30. März 2020

Widerstreitende Theorien zu Corona Neun Gründe, warum ich Fragen habe

Als medizinischer Laie kann man schwer urteilen

von Lion Edler

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Bildquelle: shutterstock Corona-Skeptiker: Alles nur Aluhütler?

Besteht hinsichtlich des Coronavirus eine „ernste Lage“ und die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems, wie der Charité-Virologe Christian Drosten meint? Oder handelt es sich nur um eine Art Grippe, die im Zuge einer irrationalen Hysterie aufgebauscht wird, wie der Lungenarzt und frühere SPD-Abgeordnete Wolfgang Wodarg meint? Oder liegt die Wahrheit womöglich irgendwo dazwischen? Als medizinischer Laie tut man sich mit einer abschließenden Bewertung schwer: Man tastet sich erst einmal heran und hört sich die Argumente und Zahlen beider Seiten an. Am Ende dieses Abtastens wuchsen jedoch immer mehr meine Zweifel und Fragen hinsichtlich des Corona-Alarms. Hier sind neun Gründe dafür.

Erstens: Weil für die italienischen Verhältnisse offenbar auch ganz andere Erklärungen naheliegen als nur das Coronavirus

Auf diesen ersten Punkt muss gleich besonders ausführlich eingegangen werden. Der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-Verlagsgruppe, Mathias Döpfner, gehört eigentlich zu den Corona-Skeptikern und zitiert in seinem „Welt“-Artikel hinsichtlich der Sterblichkeitsraten den Virologen Hendrik Streeck: „Wäre uns das Virus nicht aufgefallen, hätte man vielleicht gesagt, wir haben dieses Jahr eine schwere Grippewelle.“ Doch dann kommt Döpfner auf Italien zu sprechen und schlussfolgert aus den dortigen Zuständen, dass der Corona-Alarm eben doch gerechtfertigt sei. 

Und in der Tat ließen die Zustände in Italien auch mich unruhig werden: Alte Leute, die auf Krankenhausböden oder in Turnhallen auf dem Boden liegen? Sich stapelnde Särge und Entscheidungen darüber, wer noch ein Beatmungsgerät bekommen kann und wer nicht? Kann das allen Ernstes noch eine Grippe sein? Doch was auf den ersten Blick als simpler Beweis für die Gefährlichkeit der Corona-Pandemie erscheint, könnte bei genauerem Hinsehen zwei andere Ursachen haben, die in der Kombination zum Desaster wurden: auf der einen Seite ein katastrophales Gesundheitssystem und – so verrückt es klingen mag – die vielfältigen Panikfolgen auf der anderen Seite. 

Was zunächst das Gesundheitssystem betrifft, so mangelt es in den Krankenhäusern neben Personal auch an Ausstattung. Während in Deutschland etwa 800 Betten auf 100.000 Einwohner kommen, so sind es in Italien nur 318 Betten. Bei den Intensivbetten ist die Kapazität fünf Mal geringer als in Deutschland. „Mehrere berühmte Virologen im Land“ halten, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, außerdem das Krankenhaus von Codogné für einen „Resonanzkörper“ der Corona-Krise, denn in sanitären Anlagen finde man „alle Bedingungen, Bakterien und Viren, die für Patienten mit schweren Krankheiten gefährlich seien“. 

Aber wenn das italienische Gesundheitssystem die ganze Zeit schon so prekär war, warum hat es die aktuellen bedrückenden Zustände dann noch nicht vor dem Coronavirus gegeben? Wolfgang Wodarg zeigte sich in einem vielbeachteten Interview mit der Journalistin Milena Preradovic sicher, dass diese aktuelle Überlastung des italienischen Gesundheitssystems erst durch die Corona-Panik, nicht aber durch das Coronavirus ausgelöst worden sei. Aber ist das wirklich vorstellbar? 

Ehrlich gesagt, ich finde es alles andere als abwegig, wenn ich mir anschaue, welche Folgen die Panik auf das Gesundheitssystem in Deutschland schon jetzt hat. Angefangen damit, dass aus Krankenhäusern reihenweise Desinfektionsmittel gestohlen werden. Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass derzeit die Notrufnummern wegen der Panik häufig blockiert sind. Wer jetzt also einen Herzinfarkt bekommt, hat schlechte Karten. Verzweifelt ruft das Brandenburger Gesundheitsministerium in Pressemitteilungen dazu auf, die Notrufnummern nicht durch unnötige Corona-Anrufe zu blockieren.

