03. Juni 2020

Der „wahre“ George Orwell Totalitarismus: Wie das Britische Empire George Orwell schuf – und umbrachte

Seine Erlebnisse als Kolonialpolizeibeamter flossen in die Folterszene von „1984“ ein

von Martin Sieff

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Bildquelle: shutterstock.com British Empire: Eine Geschichte der Folter und Unterdrückung

Die British Broadcasting Corporation (BBC), fröhlich verstärkt durch das Public Broadcasting Service (PBS) in den Vereinigten Staaten, das ihre Weltnachrichten ausstrahlt, pumpt weiterhin ihren regelmäßigen Dreck über das angebliche wirtschaftliche Chaos in Russland und den imaginären miserablen Zustand des russischen Volkes heraus.

Das sind natürlich alles Lügen. Patrick Armstrongs maßgebliche regelmäßige Aktualisierungen einschließlich seiner Berichte auf dieser Website sind ein notwendiges Korrektiv zu solch grober Propaganda.

Doch trotz all ihrer zahllosen Fiaskos und Misserfolge in allen anderen Bereichen – darunter die höchste Pro-Kopf-COVID-19-Todesrate in Europa und eine der höchsten der Welt – bleiben die Briten weltweit führend in der Besorgung globaler „Fake News“. Solange der Ton zurückhaltend und würdevoll bleibt, schlucken die Leichtgläubigen buchstäblich jede Verleumdung, und jeder üble Skandal und jede Schande können getrost vertuscht werden.

Nichts davon hätte den verstorbenen großen George Orwell überrascht. Es ist heutzutage in Mode, ihn endlos aufzutischen als Zombie-Kritiker (tot, aber angeblich lebendig – damit er die Sache nicht selbst richtigstellen kann) Russlands und all der anderen globalen Nachrichtenagenturen, die sich der Kontrolle der New Yorker und Londoner Plutokratien entziehen. Und es ist sicherlich wahr, dass Orwell, dessen Hass und Furcht vor dem Kommunismus sehr real waren, vor seinem Tod als Informant des MI5, des britischen internen Sicherheitsdienstes, diente.

Aber es waren nicht die Sowjetunion, Stalins Schauprozesse oder seine Erfahrungen mit der trotzkistischen POUM-Gruppe in Barcelona und Katalonien während des spanischen Bürgerkriegs, die aus „Orwell Orwell machten“, wie die angloamerikanische konventionelle Weisheitserzählung geht. Es war seine tief sitzende Abscheu vor dem Britischen Empire – die während des Zweiten Weltkriegs durch seine Arbeit für die BBC, die er schließlich angeekelt aufgab, noch verstärkt wurde.

Und es waren seine Erfahrungen bei der BBC, die Orwell in seinem großen Klassiker „1984“ als Vorbild für sein unvergessliches Wahrheitsministerium dienten. George Orwell hatte in einem der größten aller Weltzentren für „Fake News“ gearbeitet. Und er wusste es.

Noch tiefgründiger ist, dass das große Geheimnis von George Orwells Leben seit seinem Tod 70 Jahre lang offen lag, jedoch vor aller Augen verborgen blieb. Orwell wurde während seiner Jahre in Burma, dem heutigen Myanmar, zu einem sadistischen Folterer im Dienste des Britischen Empires. Und als grundlegend anständiger Mann war er so angewidert von dem, was er getan hatte, dass er den Rest seines Lebens nicht nur damit verbrachte, zu sühnen, sondern langsam und willentlich Selbstmord zu begehen, bevor er noch in seinen 40ern einen herzzerreißend frühen Tod starb.

Der erste wichtige Durchbruch in dieser grundlegenden Neubewertung Orwells stammt aus einem der besten Bücher über ihn. „Finding George Orwell in Burma“ wurde 2005 veröffentlicht und von „Emma Larkin“ geschrieben, einem Pseudonym für eine herausragende amerikanische Journalistin in Asien, deren Identität ich seit Langem in einer alten Freundin und tief respektierten Kollegin vermute und deren fortdauernde Anonymität ich respektiere.

