13. März 2020

Womit sich Deutschland in Zeiten von Corona beschäftigt Plagen, Pest und Prioritäten

Was lernen wir?

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock Wollen uns etwas lehren: Plagen und Seuchen

Seit es uns Menschen, seit es unsere Geschichtsschreibung gibt, haben höhere Mächte versucht – oder zumindest angedroht –‍, uns auszulöschen.

Da war natürlich die Sintflut (1. Mose 7,10-24). Da waren Sodom und Gomorrha (1. Mose 18). Da war Hiob, über den Gott und der Teufel eine himmlische Kneipenwette abschließen (Hiob 1,11b: „Was gilt‘s, er wird dir ins Angesicht fluchen!“), ob‘s dem Satan gelingen wird, den Hiob zu brechen, wenn diesem die Familie getötet und das Vermögen geraubt würde, worüber man in jenen Sphären eben wettet.

Da wären noch die zehn Plagen (2. Mose 7:14-12:36), beginnend mit dem Nil, der zu Blut wurde, über Frösche und Stechmücken bis zu Geschwüren, Heuschrecken, Finsternis und zuletzt dem Tod aller Erstgeborenen. Zuletzt aber werden, so Offenbarung 16, da die sieben Plagen sein, beginnend mit den Krankheiten: „Da bildete sich ein böses und schlimmes Geschwür an den Menschen, die das Kennzeichen des Tieres trugen und sein Standbild anbeteten.“

Ausgerechnet das Rotlichtviertel

Auch nachdem die Bibel schon fertig kompiliert war, wurde die Erde von Plagen, Seuchen und Katastrophen heimgesucht.

Im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung raffte die Justinianische Pest geschätzte 25 bis 50 Millionen Opfer hin, also geschätzt bis zu einem Viertel aller Menschen – der Welt! Auslöser in Europa könnten wohl mit der Pest infizierte Ratten gewesen sein, die in den Häfen ums Mittelmeer anlandeten.

Die Liste von Epidemien und Pandemien der bekannten Geschichte ist lang, mit Todeszahlen jeweils von kaum einer Handvoll bis zu Millionen. Als „die“ prototypische Pandemie gilt bis heute der „Schwarze Tod“, der im 14. Jahrhundert ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte.

Auch die Pest war wohl „importiert“, über Rattenflöhe auf Handelsrouten wie der „Seidenstraße“, und sie fand in Europas Städten einen bereiten Acker.

Schnelles wirtschaftliches Wachstum, schlecht geplante, stinkende und schmutzige Städte. Keine Möglichkeit, Nahrung gekühlt aufzubewahren. Bei Ausfällen der Versorgung hungerten die Menschen. Kot und Abfall lagen in den Straßen. Menschen starben, doch neue zogen vom Land nach, und zugleich war Medizin mehr Aberglaube als Wissenschaft.

Die Pest des Mittelalters ging mit ihren vogelartigen Pestärzten, den schwarzen, abgestorbenen Extremitäten und den Toten auf den Karren bildstark in unsere Kultur ein (des Humors wegen sei hier jener Monty-Python-Sketch mit dem Toten-Aufsammler erwähnt).

Das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 forderte nicht nur Zigtausende Todesopfer und hatte politische Verwerfungen zur Folge, sondern ließ europäische Denker auch ganz grundsätzliche Fragen zur eigenen theologisch-philosophischen Identität stellen: Kann ein Gott „gerecht“ sein, der ausgerechnet zu Allerheiligen solches Leid über die Hauptstadt eines treu katholischen Landes ausschüttet – und ausgerechnet das Rotlichtviertel stehenlässt? (Voltaire: „Welches Verbrechen, welche Sünde haben diese Kinder begangen, die da liegen, blutig und zerrissen, auf ihrer Mutter Brust?“)

Im frühen 20. Jahrhundert, gewissermaßen im Schatten des Ersten Weltkrieges, tötete eine weitere Pandemie je nach Schätzung bis zu 50 Millionen Menschen – die Spanische Grippe, eine besonders aggressive Influenza-Variante – man hat es schon fast vergessen.

(Notiz: Man verzeihe mir die „Euro-Zentrizität“ meiner ohnehin mehr auslassenden als umfassenden Auswahl. Ich bin ein Kind meines Kontinents.)

Und nun stehen wir hier, im gefühlt herrenlosen Jahre 2020, also rund 100 Jahre nach der Spanischen Grippe, und die Welt kämpft darum, eine weitere globale Pandemie abzuwenden.

Außer Supermärkten und Apotheken

Während in China bereits am Coronavirus erkrankte Menschen auf der Straße umkippten, witzelte und relativierte noch der deutsche Staatsfunk: „Coronavirus: ein bestätigter Erkrankter in Deutschland, dem es gutgeht. Panik! Influenza: 13.350 Infizierte, 32 Tote – seit Oktober! Ja mei“ (Tweet von „quer vom BR“ vom 28.01.2020). (Das Volk ruhig zu halten, hat seinen Preis – der Staatsfunk gönnt sich aktuell einen Zwangsgebührerhöhung.)