Auch die Bereitschaft zum Blutspenden ist wegen der Corona-Panik gesunken, weshalb das Brandenburger Gesundheitsministerium sich genötigt sieht, mit einem gesonderten Appell zum Blutspenden aufzurufen und darauf hinzuweisen, dass Blutspenden „für die medizinische Versorgung unverzichtbar“ seien. Nicht zuletzt werden die Ärzte wegen der Panik genötigt, reihenweise Patiententermine und Operationen zu verschieben, was natürlich auch mit gesundheitlichen Risiken und daraus entstehenden Folgebelastungen für das Gesundheitssystem verbunden ist. Vor allem aber wird das Gesundheitssystem mit einer riesigen Masse von Panikpatienten belastet, die wegen des geringsten Hustens den Corona-Tod befürchten und damit die Ärzte von wichtigeren Aufgaben abhalten.

Und darüber hinaus kann jeder Arzt bestätigen, dass die Notstandspolitik auch erhebliche gesundheitliche Kollateralschäden mit sich bringt und deshalb auch Tote produziert: Einerseits, weil die Menschen von sportlicher Betätigung abgehalten werden, andererseits auch, weil Stress, Angst, Kummer und das Fehlen von sozialen Kontakten unbestreitbare Krankheitstreiber sind. Um noch ein letztes vielsagendes Beispiel zu nennen: Der RBB berichtete am vergangenen Sonntag, dass Krankenhäuser sinkende Zahlen von Schlaganfallpatienten vermelden, weil die Patienten fürchteten, sich im Krankenhaus mit Corona anzustecken. Viele Personen mit Schlaganfällen und wohl auch mit Herzinfarkt blieben deshalb offenbar zu Hause. Daraufhin gibt es nun einen gemeinsamen Appell von Ärztekammern und Kassenärztlicher Vereinigung, dass Patienten mit einem Schlaganfall nicht die Notaufnahme scheuen sollen, da ein unbehandelter Schlaganfall gefährlicher sein könne als eine Infektion mit dem Coronavirus. Wer hätte es gedacht...

Der in Kiel tätige Internist und Mitverfasser des Buchs „Virus-Wahn“, Claus Köhnlein, führt bezüglich Italien im Interview mit „Der Fehlende Part“ noch einen weiteren Aspekt an: Die „eigentliche Gefahr“ bestehe darin, dass Ärzte wegen der allgemeinen Corona-Hysterie unter Umständen völlig unverhältnismäßige Behandlungsmittel einsetzen und damit die Patienten ungewollt gefährden könnten – aus Angst vor dem Vorwurf, zu wenig unternommen zu haben. 

In der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ stieß Köhnlein auf den Fall eines 50-jährigen Corona-Patienten mit Husten und Atembeschwerden, den er für möglicherweise typisch hält. Die Behandlung mit hochdosiertem Cortison, harten Antibiotika, Interferonen und anderen Mitteln habe den Patienten umgebracht. Köhnlein mutmaßt, dass das ein Muster sei, nach dem man in Italien derzeit vorgehe. Doch das sind allerdings nur Mutmaßungen, wie auch Köhnlein fairerweise einräumt: „Ich bin nun nicht in Italien und kann auch nicht die Krankenakten einsehen.“ Lehnt Köhnlein sich dann nicht vorschnell aus dem Fenster?

Man würde angesichts dieser Thesen oder auch Mutmaßungen gerne wissen, was andere Virologen und Ärzte solchen Erklärungen für die italienischen Zustände entgegenhalten. Liegen Köhnlein und Wodarg richtig, oder sind die dortigen Verhältnisse doch mit der Gefährlichkeit des Coronavirus zu erklären? Haben beide Problemfelder vielleicht zur Hälfte zu den Problemen beigetragen, oder ist das eine Problemfeld für 30 Prozent und das andere für 70 Prozent verantwortlich? All das müsste ergebnisoffen erörtert werden, doch zu all diesen Fragen findet man in den Medien – nichts. 

