18. Dezember 2019

Kritik am Begriff der „Quanten-Überlegenheit“ Auch Quantencomputer müssen sich an die politische Korrektheit halten

Ein neuer Twist in der Schraube des Irrsinns

von Michael Klein

Artikelbild
Bildquelle: Thomas Trompeter / Shutterstock.com Prozessual herausgefordert: C64

Für Physiker ist ein Quantencomputer eine der Herausforderungen, die ihnen wohl Spaß machen. Die Herausforderung geht auf Richard Feynman zurück und besteht wohl darin, einen Prozessor zu bauen, der auch in der Lage ist, Quantenalgorithmen zu verarbeiten und bezüglich Prozessgeschwindigkeit alles, und zwar weit, hinter sich zu lassen, was es derzeit gibt.

Eine lange Liste von Autoren, ich habe sie nicht gezählt, denn es sind zu viele, hat nun in „Nature“ berichtet, dass es ihnen gelungen sei, einen solchen überlegenen, ultraschnellen, quantenfähigen Prozessor zu bauen und „quantum supremacy“, „Quanten-Überlegenheit“, zu erreichen. Ein Grund zum Feiern.

Es wäre ein Grund zum Feiern, wäre da nicht der Begriff „quantum supremacy“. Ein ganz harmloser Begriff, dem eine feste Bedeutung zugeordnet ist, dessen zweiter Bestandteil in allen menschlichen Sprachen vorkommt, in der deutschen zum Beispiel als „Überlegenheit“, „Vorrangstellung“, „Suprematie“ und so weiter. Wenn ein Quantencomputer alle anderen Computer bezüglich Geschwindigkeit, Verlässlichkeit und Leistung weit hinter sich lässt, dann ist er diesen anderen Computern überlegen. Und Überlegenheit wird im Englischen mit dem Begriff „supremacy“ bezeichnet.

Nun gibt es heute eine Klasse von Menschen, die so borniert ist, dass sie für klare und vor allem: neue Spezifikationen alter Begriffe keinerlei Verarbeitungsmechanismen haben. Sie können nur in den Bahnen denken, die ihnen eingetrichtert werden, Bahnen, die zudem keinen kognitiven, sondern affektiven Gehalt transportieren.

Und so haben Carmen Palacios-Berraquero, Leonie Mueck und Divya M. Persaud Anstoß genommen, nicht an der Überlegenheit des Quantenprozessors, sondern am Begriff „Überlegenheit“. Der Begriff „Überlegenheit“, so fabulieren sie, die im Denken doch arg fixiert sind, sei mit Ungleichheiten bezüglich Rasse, Geschlecht und Klasse verbunden und riskiere, diese Ungleichheiten zu zementieren. Sie befürchten, dass eine Bezeichnung wie „quantum supremacy“ dann, wenn sie die öffentliche Diskussion „überschwemme“, Anspielungen an „Gewalt, Neokolonialismus und Rassismus“ transportieren könnte, natürlich durch die „Assoziation“ mit „white supremacy“, „weiße Überlegenheit“.

Hier genau liegt der Hase im Pfeffer. Hatten Sie diese Assoziation? Ich auch nicht.

Es ist bezeichnend, dass diejenigen, deren Denken derartig versaut ist, dass sie in allem nur Macht, Herrschaft, Unterdrückung sehen können, so sehr, dass sie nun sogar die Unterdrückung eines C64 durch den übermächtigen Quantencomputer beseitigen und durch einen „Vorteil“ ersetzen wollen, durch „quantum advantage“ anstelle von „quantum supremacy“, dieses Denken immer den anderen, denen, die sie unter sich verorten, den Dummen, wie sie glauben, die die Öffentlichkeit ausmachen, unterstellen. Das sagt eigentlich alles darüber aus, mit wem oder was man es hier zu tun hat. Und natürlich fehlt auch der notwendige Schuss Narzissmus nicht: „In unserer Sicht hat ‚supremacy‘ einen Beiklang von Gewalt, Neokolonialismus und Rassismus aufgrund seiner Assoziation mit ‚white supremacy‘.“ Warum man sich mit „ihrer Sicht“ beschäftigen sollte, die sich durch abstruse Assoziationen, wie sie nur in sehr bornierten Gehirnen gebildet werden können, auszeichnet, das wiederum ist eine Frage, die sich die drei Sprachpolizistinnen nicht stellen.

So ist das eben bei den „Woke“, den „Wachsamen“. Sie sind so beseelt von eigener Gutheit, so intolerant und antidemokratisch, so autoritaristisch, dass sie sich gar nicht vorstellen können, dass man etwas anders sehen kann als sie und ihre Sichtweise für schlicht und ergreifend abstrus halten kann.

Sie sind so überzeugt von der Suprematie des politisch Korrekten, dass sie die Reductio ad absurdum, die ihre eigene Argumentation ereilt, gar nicht bemerken. Nach ihrer eigenen Argumentation wären sie damit als Rassisten zu betrachten. Das sagt alles.

Ob Palacios-Berraquero, Mueck und Persaud auch eine Quote für den C64 fordern, ist derzeit unbekannt.

Arute et al. in „Nature“: „Quantum supremacy using a programmable superconducting processor“ (Englisch)

Palacios-Berraquero, Mueck und Persaud in „Nature“: „Instead of ‚supremacy‘ use ‚quantum advantage‘“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Politische Korrektheit

Mehr von Michael Klein

Über Michael Klein

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige