29. Mai 2020

Eskalation in den USA nach brutalem Tod eines Schwarzen Minneapolis brennt

Was wird sich aus der Asche erheben?

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock.com Flammender Protest: Eine Stadt im Ausnahmezustand

Minneapolis brennt, nachdem ein Polizist einen Festgenommenen tötete. Aus Protesten wurde ein brandschatzender Mob. Jener Polizist, der plündernde Mob und deutsche Gutmenschen sind sich einig: „Moralisch“ ist für die, was sich gerade gut im Bauch anfühlt.

Am 25. Mai 2020 starb in Minneapolis (Minnesota, USA) der dunkelhäutige US-Amerikaner George Floyd, nachdem der weiße Polizist Derek Chauvin mindestens sieben Minuten auf dem Hals des Gefesselten gekniet war.

George Floyd war festgenommen worden, weil er verdächtigt worden war, mit gefälschten Coupons einkaufen zu wollen. Die Polizei von Minneapolis behauptete zunächst, Floyd hätte sich seiner Verhaftung widersetzt, doch Videoaufnahmen einer Überwachungskamera scheinen klar zu zeigen, dass Floyd sich praktisch ohne Gegenwehr festnehmen ließ.

US-Präsident Trump forderte, dass das FBI unverzüglich Untersuchungen zum Tod von George Floyd aufnimmt – wohlgemerkt zu einer Zeit, in der Trump darum kämpft, einen von ihm ausgemachten „swamp“, also Sumpf, innerhalb des FBI trockenzulegen.

George Floyds Tod weckt Erinnerungen an die Erschießung Oscar Grants, den Tod Eric Garners 2014 und besonders an den Fall Rodney King.

Die eine Parallele zwischen den Fällen Grant, King, Garner und Floyd ist die, äh, robusteGewaltanwendung durch – nicht selten erschreckend schlecht ausgebildete – US-Polizisten. Es gibt eine weitere Parallele, und die ist leider noch sichtbarer: Besonders in den Fällen King und Floyd kam es im Anschluss nicht nur zu Protesten und Demonstrationen, die öffentliche Wut schlug auch bald in Gewalt und Plünderungen um. Lesetipp: Diese Entwicklungen werden im Jugendbuch „The Hate U Give“ in Romanform behandelt.

Während ich dies schreibe, brennt Minneapolis – buchstäblich. An mehreren Stellen der Stadt stehen Gebäude in Flammen, Mobs wüten in den Straßen und zerstören Autos. Geschäfte werden geplündert und es bilden sich bewaffnete Bürgerwehren. Weite Teile von Minneapolis bleiben dabei unbehelligt. Man kann praktisch in Minneapolis wohnen, ohne außerhalb der Nachrichten persönlich etwas von den Krawallen mitzubekommen – oder man hat Pech und muss dabei zusehen, wie die eigene Welt niederbrennt.

Das Video des sterbenden George Floyds kann jeder, der es sucht, vieltausendfach im Internet finden – und es ist schrecklich. Ein Mensch erstickt unter dem Knie des Uniformierten, Passanten flehen die Polizisten an, diese aber höhnen nur kalt: „Don’t do drugs!“

Dass ihr Leben besser wird

So verständlich die Wut und so groß der Schmerz ist – es hilft dem Anliegen der Demonstranten nur bedingt, wenn sie Geschäfte plündern, teure Elektronik stehlen und eine Spur aus Flammen und Verwüstung hinterlassen. Inwiefern erwarten die Demonstranten, dass ihr Leben besser wird, wenn sie Sozialwohnungen niederbrennen und ihre Nachbarschaft in Schutt und Asche legen? Wenn sie den Staat zwingen, die Gegend mithilfe der Nationalgarde zu befrieden – und anschließend noch härtere Cops die Gegend patrouillieren?