Wegen des „Vorsprungs“ der Italiener gegenüber Deutschland wurde übrigens kürzlich mit apokalyptischem Tonfall im Internet gemutmaßt: „In zehn Tagen haben wir Zustände wie in Italien!“ Nun, die zehn Tage sind rum. Und wo sind jetzt die italienischen Zustände? Ein Zusammenbruch des deutschen Gesundheitssystems ist nicht zu sehen, stattdessen werden sogar italienische Corona-Patienten in Deutschland aufgenommen. Die Zustände, die man derzeit hingegen als untragbar bezeichnen kann, sind blockierte Notrufnummern und leere Regale in der Abteilung für Gesäßhygiene. 

Zweitens: Weil die Fallsterblichkeit offenbar viel geringer als angenommen ist 

Keine Frage: Es ist eine zu kurz gegriffene Argumentation, wenn das Coronavirus mit der Grippe verglichen wird, indem auf die absolute Zahl der Grippetoten in einzelnen Jahren verwiesen wird. Die Grippewelle der Jahre 2017/18 soll rund 25.100 Tote gefordert haben, berichtet das „Ärzteblatt“. Dieser Hinweis nützt aber wenig, wenn die Ausbreitung des Coronavirus mutmaßlich erst am Anfang steht und die prozentuale Sterblichkeit beim Coronavirus mutmaßlich viel höher sein soll: Bei der Grippe soll sie bei 0,1 bis 0,2 Prozent liegen, bei Corona laut WHO bei 3,4 Prozent. Anstatt mit der absoluten Zahl zu argumentieren, muss man auf die Prozentzahl schauen. 

Das Problem beziehungsweise Nichtproblem dabei: Die kursierenden prozentualen Sterblichkeitsraten und insbesondere die WHO-Zahlen sind offenbar massiv überhöht, ohne dass dies von Medien und dem Robert-Koch-Institut hinreichend deutlich gemacht wird. Einer der Gründe dafür: Die WHO habe offenbar die bekannten Infektions- und Todeszahlen „einfach ins Verhältnis gesetzt“, kritisiert die Virologin und ehemalige Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Universität Zürich, Karin Mölling, im Interview mit der „Welt“. Da aber die meisten Infizierten offenbar gar nichts oder kaum etwas von ihrer Erkrankung bemerken – und sich nicht beim Arzt melden –‍, ist die Zahl der tatsächlichen Infizierten viel höher und die prozentuale Sterblichkeit folglich viel niedriger. 

Zum Zeitpunkt des Interviews war die Mehrzahl der Opfer in China zu beklagen. Mölling schätzt, „dass derzeit in China zehn bis 100 Mal mehr Leute infiziert sind, als offiziell bekannt“. Demzufolge würde natürlich auch die prozentuale Todesrate massiv sinken und in der Tat mit der Grippe in einer ähnlichen Liga spielen. Und hier stellen sich mir schon die nächsten Fragen, die mich misstrauisch stimmen: Hat man in den Medienberichten mit angemessener Breite eine Reflexion über diese These von Mölling und anderen Skeptikern gelesen, gegebenenfalls auch eine kritische? Hat man Entgegnungen anderer Virologen eingeholt, um gegebenenfalls auch eine kontroverse Debatte zu führen? Nichts dergleichen.

Der Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, Hendrik Streeck, will sich im „FAZ“-Interview „mal weit aus dem Fenster“ lehnen und sagen: „Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.“

Drittens: Weil die Frage „an Corona oder mit Corona gestorben“ nicht beantwortet wurde

Neben der Frage, wie stark die Sterblichkeitsrate bei einer viel höheren Zahl von tatsächlichen Infizierten sinken würde, kommt bei diesen Zahlen noch ein anderes gravierendes Problem hinzu: Wie entscheidet man bei einem Corona-Toten mit Vorerkrankungen, ob er in der Statistik als Corona-Toter oder als Opfer seiner Vorerkrankung vermerkt wird? Auch der schon erwähnte Virologe Hendrik Streeck gibt gegenüber der „FAZ“ zu bedenken: „In Heinsberg etwa ist ein 78 Jahre alter Mann mit Vorerkrankungen an Herzversagen gestorben, und das ohne eine Lungenbeteiligung durch Sars-2. Da er infiziert war, taucht er natürlich in der Covid-19-Statistik auf. Die Frage ist aber, ob er nicht sowieso gestorben wäre, auch ohne Sars-2.“ Angesichts der Tatsache, dass laut einem Artikel des „Tagesspiegel“ 99,2 Prozent der italienischen Corona-Toten eine Vorerkrankung hatten, stellen sich natürlich erhebliche Fragen nach der Aussagekraft der Zahl der „Corona-Toten“. 

Manche Journalisten scheinen diesbezüglich ihre Skepsis an der Berichterstattung ihrer Kollegen nur zwischen den Zeilen zu formulieren: „Sehr interessant“ sei die Aussage des italienischen Zivilschutzchefs Borrelli, heißt es in einem „Focus“-Online-Artikel vom 25. März („Luft, Alter, Tests: 5 Theorien, warum Covid-19 Italien so hart trifft“). Denn Borrelli „betonte, dass bei den erfassten Verstorbenen die Todesursache nicht abschließend geklärt sei: Also ob die Menschen nur an Covid-19 starben oder ob der Grund eine andere Krankheit war.“ Die allermeisten Opfer seien über 70 Jahre alt gewesen, „viele litten an einer oder mehreren Krankheiten, zum Beispiel an Diabetes, Krebs oder Atemwegsproblemen.“ 

Warum sprechen viele Medien dann regelmäßig von „fast 1.000 Corona-Toten“ in Italien, wenn der Begriff „Corona-Tote“ im Zusammenhang mit den gemeldeten Zahlen offensichtlich völlig irreführend ist? Oder sind die Redakteure von „Focus Online“ auch allesamt wirre Verschwörungstheoretiker, so dass man ihre Argumente nicht ernst zu nehmen und gar nicht zu erörtern hat?

Viertens: Weil die These der Überlastung des Gesundheitssystems durch Corona mit erheblichen Fragezeichen versehen werden muss 

Selbst der Charité-Virologe und Corona-„Alarmist“ Christian Drosten meint, dass es sich bei Corona um eine „milde Erkrankung“ und „im Wesentlichen“ um eine Erkältung handle. Das Problem sei nicht die Schwere der Erkrankung, sondern dass zu viele Patienten in zu kurzer Zeit aufliefen und damit das Gesundheitssystem überlastet würde.

Anders sieht das allerdings der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, der am 7. März im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ erklärt: „Unser Gesundheitssystem ist extrem leistungsfähig und wird durch das Coronavirus nicht an seine Grenzen stoßen!“ Es sei völlig überzogen, bundesweit Schulen zu schließen oder Patienten schon wegen leichter Symptome in die Quarantäne ins Krankenhaus zu schicken: „Dafür ist das Virus viel zu harmlos.“ Gefahren für das Gesundheitssystem sieht Gassen allerdings in der Panik, denn befeuert durch die „mediale Infektion“ (Gassen) habe man es „mit einem Massenansturm von verunsicherten und besorgten Bürgern zu tun“. In Berlin stünden 100 Leute in der Schlange, weil sie meinen, getestet werden zu müssen. „Auf solche Massen kann keine Praxis eingestellt sein“, sagt Gassen.

Auch das „Deutsche Ärzteblatt“ bezeichnete eine Überlastung des Gesundheitssystems durch Corona noch am 12. März als „unwahrscheinlich“. Der Mikrobiologe und langjährige frühere Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Mainz, Sucharit Bhakdi, negiert im Interview mit Sibylle Haberstumpf die These einer Überlastung des Gesundheitssystems durch Corona ebenfalls zur Gänze. Wenn gesagt werde, dass fünf Prozent der Patienten beatmet werden müssten, dann bestehe der „fatale Fehler“ solcher Hochrechnungen darin, dass Infektionen mit Erkrankungen und Patienten gleichgesetzt würden. Etwa 90 Prozent der Infektionen verliefen jedoch ohne Krankheitssymptome. Bei genauerer Betrachtung sei zu erkennen, „dass das Virus unser Gesundheitssystem nie und nimmer zum Zusammenbruch bringen kann“.

Wer liegt nun also richtig? Der Virologe Drosten als Vertreter der einen Seite oder der Kassenarztchef Gassen sowie das „Ärzteblatt“ und der Mikrobiologe Bhakdi als Vertreter der anderen Seite? Ein Journalismus, der seine Arbeit macht, würde Vertreter beider Seiten zu einem Streitgespräch über die Frage einladen, ob das Gesundheitssystem wegen Corona an seine Grenzen stoßen kann oder nur wegen der Panik. Er würde beide Protagonisten dazu befragen, wie sie zu ihrer These kommen, damit sich der mündige Bürger ein Bild machen kann. Was passiert stattdessen? Stimmen wie die von Gassen werden einfach ignoriert, und es wird in der Berichterstattung kontinuierlich so getan, als wäre es ein Konsens unter Experten, dass das Gesundheitssystem wegen Corona zusammenbrechen würde, wenn man keine radikalen Maßnahmen durchsetzt. 

Und nun verstehe ich einfach nicht, wieso einige mir gleich einen Aluhut aufsetzen, wenn ich es als medizinischer Laie nicht ausschließen kann, oder sogar erhebliche Verdachtsmomente für die Annahme sehe, dass all die skeptischen Experten und Ärzte womöglich richtig liegen. Sind die Virologen Hendrik Streeck und Karin Mölling, der Immunologe und Toxikologe Stefan Hockertz, der Internist Claus Köhnlein, der Lungenarzt Wolfgang Wodarg und der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, allesamt Spinner und Verschwörungstheoretiker, womöglich gar ein bisschen rechts? Muss auch dem Charité-Virologen Christian Drosten ein Kapitel in den Berichten des Verfassungsschutzes gewidmet werden, weil sogar Drosten im RBB-Interview beklagt, dass seine Aussagen fallweise von den Boulevardmedien dramatisierend verkürzt würden? 

Fünftens: Weil für das chinesische Vorgehen neben medizinischen politische Motive in Betracht kommen

Immer wieder wird dieses Argument vorgebracht: Wenn das Virus möglicherweise doch nicht so eine dramatische Gefahr darstellt, wieso ergreift dann die chinesische Regierung so radikale Maßnahmen? Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Die Vorgeschichte des Coronavirus kann wohl allenfalls ein Teil der Erklärung sein, wenn überhaupt. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass „zwischen der WHO und Peking massive Spannungen“ geherrscht hätten, nachdem China drei Monate lang den Ausbruch von Sars verheimlicht hatte und die WHO dem Land vorwarf, zu wenig zu tun. In einer historischen Entscheidung habe die WHO dann zum ersten Mal „ohne Einwilligung eines Landes Reisebeschränkungen“ erlassen, während China „auf seine Souveränität“ gepocht habe. Wollte China diesmal alles besser machen und schoss dabei über das Ziel hinaus? Eine ausreichende Erklärung ist das sicher nicht.

Allerdings berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ in dem gleichen, sehr informativen und sachlichen Artikel, die chinesische Regierung werde bei ihrer „Propagandastrategie im Umgang mit dem Coronavirus von der WHO unterstützt“ („WHO singt Lobeshymnen auf China“, „SZ Online“, 14. März 2020). Die Volksrepublik wolle „das Land sein, das den Ausbruch in den Griff bekommen und durch seine radikalen Maßnahmen die Welt gerettet hat“. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus habe immer wieder von der „totalen Offenheit“ Chinas gesprochen und davon, dass die Welt tief in Pekings Schuld stehe. Petitionen forderten bereits den Rücktritt des WHO-Chefs. Pekings Einfluss auf die WHO sei in den vergangenen Jahren gewachsen, man habe erst kürzlich die Verdopplung seiner freiwilligen Zahlungen angekündigt. Kurz darauf sei der WHO-Chef nach Peking gereist und habe sich für eine WHO-Beteiligung an der Neuen Seidenstraße ausgesprochen. Aber ob das eine hinreichende Erklärung ist? 