„Larkin“ machte sich die Mühe, Burma während der repressiven Militärdiktatur weit zu bereisen, und ihre hervorragende Recherche enthüllt entscheidende Wahrheiten über Orwell. Seinen eigenen Schriften und seinem zutiefst autobiographischen Roman „Burmese Days“ (auf Deutsch: „Tage in Burma“) zufolge verabscheute Orwell seine ganze Zeit als britischer Kolonialpolizist in Burma, dem modernen Myanmar. Der Eindruck, den er in diesem Roman und in seinem klassischen Essay „Shooting an Elephant“ systematisch vermittelt, ist der eines bitter einsamen, entfremdeten, zutiefst unglücklichen Mannes, der von seinen britischen Kolonialkollegen in der ganzen Gesellschaft verachtet und sogar verabscheut wird und in seinem Beruf ein lächerlicher Versager ist.

Dies war jedoch nicht die Realität, die „Larkin“ aufdeckte. Alle überlebenden Zeugen waren sich einig, dass Orwell – Eric Blair, der er damals noch war – während seiner Jahre im kolonialen Polizeidienst hoch angesehen blieb. Er war ein hochrangiger und effizienter Offizier. In der Tat war es gerade sein Wissen über Verbrechen, Laster, Mord und die allgemeine Schattenseite der menschlichen Gesellschaft während seines kolonialen Polizeidienstes, als er noch in seinen 20ern war, das ihm die Bauernschläue, Erfahrung und moralische Autorität verlieh, um für den Rest seines Lebens all die zahllosen Lügen der Rechten und Linken, der amerikanischen Kapitalisten und britischen Imperialisten sowie der europäischen Totalitaristen zu durchschauen.

Die zweite Enthüllung, die Licht auf das werfen soll, was Orwell in diesen Jahren zu tun hatte, stammt aus einer der berühmtesten und schrecklichsten Szenen von „1984“. In der Tat gibt es selbst in den Memoiren von Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungslager fast nichts Vergleichbares: Das ist die Szene, in der „O’Brien“, der Geheimpolizist, den „Helden“ – wenn man ihn so nennen kann – Winston Smith foltert, indem er sein Gesicht an einen Käfig bindet, in dem eine hungernde Ratte bereit ist, über ihn herzufallen und ihn zu fressen, wenn er geöffnet wird.

Ich erinnere mich, dass ich, als ich an meiner hervorragenden nordirischen Schule zum ersten Mal der Macht von „1984“ ausgesetzt war, dachte: „Was für ein Verstand könnte so etwas Schreckliches erfinden?“ Die Antwort war so offensichtlich, dass sie mir wie allen anderen völlig entging.

Orwell „erfand“ oder „erdachte“ die Idee nicht als fiktives Handlungsinstrument: Es war lediglich eine routinemässige Verhörtechnik, die von der britischen Kolonialpolizei in Burma, dem heutigen Myanmar, angewendet wurde. Orwell hat niemals „brillant“ eine solch teuflische Foltertechnik als literarisches Mittel „erfunden“. Er brauchte sie sich nicht vorzustellen. Sie wurde von ihm und seinen Kollegen routinemässig angewendet. Das war der Grund, wie und warum das Britische Empire so lange so gut funktionierte. Sie wussten, was sie taten. Und was sie taten, war überhaupt nicht gut.

Einen letzten Schritt in meiner Aufklärung über Orwell, dessen Schriften ich mein ganzes Leben lang verehrt habe – und immer noch verehre –, lieferte unsere alarmierend brillante ältere Tochter vor etwa einem Jahrzehnt, als auch ihr „1984“ als Teil ihres Schullehrplans zu lesen gegeben wurde. Als ich eines Tages mit ihr darüber diskutierte, machte ich eine beiläufige offensichtliche Bemerkung, dass Orwell in dem Roman als Winston Smith auftrat.

Meine amerikanisch erzogene Teenagerin korrigierte mich dann natürlich. „Nein, Dad“, sagte sie. „Orwell ist nicht Winston, oder er ist nicht nur Winston. Er ist auch O’Brien. In Wirklichkeit mag O’Brien Winston. Er will ihn nicht quälen. Er bewundert ihn sogar. Aber er tut es, weil es seine Pflicht ist.“

Sie hatte natürlich recht.

Aber wie konnte Orwell, der große Feind von Tyrannei, Lügen und Folter, sich so gut mit dem Folterer identifizieren und ihn so gut verstehen? Die Erklärung ist, dass er selbst einer gewesen war.

„Emma Larkins“ großartiges Buch arbeitet heraus, dass Orwell als leitender Kolonialpolizeibeamter in den 1920er Jahren eine führende Figur in einem rücksichtslosen Krieg war, den die britischen Imperialbehörden gegen Drogen- und Menschenhandelskartelle führten, die genauso bösartig und rücksichtslos waren wie die heutigen in der modernen Ukraine, Kolumbien und Mexiko. Es war ein „Krieg gegen den Terror“, in dem alles und jedes erlaubt war, um „die Arbeit zu erledigen“.

