24. Januar 2020

Analyse eines verhängnisvollen Menschentyps Der Super-Moralist

Er will nicht überzeugen, sondern bekehren

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Tugendhafte und moralische Selbstüberhöhung: Super-Moralist

Er ist ein Mensch wie du und ich, der Super-Moralist. Man erkennt ihn nicht an einer anderen Hautfarbe oder auffällig andersartigen Riten. Und doch ist genau er es, der einem eindrücklich vor Augen führt, „wie geölt das weiland mit den Judenboykotten oder der Rassentrennung in den USA lief; es ist ja dieselbe Mentalität, dasselbe trendbefolgungsgeile Meutenbehagen beim Ausschließen, dasselbe restlos gute Gewissen beim Stigmatisieren, dasselbe lobesbegierige Petzerwesen“ (Michael Klonovsky). Er ist das Pendant zur „White Supremacy“ in Sachen Moral.

Der Super-Moralist hat es sich auf Knien vor dem Sockel, auf den er seine Überzeugungen, Ansichten und Gefühle für die ganze Welt sichtbar gestellt hat – meist nicht selber durchlitten und durchdacht, sondern quasi geistiges Prêt-à-porter anderer adoptierend –‍, bequem gemacht, betet sie an und verlangt von allen anderen, dass sie sie ebenfalls anbeten.

Für den Super-Moralisten sind die Menschen nicht vielfältig und farbig – es gibt für ihn bloß weiß, schwarz und dunkelschwarz. Es gibt die Hellen, Wachen und Guten, und es gibt die Bösen, Dunklen und einen gigantischen Haufen von Idioten. „Die Hölle, das sind (immer) die anderen.“

Was der Super-Moralist Diskurs nennt, ist Predigt, mehr noch: distanzloses, aufdringliches Missionieren. Eine Schau in Sachen tugendhafter und moralischer Selbstüberhöhung.

Der Super-Moralist will nicht überzeugen, sondern bekehren. Was er „Argumente“ nennt, ist das Herunterbeten verschiedener Variationen des immer Gleichen. Er will nicht diskutieren, sondern befehlen. Er hasst Argumente, weil er selber nicht mehr als Schlagworte, Parolen und Gefühle zu bieten hat; weil er um sich schlägt und diskursiv absäuft, während der sachlich Argumentierende in ruhigen Zügen schwimmt. Für den Super-Moralisten stehen nie Ideen in Frage, sondern immer gleich der Mensch. Und weil er keine eigenen Ideen hat, müssen für ihn in letzter Konsequenz bei ihrer Widerlegung nicht sie sterben, sondern der Mensch. Wenn also Konzentration zum Bestandteil politischer Strategie wird, ist sie in der Seele und im Geist des Super-Moralisten längst Realität.

Weil der Super-Moralist keine Argumente, sondern nur Bekenntnisse hat, muss er sich mit Unterstellung, Verunglimpfung und wehleidiger Bitterkeit an der Person abarbeiten. Gegenargumente versteht er im Umkehrschluss dieser Logik als Angriffe auf sich selber. Er sieht sich schon zu Lebzeiten als eine Art Märtyrer.

Für den Super-Moralisten sind Handlungen und Überzeugungen der Menschen nicht zwingend verbunden. Es kommt ihm einzig auf das in Dauerschleife und für alle hörbar kommunizierte richtige Bewusstsein an. Es bereitet ihm keine Probleme, nach Tansania zu jetten und zusammen mit jährlich 50.000 anderen auf den Kilimandscharo zu pilgern, weil er es mit dem richtigen ökologischen Bewusstsein tut. Alle anderen, die das zum Spaß machen, sind Arschlöcher. Es kommt dem Super-Moralisten nicht in erster Linie darauf an, selber das seiner Meinung nach Richtige und Gute zu tun, sondern darauf, der ganzen Welt und sich selber zu zeigen, dass er weiß, was das Richtige und Gute ist.

Für den Super-Moralisten sind individuelle Rechte und Freiheiten nicht wichtig oder sogar etwas Negatives. Dies aus dem Grund, weil er ahnt, dass sie vor allem Verantwortung bedeuten und er selber nicht den Willen aufbringt, sie gemäß seinen moralischen Vorstellungen freiwillig für die eigene Person einzuschränken. Er braucht eine Instanz – meistens wird die „Politik“ angerufen –‍, die sie für ihn einschränkt.

Auf den Knien vor seinem Sockel herumrutschend erfleht der Super-Moralist Verbote und Gebote. Wird er erhört, wird er es als seine edelste Aufgabe sehen, sie nicht nur einzuhalten, sondern vor allem darüber zu wachen, dass auch alle anderen sie einhalten. Der Supermoralist ist, schält man ihn aus den Schichten seiner korrekten Selbstwahrnehmung und ‑darstellung heraus, das Urbild des Denunzianten.

In der „NZZ“ vom 11.01.2019 schreibt Eduard Kaeser sinngemäß, in jedem von uns lauere die „moralische Rampensau“. Dem stimme ich zu. Diesem inneren Sauhund indes nicht ausgeliefert zu sein, sondern ihn zu erkennen und zu überwinden, macht uns zu Menschen. Denken, verstehen, entscheiden, handeln und dafür geradestehen. Und da liegt dann auch ein weiterer Unterschied zwischen den Super-Moralisten und dem ganzen Rest, der sein Menschsein so versteht: Die höchste Instanz des Super-Moralisten ist die eigene Befindlichkeit und Gefühlswelt. Er ist in der Regel kein schlechter Mensch. Aber es ist meiner Meinung nach vergebliche Liebesmüh, ihn aus dem Strudel seines mal lustvollen, mal leidenden Dauer-Angegriffenseins in einen sachlichen Diskurs hineinlocken zu wollen. Denn wo Lust – auch wenn sie als Leid oder Weltschmerz kaschiert daherkommt – Triebfeder ist, da ist die Sucht nicht weit. Einen derart Getriebenen aufhalten zu wollen, ist Energieverschleiß. Oder anders gesagt: Es kann nie zu einer Diskussion kommen, wo einer den anderen als Rechten, Rassisten, Hetzer oder Leugner bezeichnet, während dieser ihm bloß Denkfehler unterstellt.

Was bleibt? Weiterschwimmen und die grandiose Schönheit und Weite des Denkbaren und des Möglichen genießen. Hoffen, dass die herbeigeflehten moralischen Patrouillenboote der Guten und Korrekten nie zu Wasser gelassen werden. Die Hand reichen, wenn einer ernsthaft in Schwierigkeiten gerät und real abzusaufen droht. Das vor allem.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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