30. November 2019

Ideen aus dunkleren Zeiten kehren in Deutschland zurück Reichsarbeitsdienst und Tee auf der Terrasse

Was sonst sollten wir tun?

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock Tee trinken bei Gewitter: Was sonst?

Der Meister und der Schüler saßen auf der Terrasse, und sie dachten übers Loslassen nach. Wind kam auf, und der Wind wurde stärker. Ein Regen setzte ein, und bald vereinten sich Wind und Regen zum Gewitter.

„Schnell, schnell“, rief der Meister, „das Gewitter zieht auf, hol Eimer und Bretter und Werkzeug!“ Der Schüler wusste nicht, wo es im Haus einen Eimer oder Bretter gebraucht hätte, doch der Meister würde schon wissen, warum er nach Eimern und Brettern fragte. Der Schüler war gehorsam, er sprang auf und brachte schnell zwei Eimer, er fand sogar Bretter, nur beim Werkzeug war er sich nicht sicher.

„Es braucht ein Werkzeug“, rief der Meister, „hier, nimm eben einen Löffel!“ Der Schüler nahm den Löffel. Der Meister rief weiter: „Geh schnell in den Wald und stell die Eimer auf, damit du den Regen vom Wald abhältst! Steig auf den Berg und stell die Bretter auf, damit du den Wind aufhältst! Nimm den Löffel, lauf durch die Straßen der Stadt und löffle schnell alle Pfützen leer, die das Gewitter auf die Wege goss, damit die Leute trockenen Fußes gehen können!“

Der Schüler stand auf der Terrasse neben dem Meister, und er war ratlos – das ergab doch keinen Sinn! Er hatte zwei Eimer, ein paar Bretter und einen Löffel in der Hand, doch er zögerte, hinaus ins Gewitter zu treten. Der Meister lachte, und er sagte: „Warum gehst du denn nicht los und hältst das Gewitter auf?“

Der Schüler setzte sich wieder hin, neben den Meister, auf der Terrasse im Schutz des Terrassendaches. Er hatte richtig verstanden, dass es eine Lektion gewesen war.

Der Meister goss dem Schüler aus der Teekanne nach, und sie tranken Tee.

Der Meister und der Schüler lauschten dem Regen im Garten, und sie betrachteten die Blitze überm Berg.

„Es stürmt, und wir trinken Tee“, sagte der Schüler.

„Was sonst sollten wir tun?“, fragte der Meister, und, ja, er lächelte.

„Eine Unverschämtheit“

Den deutschsprachigen US-Wissenschaftler Yascha Mounk kennt man in Deutschland für seine links-globalistischen Positionen und von Formulierungen vom „Experiment“, das an Deutschland derzeit durchgeführt wird, die deutsche Demokratie in eine „multiethnische Gesellschaft“ umzuwandeln. Doch die Zerstörung des sozialen Gefüges durch Eliten, die es selbst wenig berührt, ist nicht das einzige aktuell an Deutschland durchgeführte „Experiment“.

Aktuell kehren eine ganze Reihe von Ideen aus Deutschland zu dunkleren Zeiten zurück. Nicht nur kehren die sozialistischen Ideen der DDR zurück und manches Stasi-Personal ist noch immer da, auch andere ältere Ideen kehren zurück. Grüne erwecken die Enteignungs-Ideen aus dem 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 zu gruseligem neuen Leben, 99 Jahre später. Das EU-Parlament erklärt den „Klimanotstand“. In Berlin entdeckt man den „Mietenstopp“ der Nazis von 1936 wieder.

