblingstisch verbrannt, so „cnn.com“. Der arme Besitzer! Jahrelang aß Epstein dort, inklusive junger Damen, und bis die Causa öffentlich wurde, hatte der arme Mann keine Ahnung von alledem. Nicht einmal „Epsteins Harem“, so „nypost.com“, ließ ihn misstrauisch werden! Verständlich, dass er seine Enttäuschung nun PR-wirksam kundtut.

Ich sehe heute den einen oder anderen Vogelschwarm hoch über uns, in den Sphären der Eliten, hierhin und dorthin fliegen. Mal ahne ich, wo die Vögel landen werden, mal ist es mir ein Rätsel – und mal graut es mir davor, es zu wissen. Ich weiß nicht sicher, wo dieser oder jener Schwarm landen wird, doch ich bin mir sicher, dass das, was sie tun, nicht der „Wille der Götter“ sein kann. Und wenn doch, dann hätte ich ein strenges Wörtchen mit Jupiter zu wechseln – ich meine den römischen Obergott, nicht den französischen Rothschild-Banker, der seine Lehrerin geheiratet hat und sich für Jupiter hält.

Einen besonderen Tee

Der Vogel wird dort ankommen, wohin er fliegt. Wohin fliegen die Vögelschwärme über unseren Köpfen?

Manchmal wünscht man sich, wie Meister und Schüler in der Geschichte, einen besonderen Tee, der die Gänse zu uns hinabsteigen lässt, auf dass wir sie selbst befragen können. Ich will ja gar nicht alles wissen.

Der Vogel wird dort ankommen, wohin er fliegt – außer natürlich dem Vogel schwindet vorzeitig die Kraft, aber das ist natürlich eine andere Geschichte.

Die Vögel werden dort ankommen, wohin sie fliegen, und für uns kleine Leute gilt es, ihren Flug, so genau wie wir können, vorher zu bestimmen.

Schaut, wohin die Vögel fliegen, und dann weicht ihnen aus – sonst machen sie euch auf den Kopf!

Essay

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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