Jedenfalls ist es zumindest eine berechtigte Frage, inwiefern China das Virus politisch nach innen und außen instrumentalisieren könnte. Diese Frage könnten Journalisten stellen, ohne dass sie deshalb Corona als harmlos darstellen müssten – diese Fragen vermisst man jedoch. Kassenarztchef Andreas Gassen scheint von den chinesischen Maßnahmen jedenfalls nicht in seiner Corona-Position erschüttert zu werden, wenn man hört, was er im Interview mit dem Podcast des Journalisten Gabor Steingart am 9. März sagt. Die überzogenen Corona-Reaktionen in Deutschland seien auch mit dem fragwürdigen Zickzackkurs der chinesischen Regierung zu erklären: „Erst wurde es negiert, dann wurden plötzlich Städte abgeriegelt. Dass das natürlich auf medizinische Laien zumindest nicht besonders beruhigend wirkt, ist völlig klar.“ Manche Reaktionen auf Corona seien „natürlich rational nicht mehr zu erklären“. Nun müssten Journalisten optimalerweise Gassen befragen, gegebenenfalls auch kritisch, wie er sich dann das Vorgehen der chinesischen Regierung erklärt.

Sechstens: Weil mich das Argument „Millionen Fliegen können nicht irren“ noch nie überzeugt hat 

In der Corona-Diskussion wird von jenen, die das Virus für eine große Gefahr halten, immer wieder ein sehr nachvollziehbares Argument angeführt: Die Italiener, die Chinesen und andere Regierungen werden doch nicht ohne Grund so radikale Maßnahmen ergreifen! So berechtigt dieses Argument auch ist, so möchte ich doch einige Gegenfragen zu bedenken geben: Wie kommt ihr darauf, dass von vornherein davon auszugehen ist, dass die Menschheit und die Weltpolitik stets rational und sinnvoll handeln? Ist es ausgeschlossen und wäre es das erste Mal, dass eine Lemmingkette in Gang gesetzt wurde? Will sagen: Hat Italien vielleicht auch deshalb so radikale Maßnahmen ergriffen, weil man sich dachte, dass die Chinesen nicht ohne Grund so radikal handelten? Und anschließend haben womöglich auch Deutschland und andere Länder ihrerseits radikale Maßnahmen ergriffen, weil diese Länder ebenso dachten, dass sich die Italiener schon etwas dabei gedacht hätten?

Und zeigte nicht gerade die Klimadiskussion, dass manchmal ein dogmatisch durchgesetzter Konsens in Verbindung mit Stigmatisierungsdruck auf Abweichler dazu führen kann, dass die ganze Welt sich in einem Lemmingsverhalten anschließt? Was müssten sich Regierungschefs anderer Staaten angesichts der globalen medialen Panik denn von ihren Bevölkerungen anhören, wenn sie Corona ignorierten? Sie würden im Handumdrehen als Spinner stigmatisiert, so wie man es schon in der Klimadiskussion getan hat. Ist es vor dem Hintergrund dieses Drucks nicht naheliegend und keineswegs ein Beleg für eine vermeintliche Irrsinnigkeit der Corona-Skeptiker, dass sich so viele Länder der Panik anschließen?

Und noch etwas gibt mir zu denken: In vielen Ländern haben die Regierungschefs das Problem zunächst als reine Medienhysterie bewertet (Brasilien, USA) oder als ausländisches Problem eingeordnet (Russland), bevor diese Regierungen dann eine zum Teil blitzschnelle Kehrtwende vollzogen. Ist nicht gerade diese Wendigkeit ein Verdachtsmoment dafür, dass viele Politiker – ähnlich wie in der Klimadiskussion – sich nicht aus Überzeugung wendeten, sondern weil sie Getriebene einer medial induzierten Panik gewesen sein könnten? Und zeigt nicht auch die Auseinandersetzung mit Studien über das Klima, dass ein sogenannter „überwältigender Konsens“ erst einmal auf gar nichts und häufig sogar auf das Gegenteil hindeutet?

Siebtens: Weil die Rückgangszahlen in China zu denken geben

Bei all der journalistischen Aufregung ist ein wenig untergegangen, wie sehr sich die Corona-Zahlen in China nach unten entwickelt haben und dass eine verheerende Seuchenkatastrophe dort im Moment nicht zu sehen ist. Hier gibt es keine „abgeflachte Kurve“, die in Deutschland als Quasi-Staatsziel ausgegeben wird, sondern sogar eine fallende. Wer den Corona-Alarm für berechtigt hält, erklärt sich diesen Rückgang mit dem rigiden Vorgehen der chinesischen Regierung, während Deutschland zu zaghaft vorgegangen sei.