Man glaubt es kaum, und doch ist es wahr: Auch die Idee des „Reichsarbeitsdienstes“ von 1935 ist wieder da, so könnte man meinen. Man spricht vom „gesellschaftlichen Pflichtjahr“ und „Deutschlandjahr“. Es geht um Gratisarbeit. Besonders Politiker, die man ohnehin von einer gewissen Flexibilität her kennt, machen sich für diese Idee stark, und die Begründungen sind, sagen wir mal: „interessant“. Als Beispiel betrachten wir hier etwa Sigmar Gabriel (Vorsitzender Atlantik-Brücke, komfortables Einkommen durch diverse „weitere Tätigkeiten“. Er erklärt uns, die Gesellschaft würde „70 Jahre (oder mehr)“ „was für uns“ tun, also sei es wohl nicht schlimm, zwangsweise als Billigstkraft der Bundeswehr oder den Wohlfahrtskonzernen zur Verfügung zu stehen.

(Nebenbei: Das Grundgesetz sieht solche „Zwangsdienste“ eher kritisch und müsste geändert werden, um dieses neue Heer superbilliger Arbeitskräfte einziehen zu können – was eigentlich schon länger bekannt ist, siehe etwa welt.de, 06.08.2018: „SPD warnt vor Einführung von ‚Zwangsdiensten‘“.)

Oliver Gorus kommentiert Gabriels elitäre Aussagen: „Er spricht exklusiv für die Nettotransferempfänger, nehme ich an. Gegenüber denjenigen, die die Hälfte ihrer Lebenszeit aufwenden, um den kompletten Staat inklusive Gabriels Einkommen zu bezahlen, ist das nämlich eine Unverschämtheit.“

Politik-Superverdiener (und zugleich politische Versager) erklären Bürgern, denen bereits die Hälfte ihres Einkommens abgenommen wird, um die Großmoralträume der Eliten und Gutmenschen zu finanzieren, dass sie praktisch nichts leisten und dass sie deshalb auch noch gratis arbeiten sollen – mit „Unverschämtheit“ ist das noch sehr höflich bewertet.

Fred hütet sich vor roten Autos

Enteignungen (NSDAP 1920) sind wieder da, mindestens als Wunschidee. (Manche sagen, die Nullzinspolitik sei de facto bereits eine Enteignung der Sparer. Nicht wenige Immobilienbesitzer, in deren Nachbarschaft große Windkraftanlagen oder soziale Brennpunkte angelegt werden, fühlen sich ebenfalls ungerecht und unverschuldet enteignet.) Der Mietenstopp (NSDAP 1936) ist wieder da. „Notstand“ wieder da (nur „symbolisch“). Warum also nicht auch der Reichsarbeitsdienst (NSDAP 1935), nun „Dienstpflicht“ und „Deutschlandjahr“ genannt? Es würde ins Muster passen.

Ich habe einmal folgende Analogie für die Deutschen und ihre Beziehungen zu den großen Fehlern der Vergangenheit formuliert: Fred wurde von einem roten Auto angefahren und verletzt. Jetzt hütet er sich vor roten Autos – und ignoriert blaue, schwarze und silberne Autos, sowie Lkws und Motorräder.

Deutschland verbietet die Symbole und sogar Worte des Dritten Reiches, doch die psychologischen Mechanismen, die es möglich machten, leben nicht nur weiter, sogar ihre Methoden tauchen neu auf, und ihre populistischen Ideen folgerichtig ebenso, und zwar zuerst und immer wieder bei denen, die ihren Gegnern vorwerfen, „Nazis“ und „rechts“ zu sein.

Was ist die Wiederholung der alten Ideen denn anderes als die ersten Böen eines Gewitters? Notiz, zynischerweise „am Rand“: Wir lesen inzwischen so schlecht wie jeden Tag von Vergewaltigungen, der wohl demütigendsten Form der Gewalt (eiskalte Gutmenschen fühlen nicht, wie jede dieser Meldungen einem Vater das Blut zum Gefrieren bringt), aktuell etwa: „Frau in Auto vergewaltigt?“ (bild.de, 28.11.2019 – und zu viele weitere Meldungen, viel zu viele). Für jede dieser Frauen ist das Gewitter schon da, ihr Leben wird nie wieder dasselbe sein, ein Teil von ihnen ist tot. In Deutschland breitet sich eine neue Kultur des Menschen als „Material“ aus. Wenn das nicht die ersten Böen eines Gewitters sind, was ist es dann? Wie soll sich das denn anders entwickeln, wenn die Eliten wenig gegenzuhalten wissen, als jene, die die Realität benennen, übel zu diffamieren?

