25. Mai 2020

Höherwertiges und minderwertiges Leben Warum wir mit dem Lockdown eine monströse Triage betreiben

Die Reaktionen auf Boris Palmers Kritik am Lockdown sind entlarvend

von Stephan Eissler

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Bildquelle: shutterstock.com Ihm sind die Grünen nicht grün: Boris Palmer

Ausgerechnet jene deutschen Politiker und Medien, die sich am lautesten über Trumps „America first“ empörten, betreiben nun in der Corona-Krise eine rücksichtslose „Deutsche Leben zuerst“-Triage. Diese Politik basiert auf einer impliziten Unterscheidung zwischen „höherwertigem“ und „minderwertigerem“ Leben.

Der Lockdown in der Corona-Krise bedeutet faktisch eine Unterscheidung zwischen „höherwertigem“ und „minderwertigem“ Leben

In der Corona-Krise zeigt sich: Für die Mehrheit unserer Politiker und unserer Medien besitzt das Leben der deutschen Bevölkerung einen absoluten Wert, dem gegenüber das Lebensrecht von Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern klar nachrangig zu sein scheint.

Bedenkt man nämlich die Konsequenzen, die ein Lockdown in den westlichen Industriestaaten für Menschen in ärmeren Weltregionen hat, dann folgt aus der Begründung des derzeitigen Lockdown – das „Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ schützen zu wollen – zwangsläufig, dass die politischen Entscheider und alle, die ihnen applaudieren, implizit von „höherwertigem Leben“ – der hier in Deutschland lebenden Menschen – und vergleichsweise „minderwertigem Leben“ – der sehr armen Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern – ausgehen.

Denn sie alle – Kretschmann, Merkel, Söder und wie sie alle heißen – wissen selbstverständlich, welche tödlichen Konsequenzen ein Lockdown in den westlichen Industriestaaten für die Ärmsten der Armen in der Dritten Welt haben wird. Schließlich haben Ökonomen schon vor dem Lockdown vor diesen schrecklichen Konsequenzen gewarnt. Auch Mitarbeiter des internationalen katholischen Missionswerks Missio warnten bereits im März, es werde „mehr Hungertote geben als Corona-Opfer“. Es ließen sich noch viele weitere Mahner und Warner aufzählen.

Es ist ein unbestreitbarer Fakt, dass diese Warnungen keinen Einfluss auf die Entscheidungen unserer Politiker hatten. Vielmehr ist sogar das Gegenteil der Fall! Bedenkt man nämlich, dass umso mehr Menschen in der Dritten Welt sterben müssen, je länger der Lockdown andauert, dann wird erst der ganze menschenverachtende Zynismus unserer Regierung deutlich: Faktisch orientiert sich nämlich nicht etwa die Länge des Lockdown an der epidemiologischen Faktenlage, sondern umgekehrt, die zum jeweiligen Zeitpunkt präsentierte epidemiologische Faktenlage orientiert sich am politischen Wunsch nach einem möglichst langen Lockdown.

Zu Beginn wurde die Notwendigkeit eines Lockdown damit begründet, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems mit all seinen tödlichen Folgen verhindert werden müsse. Davon ist jedoch längst nicht mehr die Rede. In deutschen Krankenhäusern sind die freien Kapazitäten inzwischen so weit angewachsen, dass mancherorts sogar Krankenhauspersonal in Kurzarbeit geschickt werden muss.

Dann sprach Bundeskanzlerin Merkel davon, dass eine Verdopplungszeit von mindestens zehn Tagen erreicht werden müsse. Als sich abzeichnete, dass diese Zahl recht schnell erreicht würde, korrigierte Kanzleramtsminister Braun diese Richtgröße flugs nach oben und sprach von einer Verdopplungszeit von 14 Tagen. Aber auch davon ist heute keine Rede mehr. Inzwischen liegt die Verdopplungszeit bei weit über 90 Tagen!

Schließlich wurde die Reproduktionszahl als die alles entscheidende Richtgröße ins Spiel gebracht. Diese Zahl müsse auf unter eins fallen. Später stellte sich heraus, dass die Reproduktionszahl schon kurz vor dem Lockdown auf unter eins gefallen war und sich seither mit Ausnahme weniger Tage immer unterhalb eins bewegt hat.

Schon dieser Verlauf zeigt, was auch insgesamt im Handeln und Reden der politischen Entscheidungsträger zum Ausdruck kam: Im Mittelpunkt des Interesses stand eindeutig die Suche nach Gründen zur Rechtfertigung einer Verlängerung des Lockdown – und nicht etwa die Suche nach Gründen, um den Lockdown möglichst früh zu beenden.

Entlarvend ist dieses Handlungsmuster unserer politischen Entscheidungsträger deshalb, weil dessen offensichtliche Konsequenzen für die Ärmsten der Armen in der Dritten Welt absolut tödlich sind. Diese offensichtlichen Konsequenzen lassen sich so zusammenfassen:

Während der Nutzen mit jedem Tag sinkt, den ein Lockdown hierzulande für den Schutz von Menschenleben haben kann, verschlimmert sich gleichzeitig der Schaden, den er anrichtet, mit jedem Tag überproportional. Das gilt sowohl für den wirtschaftlichen Schaden als auch für den Schaden am Leben und an der Gesundheit von Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Wenn aber der Schaden mit jedem Tag überproportional zunimmt, dann nimmt der zukünftige Handlungsspielraum der Politik mit jedem Tag überproportional ab: Je länger der Lockdown andauert, desto stärker entziehen sich die Folgen des Lockdown jeder Kontrolle – und desto weniger wird die internationale Staatengemeinschaft in der Lage sein, die tödlichen Folgen des Lockdown für die Dritte Welt einzudämmen.

Es sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert: Dieser Zusammenhang war den politischen Entscheidungsträgern durchaus bewusst! Daher dokumentiert die deutsche Politik mit ihrem Reden und Handeln eindrucksvoll, dass sie zum Schutz deutscher Menschenleben bereit ist, ein Vielfaches an Menschenleben in Schwellen- und Entwicklungsländern zu opfern. Möglich ist dies nur, wenn man den Menschenleben in Deutschland und in Entwicklungsländern einen unterschiedlichen Wert beimisst: höherwertiges Leben hier, vergleichsweise minderwertiges Leben dort.

Während Sie diese Zeilen lesen, denken Sie vermutlich, dass das doch etwas zu weit hergeholt sei, zu konstruiert. Nun, dann sollten Sie die wütenden und ablehnenden Reaktionen bedenken, die Boris Palmers Aussagen in Politik und Mainstream-Medien ausgelöst haben.

Die Reaktionen auf Boris Palmers Kritik am Lockdown sind entlarvend

Als der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer am 28.04.20 in einem Interview auf Sat.1 die Unverhältnismäßigkeit der Corona-Schutzmaßnahmen kritisierte, sagte er unter anderem Folgendes:

„Insoweit müssen wir abwägen. Ich sags Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen. Aber die weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzungen der Uno dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Million Kinder zusätzlich das Leben kostet. Und da sieht man: Es [also der Lockdown; Anmerkung S.E.] ist ein Medikament mit Nebenwirkungen. Wir müssen es richtig dosieren.“

Auf Palmers Kritik am Lockdown folgte ein wahrer Proteststurm. Allen Reaktionen gemeinsam war dabei der bemerkenswerte Umstand, dass sich die Empörung ausschließlich auf diesen einen Satz bezog: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Gleichzeitig wurde von nahezu allen Politikern und allen Medien die Gesamtaussage, in die dieser eine Satz eingebettet war, weitgehend ignoriert.

Der Punkt ist nun: Indem sich Politiker und Medienprofis in den folgenden Tagen über diesen einen – zugegebenermaßen kritikwürdigen – Satz empörten und gleichzeitig den darauffolgenden Satz komplett ignorierten, zeigten sie genau den Zynismus und die selektive Geringachtung von menschlichem Leben, die sie ja eigentlich Palmer vorwarfen.

