11. Mai 2020

Angebliche Auswirkungen des Klimawandels in Afrika Der Tschadsee ist kein sterbender See

Vorwand, um Missstände zu rechtfertigen

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Totgesagte leben länger: Tschadsee

Die Region um den Tschadsee ist binnen weniger Jahre mit insgesamt fast 2,3 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen zu einem gefährlichen Krisenherd geworden. Der Klimawandel wird seit Jahren für die Krise um den Tschadsee in der Sahelzone verantwortlich gemacht. Immer wieder wird behauptet, dass der See austrocknen wird. Zwar ist durch Dürren und Hitzeperioden ein erheblicher Teil der Wasseroberfläche verdampft, aber der See schrumpft nicht mehr. Trotzdem halten sich in den Medien hartnäckig derartige Berichte. Weil das plausibel erscheint, schreiben Journalisten voneinander ab. Die sollten aber von Berufs wegen besonders skeptisch und faktentreu sein. Die falschen Berichte haben neben dem wirtschaftlichen auch einen politischen Hintergrund.

Die angeblich drohende Umweltkatastrophe könne nur durch einen Kanal, der Wasser vom Kongobecken zum Tschadsee führt und so den See wieder auffüllt, abgewendet werden. Nur so könne Hunger beendet und Arbeitsplätze geschaffen werden, und nur so habe die Region eine Zukunftschance. Ein prominenter Befürworter des Projekts – unter Beteiligung italienischer Firmen – ist Romano Prodi, ehemaliger italienischer Ministerpräsident und ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Alexander Carius leitet das Forschungs- und Beratungsinstitut Adelphi in Berlin. Adelphi hat sich auf die Themen Klimawandel, Umwelt und Entwicklung spezialisiert. Alexander Carius und seine Mitarbeiter arbeiteten im Auftrag des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, des niederländischen Außenministeriums und des deutschen Auswärtigen Amts an einer Studie über das Tschadseebecken. Sie sollten skizzieren, welche Risiken und Elemente die Krise in dieser Region hat.

Der See könnte sogar wieder wachsen

Die Studie ist die erste ihrer Art in der Tschadseeregion. Die Forschungsarbeit ist das Ergebnis von zwei Jahren unabhängiger, interdisziplinärer Forschung in den Anrainerstaaten Kamerun, Niger, Nigeria und Tschad. Sie vereint Daten hydrologischer Langzeituntersuchungen aus dem Tschadseebecken mit jüngsten Analyseergebnissen aus 20 Jahren Satellitenbeobachtungen.

Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bestätigt die Messungen. Es gebe ein Auf und Ab, aber in den letzten 18 Jahren keinen Trend, dass der See weiter schrumpft.

Den Forschern zufolge könnte der See sogar wieder wachsen, weil von den Quellen des Sees ausreichend Wasser zum See gelangt. Die wichtigsten Zuflüsse des Tschadsees sind der Schari mit seinem Nebenfluss Logone und der Komadugu Yobe. Die intermittierenden Flüsse El Beid und Yedseram spielen in regenreichen Jahren ebenfalls eine wichtige Rolle, weil ihr Abfluss dann groß genug ist, um den See zu erreichen. Forscher vermuten, dass sich unterhalb des Sees Grundwasserreservoirs befinden, die den Tschadsee wieder auffüllen könnten. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine substantielle Menge des Grundwassers jährlich durch Überflutung beziehungsweise aus dem Niederschlag erneuert wird.

Vorwand, um Missstände zu rechtfertigen

Die Anrainerstaaten nehmen den Klimawandel und das angebliche Austrocknen des Sees als Vorwand, um soziale Konflikte zu überdecken. Die Machtelite nutzt den Klimawandel, um Missstände zu rechtfertigen. Sie versteckt sich hinter dem Klimawandel und behauptet, der sei für die sozialen Ungerechtigkeiten verantwortlich. Die externen Faktoren könne sie nicht beeinflussen.

Die Region am Südrand der Sahara ist von Armut, niedrigem Bildungsstand und schwacher sozioökonomischer Entwicklung geprägt.

„Die Ursachen, die der Unsicherheit in der Region zugrunde liegen, sind jedoch weitaus komplexer und tief verwurzelt in der Geschichte der Tschadsee-Region. Ungleichheit, über einen langen Zeitraum hin andauernde politische Marginalisierung und der Ausschluss der Bevölkerung am Tschadsee von der übrigen Gesellschaft sind einige der Faktoren, die den Konflikt mit verursacht haben“, schreibt Janani Vivekananda, Hauptautorin des Berichts und Senior Advisor bei Adelphi. Gruppen wie Boko Haram kontrollieren Territorien und schwächen die Ökonomie in der Region. Sie zerstören die Ernte und die Infrastruktur wie Straßen, was es den Händlern unmöglich macht, ihre Waren zu transportieren. Dies hat verheerende Folgen für die Lebensmittelsicherung in der Region, wo 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung von Landwirtschaft, Fischerei und Viehzucht leben.

Wenn im Zusammenhang mit der Situation des Tschadsees von Umwelt- und Klimakatastrophen die Rede ist, muss man sich vor Augen führen, worum es überhaupt geht. Wer an der Klimadiskussion teilnimmt, sollte vorher sein Wissen vertiefen. Wolfgang Behringer, Professor für Geschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, zeigt in seiner „Kulturgeschichte des Klimas“, wie das Klima die Menschheitsgeschichte schon immer nachhaltig beeinflusst hat, Zusammenbrüche ganzer Kulturen eingeschlossen. Damit soll das Problem des Klimawandels – den Behringer nicht in Frage stellt – nicht verharmlost werden. Aber die Darstellungen können doch helfen, das Problem in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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