Die Familie des Getöteten wird wahrscheinlich einige Millionen Dollar vom Gericht zugesprochen bekommen. Wie weitsichtig eine Familie, deren Sohn mit gefälschten Coupons handelte, mit Millionen von Dollar umgehen wird, das bleibt abzusehen. Rodney King (3,8 Millionen US-Dollar von Los Angeles), wurde 2012 tot in seinem Swimmingpool gefunden – er wurde 47 Jahre alt, in seinem Blut fand man Alkohol, Kokain, Marihuana und Phencyclidin. Von der Polizei brutal misshandelt zu werden, macht dich weder zum Heiligen noch zum erfahrenen Geschäftsmann.

Da ist noch etwas

Wir sehen nach Minneapolis, wir sehen einen schmerzhaften Fall von Polizeigewalt, wir sehen marodierende Mobs, wir sehen Häuser, die niederbrennen, ohne dass die Feuerwehr kommt. Wir sehen Täter, und wir sehen Opfer – sind es immer verschiedene Leute?

Dass es schrecklich ist, einen Menschen zu töten, ihn mit dem Knie auf dem Hals um sein Leben flehend ersticken zu lassen, das müssen wir nicht diskutieren. Auch dass das Plündern von Geschäften moralisch eher schwierig ist, dass wird außerhalb von Antifa-Kreisen kaum jemand bestreiten. Es mag bei gewissen Gruppen in Deutschland funktionieren, dass man sich durch das Abfackeln der eigenen Unterkunft in der Wohnsituation verbessert (besonders wenn man ein Hakenkreuz an die Mauer pinselt) – in den USA wird es nur schwer funktionieren, so wenig wie ein Deutscher in Deutschland automatisch eine neue Wohnung gestellt bekommt, wenn er seine aktuelle Wohnung anzündet.

Ja, in Minneapolis erleben wir manche Instanz von Täterschaft – doch ich sehe auch Opfer. Sicher, auch Opfer von möglichem Rassismus, doch da ist noch etwas.

Brot, Milch und Wasser?

Wer seine Handlung moralisch rechtfertigt, der muss sich doppelt gefallen lassen, seine Handlungen auf ihre Moral hin prüfen zu lassen.

Zunächst: Der plündernde Mob von Minneapolis – nach den Fotos sind übrigens auch viele Weiße im Antifa-Look darunter, wahrlich nicht nur arme Schwarze, doch die eben auch –, dieser Mob muss sich fragen lassen, ob er nicht gerade durch seine Handlungen belegen könnte, dass die härteren unter den Polizisten genau die Richtigen sind, um auf diese Gegend aufzupassen.

Was genau ist es nun, das die Plünderer stehlen? Sind es Bücher und Musikinstrumente? Nichts als Brot, Milch und Wasser? Vielleicht auch, doch auf den Fotos sehen wir Unterhaltungselektronik, Markenkleidung und Schnaps – nicht wenig Unterhaltungselektronik. Wir sehen die eingeschlagenen Scheiben eines Juweliers, wir sehen, wie junge Männer ein Warenhaus praktisch komplett ausräumen. Augenzeugen berichten von Versuchen, die Kassen aufzubrechen.

Wie die Wut über Polizeigewalt das Aufbrechen und die beabsichtigte Zerstörung eines Wendy’s Hamburger-Restaurants rechtfertigt, wahrscheinlich das Lebenswerk und die Existenzgrundlage eines örtlichen Franchisenehmers samt seiner Familie, das erschließt sich vielleicht der Antifa und deren Sympathisanten – mir nicht.