Der Lungenarzt Wolfgang Wodarg wendet gegenüber „Frontal 21“ jedoch ein, dass China nun täglich nur noch rund 40 bis 50 Fälle melde (zum Zeitpunkt des „Frontal 21“-Gesprächs am 10. März). Das könne bei einem 1,4-Milliarden-Land nicht stimmen, auch mit den rigiden Maßnahmen nicht, so Wodarg. Der Lungenfachmann vermutet deshalb, dass China seine Testpraxis geändert habe, um keine Panik mehr zu verbreiten. Kann man diesen Gedanken von Wodarg so ohne weiteres verwerfen? Inzwischen vermeldet China sogar an mehreren Tagen keine einzige neue Infektion. Kann das sein?

Kritiker und viele Journalisten wenden nun natürlich ein, dass dieser Rückgang und die Null-Infektionen reine Propaganda der chinesischen Regierung seien (nachdem man die früheren hohen Zahlen kritiklos für bare Münze nehmen sollte). Aber ist das unbegrenzt propagandistisch durchhaltbar? Kann man einem Land mit über einer Milliarde Einwohner und all den Millionenstädten erzählen, dass alles in Butter ist und es keine Infektion oder zumindest keine gravierenden Probleme mit der Seuche gebe, während in Wirklichkeit die Leute wegsterben wie die Fliegen? Würde das nicht auffallen? Achtet nicht auch ein diktatorisches Regime darauf, dass man mit Propaganda die Bevölkerung zwar für blöd, aber nicht für zu blöd verkauft – weil andernfalls der Schuss nach hinten losginge?

Erschwerend kommt hinzu, dass China die Maßnahmen bereits vor einiger Zeit wieder gelockert hat. Offenbar ohne den eklatanten Widerspruch zu bemerken, berichtet die Internetseite der „Tagesschau“ am 23. März 2020: „Selbst in der Provinz Hubei, von der aus sich das Coronavirus seit dem Jahreswechsel weltweit ausgebreitet hat, dürfen die Menschen langsam wieder vor die Tür. Ausgangssperren in Wuhan und dem Rest der Provinz werden gelockert, Busse, Bahnen und U-Bahnen fahren wieder, und Kontrollpunkte werden nach Angaben der Behörden abgebaut.“ Wie kann es dann sein, dass sich dort derzeit keine Katastrophe epochalen Ausmaßes abspielt?

Achtens: Weil die Diskussionen um Schweinegrippe, Vogelgrippe und BSE den Eindruck nähren, dass die Gesundheitshysterie Methode hat

„Schweinegrippe“, „Vogelgrippe“ und „BSE“: Diese Begriffe stehen als Symbol für Gesundheitshysterie und für einen Medienbetrieb, der seit Jahrzehnten immer dysfunktionaler wird. Bei der Schweinegrippe war es die nun wieder Alarm schlagende WHO, die sich blamierte. Solche wiederkehrenden Hysterien führen dazu, dass man auch bei der aktuellen Berichterstattung skeptisch ist.

Dabei hatten viele Journalisten bei der Schweinegrippe durchaus kritische Fragen hinsichtlich der Interessen hinter der Hysterie gestellt. Der öffentlich-rechtliche Sender Arte fragte: „Warum rief die WHO überhaupt eine Pandemie aus?“ – „Kritiker werfen der Organisation immer wieder eine zu große Nähe zur Pharmaindustrie vor. Die WHO lasse sich von den wirtschaftlichen Interessen der Industrie beeinflussen.“ Und ein auf der „Spiegel“-Internetseite einsehbarer Artikel vom 9. Juni 2010 fragt: „Hat die Pharmaindustrie die Schweinegrippepanik mit Zahlungen an Wissenschaftler geschürt?“ Wenn man heute im Zusammenhang mit Corona ähnliche Fragen stellen würde, so würde man von Arte ebenso wie vom „Spiegel“ sofort einen Aluhut aufgesetzt bekommen.