Was den „Guten“ mit „Haltung“ vom „Rechten“ mit „Hass“ unterscheidet, ist die schlichte Frage: Und was kommt danach? Wie wird es logisch weitergehen? Ob Öffnung der Grenzen oder Entindustrialisierung Deutschlands im Namen der Moral – als „böse“ und „populistisch“ gilt, wer auch nur in sanftesten Worten fragt, was denn die nach allem Wissen und aller Lebenserfahrung zu erwartende Folge sein wird. (In diesem Kontext sei etwa die Rede von Dr. Alexander Gauland (CDU 1970-2013) erwähnt, der knapp zehn Minuten lang einfach Fakten und offensichtliche Zusammenhänge zitiert, was heute schon als „rechts“ und „populistisch“ gilt, siehe bundestag.de, 27.11.2019. Randbemerkung: Die Rede Gaulands hätte in klügeren Zeiten als komfortabel sozialdemokratisch und eher sanft gegolten, dies aber sind sehr dumme Zeiten.) Wie wird Deutschland aussehen, wenn es weiter auf diesem Pfad wankt, blind, dumm und moralbesoffen? (Vergessen wir nicht, dass die „Pleitewelle“ deutscher Unternehmen anhält! bild.de, 29.11.2019: „Gerade für große und namhafte Unternehmen ist 2019 ein extremes Pleitejahr“ – Branchenkenner verwenden bereits das böse Wort „Dominoeffekt“.) Wenn es Europa nicht gelingen sollte, sich rechtzeitig vom deutschen Wahn abzukoppeln, wie wird Europa in zehn und in 20 Jahren in der Welt dastehen?

Es stürmt, und wir trinken Tee

Vorhersagen sind bekanntlich besonders dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Das Gewitter selbstgewählter Dummheit wütet ja bereits. Wir können mit unseren Blogs und Youtube-Kanälen nur bescheiden viel gegen die milliardenschwere öffentlich-rechtliche Maschine ausrichten, gegen die Indoktrination durch linke Lehrer und gegen die Propaganda-Programme von Ministerien und schattigen NGOs, aber etwas ausrichten können wir doch: Wir können uns und unsere Lieben in Sicherheit zu bringen versuchen, wir können selbst versuchen, am Wahnsinn nicht selbst wahnsinnig zu werden.

Wenn sie wieder den Arbeitsdienst einführen, um ihre „moralischen“ Ziele umzusetzen, können wir jetzt dagegen protestieren und jetzt schon nach Wegen suchen, unsere Kinder zu schützen.

„Der Regen setzte ein, und bald vereinten sich Wind und Regen zum Gewitter“, so hieß es heute in der Geschichte. Wir hoffen und beten und arbeiten, dass die neuen dunklen Wolken alter Dummheit, die sich über Deutschland zusammenziehen, wieder weggeblasen werden, doch wer sollte es tun, wenn die Acht-Milliarden-Euro-Maschine täglich neue Wolken der Dummheit in Deutschlands Wohnzimmer bläst, wenn Menschen vom Wachwerden bis zum Schlafengehen indoktriniert werden?

Lasst uns alles dafür geben, alle Mühe und alle Kunst, dass es nicht so kommt – und darauf, dass unsere Mühe vergeblich und unsere Kunst ungenügend ist, darauf lasst uns vorbereitet sein.

„Es stürmt, und wir trinken Tee“, sagte der Schüler.

„Was sonst sollten wir tun?“, fragte der Meister, und er lächelte.

Wohl dem, der eine Terrasse hat, von wo aus er dem Gewitter zuschauen kann, besonders wenn er einen guten Tee aufzugießen versteht.

Rede von Alexander Gauland vor dem Deutschen Bundestag am 27.11.2019

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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