Gegner vor Augen

Der Polizist, der George Floyd tötete, und der Mob, der Märkte plündert und die eigene Nachbarschaft niederbrennt, er handelt aufgrund exakt derselben moralischen Logik wie Antifa-Schläger und Gutmenschen in Deutschland es tun: „Gut im moralischen Sinne ist das, was sich in dem Moment gut anfühlt.“

Dem plündernden Mob von Minneapolis ist die Zukunft der eigenen Nachbarschaft ähnlich egal wie dem „Grenzen auf und Wirtschaft aus“-Gutmenschen linksgrüner Prägung. Die Gutmenschen schützen immerhin ihre Nachbarschaft – doch was nutzt es ihnen, wenn sie das Land insgesamt zum Kippen bringen? Gutmenschen richten sich die Schiffskabine schick ein – während sie den Dampfer insgesamt sinken lassen. Der Mob von Minneapolis zündet gleich die eigene Nachbarschaft an – insofern sind die brandschatzenden Plünderer von Minneapolis höchstens etwas konsequenter.

Natürlich schmerzt es uns, natürlich sticht es uns in Herz und Magen, sehen zu müssen, wie ein hilfloser Mensch getötet wird, ohne Prozess und Urteil. Kein Einziger der Banker, die 2008 verschuldeten, ging dafür in den Knast, eher wurden sie dafür vom Steuerzahler freigekauft – aber fürs vermutete Fälschen von Coupons im Supermarkt kann man schon mal mit dem Gesicht in der Straße von Minneapolis sterben. – „Schmerz“ ist ein noch zu mildes Wort für das, was wir im Angesicht jener Taten fühlen. Und doch … und doch! Und doch: Auch diese schreckliche Tat rechtfertigt nicht alles.

Der Mob von Minneapolis argumentiert ähnlich, wie es die „Wir sind mehr“-Brüller in Deutschland tun: „Es ist richtig, weil es sich gerade gut anfühlt“, weil es „im Bauch guttut“, sich als Masse auf der Straße für ein paar Stunden stärker zu fühlen, einen Gegner vor Augen zu sehen, den primitivsten Trieben ungezügelt Lauf zu lassen – doch inwiefern unterscheiden sie sich damit von jenem US-Polizisten, der einen Menschen zu Tode würgt, gerechtfertigt von wenig mehr als seinem Machtgefühl in dem Moment, derart von der Lust an der Unterwerfung des Gefesselten berauscht, dass ihm sogar die Kameras, die ihn filmen, gänzlich egal zu sein scheinen?

Nationen und Nachbarschaft

Der Polizist hatte, als er George Floyd tötete, wenige relevante Strukturen, außer seinem eigenen Machtgefühl. Die Nachbarschaft war ihm wenig relevant, das Leben des Gefangenen war ihm wenig relevant – ja, wissend dass diesmal die Kameras auf ihn gerichtet sind, war ihm vielleicht nicht einmal die eigene berufliche Zukunft relevant –oder er konnte vor lauter Machtrausch nicht so gut denken, was ja in dem Moment eben die Relevanz bestimmt.

Minneapolis brennt – was wird in der Asche wachsen? Es kommt auf die Denkweise der Menschen an, die Gewohnheiten, das akzeptable Verhalten, kurz: die Moral. Der Mob, der Märkte plündert, der bei lokalen Händlern brandschatzt und Sozialwohnungen in Flammen setzt, hat wenige relevante Strukturen außer seinem „Wir sind mehr“-Rausch. Beiden, dem tötenden Polizisten von Minneapolis wie dem plündernden Mob, ist nichts und niemand relevant außer ihr vulgärer Rausch in dem Moment. Ich würde nicht auf die Zukunft des einen oder der anderen wetten.

Wir wissen wenig darüber, wen und was die Zukunft uns bescheren wird, doch was Gesellschaften angeht, da wage ich eine Vorhersage: Die Zukunft gehört jenen Kulturen, Völkern und Nationen, bei denen im Bewusstsein aller Bürger die eigenen Kinder, die eigene Nachbarschaft, das eigene Volk, ob eingeboren und aufgezogen oder eingewandert und aufgenommen, wo die eigene Tradition, der bescheidene Stolz und, ja, eben die eigene Nation echte relevante Strukturen sind.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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