Inzwischen sind in Deutschland laut Robert-Koch-Institut (Stand 12. März 2020) mindestens 2.369 Menschen infiziert, wobei Bürger in den Sozialen Medien berichten, dass ihnen trotz möglicher Symptome von augenscheinlich überlasteten Praxen und Kliniken die Tests verweigert wurden – die tatsächlich Zahl kann auch höher sein.

Es kursieren gespenstische Videoaufnahmen aus Italien; man sieht Behördenfahrzeuge durch leere nächtliche Straßen fahren, die über Lautsprecher die Menschen auffordern, daheim zu bleiben. Wir lesen den Hilferuf eines Italieners in Quarantäne, der laut seinem Bericht mit der Leiche seiner verstorbenen Schwestern eingeschlossen ist – er soll nicht der Einzige in solcher Lage sein. Italien beklagt aktuell bislang 827 Tote, trotz drastischer Maßnahmen der Regierung wie dem weitgehenden Ausgehverbot für Millionen von Bürgern.

Covid-19 ist keine „Arme-Leute-Krankheit“. Der sehr prominente US-Schauspieler Tom Hanks und seine Frau sind infiziert, zu den in Deutschland Infizierten zählt auch ein Bundestagsabgeordneter.

Die USA haben einen Einreisestopp für Länder des Schengenraums verhängt. Auch Israel und weitere Länder schränken das Reisen ein – in Italien wurden alle Geschäfte außer Supermärkten und Apotheken geschlossen.

An den Börsen ohnehin

Und Deutschland derweil? Nun, die Zahl der Infizierten steigt zwar exponentiell, und inzwischen sterben Bürger auch, doch dummerweise hat man Wichtigeres zu tun.

Anderswo schließt man Schulen, bevor es Infizierte gibt, in Deutschland schließt man sie danach (und auch das wohl nicht immer, was man so hört) – es ist in etwa, als ob man den Sicherheitsgurt anlegte, nachdem man dem Vordermann aufgefahren ist.

Merkel gibt eine „Pressekonferenz“ zum Coronavirus, und wäre Deutschland eine Aktiengesellschaft, würde mancher anschließend das tun, was an den Börsen ohnehin in diesen Tagen geschieht.

Linke äußern sich natürlich ebenfalls zum Coronavirus. Eine Frau Lobo meint, „wirklich erschütternd“ finde sie ja eher die Empörung darüber, „dass alte Menschen sterben“, und überhaupt: „Überbevölkerung der Welt ist übrigens die nächste Müllschwemme.“ Irgendeine Band, die der „sozialdemokratische Schlossherr“ Steinmeier mal bewarb, befand, dass an Corona doch eh nur „alte weiße Männer“ sterben – in ihrem Menschenhass fragen sich die Linken natürlich nicht, ob die toten Chinesen alles „alte weiße Männer“ seien.

Linke tönen, dass es ganz okay sei, wenn die Schwachen und Alten sterben – früher hätten sie es „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ formuliert.

Nein, Deutschland hat leider gerade keine Zeit, sich mit so banalen Dingen wie dem Überleben zu beschäftigen – es gibt Wichtigeres als ein paar Tote!

Deutschland hat einen ganz eigenen Katalog von Wichtigkeiten. Seit über einem halben Jahrhundert verkauft die Firma Bahlsen unter anderem „Feine Waffelblätter mit viel Schokolade“, und die sind als Zeichen von Respekt nach jenem Kontinent benannt, wo nun einmal der meiste Kakao wächst: Afrika. Die ewige Erregungsspirale linker „Social Justice Warriors“ ist an dem Punkt angekommen, da selbst das Aussprechen des Wortes „Afrika“ ihnen als „rassistisch“ gilt, und nach etwas Internet-Aufregung wurde Bahlsen nun bewogen, den Namen der Waffelblätter zu ändern.

Es ist ein wiederkehrendes Muster im Verhalten der selbsterklärten „Guten“, dass sie alles Fremde unsichtbar machen wollen (so wie ihre Ideologie der „politischen Korrektheit“ darauf zielt, das Ansprechen von Problemen und Unterschieden zu verbieten).

Das Weltbild von Linken ist auf Lügen gebaut. Zu den extra störenden Ereignissen linker Lügenexistenz gehört es, wenn Ausländer und „Bürger mit Migrationshintergrund“ gutmenschlichen Lebenslügen widersprechen. Ob man Kind von Holocaust-Überlebenden ist, einen Namen trägt mit mehr Konsonanten, als die Genfer Konvention erlaubt, oder ob man sogar ganz offensichtlich mit dunkler‍(‍er‍) Hautfarbe und fernen Wurzeln sich durchs deutsche Leben kämpft – niemand ist gefeit davor, von rotlackierten Faschisten mit unzweifelhaft „biodeutschen“ Wurzeln ein „Nazi“ genannt zu werden, weil er es wagte, aus dem Stechschritt ideologischer Gleichschaltung auszuscheren. Aktuell trifft es den Sänger Xavier Naidoo, der etwas sagte, pardon: sang, was man nicht singen darf, und schon wurde er von RTL gefeuert. Im Namen des „Kampfes gegen rechts“ geben sehr deutsche Deutsche sich wieder selbst die Erlaubnis, den Ausländern, Andersaussehenden und Andersdenkenden mal ganz konkret zu zeigen, wer der Chef im Land ist.

Linke sind ja schnell dabei, nicht ins Narrativ passende Gefahren wegdiskutieren zu wollen, oft mit Formulierungen, die mit „noch erschreckender“ beginnen. Nach Terroranschlägen etwa findet man die Tweets von Nicht-Linken erschreckender als die Tatsache, dass Menschen sterben – et cetera.

Mit entsprechender Vorsicht wage ich an dieser Stelle zu formulieren: Nicht nur das Virus macht mir Angst – die Manifestation der Blödheit mancher angeblich „Klugen“ finde ich ebenfalls erschreckend.

Der „Mannheimer Morgen“ meldet: „Stadt verordnet Limit wegen Corona – Maximal 999 Besucher beim Akademiekonzert“. Ja, der Artikel enthält ziemlich genau das, was die Überschrift zusammenfasst. Aus Sorge vor der Ausbreitung des Coronavirus hat die Stadt alle Veranstaltungen ab 1.000 Teilnehmern verboten. Nehmen die sogenannten „Akademiker“ das als Wink mit dem Zaunpfahl, aus Verantwortung für die Gesundheit vor allem der Schwächeren und Älteren einfach mal keine unnötigen Risiken einzugehen? Pffft…

Was bedeutet schon eine drohende Pandemie, was bedeutet schon das Risiko, dass Menschen einander anstecken und dann einige sterben, gegen die „Notwendigkeit“, seinen Akademiker-Hintern in die Sitze des „Rosengartens“ pflanzen zu müssen. Ist das Verhalten dieser Menschen nur dumm zu nennen, oder ist es schlicht gewissenlos und menschenverachtend?

Während ich dies schreibe, verkündet Deutschlands Gesundheitsminister mit dem kräftigen Haarschopf und der intellektuellen Brille, dass er sich zum Plausch mit Sawsan Cheblis altem Chef trifft, und die stets kompetent wirkende Diplomkauffrau Anja Karliczek (die wohl „Bildungsministerin“ ist, habe ich mal gehört, doch vermag ich es nicht zu glauben…) verkündet derweil, Schulen sollten in Deutschland – anders als in einigen Ländern um Deutschland herum – nicht geschlossen werden.

Man möchte ausrufen: Als wir die Retter trafen, wussten wir, dass wir verloren waren.

Nicht Bomben, sondern Krankheiten

Wenn in der Bibel von Katastrophen berichtet wird, dann hat der Handelnde – sprich: Gott – meistens eine Absicht; die Menschen sollen etwas lernen oder aber ihr Verhalten ändern. Man muss nicht an Gott glauben, um aus der Geschichte zu lernen. (Manche sagen, es würde sogar helfen, nicht an Ihn zu glauben, denn das bewegt einen eventuell dazu, selbst Verantwortung zu übernehmen.)

Die Folgen von Katastrophen sind weit verheerender, wenn Menschen nicht darauf vorbereitet waren. Seuchen verbreiten sich aber, wenn Menschen dicht aufeinander gedrängt leben und mit nur wenig Kontrollen umherreisen. Der Microsoft-Gründer Bill Gates etwa warnt seit Jahren davor, dass die Menschheit nicht auf Viren vorbereitet ist. Nicht Bomben, sondern Krankheiten könnten wahrscheinlicher in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Millionen von Menschenleben kosten.

Was haben wir aus den Plagen der Vergangenheit gelernt? Was lernen wir aus der drohenden weltweiten Corona-Pandemie?

Deutschland droht einen Teil seiner Bürger an eine fiese Krankheit zu verlieren – und mit welchen Problemen sind die Meinungsmacher beschäftigt? Mit der

Umbenennung von Keksen. Mit dem ewigen Kampf gegen Andersdenkende. Und, natürlich, mit dem Offenhalten von Grenzen.

Was lernen wir?

Seit es uns Menschen und unsere Geschichtsschreibung gibt, haben höhere Mächte versucht – oder zumindest angedroht –‍, uns auszulöschen. Es lag und liegt an uns, aus den Drohungen höherer Mächte – die ja immer wieder als sehr kleine Organismen daherkommen – dazuzulernen.

Die USA schließen ihre Grenzen, China baut rasend schnell Krankenhäuser, Israel schickt erst mal alle Nichtbürger raus – Deutschland benennt derweil Kekse um und verbannt allzu freche Sänger.

Wenn die Götter uns Plagen schicken, wollen sie uns zu einem Verhalten bewegen, wollen sie uns etwas lehren. Was lernen wir heute?

Was will uns diese drohende Plage lehren? Nun, manches, das heute zu lernen ist, könnten wir bereits wissen. Etwa: Die Regierung ist für das eigene Volk verantwortlich. Menschenmassen sind gefährlich, für den Intellekt, das Gemüt und das Gewissen sowieso, aber aktuell auch für die körperliche Gesundheit!

All die Lehren aber aus all den Plagen aller Zeiten münden zuletzt in der einen: Am Ende gewinnt immer die Realität.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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