Der junge Eric Blair war von dieser Erfahrung so angewidert, dass er bei seiner Rückkehr nach Hause den respektablen bürgerlichen Lebensstil aufgab, den er immer genossen hatte, und nicht nur ein idealistischer Sozialist wurde, wie es damals viele taten, sondern ein mittelloser, hungernder Landstreicher. Er gab sogar seinen Namen und seine Identität auf. Er erlitt einen radikalen Persönlichkeitszusammenbruch: Er tötete Eric Blair. Er wurde George Orwell.

Orwells frühes berühmtes Buch „Down and Out in London und Paris“ (auf Deutsch: „Erledigt in London und Paris“) ist ein Zeugnis dafür, wie sehr er sich in den ersten Jahren nach seiner Rückkehr aus Burma buchstäblich quälte und demütigte. Und für den Rest seines Lebens.

Er aß erbärmlich schlecht, war mager und wurde von Tuberkulose und anderen Gesundheitsproblemen heimgesucht, rauchte stark und verweigerte sich jeder anständigen medizinischen Behandlung. Sein Äußeres war immer abscheulich. Sein Freund, der Schriftsteller Malcolm Muggeridge, spekulierte, dass Orwell sich selbst in die Karikatur eines Landstreichers umgestalten wollte.

Die Wahrheit war eindeutig, dass Orwell sich niemals verziehen hat, was er als junger Agent des Empire in Burma getan hat. Sogar seine buchstäblich selbstmörderische Entscheidung, sich in die primitivste, kälteste, nasseste und ärmste Ecke der Schöpfung auf einer abgelegenen Insel vor Schottland zu begeben, um „1984“ in Isolation zu vollenden, bevor er starb, stand in Einklang mit den gnadenlosen Strafen, die er sich selbst sein ganzes Leben lang zugefügt hatte, seit er Burma verlassen hatte.

Die Schlussfolgerung ist klar: Bei aller Intensität von George Orwells Erlebnissen in Spanien, all seiner Leidenschaft für Wahrheit und Integrität, hatte sein Hass auf den Machtmissbrauch seinen Ursprung nicht in seinen Erfahrungen im spanischen Bürgerkrieg. Sie alle flossen direkt aus seinen eigenen Handlungen als Agent des Britischen Empires in Burma in den 1920er Jahren: Genauso wie seine Schöpfung des Wahrheitsministeriums direkt aus seinen Erfahrungen bei der Arbeit in der Höhle des Löwen der BBC in den frühen 1940er Jahren resultierte.

George Orwell verbrachte mehr als 20 Jahre damit, wegen der schrecklichen Verbrechen, die er als Folterer für das Britische Empire in Burma beging, langsam Selbstmord zu begehen. Wir können deshalb keinen Zweifel daran haben, wie sein Entsetzen und seine Abscheu über das, was die CIA unter Präsident George W. Bush in ihrem „Globalen Krieg gegen den Terror“ getan hat, aussehen würde. Auch würde Orwell sofort und ohne zu zögern die wirklichen „Fake News“, die heute aus New York, Atlanta, Washington und London kommen, identifizieren, genau wie er es in den 1930er und 1940er Jahren tat.

Mögen wir daher den echten George Orwell hervorholen und akzeptieren: Der Kampf um die Verhinderung eines Dritten Weltkrieges hängt davon ab.

Die Ansichten einzelner Beitragsautoren stimmen nicht unbedingt mit denen der Strategic Culture Foundation überein.

Während seiner 24 Jahre als leitender Auslandskorrespondent für die „Washington Times“ und United Press International berichtete Martin Sieff aus mehr als 70 Nationen und über zwölf Kriege. Er hat sich auf US-amerikanische und globale Wirtschaftsfragen spezialisiert.

Copyright © Strategic Culture Foundation

Die Republizierung mit Verweis auf die Online-Zeitschrift Strategic Culture www.strategic-culture.org wird begrüßt.

Dieser Artikel wurde zuvor auf der Website lewrockwell.com unter dem Titel „How the British Empire Created and Killed George Orwell“ veröffentlicht und von Robert Grözinger exklusiv für ef-online übersetzt.


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Dossier: Großbritannien

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