Boris Palmer wies in den folgenden Tagen in verschiedenen Interviews und Stellungnahmen immer wieder ausführlich auf den Gesamtzusammenhang hin, in dem dieser eine Satz gefallen ist. So beispielsweise in einem Interview mit der „Welt“ vom 29.04.20. Dort erklärte Boris Palmer, „dass die Art und Weise, wie wir durch den Shutdown Menschen in unserem Land schützen, nach Aussagen der Uno dazu führt, dass möglicherweise eine Million Kinder in den ärmeren Ländern der Welt ihr Leben verlieren. Wir opfern also die Kinder in anderen Ländern für einen relativ kleinen Gewinn an Lebenszeit bei uns.“

Diesen Vorwurf führte Boris Palmer dann anschließend noch weiter aus – und wies dabei auf die absurde Unverhältnismäßigkeit des Lockdown hin:

„In den armen Ländern der Welt führt der Shutdown dazu, dass deren Versorgung mit dem Nötigsten nicht mehr möglich ist und dass die Kindersterblichkeit ansteigt, die dort schon hoch ist. Und da haben wir normalerweise fünf Millionen tote Kinder pro Jahr zu befürchten, und das werden jetzt eben sechs oder sieben Millionen werden, weil die Versorgung nicht mehr gelingt. Und warum gelingt sie nicht? Weil die entwickelten Länder, die Industrieländer eine Weltwirtschaftskrise absichtlich herbeiführen. Und das tun sie, um bei sich selbst vor allem Menschen zu schützen, die noch wenig Lebenszeit hätten, da die Obduktionen und die Statistik zeigen, dass die meisten schwer vorerkrankt sind, nur noch wenig Lebenszeit hätten, möglicherweise am nächsten Tag schon tot wären, gar nicht „an“ Corona gestorben sind, sondern nur „mit“ Corona und der Durchschnitt des Sterbealters der Corona-Patienten bei 81 Jahren liegt, überall in Europa. Das ist ungefähr das normale Sterbealter.“

Bezeichnend ist nun, dass alle Bemühungen Palmers, auf den Gesamtzusammenhang seiner Aussage aufmerksam zu machen, ins Leere liefen. Keineswegs wurde nun die andere Seite der Medaille wahrgenommen und diskutiert – nämlich die Millionen Menschenleben, die durch den Lockdown in ärmeren Weltregionen akut bedroht sind. Stattdessen wurde Palmer innerhalb seiner eigenen Partei, den Grünen, jede Unterstützung aufgekündigt und es kam es sogar zu Morddrohungen gegen ihn.

Dass sich der links-grüne Mainstream in Politik und Medien weiterhin an diesem einen Satz Palmers abarbeitete und gleichzeitig den zweiten Teil seiner Aussage komplett ignorierte, konnte keineswegs daran gelegen haben, dass Palmers Klarstellungen nicht gehört worden wären. Denn dafür standen ihm Medien mit sehr hoher Reichweite zur Verfügung. Vielmehr war es so, dass diese Klarstellung – wie auch schon seine ursprüngliche Aussage zuvor – von den Kritikern in Politik und Medien mit erstaunlicher Beharrlichkeit einfach ignoriert bzw. unterschlagen wurde.

Auch mit etwas zeitlichem Abstand fiel im links-grünen Mainstream niemandem auf, wie entlarvend die völlig einseitige Auseinandersetzung mit Palmers Aussage doch war, weil darin genau der Zynismus und die selektive Geringachtung von menschlichem Leben zum Ausdruck kam, die sie ja eigentlich Palmer vorwarfen. Nur dass ihre ostentative Geringachtung von menschlichem Leben eben nicht den alten Menschen in Deutschland galt, sondern Millionen Kindern in der Dritten Welt.