Der Journalist Rainer Zitelmann hat diese Beispiele im Blick und wertet die Corona-Skepsis in einem Beitrag für die Zeitschrift „Tichys Einblick“ als Symptom des Vertrauensverlusts der Medien. Zitelmann wendet jedoch gegen Corona-Skeptiker ein: „Der richtige Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit oftmals von Medien Risiken als zu groß dargestellt wurden, die in Wahrheit viel geringer waren, ist jedoch kein Beleg dafür, dass es sich diesmal genauso verhält.“ Diesem berechtigten Hinweis Zitelmanns kann man natürlich nur zustimmen. Es ist aber ein erhebliches Indiz für die Wiederholung eines Fehlalarms, wenn hinter der wiederkehrenden Hysterie offenbar Methode steckt und sich die offenkundig dahinterstehenden Interessen kaum verändert haben. Noch größer wird dieses Indiz, wenn die Argumentation der Alarmrufer auch jenseits der Schweinegrippen- und BSE-Vorgeschichte erhebliche Zweifel weckt.

Neuntens: Weil das Meinungsklima mich mal wieder nachdenklich stimmt

Die Regierung kann sich derzeit die Hände darüber reiben, dass das Lager der „politisch Inkorrekten“ sich einmal mehr mit irrationaler Härte zerfleischt und wechselseitig als „Hysteriker“ oder „Verschwörungstheoretiker“ beschimpft. Unabhängig davon weiß jeder, der mich kennt, dass ich seit jeher eine politische Mentalität kritisiere, die hinter jedem politischen Problem sofort die Bilderberger, die Illuminaten oder George Soros vermutet.

Wenn ich mir jedoch die Corona-Skeptiker in meiner Facebook-Freundesliste anschaue, dann sehe ich dort keine großen personellen Überschneidungen mit den altbekannten Verschwörungsfreaks. Ganz im Gegenteil: Es handelt sich bei den Corona-Skeptikern häufig um im besten Sinne bürgerliche, sachlich und differenziert argumentierende, intelligente Menschen, die in der Vergangenheit häufig Verschwörungstheorien kritisierten und nicht goutierten. All diese Personen werden jetzt mit teilweise hasserfüllter Aggressivität als Verschwörungstheoretiker und Spinner denunziert. Aber sind all die skeptischen Virologen, Ärzte, der Springer-Vorstandsvorsitzende und der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wirklich alle nur paranoide Psychopathen mit einem Faible für Chemtrails, Ufos und Echsenmenschen? Ist es wirklich so einfach? 

Fazit-Fragen

Sind die bisherigen Fakten ausreichend, um den Ausnahmezustand und die Zerstörung unzähliger beruflicher Existenzen noch lange zu rechtfertigen? Oder sollte in nicht allzu ferner Zeit eine neue Abwägung der gesundheitlichen Risiken mit dem Preis der Notstandspolitik erfolgen, wozu auch eine aktualisierte Analyse der Virusgefahr gehören muss? Mir scheint, dass diese Analyse notwendig ist und dass dabei auch die Argumente der skeptischen Ärzte und Fachleute noch einmal gebührend berücksichtigt werden müssen.

Noch einmal: Ich bin ein medizinischer Laie und werde deshalb hier auch keine wilden Spekulationen verlautbaren, dass das Coronavirus nur eine Grippe sei. Die Einschätzung der Gefährlichkeit des Virus ist nicht meine Aufgabe. Ich erwarte lediglich, dass Journalisten die Vertreter beider wissenschaftlichen Positionen ergebnisoffen und auf Augenhöhe zu Wort kommen lassen und beide Seiten kritisch beleuchten. In diesem Sinne soll dieser Artikel keine apodiktischen Antworten liefern (das überlassen wir den Verschwörungstheoretikern und Ideologen), sondern Fragen stellen, was theoretisch meine Aufgabe als Journalist und Staatsbürger ist. Das sollte in diesem Deutschland des Jahres 2020 noch möglich sein. In den Worten von Robert Blum: „Oh Deutschland, für das ich gestritten, für das ich ein Leben gelitten: Verlass die Freiheit nicht!“


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