Die links-grüne Geringachtung von Menschenleben in der Dritten Welt ging – und geht bis heute – ganz offensichtlich so weit, dass die konsequente Nicht-Berücksichtigung dieser Leben bei Diskussionen und Abwägungen zum Lockdown noch nicht einmal als Problem wahrgenommen wird.

Dies erhärtet den Vorwurf, dass der links-grüne Mainstream in Politik und Medien mindestens implizit von „höherwertigem Leben“ – hier in Deutschland lebende Menschen – und im Vergleich dazu „minderwertigem Leben“ – sehr arme Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern – ausgeht.

Ginge es den Kretschmanns, Merkels und Söders dieser Republik tatsächlich um den „Schutz des Lebens“ im universalistischen Sinne der Aufklärung, dann hätte sich ihnen ein Lockdown als völlig unverhältnismäßiges Mittel von vornherein verboten. Und der links-grüne mediale Mainstream hätte nicht nur viel differenzierter auf diese Kritik Palmers reagieren müssen, sondern auch insgesamt in ihrer Berichterstattung zum Lockdown viel stärker die tödlichen Folgen für die Ärmsten der Armen berücksichtigen müssen. Dass beides nicht geschah, ist entlarvend und spricht für sich.

Festhalten kann man abschließend in jedem Fall: Eines spielte bei allen Diskussionen und Abwägungen des links-grünen Mainstreams faktisch keine oder nur eine völlig untergeordnete Rolle: das Leben und die körperliche Unversehrtheit von über einer Milliarde sehr armer Menschen, die nun dazu verdammt sein werden, mit den mittelfristigen Folgen unseres Lockdown zu leben oder an ihnen zu sterben.

 Wir praktizieren eine Triage nach dem Motto „Deutsches Leben first!“

„Wir müssen verhindern, dass wir zu einer Triage gezwungen werden, weil wir mehr Intensivpatienten als Beatmungsgeräte haben“ – das war eine häufig vorgebrachte Begründung, die für den Lockdown bemüht wurde. Mit „Triage“ ist gemeint, dass bei der Rettung von Menschenleben nach bestimmten Kriterien Prioritäten gesetzt werden.

Tatsache ist aber: Unsere Regierungen praktizieren mit dem Lockdown sehr wohl eine „Triage“ – und zwar die denkbar schlimmste Variante einer Triage, bei der unverhältnismäßig viele Menschenleben geopfert werden, um vergleichsweise wenige Menschen zu retten.

Umgerechnet in Lebensjahre, die wir zu vernichten bereit sind, um die Lebensjahre anderer Menschen zu retten, zeigt sich noch sehr viel deutlicher, wie unfassbar monströs die Triage ist, die von unserer Regierung ins Werk gesetzt wurde und die von unseren Mainstream-Medien bis hin zur journalistischen Selbstverleugnung gepriesen und verteidigt wird.

Bedenkt man dabei erstens die Art und Weise, wie der Lockdown von seinen Befürwortern in Politik, Medien und Gesellschaft gerechtfertigt wird – dass nämlich der Schutz des Grundrechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit absolute Priorität habe –, und bedenkt man zweitens die unbestreitbaren Konsequenzen, die dieser Lockdown in den Industriestaaten für viele sehr arme Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern haben wird, dann ist es bezeichnend und entlarvend, dass ausgerechnet jene deutschen Politiker und Medien, die sich in der Vergangenheit am lautesten über Trumps „America first“ empörten, nun in der Corona-Krise die rücksichtsloseste „Deutsche Leben zuerst“-Politik betreiben, die in dieser Situation überhaupt möglich ist.

https://www.welt.de/wirtschaft/article207092745/Corona-Pandemie-Rezession-beschert-der-Welt-die-noch-groessere-Katastrophe.html

https://www.sat1.de/tv/fruehstuecksfernsehen/video/202082-oberbuergermeister-boris-palmer-spricht-ueber-die-deutsche-wirtschaft-clip)

https://www.welt.de/incoming/plus207595803/Boris-Palmer-Wir-sollten-nicht-jedes-Leben-schuetzen-koste-es-was-es-wolle-Video.html


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